hochkant=2|mini|Der Galgenbaum aus dem 18-teiligen Radierzyklus Die großen Schrecken des Krieges („Les Grandes Misères de la guerre“), nach Jacques Callot (1632). Die Abbildung zeigt die Hinrichtung von „infamen und verlorenen“ Dieben („Voleurs infames et perdus“) sowie vermutlich auch Marodeuren, die um ihr Leben würfeln (in der Abb. rechts des Baums). Die Maßnahme ist kein Willkürakt, sondern erfolgt vor versammelter Truppe (linker u. rechter Bildrand), im Beisein von Geistlichen. Der Akt entspricht dem damaligen Kriegsrecht zur Aufrechterhaltung der militärischen Disziplin. Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 war ein Konflikt um die Hegemonie im Heiligen Römischen Reich und in Europa, der als Religionskrieg begann und als Territorialkrieg endete. In ihm entluden sich auf europäischer Ebene der habsburgisch-französische Gegensatz und auf Reichsebene die Spannungen zwischen dem Kaiser und der Katholischen Liga einerseits und der Protestantischen Union andererseits. Gemeinsam mit ihren jeweiligen Verbündeten trugen die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien neben ihren territorialen auch ihre dynastischen Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden aus. Infolgedessen verbanden sich eine Reihe weiterer Konflikte mit dem Dreißigjährigen Krieg:
der Achtzigjährige Krieg (1568–1648) zwischen den Niederlanden und Spanien, die Bündner Wirren (1620–1631) zwischen den Koalitionen Frankreich-Venedig und Spanien-Österreich um Graubünden, der Oberösterreichische Bauernkrieg (1626) der Mantuanische Erbfolgekrieg (1628–1631) zwischen Frankreich und Habsburg der Französisch-Spanische Krieg (1635–1659) und der Torstenssonkrieg (1643–1645) um die Vorherrschaft im Ostseeraum zwischen Schweden und Dänemark.
Als Auslöser des Krieges gilt der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618, mit dem der Aufstand der protestantischen böhmischen Stände begann. Er richtete sich hauptsächlich gegen den neuen böhmischen König Ferdinand von Steiermark, der die Rekatholisierung aller Länder der Böhmischen Krone beabsichtigte, aber auch gegen Kaiser Matthias, dessen Nachfolge Ferdinand 1619 antreten sollte.
Insgesamt folgten in den 30 Jahren von 1618 bis 1648 vier Konflikte aufeinander, die von der Geschichtswissenschaft nach den jeweiligen Gegnern des Kaisers und der Habsburger Mächte bezeichnet werden: der Böhmisch-Pfälzische Krieg (1618–1623), der Niedersächsisch-Dänische Krieg (1625–1629), der Schwedische Krieg (1630–1635) und der Schwedisch-Französische Krieg (1635–1648).
Zwei Versuche, den Konflikt zu beenden, der Friede von Lübeck 1629 und der Friede von Prag 1635, scheiterten daran, dass sie nicht die Interessen aller direkt oder indirekt beteiligten Mächte berücksichtigten. Das gelang erst mit dem gesamteuropäischen Friedenskongress von Münster und Osnabrück (1641–1648). Der Westfälische Friede legte die Machtbalance zwischen Kaiser und Reichsständen neu fest und wurde Teil der bis 1806 geltenden Verfassungsordnung des Reiches. Darüber hinaus sah er Gebietsabtretungen an Frankreich und Schweden vor sowie das Ausscheiden der Vereinigten Niederlande und der Schweizerischen EidgenossenschaftBenedikt Meyer: Europäisches Patt Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 29. April 2019 aus dem Reichsverband.
Am 24. Oktober 1648 endete der Krieg, dessen Feldzüge und Schlachten überwiegend auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches stattgefunden hatten. Die Kriegshandlungen und die durch sie verursachten Plünderungen, Hungersnöte und Seuchen hatten ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Heutige Historiker gehen von bis zu 8 Millionen militärischen und zivilen Kriegsopfern und einem Bevölkerungsrückgang im Reich von mindestens 15 bis 20 Prozent aus. In Relation wäre der Dreißigjährige Krieg damit der zerstörerischste Konflikt der europäischen Geschichte gewesen. In den am schwersten betroffenen Regionen wie der Kurpfalz, Württemberg und Brandenburg überlebten nur etwa 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung. Nach den wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen benötigten einige Gebiete mehr als ein Jahrhundert, um sich von den Kriegsfolgen zu erholen.
