mini|Vegetarische Lebensmittel: Fettarmer Joghurt, Sojamilch, Getreide, Obst und rohes Gemüse mini|Eine vegetarische Mahlzeit aus der indischen Küche, in der vegetarische Gerichte weit verbreitet sind, allen voran Dal Bhat Vegetarismus (von lateinisch vegetare „beleben, gesund erhalten, leben, grünen“) bezeichnet eine Ernährungs- und Lebensweise, welche Nahrungsmittel meidet, die von getöteten Tieren stammen. Dies sind Fleisch, Fisch (einschließlich anderer aquatischer Tiere) sowie daraus hergestellte Produkte. Anhand der Einbeziehung von Lebensmitteln, die von lebenden Tieren stammen, wie Eier, Milch und Honig, werden mehrere Unterformen des Vegetarismus unterschieden. Im Veganismus wird auf alle Nahrungsmittel und Konsumgüter tierischen Ursprungs verzichtet.Claus Leitzmann, Markus Keller: Vegetarische Ernährung. UTB, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8252-1868-3, S. 22.

Der Vegetarismus wird auch als Weltanschauung verstanden. Die Beweggründe für eine vegetarische Lebensweise reichen von ethisch-moralischen, religiös-spirituellen über gesundheitliche, hygienisch-toxikologische und ästhetische bis hin zu ökologischen und sozialen Motiven.Judith Baumgartner: Vegetarismus. In: C. Auffarth, J. Bernard, H. Mohr, A. Imhof, S. Kurre (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. J.B. Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-01553-X, S. 560. .

Begriffsgeschichte Vegetarismus leitet sich wie „Vegetarier“, über englisch vegetarian, und englisch vegetable von lateinisch vegetare „beleben, gesund erhalten, leben, grünen“Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 811 (Vegetarier).Walter W. Skeat: The Concise Dictionary of English Etymology. Wordsworth Editions, Ware (Hertfordshire) (1884) 1993 (mehrere Neudrucke), ISBN 1-85326-311-7, S. 538 (Vegetable).Edwin Habel: Mittellateinisches Glossar. Mit einer Einführung von Heinz-Dieter Heimann. Hrsg. von Friedrich Gröbel. 2. Auflage. Paderborn / München / Wien / Zürich 1959; Nachdruck (mit neuer Einführung) 1989 (= Uni-Taschenbücher. Band 1551), Sp. 419 (vegetare, und vegetabilis „belebend“).vegetare. gottwein.de ab.

Die Wörter „Vegetarismus“ und „Vegetarier“ sind seit Ende des 19. Jahrhunderts bezeugte, heute allgemein gebräuchliche gekürzte Formen der zuvor üblichen Bezeichnungen „Vegetarianismus“ und „Vegetarianer“.Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch. Band 6. Berlin 1983, S. 133 f. (mit zahlreichen Belegen). Letztere sind Übersetzungen der englischen Wörter vegetarianism und vegetarian. Das englische Wort vegetarian ist eine moderne Wortschöpfung aus vegetable („pflanzlich“, „Gemüse“)von lateinisch vegetabilis „belebend“: Georges, Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Band 2, Spalte 3381. und -arian („eine Überzeugung haben“). In: Oxford English Dictionary. Ausgangspunkt ist das lateinische vegetare („körperlich und geistig beleben“),Georges: Ausführliches lateinische-deutsches Handwörterbuch. Band 2, Spalte 3381. welches sich wiederum auf vegetus („belebt, rüstig“) und vegere („munter sein“, „leben“, „lebensfroh sein“) bezieht.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearbeitet von Elmar Seebold, 24. Auflage. Berlin 2002, Sp. 948 f. Oxford English Dictionary. Band 19. 2. Auflage. 1989, S. 476. Webster’s Third New International Dictionary. S. 2537. The Oxford Dictionary of English Etymology. Oxford 1966, S. 972. Colin Spencer: The Heretic’s Feast. A History of Vegetarianism. London 1993, S. 252.Helmut Wurm: Der Einfluß der Ernährung auf die menschliche Konstitution unter besonderer Berücksichtigung des Nahrungseiweißes. Eine Zusammenstellung von Ansichten, Beobachtungen und Lehrmeinungen von der Antike bis zur Gegenwart (= Ernährung und Konstitution, 1). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 3, 1985, S. 283–320, hier S. 293.

