Das Sturmgewehr G36 ist eine Ordonnanzwaffe der deutschen Bundeswehr und Nachfolger des Gewehres G3, das ebenfalls von Heckler & Koch entwickelt und produziert wurde. Beim G36 besteht das Gehäuse aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit Einlagen aus rostfreiem Stahl. Dadurch ist die Waffe relativ leicht. Während der Entwicklung wurde das Gewehr als HK50 bezeichnet. Bei der Bundeswehr wird die Waffe seit Dezember 2025 sukzessive durch das G95 ersetzt.
Geschichte Entwicklung des G11
mini|HK CAWS mini|HK G11
Im Jahr 1948 gründete die US-Armee das zivile Operations Research Office (ORO), um wie das Vereinigte Königreich Operations Research zu betreiben. Dabei wurden über 3 Millionen Gefechtsberichte des Ersten und Zweiten Weltkrieges analysiert. Das Ergebnis war, dass die meisten Kämpfe auf kurze Entfernung stattfinden. In einem Bewegungskrieg treffen Kampfteams beider Seiten oft überraschend aufeinander, das Team mit der größten Feuerkraft ging meistens als Sieger hervor. Sie fanden ebenso heraus, dass die Wahrscheinlichkeit für Kampftreffer in hohem Maße von Glück und Zufall abhängig ist. Genaues Zielen machte wenig Unterschied, da das Ziel meist nicht stillstand oder sich in Deckung befand. Die Zahl der Verwundeten im Kampf war ungefähr proportional zur Anzahl der abgefeuerten Geschosse, unabhängig vom Kaliber. Andere Studien über das Verhalten von US-Soldaten zeigten, dass zwei Drittel ihre Waffe niemals im Gefecht abgefeuert hatten. Im Gegensatz dazu hatten Soldaten mit Schnellfeuerwaffen wie Maschinenpistolen und -gewehren überproportional oft gefeuert. Dies führte zu folgenden Schlussfolgerungen: Die Soldaten sollten mit einer Schnellfeuerwaffe ausgerüstet werden. Die Soldaten sollten soviel Munition wie möglich mitnehmen, dies erforderte ein möglichst leichtes Gewehr und leichte Munition.
In Deutschland fanden zur selben Zeit ähnliche Studien statt. In den 1960er-Jahren kam das Bundesministerium für Verteidigung zu dem Schluss, dass das HK G3, das auf das Sturmgewehr 45 der Wehrmacht zurückgeht, nur einen vernachlässigbaren Vorteil gegenüber anderen Gewehren hatte. Das Battelle-Institut in Frankfurt wurde deshalb in den 1960er-Jahren mit einer Studie beauftragt, um herauszufinden, wie die Trefferwahrscheinlichkeit von Handfeuerwaffen erhöht werden kann. Dabei wurden zwei mögliche Methoden postuliert:
Indem wie bei einer Schrotflinte eine große Anzahl an Geschossen gleichzeitig verschossen wird. Die Nachteile sind der hohe Rückstoß, die beschränkte Reichweite und die geringe Durchschlagsleistung. Dem von Heckler & Koch für die US-Armee entwickelten Close Assault Weapon System (CAWS) war deshalb kein Erfolg beschieden. Indem die Waffe die Projektile eines 3-Schuss-Feuerstoßes sehr schnell hintereinander abfeuert, damit der Rückstoß für den Schützen erst nach dem dritten Schuss spürbar wird. Ansonsten kommt es zu einem Verziehen der Waffe, das sich negativ auf die Trefferwahrscheinlichkeit des zweiten und dritten Schusses auswirkt.
Dieser letzte Ansatz wurde für die Entwicklung des HK G11 ausgewählt. Die im Oktober 1971 vorgestellten ersten Prototypen verwendeten noch hülsenlose Munition im Kaliber 4,9 mm sowie eine seitliche Munitionszuführung. Die beiden Systeme bewiesen jedoch die grundsätzliche Realisierbarkeit der geforderten Merkmale. Bis 1989, dem Zeitpunkt der Fertigung des finalen Prototyps, wurde unter anderem das äußere Erscheinungsbild der Waffe mehrfach geändert sowie die Verwendung unterschiedlicher Materialien für das Gehäuse erprobt. Diese letzte Version wurde als G11 K2 bezeichnet. Während dieser Zeit durchlief das G11 mehrere Vergleichstests verschiedener Nationen; die Bundeswehr erprobte 27 Exemplare an verschiedenen Truppenschulen. Die Truppentauglichkeit wurde der Waffe von der Bundeswehr im Jahr 1990 bescheinigt, jedoch zeichnete sich durch die Wiedervereinigung Deutschlands bereits die Nichteinführung der Waffe in der Bundeswehr ab. Bis zu jenem Zeitpunkt flossen seit 1976 über 90 Millionen DM an Steuergeldern in das Projekt.David Th. Schiller: Solo-Tour ins Aus. In: Visier Special Nr 53, S. 65. Am 25. Juni 1993 bestätigte das Verteidigungsministerium endgültig, dass das G11 nicht für die Bundeswehr beschafft wird.
