mini|Der technische Fortschritt wurde maßgeblich durch die Entwicklungen der Halbleitertechnik ab den 1950er Jahren geprägt. Die Mikroelektronik bildet heute die Grundlage für die Datenverarbeitung und die Kommunikationstechnik stellt die notwendigen Mittel zur Vernetzung bereit, beispielsweise das Internet oder den Mobilfunk.|198x198px

Der Begriff Digitale Revolution bezeichnet den durch Digitaltechnik und Computer ausgelösten Umbruch, der seit Ausgang des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern einen Wandel nahezu aller Lebensbereiche bewirkt und zu einem digital vernetzten Lebensstil (Digital Lifestyle) führte – angelehnt an die industrielle Revolution 200 Jahre zuvor, durch welche die Industriegesellschaft die Agrargesellschaft ablöste. Deshalb ist auch von einer dritten industriellen Revolution die Rede. Seit dem Aufkommen elektronischer Rechenmaschinen und deren zunehmender Vernetzung hat sich diese rasant weiterentwickelt. Man spricht in dem Zusammenhang auch vom Informationszeitalter. Im engeren Sinne beschreibt diese zeitliche Phase die Veränderungen ab den 2010er Jahren. In dieser Zeit wurden computerbasierte Geräte wie Smartphones und Breitband-Internet für Privatanwender massenhaft verfügbar. Seit der New Economy (1990er und 2000er Jahre) wurden hunderttausende Onlinedienste erfunden und betrieben, die seither technischen und wirtschaftlichen Einfluss ausüben. Die Bezeichnung „digitale Revolution“ tauchte bereits 1996 oder früher auf.

Die mit der Digitalen Revolution einhergehenden Veränderungen in Wirtschafts- und Arbeitswelt, in Öffentlichkeit und Privatleben vollziehen sich in großer Geschwindigkeit überall dort, wo die materiellen Voraussetzungen für Anwendungs- und Nutzungsmöglichkeiten der fortschreitenden Digitalisierung bestehen. In diesen Zusammenhang gehören auch die Internetökonomie, die Industrie 4.0, die Netzwerkgesellschaft und die Informationsgesellschaft.

Sogenannte Neue Medien beeinflussen zunehmend das Kommunikationsverhalten, die Sozialisationsprozesse und auch die Sprachkultur. Anwendungsbereiche und Entwicklungspotenziale von künstlicher Intelligenz gehören zu den Trends und offenen Zukunftsfragen der Digitalen Revolution, ebenso wie die Gefährdung der Demokratie und der Freiheit Einzelner.

Zeitgeschichtliche Verortung, Entwicklungsdynamik und Trends Historiker machen als markante Zäsur und den Beginn des „Digitalen Zeitalters“ etwa die Zeit um 1970 aus. In den Industriestaaten kann ab diesem Zeitpunkt von einer grundlegenden Durchdringung aller Lebensbereiche durch digitale Informations- und Kommunikationstechnologie gesprochen werden. Von der Wirtschaft über die Gesellschaft bis hin zu Politik und Staat ging es in vielen Bereichen schlicht nicht mehr ohne digitale Computer. Die ersten Computer waren sehr große Rechenmaschinen, die ganze Räume einnahmen, zum Beispiel der ENIAC (gebaut 1945). Diese Computer stellen den Grundstein der digitalen Revolution dar. Insgesamt [war] die „digitale Transformation ein technischer, sozialer, kultureller, politischer und wirtschaftlicher Prozess“.Wichum, Ricky/Zetti, Daniela: Transformation. Die Erfahrung der Ankündigung von Wandel und Veränderung. In: Dies. (Hrsg.): Zur Geschichte des Digitalen Zeitalters, Wiesbaden 2017, S. 1–10, hier S. 1.

