mini|Zentrale der Merck KGaA in Darmstadt, Emanuel-Merck-Platz.(V. l. n. r. Innovation Center, Pützerturm)
Die Merck KGaA (in den USA und Kanada MilliporeSigma, EMD Serono und EMD Electronics) ist ein deutsches Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie mit Sitz in Darmstadt.
Die heutige Merck KGaA ist unabhängig vom US-amerikanischen Pharmakonzern Merck & Co., Inc., Rahway, New Jersey (außerhalb der USA und Kanada Merck Sharp and Dohme (MSD)). Beide Unternehmen sind auf die deutsche Industriellen-Familie Merck zurückzuführen, welche die Merck & Co., Inc. (heute außerhalb der USA und Kanada Merck Sharp and Dohme (MSD)) bis zum Ersten Weltkrieg als Tochtergesellschaft von E. Merck (heute Merck KGaA – in USA und Kanada MilliporeSigma, EMD Serono und EMD Electronics) betrieb. Infolge des Krieges wurde die Merck & Co., Inc. durch Enteignung ein eigenständiges Unternehmen.
Die deutsche Merck verlor durch die Enteignung der US-Tochter die Rechte am Namen Merck in den USA und Kanada und darf diesen dort nicht mehr verwenden. Daher treten die drei Unternehmensbereiche der deutschen Merck KGaA in USA und Kanada unter den Namen MilliporeSigma, EMD Serono und EMD Electronics auf. Außerhalb der USA und Kanada firmiert die US-amerikanische Merck & Co., Inc. als Merck Sharp & Dohme (MSD).Merck KGaA: . Abgerufen am 26. Oktober 2010.
Die Anfänge von Merck gehen bis zum Jahr 1668 zurück. Merck gilt damit als das älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt. Im Gegensatz zu den meisten größeren Konkurrenten ist Merck weiterhin sowohl in der Chemie- als auch in der Pharmaindustrie tätig.
Unternehmensentwicklung Historische Entwicklung
mini|Mercksche Engelapotheke in Darmstadt Ende des 18. Jahrhunderts Am 26. August 1668 erhielt Friedrich Jacob Merck die Erlaubnis, eine Apotheke in Darmstadt zu betreiben. Die Engelapotheke gehört bis heute der Familie Merck. Heinrich Emanuel Merck begann 1827, selbst isolierte Wirkstoffe, u. a. Alkaloide wie Morphin, zu vertreiben. Mit seinen Söhnen gründete er 1850 ein Gemeinschaftsunternehmen (E. Merck Darmstadt), das 1860 bereits 800 verschiedene Produkte anbot. Es gilt als besondere Neuerung, dass Merck nach verbindlich formulierten Reinheitsstandards arbeitete. Ab 1889 veröffentlichte das US-amerikanische Tochterunternehmen Merck & Co., Inc., den Merck Index, ein Standardwerk für Stoffeigenschaften der wichtigsten Arzneistoffe, Chemikalien, Drogen und biochemischen Stoffe. In der 15. Auflage, die mittlerweile von der Royal Society of Chemistry herausgegeben wird, enthält der Merck Index über 10.000 Monographien zu einzelnen Substanzen oder Wirkstoffklassen.The Merck Index* Online auf der Homepage der Royal Society of Chemistry abgerufen am 21. August 2018.
mini|links|Produktion in der Fabrik von 1886 Im 19. Jahrhundert war Merck vermutlich das umsatzstärkste Pharmaunternehmen im Deutschen Reich. 1894 wurde das erste Schilddrüsenpräparat weltweit entwickelt. Um die Jahrhundertwende wandelte sich Merck von einer „Großapotheke“ für Naturstoffe zu einem Unternehmen für synthetische Wirkstoffe. So wurde 1903 das Schlafmittel Veronal eingeführt – das weltweit erste Barbiturat.
In den Jahren 1903/1904 zog das nun auf über 1000 Mitarbeiter gewachsene Unternehmen in neue Betriebsstätten im Norden Darmstadts. Von 1906 bis 1918 gehörte Merck zu einem gegen die IG Farben gerichteten, größeren Herstellungs-, Einkaufs- und Preiskartell. Bis zum Ersten Weltkrieg erhöhten sich Mitarbeiterzahl und Umsatz stark. Bereits ab 1887 bestand eine Verkaufsniederlassung in den USA, die 1908 in die formal eigenständige, aber weiterhin eng mit dem Mutterunternehmen verbundene Aktiengesellschaft Merck & Co. umgewandelt wurde. Nach Kriegseintritt der USA wurde Merck & Co. beschlagnahmt und 1919 an ein Konsortium um das Familienmitglied Georg Merck verkauft, der die Niederlassung bereits früher geleitet hatte und US-Bürger geworden war. Als Folge dieser Beschlagnahme darf weder die deutsche E. Merck in Nordamerika unter dem Namen Merck auftreten noch das US-Unternehmen außerhalb Nordamerikas.
mini|Hauptlaboratorium (1936) Im Ersten Weltkrieg produzierte E. Merck kriegswichtige medizinische Güter, aber auch Gasmasken und Munition. Eine Neuentwicklung war das Opioid Eukodal (Oxycodon). 1920 bestand die Geschäftsleitung erstmals nicht ausschließlich aus Familienmitgliedern. Ab 1927 wurde ein Vitamin-D-Präparat vermarktet.
