Albert Louis Theodor Johann Karl Ferdinand Brackmann (* 24. Juni 1871 in Hannover; † 17. März 1952 in Berlin) war ein deutscher Historiker und Archivar.
Leben Brackmann stammt aus einer Braunschweiger Beamten- und Pastorenfamilie. Er wurde als Sohn des Gymnasialoberlehrers Albert Brackmann (1835–1878) und dessen Frau Wilhelmine, geb. Mirow (1848–1933), in Hannover geboren. Großvater und Urgroßvater väterlicherseits waren Superintendenten; mütterlicherseits stammt Brackmann aus der Hannoveraner Industriellendynastie Egestorff. Brackmann wuchs in Göttingen auf, wohin seine Mutter nach dem Tod des Vaters gezogen war. Nach dem Abitur, das Brackmann Ostern 1889 in Göttingen ablegte, absolvierte er seit dem Sommersemester 1889 zunächst ein Theologiestudium an den Universitäten Tübingen, Leipzig und Göttingen, das er 1895 mit dem zweiten theologischen Examen abschloss. Seit Ostern 1895 studierte er in Göttingen deutsche Philologie und Geschichte und legte im Mai 1896 das philologische Staatsexamen mit der Lehrbefähigung in Religion und Hebräisch ab. Während seines Studiums wurde er Mitglied des „Studenten-Gesangvereins der Georgia Augusta“ (heute StMV Blaue Sänger Göttingen).Verband Alter SVer (VASV): Anschriftenbuch. Mitgliederverzeichnis sämtlicher Alten Herren. Stand vom 1. Oktober 1937. Hannover 1937, S. 71. Nach abgeschlossener Erweiterungsprüfung erhielt Brackmann im November 1897 die Lehrbefugnis in deutscher Sprache und Geschichte und unterrichtete diese Fächer am Gymnasium zu Göttingen. Im Dezember 1898 wurde Brackmann in Göttingen mit der von Paul Kehr betreuten Arbeit Urkundliche Geschichte des Halberstädter Domkapitels im Mittelalter. Ein Beitrag zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der deutschen Domkapitel promoviert. Mit 27 Jahren gehörte er zum Stab der Monumenta Germaniae Historica. Er spezialisierte sich in der Kaiser- und Papstgeschichte und wurde 1901 Herausgeber der Germania Pontificia, der Sammlung der für deutsche Empfänger bestimmten Papsturkunden.
Brackmann war zunächst Hauslehrer bei Baron von Alten in Hemmingen bei Hannover und wissenschaftlicher Hilfslehrer am Luisenstädtischen Gymnasium in BerlinEintrag zu Albert Brackmann im AHV-Verzeichnis des „Studenten-Gesangvereins der Georgia Augusta“. und unterrichtete ab 1902 in der Stellung eines Oberlehrers an einer Schule in Hannover.
1905 war er außerordentlicher Ordinarius in Paul Kehrs „Institut für Historische Hilfswissenschaften“ in Marburg, 1913 Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Königsberg, 1920 wieder in Marburg und ab 1922 als Nachfolger von Dietrich Schäfer an der Universität Berlin. 1929 wurde er zum Generaldirektor der preußischen Staatsarchive und Ersten Direktor des Geheimen Staatsarchivs, 1935 zum kommissarischen Leiter des Reicharchivs ernannt. Er trug zur Einrichtung des Instituts für Archivwissenschaft und geschichtswissenschaftliche Fortbildung bei, das im Mai 1930 in Berlin-Dahlem eröffnet wurde, und diente als erster Leiter.Torsten Musial: Staatsarchive im Dritten Reich. Zur Geschichte des staatlichen Archivwesens in Deutschland 1933–1945. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1996, S. 24. Außerdem war er Mitglied der Gelehrtengesellschaft von Göttingen,Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Band 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Band 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 47. der Bayerischen, Deutschen und Preußischen Akademie und Mitherausgeber der Historischen Zeitschrift. 1934 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Historischen Kommission für Westfalen gewählt; bei deren Wiedereinrichtung 1945 wurde er nicht berücksichtigt.