In einer von soziologischen Gesichtspunkten bestimmten Abfolge der bisherigen Menschheitsgeschichte, die von Jägern und Sammlern über Agrargesellschaften zu Industriegesellschaften führt, stellt sich die Digitale Revolution der Gegenwart für Stengel, Looy und Wallaschkowski nach der Neolithischen Revolution und der Industriellen Revolution als dritte große Umwälzung der Menschheitsgeschichte dar. Sie schlagen vor, ihren Durchbruch mit dem Ende des kurzen 20. Jahrhundert im Jahr 1989 anzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt habe eine neue Entwicklung eingesetzt, die noch in den frühen 1980er Jahren nicht absehbar gewesen sei: „1989 entwickelten Tim Berners-Lee und Robert Cailliau am Forschungszentrum CERN in Genf das World Wide Web, ohne dessen Hypertext-Protokolle und Webbrowser das damals bereits bestehende, aber weitgehend unbekannte Internet noch für längere Zeit eine Angelegenheit vor allem für Nerds, Geeks und Universitätspersonal geblieben wäre.“ Das World Wide Web habe es Nutzern erleichtert, auf Informationen zuzugreifen, die auf weit entfernten Servern gespeichert waren. Mit der Web 2.0 bzw. Social Media genannten Erweiterung war es Nutzern ab 2003 zudem möglich, eigene Inhalte als Text-, Audio- oder Videodatei ins Netz zu stellen und auf sozialen Plattformen miteinander zu interagieren, und im Jahr 2010 überstieg die Anzahl der mit dem Internet vernetzten Geräte die der damals lebenden Menschen.Oliver Stengel, Alexander van Looy, Stephan Wallaschkowski: Einleitung. In: Dies. (Hrsg.) 2017, S. 3–5. Innerhalb einer Dekade, so Annahmen aus dem Jahr 2014, werde angesichts der zunehmenden Gerätevernetzung das Internet der Dinge zur Grundinfrastruktur gehören.Thomas Usländer, Julius Pfrommer, Miriam Schleipen: Das Internet der Dinge in der Automation: Anforderungen und Technologien. In: 5. Jahreskolloquium KommA -Kommunikation in der Automation, Lemgo, November 2014; researchgate.net (PDF; 934 kB).

Gegenüber den vorherigen Revolutionen in der Menschheitsgeschichte ist diese Revolution laut Stengel, Looy und Wallaschkowski vielleicht mit mehr Recht noch als die beiden vorherigen als Revolution zu bezeichnen, „ereignete sie sich doch binnen weniger Jahrzehnte und auf globaler Ebene.“Oliver Stengel, Alexander van Looy, Stephan Wallaschkowski: Einleitung. In: dies. (Hrsg.): Digitalzeitalter – Digitalgesellschaft. 2017, S. 3. Bei Andreas Mühlichen heißt es: „Der Übergang von einer Welt des Analogen zu der Ära digitaler Computer, digitaler Datenspeicherung und digitaler Vernetzung beschreibt eine mediale und informationstechnische Zäsur, die ähnlich tiefgreifend erscheint wie der Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit.“Mühlichen 2018, S. 47. Der deutsche Kybernetiker Karl Steinbuch formulierte bereits 1966: „Information ist Anfang und Grundlage der Gesellschaft.“Steinbuch 1966, Seite 5. Er prognostizierte ein System wie das Internet ebenso wie der Gordon-Helmer-Bericht von 1964 für die 1980er Jahre.Steinbuch 1966, Seite 293.

Weitgehend unstrittig ist heute die Verwendung des Revolutionsbegriffs für gravierende Kontinuitätsbrüche, die nicht nur Technik und Wirtschaft berühren, sondern alle Lebensbereiche umwälzen, wie das zum Beispiel Friedrich Engels für die industrielle Revolution formulierte: eine „Revolution, die zugleich die ganze bürgerliche Gesellschaft umwandelte“.Friedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. (1845). In: MEW. Band 2, Berlin 1976, S. 237. Doch während die industrielle Revolution heute im Wesentlichen durch eine lange Periode außergewöhnlichen wirtschaftlichen Wachstums definiert wird,Walt Whitman Rostow: The Stages of Economic Growth. Cambridge University Press, 3. Auflage 1990. gingen die Wachstumsraten in wichtigen OECD-Ländern und weltweit seit den 1970er Jahren und verstärkt seit 1995 zurück.Harm Bandholz, Gebhard Flaig, Johannes Ma: Wachstum und Konjunktur in OECD-Ländern: Eine langfristige Perspektive. In: ifo Schnelldienst. 58. Jahrgang, Heft 4, 2005. Siehe die Weltdatenbank (Data Commons) von Google.

