Die Dinosaurier (Dinosauria, von und )Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. 9. Auflage, durchgesehene und erweiterte von Karl Vretska. Mit einer Einführung in die Sprachgeschichte von Heinz Kronasser. Freytag u. a., München u. a. 1965. sind eine Gruppe der Landwirbeltiere, die im Erdmittelalter von der Oberen Trias vor rund 235 Millionen Jahren bis zur Kreide-Paläogen-Grenze vor etwa 66 Millionen Jahren die festländischen Ökosysteme dominierte.

In der klassischen Systematik werden die Dinosaurier als ausgestorbener Zweig der Reptilien betrachtet, obwohl sie sich in der Morphologie von den rezenten, also heute lebenden Reptilien deutlich unterscheiden und mit den meisten rezenten Reptilien, insbesondere Echsen und Schlangen, nicht besonders eng verwandt sind.

Aus kladistischer Sicht gehören Vögel sowohl zu den Sauropsiden (alternativ auch als Reptilia bezeichnet)Sean P. Modesto, Jason S. Anderson: The phylogenetic definition of Reptilia. In: Systematic Biology. Bd. 53, Nr. 5, 2004, S. 815–821, (alternativer Volltextzugriff: ). als auch zu den Dinosauriern. Vögel gingen aus kleinen theropoden Dinosauriern hervor.Richard O. Prum: Why Ornithologists Should Care About The Theropod Origin of Birds. In: The Auk. Bd. 119, Nr. 1, 2002, S. 1–17, . Somit sind nicht alle Dinosaurier während des Massenaussterbens am Ende des Erdmittelalters ausgestorben, sondern mit den Vögeln überlebte bis heute eine spezielle Entwicklungslinie der Dinosaurier.Daniel J. Field, M. Grace Burton, Juan Benito, Olivia Plateau and Guillermo Navalón: Whence the birds: 200 years of dinosaurs, avian antecedents. In: Biology Letters. Bd. 21, Nr. 1, 2025, . Diese Linie erwies sich als außerordentlich anpassungsfähig und erfolgreich: Die Vögel stellen mit rund 11.000 lebenden Arten etwa ein Drittel aller rezenten Landwirbeltierarten, sind in allen terrestrischen Ökosystemen vertreten und weisen zudem mit den Pinguinen eine Gruppe auf, die stark an ein Leben am und im Wasser angepasst ist.

In der Zoologie, die sich vorwiegend mit rezenten Tieren beschäftigt, und speziell in der Vogelkunde, werden die Vögel jedoch nach wie vor meist als eigenständige Klasse und nicht als Dinosaurier oder Reptilien betrachtet. Gleiches gilt für den allgemeinen Sprachgebrauch. Auch in der modernen Wirbeltierpaläontologie ist eine informelle Trennung von Vögeln und Dinosauriern im klassischen Sinn üblich. Letztgenannte werden, um der kladistischen Sichtweise gerecht zu werden, auch als Nichtvogeldinosaurier (engl. non-avian dinosaurs) bezeichnet.

Das Wissen über die Dinosaurier erhalten Paläontologen durch die Untersuchung von Fossilien, die in Form von versteinerten Knochen, Haut- und Gewebeabdrücken überliefert sind, und durch Spurenfossilien, also Fußspuren, Eier, Nester, Magensteine oder versteinerten Kot. Überreste von Dinosauriern sind auf allen Kontinenten gefunden worden, einschließlich der Antarktis, da die Dinosaurier zu einer Zeit entstanden, als das gesamte Festland im Superkontinent Pangaea vereinigt war.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts galten Dinosaurier als wechselwarme, träge und wenig intelligente Tiere. Zahlreiche Studien seit den 1970er Jahren haben jedoch gezeigt, dass es sich um aktive Tiere mit erhöhten Stoffwechselraten und Anpassungen, die soziale Interaktionen ermöglichten, handelte.

Dinosaurier sind zu einem Teil der weltweiten Popkultur geworden und spielen die Hauptrolle in mehreren außergewöhnlich erfolgreichen Büchern und Filmen wie der Jurassic-Park-Reihe (deutscher Titel des zugrundeliegenden Buches: Dino Park).