Vorgeschichte und Ursachen Im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges hatte sich in Europa und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ein vielfältiges Spannungsfeld aus politischen, dynastischen, konfessionellen und innenpolitischen Gegensätzen aufgebaut. Die Ursachen reichen zeitlich weit zurück.
Mächteverhältnisse in Europa mini|hochkant=1.5|Mitteleuropa am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges. Habsburgischer Besitz: lang=de|mini|hochkant=1.5|Die Spanische Straße von Oberitalien in die Niederlande In der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg gab es drei wesentliche Konflikträume: Zum einen West- und Nordwesteuropa sowie Oberitalien, wo die österreichischen und spanischen Habsburger ihre Konflikte mit Frankreich und den nach Unabhängigkeit strebenden Niederlanden ausgetragen, zum anderen den Ostseeraum, wo Schweden, Dänemark und Polen-Litauen um die Vorherrschaft und ihre mögliche Großmachtstellung rivalisierten.Vgl. Johannes Arndt: Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648. Reclam, Stuttgart 2009, S. 16.
Während sich Frankreich von spanischen Territorien eingekreist sah, drohte Spanien seit Beginn des Aufstands in den Niederlanden im Jahr 1568 der Verlust dieser reichen Provinzen. Um den Nachschub für seine dort kämpfenden Truppen zu sichern, war es für das Land von essenzieller Bedeutung, die Kontrolle über die so genannte Spanische Straße zu behaupten, die seine Besitzungen in Süditalien und in der Po-Ebene mit den Niederlanden verband. Die verstreuten spanischen Stützpunkte hatten zur Folge, dass fast jeder Krieg in West- und Nordwesteuropa spanische Interessen tangierte. Wegen ihrer vielen gewaltsamen Auseinandersetzungen rüsteten Frankreich und Spanien ihre Armeen auf.Johannes Arndt: Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648. Reclam, Stuttgart 2009, S. 18 f. Die spanische Monarchie geriet dadurch zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten und sah sich 1609 gezwungen, einen auf zwölf Jahre angelegten Waffenstillstand mit den Vereinigten Niederlanden abzuschließen, der de facto deren Unabhängigkeit bedeutete.Johannes Arndt: Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648. Reclam, Stuttgart 2009, S. 20 f. Das vereinbarte Ende der vereinbarten Waffenruhe fiel also in die Anfangsphase des Dreißigjährigen Krieges.
Die Konflikte in Westeuropa drohten bereits 1610 wegen des Jülich-Klevischen Erbfolgestreits zu einem großen europäischen Krieg zu eskalieren. Nach dem Tod des kinderlosen Herzogs von Jülich-Kleve-Berg machten mehrere Anwärter ihre Ansprüche auf sein Land geltend, darunter Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg und Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Neuburg. König Heinrich IV. von Frankreich plante, zugunsten der Fürsten der Protestantischen Union zu intervenieren und erwartete im Gegenzug ihre Hilfe im Konflikt mit Spanien, doch seine Ermordung beendete das französische Engagement am Niederrhein vorerst.Johannes Arndt: Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648. Reclam, Stuttgart 2009, S. 22.
In Oberitalien beherrschte Spanien das Herzogtum Mailand. Wegen dessen wirtschaftlicher Stärke und seines strategischen Werts für die Sicherung des spanischen Nachschubs in die Niederlande, war Frankreich darum bemüht, die spanische Macht in der Region zu schwächen. Beide Mächte versuchten, die einheimischen Fürsten für sich zu gewinnen, insbesondere die Herzöge von Savoyen, die mehrere Alpenpässe kontrollierten. Benachbarte Mächte europäischen Ranges waren der Papst und die Republik Venedig, wobei die Kurie in Rom von französisch-, spanisch- und kaiserfreundlichen Kardinälen beherrscht war, während die Interessen Venedigs eher im Mittelmeerraum und an der Adriaküste lagen als in Italien.Johannes Arndt: Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648. Reclam, Stuttgart 2009, S. 23 f.