Von 1919 bis 1925 war Brackmann Mitglied der DVP, später der DNVP, ab 1926 Mitglied im 1894 gegründeten „Deutschen Ostmarkenverein“, aus dem 1933 im Zusammenschluss mit anderen ostdeutschen Volkstumsverbänden der Bund Deutscher Osten wurde. 1936 trat Brackmann in den Ruhestand. Weder seine Reputation als Gelehrter noch seine guten Beziehungen zum NS-Regime zwangen ihn dazu, „sich dem kleinen Kreis der durch und durch Überzeugten anzuschließen – auch wenn er in unmittelbarer Nähe zu dieser Strömung seine Bahnen zog“.Michael Burleigh: Wissenschaft und Lebenswelt. Generaldirektor Brackmann und die nationalsozialistische Ostforschung. In: Werkstatt Geschichte 8, Ergebnisse, Hamburg 1994, S. 74.
Wissenschaft im Dienste der Politik Brackmann gilt in der heutigen Geschichtsschreibung in Bezug auf den NS-Staat als „höchstrangiger deutscher Historiker“ (Wolfgang J. MommsenWolfgang J. Mommsen: Vom „Volkstumskampf“ zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in Europa. Zur Rolle der deutschen Historiker unter dem Nationalsozialismus. In: Winfried Schulze, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1999, S. 183–214, hier: S. 183.) oder als „graue Eminenz der Ostforschung“ (Mathias Beer). Ein biografischer Lexikoneintrag von 1973/95 hält fest, dass er mit Eintritt in den Ruhestand 1936 „auch weiterhin an entscheidender Stelle tätig“ war,Karl Bosl, Günther Franz, Hanns Hubert Hofmann (Hrsg.): Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte. Band 1. Augsburg 1995, S. 338. Artikel von Günther Franz. was mehr verbirgt als enthüllt.
Folgenreich war vor allem Brackmanns Rolle im Geheimen Staatsarchiv, in dem 1931 die Publikationsstelle Berlin-Dahlem für die Ostforschung eingerichtet wurde, die mit Kriegsbeginn gegen Polen und beim Deutsch-Sowjetischen Krieg von praktischer Bedeutung für die gesamte „Volkstumspolitik“ in Osteuropa wurde, z. B. durch die Verwaltung der Deutschen Volksliste. Die P-Stelle stand von Anfang an in engster Verbindung mit dem Reichsministerium des Innern und dem Auswärtigen Amt. Brackmann arbeitete 1939 an einer Denkschrift zur „Eindeutschung Posens und Westpreußens“ mit, in der die sofortige Umsiedlung von 2,9 Millionen Polen und Juden gefordert wurde.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2005, S. 69. Wie sehr Brackmann auch an einer Zusammenarbeit mit einem „hirnverbrannten Antisemiten“ wie Otto Reche (so Michael Burleigh , S. 73) gelegen war, zeigte sich darin, dass er dessen Bemerkungen über die Polen – die Deutschen brauchten Raum und keine „polnischen Läuse im Pelz“ – billigte und ihn zu weiteren Denkschriften zur Aus- und Umsiedlung von Polen, Ukrainern und Sorben aufforderte und ans Reichsinnenministerium weiterempfahl.Michael Burleigh: Wissenschaft und Lebenswelt. Generaldirektor Brackmann und die nationalsozialistische Ostforschung. In: Werkstatt Geschichte 8, Ergebnisse, Hamburg 1994, S. 72–74.
