mini|hochkant|Quipu (Khipu) mini|hochkant|Khipu aus dem Museo Arqueológico Rafael Larco Herrera in Lima
Quipu (span.) oder Khipu (Quechua: „Knoten“) [] ist der Name einer Knotenschrift der ursprünglichen südamerikanischen Bevölkerung des Inkareichs. Mit dieser Schrift konnten auch mehrstellige Zahlen im Dezimalsystem dargestellt werden.
Khipus sind ab dem 7. Jahrhundert n. Chr. bekannt und waren noch eine ganze Zeit nach dem Ende des Inkareichs 1532 gebräuchlich, Texten zufolge bis mindestens 1622. In einigen entlegenen Dörfern der Anden wurden sie noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts zur Buchhaltung eingesetzt.
Nach heutiger Erkenntnis gab es zwei verschiedene Schriftsysteme: eines zur zahlenmäßigen Erfassung von Mengen von Lagerbeständen, Menschen, Tieren, Pflanzen und Ländereien, und ein phonetisch orientiertes System für Nachrichtenverkehr, wie Briefwechseln.Cracking the Khipu Code: First Phonetic Inka Writing Found. Auf: journals.uchicago.edu; abgerufen am 16. März 2025. Die Knotenschrift für den Briefverkehr bestand aus den Haaren unterschiedlicher Tierarten, wie Vicuña, Alpaka, Guanaco, Lama, Hirsch und dem Vizcacha. Die Tierhaare waren in 14 verschiedenen Farben gefärbt und konnten so bis zu 95 verschiedene Silben wiedergeben. Die Knotenschrift für den Schriftverkehr ist bis heute nicht entziffert. Jedoch machen es auf komplexe Art geknüpfte und gefärbte Khipus aus Tierhaaren, die im Dorf San Juan de Collata Pierro in der Provinz Huarochirí in Peru gefunden wurden, äußerst wahrscheinlich, dass eine solche Silbenschrift in Knotenform existierte.
Kulturelle Bedeutung mini|hochkant|Der Inkaherrscher besucht den Lagerhausverwalter, der ihm anhand eines Khipus den Warenbestand aufzeigt (Zeichnung von Waman Puma de Ayala in seiner Primer Nueva Coronica)
Die kulturelle Bedeutung der Khipus war den zeitgenössischen Chronisten bekannt. So schrieb der spanische Chronist José de Acosta im Jahr 1590 in seiner Historia natural y moral de las Indias (Natur- und Moralgeschichte West-Indiens):
Khipu
Name Der Name Khipu (spanisch: Quipu, quechua: Khipu) bedeutet Knoten und steht sowohl für den einzelnen Knoten als auch für das gesamte Gebilde aus Knotenschnüren.
Aufbau mini|hochkant|Khipu aus dem Museo Machu Picchu in Cusco mini|hochkant|Khipu aus dem Museo de la Nación in Lima
Ein Khipu besteht aus einer Hauptschnur, an der mehrere Knotenschnüre als Nebenschnüre hängen, an denen wiederum mehrere Nebennebenschnüre hängen konnten. Die Nebenschnüre waren mit einem Auge um die Hauptschnur befestigt.
Die Schnüre bestanden aus mehreren verzwirnten Garnen. Die einzelnen Garne ließen sich anhand ihres Materials, ihrer Farbe und ihrer Schlagrichtung unterscheiden.
Außer Knoten konnten Khipus noch Quasten und Textilkartuschen (Ticcisimis) enthalten. Letztere bestanden aus vorher gewebten und später in die Khipus eingeknüpften quadratischen Kartuschen.
Die Länge der Hauptschnur konnte bis zu 4 Meter betragen. An einer Hauptschnur konnten bis zu 200 Nebenschnüre hängen. Ein Khipu wog mit allen Schnüren 4 kg.
Lesen Khipus wurden einem Betrachter vorgezeigt, indem man die auseinander gezogene Hauptschnur an beiden Tampen (Enden) umfasste und sie mit auseinander gespreizten Armen hochhielt, so dass die Nebenschnüre frei herunterhängen konnten.
Zum Ablesen der Nebenschnur wurden die Knoten vom Auge aus bis zum Tampen hin betrachtet und getastet. Dabei spielte neben der Art und Anzahl der Knoten auch Material, Farbe und Zwirnrichtung der Schnüre eine Rolle.
Verwendung mini|hochkant|Ein Komplex von 27 Lagerhäusern (Qullqas) oberhalb von Ollantaytambo
Die grauen Baumwoll-Khipus wurden zur Buchhaltung verwendet. Man kann sie am ehesten mit einfachen Formularen vergleichen, in die durch Knüpfen von dezimalen Knotenziffern Mengenangaben über Gegenstände und Arbeitsleistungen eingegeben wurden. Änderten sich die Mengenangaben, wurden die Knoten vom dafür verantwortlichen Knoten-Kundigen aufgeknüpft und anschließend neu verknüpft.