Die drei Hauptakteure der Kriege im Ostseeraum waren Polen, Schweden und Dänemark. Polen und Schweden wurden zeitweise in Personalunion von Sigismund III. regiert, der in Polen eine Ausbreitung des Protestantismus verhinderte, das deshalb während des Dreißigjährigen Krieges den Verbündeten Habsburgs zuzurechnen war. Im Jahre 1599 wurde er durch eine Adelsrevolte als schwedischer König abgesetzt. In der Folge etablierte sich der lutherische Glauben in Schweden und ein langjähriger Krieg zwischen Polen und Schweden brach aus.Johannes Arndt: Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648. Reclam Sachbuch, Stuttgart 2009, S. 26 f. Die ersten Feldzüge des neuen schwedischen Königs Karl IX. verliefen zunächst erfolglos und ermutigten den dänischen Rivalen Christian IV. von Dänemark zum Angriff. Dänemark war bevölkerungsärmer als Schweden oder Polen, aber durch den Besitz Norwegens und Südschwedens in alleiniger Kontrolle über den Öresund, wodurch es hohe Zolleinkünfte verbuchte. In Konkurrenz dazu hatte Karl IX. 1603 am bisher einzigen Nordseezugang Schwedens die Stadt Göteborg gegründet. Als Ergebnis des Kalmarkrieges von 1611 bis 1613 verlor Schweden Nordnorwegen und Ösel an Dänemark unter Christian IV. Hinzu kamen Kriegskontributionen in Höhe von einer Million Reichsmark. Um diese Summe bezahlen zu können, verschuldete sich der junge König Gustav II. Adolf bei den Vereinigten Niederlanden. Diese Kriegsschulden belasteten Schweden sehr und schwächten seine außenpolitische Stellung. Der Krieg stärkte dagegen die Machtstellung Dänemarks und das Selbstvertrauen seines Königs, der Finanzmittel zum Führen weiterer Kriege besaß.Johannes Arndt: Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648. Reclam, Stuttgart 2009, S. 28 f.
Konfessionelle Gegensätze mini|hochkant=1.5|Die Konfessionen in Zentraleuropa um 1618
Nach der ersten Phase der Reformation, die Deutschland konfessionell gespalten hatte, versuchten die katholischen und protestantischen Landesherren zunächst eine für beide Seiten akzeptable Verfassungsordnung und ein Mächtegleichgewicht zwischen den Konfessionen im Reich zu finden. Im Augsburger Religionsfrieden vom 25. September 1555 einigten sie sich schließlich auf den später so bezeichneten Rechtsgrundsatz cuius regio, eius religio (lateinisch für: wessen Land(esherrschaft), dessen Religion). Es übertrug den Religionsbann, das Recht, das Bekenntnis der Bevölkerung eines Landes zu bestimmen, vom Kaiser auf die einzelnen Reichsstände, also Fürsten und Reichsstädte. Dieses ius reformandi wurde nur leicht abgemildert durch das ius emigrandi, das Recht andersgläubiger Untertanen auf Auswanderung. Das Reformationsrecht der freien Reichsstädte blieb zwar unklar, aber zumindest das katholische und das lutherische Glaubensbekenntnis waren als gleichberechtigt anerkannt, nicht jedoch das reformierte.Johannes Arndt: Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648. Reclam Sachbuch, Stuttgart 2009, S. 31 f.
In den Religionsfrieden wurde auch das Reservatum ecclesiasticum (lat. für: „geistlicher Vorbehalt“) aufgenommen. Es legte fest, dass die Territorien geistlicher Landesherren katholisch zu bleiben hatten. Sollte also ein katholischer Fürstbischof oder Fürstabt konvertieren, müsste er seinem Amt aufgeben und einem neu gewählten, katholischen Nachfolger Platz machen. Diese Regelung sicherte auch die Mehrheitsverhältnisse im Kurfürstenkollegium, in dem drei protestantischen Kurfürsten vier katholische – darunter drei Erzbischöfe – gegenüberstanden.Gerhard Schormann: Der Dreißigjährige Krieg. 3. Auflage. Kleine Vandenhoeck-Reihe, Göttingen 2004, S. 13. Der geistliche Vorbehalt wurde nur deshalb von den protestantischen Fürsten geduldet, weil mit der Declaratio Ferdinandea (lat. für: „ferdinandinische Erklärung“) zugesichert wurde, dass bereits reformierte Städte und Stände in geistlichen Territorien nicht zwangskonvertiert oder zur Auswanderung gezwungen würden.Gerhard Schormann: Der Dreißigjährige Krieg. 3. Auflage. Kleine Vandenhoeck-Reihe, Göttingen 2004, S. 14; Johannes Arndt: Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648. Reclam, Stuttgart 2009, S. 31.