Der Flamenco ist ein seit dem 19. Jahrhundert populäres Kunstgenre aus Andalusien und angrenzenden Regionen, dessen Repertoire aus Liedern und Tänzen sich durch eine charakteristische Vortragsart auszeichnet, deren Wirkung insbesondere im Tanz durch eine typische Flamencokleidung und in der Gitarrenbegleitung durch bestimmte Rhythmen und Techniken ergänzt wird. Seit 2010 gehört der Flamenco zum Immateriellen Kulturerbe.
mini|John Singer Sargent: Spanische Tänzerin, um 1880 mini|Flamencotänzerin im Museo del baile flamenco in Sevilla (2014) mini|Claudio Castelucho: Flamenco mini|Flamenco-Gruppe, Sevilla (2006)
Gebrauch und Herkunft der Bezeichnung Das Wort flamenco hat im spanischen Sprachraum mehrere BedeutungenOnline-Ausgabe des Diccionario de la lengua española (spanisch). mit teilweise unterschiedlichen etymologischen Ableitungen und lässt sich als Oberbegriff für ein populäres Kunstgenre und das damit verbundene Milieu ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisen. Zunächst wurde der Plural „Flamencos“ als Synonym für die spanischen, insbesondere andalusischen Gitanos verwendet, im weiteren Verlauf etablierte sich ein adjektivischer Gebrauch in Wortkombinationen wie Cante flamenco,Biblioteca Nacional de España Prolog zu Demófilo: Colección de cantes flamencos. Ausgabe von 1881, S. VII (spanisch), Link zum Digitalisat der BNE, abgerufen am 6. August 2020 bevor es im Singular „Flamenco“ im Verlauf des 20. Jahrhunderts zur international gebräuchlichen Genrebezeichnung wurde. mini|Flamingos (spanisch Flamencos) beim Paarungstanz. Zu Herkunft und Gebrauch des Begriffs gibt es zahlreiche, teilweise durch ihren spekulativen Charakter umstrittene Hypothesen.Hispanoteca Justo Fernández López: Origen del término „flamenco“ (spanisch); abgerufen am 6. August 2020 Flamenco (von spanisch flamenco ‚flämisch‘ bzw. ‚Flame‘; von niederländisch vlamingetymologiebank.nl Quellensammlung zur Etymologie vlaming (niederländisch); abgerufen am 21. August 2020) ist ursprünglich die spanische Bezeichnung für einen Bewohner der Spanischen Niederlande. Die Bezeichnung erfuhr einen Bedeutungswandel, wobei sich flamenco nunmehr nicht mehr auf die vermutete Herkunft oder eine äußerliche Andersartigkeit bezog, sondern auf ein Verhalten, das man als „frech, laut, anmaßend“ empfand. Flamenco (spanisch; von portugiesisch flamingo, dieses von lateinisch flamma ‚Flamme‘, spanisch flama, provenzalisch flamencDWDS Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, Etymologie Flamingo, abgerufen am 8. Oktober 2020.) als Bezeichnung für einen Vogel aus der Familie der Flamingos. Der Ethnologe Francisco Rodríguez Marín nahm an, die Übertragung der Bezeichnung auf die Interpreten des Flamenco rühre von den an die Silhouette von Flamingos gemahnenden Trachten der seit jeher dem Flamencomilieu eng verbundenen Stierkämpfer und Señoritos, den müßiggehenden Landbesitzern her.F. Rodríguez Marín: El alma de Andalucía en sus mejores coplas amorosas. Tipografía de Archivos, Madrid 1929, S. 12. Nicht nur die Existenz großer Flamingo-Kolonien im Mündungsgebiet des Guadalquivir und der Laguna de Fuente de Piedra in der Provinz Málaga, sondern auch einige Verhaltensweisen der Tiere bei der Futtersuche und beim Balzverhalten, die an typische Bewegungsmuster im Flamencotanz erinnern, das Auftreten in Gruppen und ihre eher krächzend als melodisch empfundenen Laute lassen diese lange vernachlässigte Herkunftsdeutung im Licht neuerer vogelkundlicher Dokumentationen als durchaus plausibel erscheinen.Vergleiche hierzu: Feuervögel – Die geheimnisvolle Welt der Flamingos. Dokumentarfilm von Batiste Miguel, Deutschland 2021, verfügbar auf 3sat bis zum 30. November 2024 (deutsch, Länge 43 Minuten). Flamenco als phonetisch korrumpierte Form eines angeblich arabischen Ausdrucks für „vertriebener Landarbeiter“. Diese