Khipus wurden von den Inkas bei der Erhebung von Steuern benutzt. Diese bestanden aus Abgaben und Arbeitsleistungen. Dazu gab es ein hierarchisches System von Verwaltungseinheiten. Anhand der erhobenen Daten konnte dann festgehalten werden, welche Dorfgemeinschaft (Ayllu) wie viele Abgaben und Arbeitsdienste (Minka und Mita) geleistet hatte oder noch leisten musste.
Geschichte
Vorinkazeit Die Datierung eines in der Galerie-Pyramide in Caral gefundenen Khipus ist umstritten. Mit einem Alter von 2600 v. Chr. wäre er der mit Abstand älteste bekannte Khipu.
Die ältesten sicher datierbaren Khipus stammen aus der Zeit um 650 n. Chr. vom Volk der Wari. Archäologisch entstammen sie dem mittleren Fundhorizont (600–1000 n. Chr.).
Inkazeit Die Inka entstammten einem Stamm, der im 12. Jahrhundert in der Gegend um Cusco Landwirtschaft betrieb. Unter dem ersten Starken Herrscher (Sinchi) von Cusco Manco Cápac entstand das Königreich Cusco (1197–1438), aus dem dann unter dem neunten Herrscher und Einzig Erstem Herrscher (Sapa Inka) Pachacútec Yupanqui das Großreich der Inka (1438–1532) entstand.
2016 wurden bei Ausgrabungen in Incahuasi unter der Leitung des Archäologen Alejandro Chu in einem Lagerhaus für Erdnüsse, Chilis, Bohnen, Mais und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse 29 Khipus aus dem 16. Jahrhundert entdeckt. Diese wiesen für jedes landwirtschaftliche Produkt jeweils unterschiedliche Färbungen auf, so dass man anhand der Färbung sagen konnte, um welches Produkt es sich handelte. An einigen Khipus waren die Knoten aufgelöst, um sie wieder neu verknoten zu können. Incahuasi diente den Inkaherrschern im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert zur Eroberung des südlichen Perus. Die Ausgrabungsstätte liegt im Distrikt Pullo in der Provinz Parinacochas in der Region Ayacucho.
Kolonialzeit Die Eroberung des Inkareichs durch die Spanier begann 1532 und wurde in wenigen Jahren vollendet. 1542 wurde unter spanischer Herrschaft das Vizekönigreich Peru gegründet, das bis 1824 bestand. Anfangs ermutigten Kirche und Verwaltung zur Verwendung der Khipus, um die koloniale Verwaltung aufrechtzuerhalten. So gestattete der Vizekönig Francisco de Toledo zwischen 1570 und 1581 die Verwendung der Khipus zu Verwaltungszwecken. Ebenso wurden Khipus in der Katholischen Kirche zum Lernen von Gebeten und zum Beichten von Sünden genutzt, bis sie vom dritten Katholischen Provinzialkonzil von Lima im Jahr 1583 verboten wurden.
Trotz dieses Verbots wurden in den Gemeinden weiterhin Khipus genutzt. So schrieb der Pfarrer Juan Pérez Bocanegra der Gemeinde Andahuaylillas über den Gebrauch der Khipus in einem Text aus dem Jahre 1622, wie die Einheimischen mit Khipus, die ihre Sünden listeten, zur Beichte gingen.
Buchhaltungs-Khipus über kommunale Arbeitsleistungen (Mita) waren in der Gemeinde Santiago de Anchucaya noch bis in die 1940er Jahre in Gebrauch.
Die Darstellung der Zahlen in Khipus Die Inkas verwendeten für die Darstellung der Zahlen das Zehnersystem (Dezimalsystem)Marcia Ascher / Robert Ascher: Code of the Quipu: A Study in Media, Mathematics, and Culture. Ann Arbor University of Michigan Press 1978, ISBN 0-472-09325-8 (englisch). Für jede Stelle (Zehnerpotenz) wurde die Ziffer als Gruppe von Knoten geschrieben. Die Stellen (Zehnerpotenzen) wurden in der Reihenfolge ihrer Höhe vom Ansatz zum freien Ende hin abgelesen, also: Tausender-Hunderter-Zehner-Einer. Die Ziffer Null wurde für alle Stellen als knotenfreier Gruppenabschnitt geschrieben. Die Ziffern Eins bis Neun wurden bei allen Zehner-, Hunderter- und Tausender-Stellen als einfacher Überhandknoten geschrieben, wobei die Anzahl der einfachen Knoten der jeweiligen Ziffer entsprach. Die Ziffern Zwei bis Neun wurden bei allen Einer-Stellen als mehrfach getörnte Überhandknoten geschrieben, wobei die Anzahl der Törns der jeweiligen Ziffer entsprach. Die Ziffer Eins wurde bei allen Einer-Stellen als Achtknoten geschrieben. Achtknoten und Überhandknoten markierten die Einer-Stellen und damit das Ende der betreffenden Zahl.