Die Wortbildung vegetarian wird vom Oxford English Dictionary auf „Mitte 19. Jahrhundert“ datiert. Allgemein gebräuchlich wurde vegetarian erst durch die Gründung der englischen Vegetarian Society im Jahr 1847. Hiermit beschrieben die Gründungsmitglieder der Gesellschaft Individuen, die weder Fleisch noch Geflügel oder Fisch essen.Joanne Stepaniak, Virginia Messina: What’s in a name? In: The Vegan Sourcebook. 2. Auflage. McGraw-Hill Professional, 2000, ISBN 0-7373-0506-1, S. 2. In Google Books. Bis dahin war meist von einer pflanzlichen Diät (vegetable regimen, vegetable system of diet) die Rede. Seltener sprach man von einer „pythagoreischen Diät“, da die Anhänger des antiken griechischen Philosophen Pythagoras Vegetarier waren.Antonio Cocchi: Del vitto pitagorico per uso della medicina. Florenz 1743; Jon Gregerson: Vegetarianism. A History. Fremont 1994, S. 71 f.

Ausprägungen mini|Phở mit Tofu mini|Auf pflanzlicher Basis hergestellte Nahrungsmittel können Fleischspeisen nachahmen – hier Burger. Alle Formen vegetarischer Ernährung basieren auf pflanzlichen Lebensmitteln. Vegetarier unterscheiden sich hinsichtlich des Ausmaßes, in dem sie die Prinzipien des Vegetarismus befolgen. Dieses hängt auch von ihren Motiven ab. Nachfolgend finden sich einige typische Ausprägungen des Vegetarismus, die aufgrund ihrer großen Verbreitung über die Zeit eigene Bezeichnungen erhalten haben, sortiert von weniger strikt nach strikter.

Flexitarismus (abwertend auch „Teilzeit-Vegetarismus“ oder „Wochenend-Vegetarismus“, Portmanteauwort aus den Wörtern flexibel und Vegetarismus). In einigen Lexika werden bspw. Pescetarier den Vegetariern im weiteren Sinn zugeordnet,Zum Beispiel Erhard Gorys: Das neue Küchenlexikon. in der Regel werden Flexitarier aber nicht zu den Vegetariern gezählt. Beim Flexitarismus wird die vegetarische Ernährung zwar größtenteils befolgt, es werden aber individuell verschiedene, vereinzelte Ausnahmen vom klassischen Vegetarismus festgelegt. Typische Ausnahmen sind beispielsweise Fisch/Meeresfrüchte (Pescetarismus), Wildbret, Fleisch, das sonst weggeworfen werden würde, oder Fleischgerichte, auf die man eingeladen wurde (um dem Gastgeber keine Umstände zu machen). Zumeist werden mehrere solcher Ausnahmen kombiniert. Alle flexitarischen Ernährungsweisen haben das gemeinsame Ziel, den Fleischkonsum bewusst stark zu reduzieren.M.C.D. Verain, H. Dagevos, G. Antonides: Flexitarianism: a range of sustainable food styles. In: Lucia A. Reisch, John Thøgersen (Hrsg.): Handbook of Research on Sustainable Consumption. Edward Elgar, 2015, ISBN 978-1-78347-126-3, S. 209–223 (englisch). klassischer Vegetarismus. Vermeidung der Ernährung von Teilen getöteter Tiere. Schlachtnebenerzeugnisse werden dabei allerdings, teilweise aufgrund von Unwissen, trotzdem gegessen, zum Beispiel tierisches Lab (viele Käsesorten), Gelatine (klare Säfte) oder Schmalz (Backwaren). Ebenso werden auch tierische Produkte gegessen. Ovo-Lacto-Vegetarismus. Ernährung zusätzlich zur rein pflanzlichen Nahrung auch mit Eiern und Milch. Es existieren analog auch Lacto-Vegetarismus und Ovo-Vegetarismus. Ovo-Vegetarier begründen ihre Entscheidung, Eier zu essen, damit, dass Haushühner Eier legen, auch wenn diese nicht befruchtet sind, und daher kein Lebewesen getötet werde, da diese Eier keinen lebendigen Organismus enthalten. Veganismus. Vermeidung jeglicher tierischer Produkte in der Nahrung – es werden ausschließlich Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs verzehrt. Veganismus umfasst häufig auch andere Lebensbereiche, z. B. wird auf Schuhe, Kleidung, Teppiche und auf andere Textilien aus Leder, Pelz, Seide oder Wolle, Kissenfüllungen aus Federn/Daunen, Schmuck aus Horn oder Elfenbein, tierische Organtransplantate und auf Hormonpräparate tierischen Ursprungs verzichtet. Auch kann die Haustierhaltung und die Nutzung von Tieren als Reit- und Lasttiere abgelehnt werden. Rohveganismus (). Kombination von Veganismus und Rohkost, also Ernährung ausschließlich von ungekochten und auch sonst unverarbeiteten pflanzlichen Produkten. Dieser Trend verbreitete sich erst im 21. Jahrhundert stark. Frutarismus. Ernährung ausschließlich von pflanzlichen Produkten, deren Gewinnung nicht die Beschädigung der Pflanze selbst zur Folge hat. Dazu gehören etwa Obst und Nüsse als Pflanzenteile, die botanisch gesehen als Früchte oder Samen klassifiziert werden. Der Verzehr einer Karotte beispielsweise bringt die Vernichtung dieser einzelnen Pflanze mit sich und ist folglich nicht mit der frutarischen Ernährungsweise vereinbar. Bei Äpfeln treten diese Bedenken nicht auf, da die Ernte und der Verzehr eines Apfels den Apfelbaum an sich nicht verletzt.