Gleich nach dem Überfall auf Polen fertigte Brackmann auf Bestellung der SS für deren „Ahnenerbe“-Verlag eine Propagandaschrift mit dem Titel Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild an.Parallel mit gleichem Untertitel schrieb Wilhelm Ziegler 1939 im selben Verlag über Frankreich: Was wird mit Frankreich? Ein weltgeschichtliches Bild, Berlin-Dahlem 1939. Das Buch richtete sich gezielt gegen alle von der polnischen Westforschung mit Sitz in Posen vorgelegten Befunde, die sich spiegelbildlich ebenfalls kritisch bis polemisch auf alle Ergebnisse der Ostforschung bezogen und in Gestalt von Zygmunt Wojciechowski in das nationalpolnische Fahrwasser von Roman Dmowski begeben hatte. Brackmann schrieb in hervorgehobenem Breitdruck:
Die Wehrmacht kaufte im Mai 1940 noch während des Westfeldzuges 7.000 Exemplare von Krisis und Aufbau in Osteuropa zur Unterrichtung ihrer Führungskräfte. Nach Kriegsende wurde die Schrift in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt. polunbi.de.
Mit Heinrich Himmler persönlich verband Brackmann dessen hohe Einschätzung der Ottonen in Gestalt von Heinrich I. und Otto I.Michael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich. London 2002, S. 132. Zu seinem siebzigsten Geburtstag machte ihm die Führungsspitze des NS-Staates die Aufwartung: Göring, Frick, Ribbentrop mit Adolf Hitler an der Spitze, der ihm die höchste Wissenschaftsauszeichnung des Reichs überreichte, den „Adlerschild des Deutschen Reiches“. Die Behauptung Brackmanns, dass die Publikationsstelle zu einer „Zentralstelle für die wissenschaftliche Beratung“ des NS-Regimes aufstieg, wurde 2007 als realistisch eingeschätzt.Thomas Schöbel: Albert Brackmann und die Publikationsstelle Berlin-Dahlem. In: Jessica Hoffmann, Anja Megel, Robert Parzer, Helena Seidel (Hrsg.): Dahlemer Erinnerungsorte. Berlin 2007, S. 229–243, hier: S. 234.
Zusammenfassend stellt Michael Burleigh Brackmann in seiner Bedeutung so vor: „Provided one pandered to his sense of self-importance, Brackmann had a utility to the regime far greater than the mere nuisance value of Walter Frank.“ (Deutsch: Vorausgesetzt man schloss sich Brackmanns Einschätzung seiner eigenen Wichtigkeit an, hatte er für das Regime einen weit größeren Wert als dem bloßen Ärgernis-Wert eines Walter Frank)Michael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich. London 2002, S. 137. Über die beiden von ihm dominierten Institutionen der Publikationsstelle und der Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft, die „Denkfabriken der Ostforschung“, gilt er als beteiligt an der Parzellierung Europas, an organisiertem Kunstraub und an der Vorbereitung des Völkermords.Thomas Schöbel: Albert Brackmann und die Publikationsstelle Berlin-Dahlem. In: Jessica Hoffmann, Anja Megel, Robert Parzer, Helena Seidel (Hrsg.): Dahlemer Erinnerungsorte. Berlin 2007, S. 229–243, hier: S. 237 und 242. Nach Burleigh hat Brackmann am Ende seines langen Lebens auf sein verwüstetes Vaterland in der Annahme blicken können, dass die Nachfolge in seinem Reich bei seiner akademischen Klientel und seinen Schülern wie Hermann Aubin, Walter Kuhn und Erich Keyser in guten Händen liege. In Brackmanns Todesjahr veröffentlichten Hermann Aubin und Erich Keyser den ersten Band der Zeitschrift für Ostforschung.Michael Burleigh: Wissenschaft und Lebenswelt. Generaldirektor Brackmann und die nationalsozialistische Ostforschung. In: Werkstatt Geschichte 8, Ergebnisse, Hamburg 1994, S. 74.
Brackmanns Ruhestand 1936 war nicht freiwillig (er wollte auch über das offizielle Ruhestandsalter hinaus weiter als Archivdirektor arbeiten), sondern durch eine Intrige des nationalsozialistischen Historikers Walter Frank erzwungen.
Nachkriegszeit