Damit gibt es vier verschiedene Knotentypen, die gewöhnlich mit Buchstaben abgekürzt werden (Ascher-System): Ein Achtknoten [1A] für die Ziffer 1 der Einer-Stelle. Ein mehrfacher Überhandknoten mit m Törns [mT] für die Ziffer m der Einer-Stelle. Ein knotenfreier Abschnitt [0X] für die Ziffer 0 bei allen Einer-, Zehner-, Hunderter- und Tausender-Stellen. n einfache Überhandknoten [nS] für die Ziffer n bei allen Zehner-, Hunderter- und Tausender-Stellen.
Damit lautet beispielsweise die Darstellung der Zahlen: 2304 = 2S 3S 0X 4T und 7001 = 7S 0X 0X 1A
Die einzelnen Zahlenknoten der Khipus werden addiert, indem man die Knoteschnüre so nebeneinander legt, dass die Stellenpositionen für die einzelnen Zifferknoten auf gleicher Höhe liegen. Anschließend werden diese stellenweise addiert, wobei die Überträge der einzelnen Stellen der jeweils nächsthöheren Dezimalstelle zugeschlagen werden wie bei der herkömmlichen Addition von Zahlen durch Strichrechnung nach Adam Ries oder beim Abakus.
Die Darstellung der Zahlen in den Khipus wurde erstmals 1912 von Leslie Leland Locke (1875–1943) wissenschaftlich beschrieben.L. L. Locke: The Ancient Quipu, A Peruvian Knot Record. American Anthropologist, Volume 14, Number 2, Pages 325–332, Year 1912 (englisch) Die Schreibweise der Khipu-Zahlen anhand ihres jeweiligen Knotentyps wurde von Marcia and Robert Ascher eingeführt. Die Aschers benutzten für die Ziffernknoten folgende Abkürzungen: für den knotenfreien Abschnitt den Buchstaben X, für den Achterknoten den Buchstaben E (figure eight knot), für den mehrfach getörnten Überhandknoten den Buchstaben L (long knot) und für den Stopperknoten den Buchstaben S (short knot).
Zum Rechnen benutzten die Inkas eine Art Rechenbrett, das Yupana.
Anmerkung: Der Stopperknoten ist ein Überhandknoten ohne Törns. Ein Überhandknoten mit drei Törns wird Franziskanerknoten genannt, weil die Kordeln der Franziskaner solche Knoten aufweisen.
Der Khipu-Kundige mini|hochkant|Khipu-Kundiger mit Khipu und Yupana (Rechenbrett) unten links
Nach Angaben des spanischen Chronisten Pedro de Cieza de León konnten nur bestimmte Personen Khipus knüpfen und lesen. Diese wurden Khipu Kamayuq genannt, was auf Quechua Khipu-Hüter heißt. Unterstützt wurden sie von der Qullqa Kamayuq, der Qullqa-Hüterin, die für die Lagerhäuser (Qullqa) verantwortlich war. Im Allgemeinen war der Khipu-Verantwortliche ein alter Mann und die Lagerhaus-Verwalterin eine alte Frau. Unterstützt wurden beide von einem jüngeren Paar, das auf diese Weise in Buchführung und Verwaltung geschult und zu Nachfolger und Nachfolgerin herangezogen wurden. Oft waren solche Lagerhäuser (Qullqa) auch mit einer Herberge (Tampu) verbunden.
Bildliche Darstellungen der Lagerhäuser (Qullqa) und Khipu-Kundigen (Khipu Kamayuq) samt Knotenschnur (Khipu) und Rechenbrett (Yupana) finden sich im zwischen 1600 und 1615 erschienenen Werk des indigenen Chronisten Don Felipe Waman Puma de Ayala mit dem Titel Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno (Deutscher Titel: „Erste neue Chronik und gute Regierungsarbeit“).
Textilkartuschen-Khipus
Tokapu mini|hochkant|Tokapus
Die Inka verfügten neben den Khipus noch über ein Schriftsystem, das Tokapu genannt wurde. Tokapus sind Begriffszeichen (Ideogramme) in Form quadratischer Kartuschen mit abstrakt geometrischen Motiven.
Tocapus kamen sowohl in gewebter als auch gemalter Form vor. In gewebter Form finden sie sich an Ponchos (Unkus) und Khipus, in gemalter Form an Wänden und auf Trinkbechern.
Ticcisimi mini|hochkant|Tokapus auf einem Unku des Inka
In Khipus eingeknüpfte, gewebte Tokapus wurden Ticcisimi genannt. Sie stellen Bildzeichen (Piktogramme) in Form gewebter quadratischer Kartuschen mit bildhaft abstrakten Motiven dar. Die Grenzziehung zwischen konkreten und abstrakten Bildmotiven, also zwischen Pikto- und Ideogrammen, ist hier etwas schwierig.