Beschreibung der Dinosaurier alternativtext=|mini|Rekonstruierte Dinosauriervergesellschaftung am „Two Medicine“ in Montana (USA) Der englische Anatom Richard Owen stellte das Taxon „Dinosauria“ 1841 auf. Nach der heutigen kladistischen Auffassung schließen die Dinosaurier alle Nachfahren des letzten gemeinsamen Vorfahren von Triceratops und der Vögel ein.Randall B. Irmis: A reappraisal of the phylogeny of early dinosaurs. In: The Palaeontological Association Newsletter. Bd. 65, 2007, , S. 92–94, . Alternativ wurde vorgeschlagen, die Dinosaurier als alle Nachfahren des jüngsten gemeinsamen Vorfahren von Megalosaurus und Iguanodon zu definieren, da dies zwei der drei Gattungen sind, die Owen bei seiner Erstbeschreibung der Dinosaurier nannte.George Olshevsky: An annotated checklist of dinosaur species by continent (= Mesozoic Meanderings. Bd. 3, ). G. Olshevsky Publications Requiring Research, San Diego CA 2000, S. 1–157. Beide Definitionen fassen dieselben Taxa zur Gruppe der Dinosaurier zusammen: die Theropoda (zweibeinige Karnivoren), Sauropodomorphen (mehrheitlich große Pflanzenfresser mit langen Hälsen und Schwänzen), Ankylosaurier (vierbeinige Pflanzenfresser mit massiven Hautpanzern), Stegosaurier (vierbeinige, Knochenplatten tragende Pflanzenfresser), Ceratopsia (vierbeinige Pflanzenfresser mit Hörnern und Nackenschilden) und Ornithopoden (zwei- oder vierbeinige Pflanzenfresser).David Lambert und The Diagram Group: The Dinosaur Data Book. The definitive, fully illustrated encyclopedia of dinosaurs. Avon Books, New York NY 1990, ISBN 0-380-75896-2, S. 288.

Die bekannten ausgestorbenen Dinosauriergruppen wiesen eine immense Formenvielfalt auf. Einige waren Pflanzenfresser, andere Fleischfresser; einige waren quadruped (vierbeinig), andere biped (zweibeinig), und wieder andere, wie zum Beispiel Iguanodon, konnten sich sowohl biped als auch quadruped fortbewegen. Viele hatten eine Panzerung, Hörner, Knochenplatten, Schilde oder Rückensegel. Obwohl sie für eine gigantische Größe bekannt sind, variierte ihre Größe beträchtlich; so waren viele Dinosaurier nur so groß wie ein Mensch oder kleiner.

Jedoch beschränkte sich diese Formenvielfalt faktisch ausschließlich auf terrestrische Lebensräume. Nur einige wenige Arten zeigen gewisse Anpassungen an ein Leben an und in Süßgewässern.Nizar Ibrahim, Paul C. Sereno, Cristiano Dal Sasso, Simone Maganuco, Matteo Fabbri, David M. Martill, Samir Zouhri, Nathan Myhrvold, Dawid A. Iurino: Semiaquatic adaptations in a giant predatory dinosaur. In: Science. Bd. 345, Nr. 6204, 2014, S. 1613–1616, doi:10.1126/science.1258750. Auch den Luftraum beherrschten die Nichtvogeldinosaurier wahrscheinlich nicht (die Flugsaurier sind eine eigenständige Gruppe). Wie gut der oft als erster Vogel bezeichnete, aber noch recht dinosaurierhafte Archaeopteryx aktiv fliegen (das heißt dynamischen Auftrieb erzeugen) konnte, ist umstritten. Entsprechend muss davon ausgegangen werden, dass seine bislang unbekannten, möglicherweise schon relativ vogelähnlichen unmittelbaren Vorfahren nicht gut oder gar nicht aktiv fliegen konnten. Auch die einer anderen Entwicklungslinie als Archaeopteryx angehörenden „vier-flügeligen Dinosaurier“ der Unterkreide (Microraptor, Changyuraptor) konnten wahrscheinlich nicht aktiv fliegen, sondern sich nur von Baum zu Baum gleitend fortbewegen.

Bis 2006 wurden 527 Gattungen von Nichtvogeldinosauriern von einer geschätzten Gesamtzahl von etwa 1850 Gattungen wissenschaftlich beschrieben.Steve C. Wang, Peter Dodson: Estimating the Diversity of Dinosaurs. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Bd. 103, Nr. 37, 2006, S. 13601–13605, doi:10.1073/pnas.0606028103, PMID 16954187. Eine Studie von 1995 schätzt die Gesamtanzahl auf 3400, wovon jedoch viele nicht als Fossilien überliefert seien.Dale A. Russell: China and the lost worlds of the dinosaurian era. In: Historical Biology. Bd. 10, Nr. 1, 1995, , S. 3–12, doi:10.1080/10292389509380510. Im Mittel kommen gegenwärtig pro Monat zwei neue GattungenThomas R. Holtz Jr.: Dinosaurs. The most complete, up-to-date encyclopedia for dinosaur lovers of all ages. Random House, New York NY 2007, ISBN 978-0-375-82419-7, S. 36. und pro Jahr mindestens 30 neue Arten hinzu.Michael J. Benton: Fossil quality and naming dinosaurs. In: Biology Letters. Bd. 4, Nr. 6, 2008, , S. 729–732, doi:10.1098/rsbl.2008.0402.