Motive Die Gründe für vegetarische Ernährung sind je nach Person und Kulturkreis verschieden. Ethisch argumentierende Vegetarier geben oftmals an, dass sie nicht möchten, dass ihretwegen Tiere leiden müssen und getötet werden. Auch tierrechtliche Überlegungen können eine Rolle spielen.Siehe Helmut F. Kaplan: Leichenschmaus – Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung. 3. Auflage. Reinbek 2002. Daneben steht die gesundheitliche Motivation derjenigen Vegetarier, die ihre Ernährungsweise für generell gesünder halten als die nichtvegetarische. Ein Teil der Vegetarier empfindet eine Abneigung gegen den Geschmack von Fleisch.Siehe eine Auch halten Vegetarier ihre Ernährungsweise für ökologisch sinnvoll, und zwar insbesondere deshalb, weil ein hoher Fleischkonsum, zu dem sie nicht beitragen wollen, eine Intensive Tierhaltung erforderlich mache. Ferner argumentieren manche, dass Tierhaltung eine ineffiziente Art der Nahrungsmittelproduktion ist und angesichts von Hungersnöten in der Dritten Welt unverantwortlich sei. Sie gehen oft davon aus, dass ein genereller Verzicht auf Fleischkonsum die globale Ernährungssituation signifikant verbessern würde.

In einigen Religionen beziehungsweise religiösen Richtungen bestehen zudem Prinzipien und Ernährungsregeln, die den Vegetarismus fordern (Jainismus und einzelne Richtungen des Hinduismus) oder für seine Ausbreitung günstige Voraussetzungen schaffen (Buddhismus).

Ethische Aspekte Ethisch motivierte Vegetarier wollen grundsätzlich nicht, dass ihretwegen Tiere getötet werden. Oft konstituieren Tierrechtsargumente so auch gleichzeitig eine moralphilosophische Herleitung für Menschenrechte. Aufgrund der naturwissenschaftlichen Unschärfe des Artbegriffs auf der Subjektebene könne allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Art niemandem ein subjektives Recht zugeschrieben oder aberkannt werden. Dies wird als speziesistisch bezeichnet.

Im deutschsprachigen Raum waren vegetarische Strukturen in der Gründerzeit unter den Landreformern und im Zusammenhang mit biozentrischen Ideen zu finden.Joachim Joe Scholz: Haben wir die Jugend, so haben wir die Zukunft. Die Obstbausiedlung Eden/Oranienburg als alternatives Gesellschafts- und Erziehungsmodell (1893–1926). (Bildungs- und kulturgeschichtliche Beiträge für Berlin und Brandenburg, Band 3). Weidler, Berlin 2002, ISBN 3-89693-217-9. In den Anfängen des modernen Vegetarismus spielte die prinzipielle Ablehnung des Tötens eine wichtige Rolle, wobei zunächst vor allem argumentiert wurde, es fördere im Menschen die Neigung zur Grausamkeit.Teuteberg (1994) S. 53 f. Im anglophonen Raum hingegen waren pathozentrisch-utilitaristische Ansätze führend und entsprechende Strukturen mehr unter elitären Strömungen der Linken wie in den Frauenbewegungen und Suffragetten verwurzelt.Hilda Kean, Animal Rights: Political and Social Change in Britain since 1800. Reaktion Books, 1998, ISBN 1-86189-014-1. Als eine relevante politische Kraft waren beide allenfalls sehr regional beschränkt.