HK36 und HK50 mini|Deutsche Soldaten mit G36 in Bosnien
Noch während der Entwicklung des G11 arbeitete Heckler & Koch an anderen Systemen: So sollten die Truppen der „zweiten Reihe“ mit dem preiswerteren G41 ausgerüstet werden, während das G11 den Fronteinheiten vorbehalten gewesen wäre. Die Waffe war mit einem beweglich abgestützten Rollenverschluss ausgestattet und sollte 5,56×45-mm-NATO-Munition aus M16-Magazinen verschießen. Ein fortschrittlicheres Projekt wurde in den 1970er-Jahren mit dem HK36 angegangen, das dem späteren G36 äußerlich sehr ähnlich war.
Das HK36 verwendete zunächst neuentwickelte, konventionelle 4,6×36-mm-CETME-Munition mit einem Geschossgewicht von 3,5 Gramm und einer Mündungsgeschwindigkeit von 780 m/s. Durch den geringen Rückschlag der Munition konnte eine Kadenz von 1100 Schuss pro Minute realisiert werden. Um die Durchschlagsleistung gegen Hartziele zu verbessern, hatten die Geschosse einen Kern aus Wolframcarbid. Auch hier wurde der beweglich abgestützte Rollenverschluss beibehalten. Durch die großzügige Verwendung von Kunststoffen war das Gewicht der Waffe trotz einer Länge von 890 mm mit 2,9 kg sehr gering. Das äußere Erscheinungsbild war mit dem des späteren G36E fast identisch: Auch hier war die Visiereinrichtung im Tragebügel integriert, und die grundsätzliche Form des Vorderschaftes wurde beibehalten. Die Waffe sollte am Advanced Combat Rifle (ACR)-Programm der US-Armee teilnehmen, jedoch entschied sich Heckler & Koch 1976 auch aus ökonomischen Gründen, sich ganz auf das G11 zu konzentrieren.HKPro – HK36.
Als nach dem Ende des Kalten Krieges das G11-Programm gestoppt wurde, formulierte das deutsche Heer 1992 die Anforderungen an einen G3-Nachfolger neu. Es sollte nun ein schon auf dem Markt befindliches Gewehr beschafft werden. Heckler & Koch entwickelte daraufhin den Gasdrucklader HK50 im Kaliber 5,56 × 45 mm NATO. Die Bundeswehr testete das Steyr AUG und das HK50 von Heckler & Koch in einem Truppenversuch in den Varianten Gewehr und leichtes Maschinengewehr, woraus das HK50 als Sieger hervorging. Am 8. Mai 1995 wurde die Einführungsgenehmigung unterzeichnet, und am 3. Dezember 1997 erfolgte in der Infanterieschule Hammelburg unter der Bezeichnung G36 die offizielle Übergabe an das Heer. Auf die Einführung des leichten Maschinengewehres 36 (lMG36) wurde verzichtet, da es nur marginal von der Leistung der Gewehrvariante abwich. Stattdessen wurden als Zubehör zum G36 das Zweibein sowie das Trommelmagazin beschafft, um das Gewehr als Unterstützungswaffe einsetzen zu können.Rolf Abresch, Lothar Schulz: Der Soldat und seine Ausrüstung. Report Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2002, ISBN 3-932385-13-6, S. 54.
Weiterentwicklungen
mini|XM8 vor der Designänderung
Die Technik des G36 floss auch in andere Waffenentwicklungen ein: So basierte die kinetische Gruppe des HK XM29 auf dem G36C/K. Allerdings entsprach das XM29 nicht den Anforderungen des US-Militärs in Punkten wie Gewicht und Letalität, weshalb eine Aufteilung des Projektes in das Sturmgewehr HK XM8 und die 25-mm-Granatwaffe HK XM25 erfolgte. Dabei wurde das G36K als Basis genommen und in wenigen Monaten an die Anforderungen der US-Armee angepasst. Der damalige Projektverantwortliche der US-Armee war jedoch der Ansicht, dass die Waffe zu sehr dem G36 ähnele und es so keine Möglichkeit gebe, den Kongress davon zu überzeugen, eine deutsche Waffe zu kaufen. Folglich wurden Verschluss, Magazin und Abzugsgruppe vom G36 übernommen und ein neues Gehäuse entworfen. Die Unterschiede blieben marginal: So wurde zu einem Polygonlauf gewechselt und zur Gewichtsreduzierung bewegte sich der Verschlussträger nun direkt auf dem Kunststoff des Gehäuses statt auf Stahlschienen. Die beim G36 getrennten Bauteile Griffstück und Magazinschacht wurden zu einem unteren Gehäuseteil zusammengefasst, und statt Picatinny-Schienen wurde mit den Picatinny Combat Attachment Points (PCAP) ein neues Montagesystem von Zubehörteilen postuliert. Trotz der Designänderung wurde die weitere Entwicklung im November 2005 eingestellt.