Gruppenspezifische Merkmale Gegenüber ihren nächsten Verwandten innerhalb der Archosaurier (Lagosuchus, Scleromochlus und den Flugsauriern) zeichnen sich die Vertreter aller Dinosauriergruppen durch eine Anzahl gemeinsamer abgeleiteter Merkmale (Synapomorphien) aus:David E. Fastovsky, David B. Weishampel: The Evolution and Exctinction of the Dinosaurs. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1996, ISBN 0-521-44496-9. Schädelmerkmale: Das Postfrontale fehlt; im Gaumen überlappt das Ectopterygoid das Flügelbein (Pterygoid); der Kopf des Quadratums ist in seitlicher Ansicht exponiert; Verkleinerung der Posttemporalöffnung (Fenestra posttemporalis, einer Hinterhauptsöffnung). Merkmale des postkranialen Skeletts (das Skelett ohne den Schädel (cranium)): Die Schultergelenkpfanne ist rückwärtig orientiert; die Hand ist asymmetrisch mit verkürzten äußeren Fingern (IV und V), bei höheren Theropoden fehlen diese völlig; das Schienbein zeigt am vorderen oberen Ende eine kammartige Erhebung (Cnemialkamm); der Astragalus (ein Fußwurzelknochen) weist einen aufwärts abgehenden Fortsatz auf; der mittlere Mittelfußknochen (an dem Zehe III ansetzt) ist S-förmig gebogen. Während urtümliche Dinosaurier alle diese Merkmale aufweisen, kann der Knochenbau späterer Formen stark abweichen, so dass manche der aufgeführten Charakteristika nicht mehr vorhanden oder nachzuvollziehen sind.

mini|Beckenanatomien und Gangarten verschiedener Gruppen landlebender Wirbeltiere

Darüber hinaus gibt es verschiedene weitere Merkmale, die viele Dinosaurier gemeinsam haben, aber nicht als gemeinsam abgeleitete Merkmale bezeichnet werden, da sie sich gleichfalls bei einigen Nicht-Dinosauriern finden oder nicht bei allen frühen Dinosauriern auftreten. Dies sind unter anderem das verlängerte Schulterblatt (Scapula), drei oder mehr Kreuzbein-Wirbel im Bereich des Beckengürtels (drei Kreuzbeinwirbel wurden bei einigen anderen Archosauriern gefunden, jedoch nur zwei bei Herrerasaurus)Michael J. Benton: Origin and Relationships of Dinosauria. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2. Auflage. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 7–19, doi:10.1525/california/9780520242098.003.0002. oder eine offene (perforierte) Hüftgelenkpfanne (geschlossen bei Saturnalia).Max C. Langer, Fernando Abdala, Martha Richter, Michael J. Benton: A sauropodomorph dinosaur from the Upper Triassic (Carnian) of southern Brazil. In: Comptes rendus de l'Académie des Sciences. Série 2, Fascicule A: Sciences de la terre et des planètes. Bd. 329, Nr. 7, 1999, , S. 511–517, doi:10.1016/S1251-8050(00)80025-7.

Bei den Dinosauriern standen die Beine senkrecht unter dem Körper, ähnlich wie bei den meisten Säugetieren, aber anders als bei den meisten anderen Reptilien, deren Beine gespreizt nach außen hin abstehen (Spreizgang). Durch ihre aufrechte Haltung konnten Dinosaurier beim Bewegen leichter atmen, was wahrscheinlich Ausdauer- und Aktivitätslevel erlaubte, welche die anderer Reptilien mit gespreizten Beinen übertrafen.Richard Cowen: History of Life. 4th edition. Blackwell Publishing, Malden MA u. a. 2005, ISBN 1-4051-1756-7, S. 151–175. Außerdem hat die gerade Stellung der Beine eventuell die Evolution des Gigantismus unterstützt, da so die Beine entlastet wurden.Tai Kubo, Michael J. Benton: Evolution of hindlimb posture in archosaurs: limb stresses in extinct vertebrates. In: Palaeontology. Bd. 50, Nr. 6, 2007, , S. 1519–1529, doi:10.1111/j.1475-4983.2007.00723.x.

Fossilbelege mini|Triceratops-Skelett im New Yorker American Museum of Natural History

Das Wissen über die Dinosaurier erhalten Paläontologen durch die Untersuchung von Fossilien; dabei spielen Knochenfunde eine herausragende Rolle, durch sie werden wichtige Daten über Verwandtschaftsbeziehungen, Anatomie und Körperbau, Biomechanik und vieles mehr gewonnen.