1939 hatte Merck 4000 Mitarbeiter. Die Unternehmensleitung lag ab 1932 – und bis 1959 – bei Karl Emanuel Merck, NSDAP-Mitglied seit 1933 und während der Zeit des Nationalsozialismus ein Wehrwirtschaftsführer. Ab 1942 wurde der Einfluss der Familie auf die Betriebsführung geringer zugunsten des strikt nationalsozialistischen Direktoriumsmitglieds Bernhard Pfotenhauer, ebenfalls zum Wehrwirtschaftsführer ernannt.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden ab 1941 Zwangsarbeiter aus Westeuropa eingesetzt, ab 1942 auch Ostarbeiter, um unter anderem kriegswichtige Pharmazeutika und chemische Pflanzenschutzmittel zu produzieren. Die osteuropäischen Arbeitskräfte waren kaserniert und wurden schlechter bezahlt und behandelt als die Stammbelegschaft; von schweren Übergriffen wird nicht berichtet. Merck hatte eine nennenswerte Beteiligung an dem Unternehmen Elektrochemische Werke München, Dr. Adolph, Albert Pietzsch & Co. (EWM), das vom späteren Leiter der Reichswirtschaftskammer Albert Pietzsch geleitet wurde. EWM produzierte Spezialbrennstoffe für U-Boote, Torpedos und Raketen. Am 12. Dezember 1944 wurde Merck von einem Luftangriff getroffen, der 60 Mitarbeiter tötete und die Produktionskapazität zu über 70 Prozent zerstörte. Merck ist dem Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft beigetreten und ist darüber hinaus vor allem in Belarus um Wiedergutmachung bemüht.
mini|Luftaufnahme des Werkes in Gernsheim am Rhein Merck erhielt im April 1945 eine erste neue Produktionsgenehmigung. Das Firmenvermögen wurde beschlagnahmt (bis 1948) und eine externe Werksleitung eingesetzt. Ende 1945 wurden 2290 Mitarbeiter beschäftigt. In den 1950er und 1960er Jahren wurden viele neue Wirkstoffe auf den Markt gebracht (u. a. Oxymetazolin/Nasivin, die Antibabypille Aconcen, Lichtschutzsubstanzen). Die Forschung an Flüssigkristallen wurde aufgenommen, für das Werk Darmstadt eine technologisch führende Kläranlage gebaut und mit dem Aufbau der zweitgrößten Konzern-Betriebsstätte in Gernsheim begonnen (u. a. Produktion von Perlglanzpigmenten und Thioglycolsäure).
mini|Die Flüssigkristallforscher Matthias Bremer, Melanie Klasen-Memmer und Kazuaki Tarumi bei der Verleihung des Deutschen Zukunftspreises 2003 durch Bundespräsident Johannes Rau Aconcen wurde 1970 vorsichtshalber vom Markt genommen; im selben Jahr wurde Hans Joachim Langmann Vorsitzender der Geschäftsführung. Der Umsatz betrug umgerechnet 358 Millionen €; 2000 lag der Wert bei 6,74 Milliarden €. 1972 erwarb Merck die Hälfte der italienischen Bracco-Gruppe (Verkauf im Jahr 2000). Das Wurmmittel Praziquantel erhielt 1985 den Galenus-von-Pergamon-Preis. In den 1980er Jahren waren mit Otto Esser und Hans Joachim Langmann zwei Mitglieder der Geschäftsführung in Spitzenpositionen der deutschen Unternehmerverbände tätig. Merck übernahm 1991 die französische Lipha, das den Blockbuster Glucophage (Wirkstoff: Metformin) einbrachte.
mini|Früheres Logo der Merck KGaA bis 13. Oktober 2015 An dem nun als Merck KGaA organisierten Unternehmen verkaufte die Familie 1995 26 % der Anteile an Kommanditaktionäre. Der Rest liegt bei der Familie, die als Komplementär der E. Merck OHG fungiert. 1996 übernahm Merck Flüssigkristall-Tätigkeiten von Hoffmann-La Roche. Acamprosat erhielt 1999 den Galenus-von-Pergamon-Preis. 2001 musste das Unternehmen 9,2 Mio. € Strafe wegen unerlaubter Preisabsprachen im Vitaminmarkt zahlen. Merck-Forscher erhielten 2003 den Deutschen Zukunftspreis für ihre Arbeiten zu Flüssigkristallen.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts befindet sich Merck in einem Konzernumbau. 2004 verkaufte Merck unter anderem Biomet Merck (Knochenersatzmaterialen, Implantate) und VWR International (Labordistribution). Merck war 2006 schuldenfrei und versuchte, den Berliner Konkurrenten Schering AG gegen dessen Willen zu übernehmen. Die Übernahme misslang, das Engagement war aber ein finanzieller Erfolg.