Deutung stammt von Blas Infante (1885–1936), der die voranstehend aufgeführten Wortdeutungen entschieden verwirft und als angeblichen Wortursprung felah-mengu anführt, wobei es sich jedoch wahrscheinlich um eine pseudo-arabische Wortschöpfung des Autors handelt. So lässt sich felah zwar auf oder ‚Fellache‘ zurückführen, während Herkunft und Bedeutung von mengu nicht eindeutig identifizierbar sind.Vergl. hierzu Juan Corominas: Diccionario crítico etimológico castellano e híspanico. Editorial Gredos, Madrid 1974, Artikel „FLAMENCO“ in Bd. II: CE – F, ISBN 84-249-1363-9.Der Autor sieht in den Ursprüngen des Flamenco eine Reaktion auf die Vertreibung der andalusisch-maurischen Landbevölkerung aus den Regionen Granada und Valencia zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Folge der repressiven Politik von Philipp III. Die Theorie Infantes, die ideologisch auf der Idee eines arabisch-andalusischen, die Territorien Andalusiens und Spanisch-Marokkos auch politisch zu vereinigenden Kulturraums beruht, wurde in der Folgezeit zwar immer wieder im konservativen Flamencoschrifttum kolportiertVgl. hierzu auch Molina/Mairena 1971, S. 19, die mit „felaikum o felahmen ikum“ für „Arbeiter“ und „felagenkum o flahencou“ für „maurische Gesänge aus den Alpujarras“ weitere philologisch nicht verifizierbare Wortschöpfungen angeblich arabischer Provenienz anführen., sie wird jedoch in der modernen Kultur- und Flamencoforschung als „spekulativ, dubios und pseudo-philologisch“Eric Calderwood: Colonial al-Andalus: Spain and the Making of Modern Moroccan Culture. Harvard University Press, Cambridge und London 2018, ISBN 978-0674980327, S. 230–231. abgelehnt.
Geschichte des Flamenco Die Entstehung des Flamenco zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist mit der historischen, sozialen und kulturellen Entwicklung der südspanischen Region Andalusien verbunden. Seit den ersten Manifestationen des Flamenco spielt dabei die Bevölkerungsgruppe der andalusischen Gitanos eine herausragende Rolle. Die über Jahrzehnte im Flamencodiskurs trotz teilweise heftiger Kontroversen dominierende These, die Gitanos seien die alleinigen Schöpfer des Genres, wird seit den 1990er Jahren nur noch von wenigen Autoren vertreten. So stellte der Romanist Hugo Schuchardt bereits 1881 aufgrund sprachlicher Untersuchungen fest, dass die Texte der Flamencogesänge in Zusammenhang stehen mit der Anfang des 19. Jahrhunderts in den andalusischen Städten aufkommenden Bewegung, die von Sprache, Attitüde und Kleidung der Gitanos inspiriert war.Hugo Schuchardt: Die Cantes flamencos. In: Zeitschrift für Romanische Philologie. Band 4, 1881, zitiert nach Kersten Knipp: Flamenco. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-45824-8, S. 35.
Probleme und Positionen der Forschung zur Geschichte des Flamenco In einer ersten Phase der Flamencoforschung (ca. 1870 bis ca. 1970), der überwiegend von Liebhabern (spanisch aficionados) aus Schriftsteller- und Journalistenkreisen getragenen „Flamencologie“ (spanisch flamencología) entstanden zahlreiche Theorien zum Ursprung des Flamenco. Diese waren aufgrund eines inhaltlich einseitigen und methodisch unzulänglichen Umgangs mit den nur spärlich vorhandenen Quellen jedoch meist spekulativer Natur, konnten aber dessen ungeachtet bis in die Gegenwart die öffentliche Wahrnehmung des Flamenco entscheidend mitprägen.
Der Begriff flamencología wurde von einem argentinischen Schriftsteller andalusischer Herkunft geprägt und bezieht sich ursprünglich nicht auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Flamenco, sondern auf die „innere Logik“ von Stierkampf, Gesang und Tanz, die der Autor zunächst 1953 unter dem Titel Andalucía en los toros, el cante y la danza thematisiert hatte.Anselmo Gonzales Climent: Flamencología. Toros, cante y baile. 1955; Madrid 1964.