Wenn man als Revolutionstreiber die weitreichenden informationstechnologischen Durchbrüche im Vorfeld und zu Beginn des 21. Jahrhunderts ansieht, wie das Manuel Castells mit seinem Begriff des informationellen Kapitalismus anregt, stellt sich die Frage, warum sich diese Revolution ausgerechnet in einer Phase stagnierender und sinkender Wachstumsraten abgespielt haben soll bzw. noch abspielt. Darauf gibt es verschiedene Antworten: Zum einen kann die Digitale Revolution in der Produktionstechnik als Versuch verstanden werden, angesichts gesättigter Massenmärkte und hoher Rohstoff- und Energiekosten (Ölpreiskrisen 1973 und 1979/80) sowie sinkender Kapitalrenditen auch in Hochlohnländern flexibler, kundenorientierter, material- und energieeffizienter und damit arbeits- und kapitalsparend zu produzieren (v. a. durch Ersetzung von mechanischer und analoger Technik mittels digitaler Technik, durch Miniaturisierung und Integration von Bauteilen, durch einen steigenden Informations- und einen sinkenden Rohstoffanteil in den Produkten usw.) und gleichzeitig rascher auf neue Bedürfnisse zu reagieren. Das ist durchaus mit einer sinkenden Investitionsquote vereinbar: Weltweit sank diese bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt von etwa 23–25 % in den 1970er Jahren auf unter 20 % nach 2008.World Bank Data Group: World Development Indicators. growth (annual %&). Laufende Berichterstattung.

Zum anderen werden viele Leistungen der digitalen Wirtschaft nicht vollständig in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung abgebildet, u. a. die Arbeit der Kunden, die durch Lieferung von Daten immer stärker kostenlos mitwirken (z. B. bei einer Flugbuchung, bei Umfragen oder bei der Konfiguration von Produkten). Hinzu kommen die sinkenden Distributionskosten für digitale Produkte über Netze.Erik Brynjolfsson: Some estimates of the contribution of information technology to consumer welfare. Leopold Classic Library, 2015. Alle diese Faktoren tragen zur Erhöhung der Unternehmensgewinne trotz relativ sinkender Wachstumsraten bei.Thomas Piketty: Le capital au XXI siècle. Paris 2013.

Eine angebotsgetriebene Revolution Unabhängig von der Frage, wie sich die Digitale Revolution in wirtschaftlichen Kerndaten ausdrückt und ob ihr Nutzen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung überhaupt einen Ausdruck findet, ist zu konstatieren, dass der Prozess der technologischen Transformation bisher fast exponentiell expandiert, und zwar nicht nur durch die Zunahme der Rechen-, Speicher- und Kommunikationskapazitäten, sondern „aufgrund seiner Fähigkeit, durch digitale Sprache eine Schnittstelle zwischen technologischen Bereichen zu schaffen, in der Informationen erstellt, gespeichert, aufgerufen, verarbeitet und weitergeleitet werden können.“„Die prophetische Pose und die ideologische Manipulation, die für die meisten Diskurse über die Revolution in der Informationstechnologie charakteristisch sind, sollten uns nicht dazu verleiten, ihre wirklich grundlegende Bedeutung zu unterschätzen.“ Manuel Castells: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Teil I der Trilogie „Das Informationszeitalter“. Opladen 2004, S. 32. Die Verbindung eingebetteter Softwaresysteme zur sensorgestützten Überwachung und Steuerung der physischen Realität mit globalen digitalen Netzinfrastrukturen (dem Cyberspace) erlaubt vielfältige Applikationen und Problemlösungen mit hohem wirtschaftlichen Potential und starker Innovationskraft: Angebotsseitig entstehen immer mehr Nutzungs- und Verknüpfungsmöglichkeiten von Daten, die neue Geschäftsmodelle ermöglichen, während bisherige Medien- und Technologiebrüche und damit verbundene Tätigkeiten der Datenerfassung und -transformation entfallen. Man kann daher sagen, dass die Digitale Revolution weitgehend angebots-, nicht nachfragegetrieben abläuft, weil immer mehr flexible Nutzungsmöglichkeiten von immer mehr potenziellen Anwendern „entdeckt“ und kostensenkend und profitsteigernd genutzt werden.

So war durch die Existenz einer miniaturisierten, leichtgewichtigen und integrierten Steuerungstechnik, deren Entwicklung in den 1950er und 1960er Jahren vor allem von der Nachfrage des Militärs nach Raketen mit großer Nutzlast getrieben war, seit den 1970ern angesichts einer weltweiten Wachstumskrise plötzlich die Möglichkeit gegeben, arbeits- und kapitalsparende flexible Steuerungstechnologien (Speicherprogrammierbare Steuerungen) in Werkzeugmaschinen, Robotern und bei anderen zivilen Anwendungen einzusetzen. Für private Zwecke heutzutage genutzte Tabletcomputer sind hinsichtlich Speicherkapazität, Datenverarbeitungs- und übertragungsgeschwindigkeit leistungsfähiger als die bei der Mondlandung verwendeten NASA-Rechner.Mühlichen 2018, S. 55.