Da das Insight-Tech-Gear-ISM-IR-Reflexvisier des XM8 dem Schützen zusätzlich einen Tageslicht- und IR-Laser zur Verfügung stellte, beschaffte die Bundeswehr mit dem Laser-Licht-Modul LLM01 eine weitere Zielhilfe mit gleichen Fähigkeiten und zusätzlichem Weißlichtscheinwerfer. Da die Visiere (insbesondere das Reflexvisier) bei höherer Feuchtigkeit beschlagen und leicht verschmutzt oder beschädigt werden können, wird für das G36A2 ein RSA-S-Reflexvisier ZeissRSA-S-Reflexvisier Zeiss-Hensoldt. eingeführt, das auf einer Picatinny-Schiene montiert ist und somit problemlos entfernt werden kann. Die Version G36K wird von der Bundeswehr zu den Versionen G36KA1 und G36KA2 aufgerüstet. Das A1 wird mit einer Picatinny-Schiene wie das G36C, mit einem EOTech Holosight 551 oder Holosight 552 und mit einem RIS-System im Austausch zum normalen Vorderschaft ausgestattet. Das G36KA2 ist wie das G36K ausgestattet, es besitzt jedoch anstatt des HKV-typischen Reflexvisiers ein EOTech Holosight 551. Gegenüber dem RSA-S verfügt das EOTech über ein größeres Sichtfenster, was die Zielerfassung im Nahkampf verbessert.
mini|G36K der litauischen Streitkräfte Exportversionen des Modells G36K, wie sie von den lettischen oder litauischen Streitkräften verwendet werden, wurden bereits mit Picatinny-Schienen am Vorderschaft ausgeliefert. Abgesehen von Schulterstütze und Mündungsfeuerdämpfer sind diese Waffen äußerlich mit dem ursprünglichen XM8-Design fast identisch. Das XM8 verzichtete auf eine klappbare Schulterstütze; diese konnte im Gegenzug in der Länge verstellt werden. Aus Kostengründen waren frühe Prototypen mit einem schnabelförmigen Mündungsfeuerdämpfer ausgerüstet.
Überblick Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über die Waffenentwicklung von Heckler & Koch, zum Vergleich ist auch das M16A2 von Colt aufgeführt. Die Gesamtmasse von Waffe und Munition beträgt in allen Fällen etwa 7,35 kg. Der Vorteil des G36 gegenüber dem G3 ist deutlich ersichtlich, bei gleichem Gewicht kann 140 % mehr Munition pro Schütze mitgeführt werden. Der Unterschied zum HK XM8 ist nur marginal – vor allem, wenn die kleinere Lauflänge berücksichtigt wird. So weist das G36K bereits eine Masse von 3,3 kg (leer) auf und verfügt über ein im Tragegriff integriertes Zielfernrohr mit dreifacher Vergrößerung.
+ Unterschiedliche Sturmgewehre von Heckler & Koch und das M16A2 von Colt im Vergleich HK G3A3 Colt M16A2 HK G11 HK G36 HK XM8 100px 100px 100px 100px 100px Gewicht (leer) 4,38 kg 3,77 kg 3,8 kg 3,63 kg 2,7 kg Zielhilfen (Standard) offene Visierung offene Visierung Einfach-Zielfernrohr ReflexvisierDreifach-Zielfernrohr ReflexvisierLaserzielhilfe (optisch/IR) Kaliber 7,62 × 51 mm NATO 5,56 × 45 mm NATO 4,73 × 33 mm 5,56 × 45 mm NATO 5,56 × 45 mm NATO Magazinfüllung 20 30 45 (15)28 Nachlademodule à 15 Patronen. 30 30Verwendet Magazine des G36. Anzahl Magazine 1 + 4 1 + 7 2 + 28 1 + 7 1 + 9 Munition pro Schütze 100 240 510 240 300
Technik Aufbau mini|Litauischer und lettischer Soldat bei der Übung „Balts Will“ mini|alt=|G36K mit zwei zusammengesteckten Magazinen (engl. jungle style) mini|G36 mit eingeklappter Schulterstütze (Kosovo, 2016)