Der Jurist und Philologe Antonio Machado y Álvarez, genannt Demófilo, gehört als einer der Mitbegründer der spanischen Folkloreforschung zur ersten Generation von Autoren, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht nur der Sammlung von Flamenco-Versen widmete, sondern sich ebenso mit den Fragen des Ursprungs, des sozialen Umfeldes und den künstlerischen Perspektiven des Flamenco beschäftigte.
Im Jahr 1958 gründete eine Gruppe andalusischer Autoren, Journalisten und Künstler in Jerez de la Frontera unter der Zielsetzung der Erforschung, Förderung und Verbreitung der Flamencokunst und der andalusischen Folklore die Cátedra de Flamencología y Estudios Folklóricos Andaluces, aus der 1993 das Centro Andaluz de Flamenco hervorging. Allerdings konnte sich in Spanien erst nach dem Ende der Franco-Diktatur im Verlauf der 1980er Jahre eine an modernen wissenschaftlichen Standards orientierte Forschungstätigkeit entwickeln, deren führende Vertreter sich durch eine dem Forschungsfeld angemessene Kompetenz und interdisziplinäre Vernetzung explizit um eine Abgrenzung von den überwiegend laienhaften Aktivitäten der „traditionellen Flamencología“ bemühen.
Obwohl die jüngere Forschung zur Genese des Flamenco die Annahmen der „traditionellen Flamencologie“ in zahlreichen Fällen nicht bestätigen konnte oder sogar widerlegt hat, werden deren – in den Worten des Grazer Soziologen und Flamencoforschers Gerhard Steingress – „spekulative Überlegungen und Mystifizierungen“ vor allem in der populärwissenschaftlichen Literatur kolportiert.
So ergibt sich für die Geschichte des Flamenco ein uneinheitliches, von zahlreichen wissenschaftlichen und ideologischen Kontroversen bestimmtes Bild.
Theorien zu den musikalischen Ursprüngen des Flamenco Obwohl sich vor dem ausgehenden 18. Jahrhundert keine musikalisch verwertbaren Quellen zu möglichen Frühformen des Flamenco auffinden lassen, gibt es Autoren, die von einer sich über mehrere Jahrhunderte erstreckenden Entwicklungsgeschichte ausgehen und Einflüsse unter anderem der byzantinischen, arabischen, indischen und jüdischen Musik auf die Entstehung des Flamenco vermuten.
Präromanische Ursprünge: Einige lateinische Autoren erwähnen, dass bei den römischen Festen Tänzerinnen aus Gades, dem heutigen Cádiz, auftraten (puellae gaditanae, „Mädchen aus Cádiz“). Sie begleiteten ihre Darbietungen mit Klappern, die Vorläufer der Kastagnetten, was manche Autoren zu der Annahme veranlasste, dass Elemente tartessischer Tänze im traditionellen Flamenco-Tanz überlebt haben könnten.
Al-Andalus und maurische Einflüsse: Nach der Eroberung der Halbinsel durch nordafrikanische und arabische Heere im Verlauf des achten Jahrhunderts entstand auf spanischem Boden unter islamischer Herrschaft eine eigenständige Kultur, die sich vor allem in den südlichen Regionen des Landes zur vollen Blüte entwickelte, und zu der ein von vielfältigen Einflüssen geprägtes musikalisches Leben gehörte. Während sich nach der Eroberung () dieser Gebiete durch die christlichen Königreiche Nord- und Zentralspaniens Elemente der arabisch-andalusischen Musikkultur bis in die Gegenwart in Nordafrika erhalten haben, ist ihr Einfluss auf die Musik Spaniens unter Musikwissenschaftlern umstritten. So vertrat der Musikethnologe Marius Schneider die These, der arabische Einfluss hätte sich auf das gesellschaftliche Leben und die Poesie beschränkt, während die arabische Musik ihrerseits von anderen Kulturen beeinflusst worden sei.Marius Schneider: A proposito del influjo arabe. Ensayo de etnografia musical de la España medieval. In: Anuario Musical. Band 1, 1946, S. 31–68, Musikbeispiele S. 69–139 (spanisch).So gibt es einerseits überregionale, wenig spezifische musikalische Ähnlichkeiten mit der Musik des östlichen Mittelmeerraumes, andererseits entstanden auf andalusischem Boden als eigenständig zu bezeichnende Gattungen der Poesie, die sich von den klassischen arabischen qasidas unterschieden: Der zéjel, die moaxaja und besonders die jarcha sind Strophenformen der ältesten romanischen Lyrik, in denen einige Autoren strukturelle Ähnlichkeiten mit manchen der coplas flamencas gefunden haben wollen.