2006/7 übernahm Merck mit Serono für umgerechnet 10,6 Mrd. € das damals drittgrößte Biotechnologie-Unternehmen der Welt. Die in Genf beheimatete Serono war in den vier Therapiegebieten Kinderwunsch, multiple Sklerose, Wachstum und Stoffwechsel sowie Schuppenflechte tätig. Zur Finanzierung wurde die umsatzstarke Generika-Sparte an Mylan verkauft. Sie machte im Geschäftsjahr 2006 29 % des Umsatzes der Merck-Gruppe aus mit fast 5'000 Mitarbeitenden und Verkäufen in über 90 Ländern. Der Anteil der Familie Merck an der Merck KGaA liegt seitdem bei 70 %. 2010 gelang ebenfalls die Übernahme des US-Laborausrüsters Millipore Corp. Weitere Übernahmen betrafen 2014 die britische Spezialchemiefirma AZ Electronic Materials, 2015 das große US-Unternehmen Sigma-Aldrich (13,1 Mrd. €)Handelsblatt.de: Darmstädter dürfen Sigma-Aldrich für 13,1 Milliarden Euro kaufen und 2019 den US-Halbleiterzulieferer Versum (6,5 Mrd. €). Gesetzeskonform in den 1950er bis 1970er Jahren im Werk Gernsheim entsorgte Rückstände der Lindan-Produktion mussten in den letzten Jahren mit hohem Aufwand rückgeholt und fachgerecht verbrannt werden.
Die Merck KGaA heute mini|Luftaufnahme des Stammsitzes von Merck in Darmstadt, aufgenommen aus südöstlicher Richtung
Für das Unternehmen sind rund 62.500 Mitarbeiter tätig, davon 13.300 in Deutschland. Am Hauptsitz in Darmstadt arbeiten 12.000 Beschäftigte. Dort findet auch die Hauptausbildung mit rund 600 Auszubildenden statt. Die Merck KGaA ist in 65 Ländern mit 321 Gesellschaften vertreten.
mini|Jon Baumhauer, Volker Bouffier, Angela Merkel und Karl-Ludwig Kley (v. l. n. r.) am 23. September 2010 bei Merck in Darmstadt Die Kapitalmehrheit der KGaA liegt bei der als Komplementär auftretenden E. Merck KG, die von der Familie Merck geleitet wird und die strategischen Leitlinien des Konzerns vorgibt. Das Kapital der E. Merck KG wird zu 70,3 % überwiegend von stillen Gesellschaftern der Familie Merck (217 Mitglieder; Stand Oktober 2009) gehalten. Davon bilden 130 die Gesellschafterversammlung, die wiederum den Familienrat bestimmt.Merck-Strippenzieher – 400 Millionen in zwei Wochen. In: Manager Magazin vom 14. Juni 2006.
Der Familienrat ist das gesellschaftsrechtliche Gremium der E. Merck KG. In ihm werden die Mitglieder des Gesellschafterrates und der Vorsitzende der Geschäftsleitung der Merck KGaA sowie sein Stellvertreter bestimmt und Entscheidungen von grundsätzlicher Bedeutung für das Unternehmen getroffen. Vorsitzender des Gremiums ist Johannes Baillou.
mini|Die Hauptversammlung am 8. April 2011 Der Gesellschafterrat hat eine dem Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft ähnliche Funktion. Er überwacht die Geschäftsführung der E. Merck KG und der Merck KGaA. Für wesentliche Geschäfte der KGaA bedarf es der Zustimmung durch den Gesellschafterrat, der zudem die Mitglieder der Geschäftsleitung der KGaA bestellt und abberuft. Im Gesellschafterrat sitzen sowohl Familienmitglieder als auch externe Mitglieder. Vorsitzender des neun Mitglieder umfassenden Gesellschafterrates ist Wolfgang Büchele.
Die Merck KGaA ist in drei Unternehmensbereiche aufgeteilt: Healthcare (Pharma), Life Science (Laborchemie) und Electronics (Spezialchemie und Halbleiter).
Entwicklung von Kennzahlen des Merck-Konzerns + Kennzahlen 2018 2019 2020 2021 2022 2023 20242025 Umsatz (Mrd. Euro) 14,84 16,15 17,53 19,69 22,23 20,99 21,1621,10 Ergebnis v. St. (Mrd. Euro) 1,5 1,7 2,6 3,9 4,2 3,5 3,5 3,6 Mitarbeiter 51.713 57.036 58.096 60.334 64.232 62.908 62.55762.461
Aktie und Anteilseigner