mini|Oskar Maria Graf, um 1926 mini|hochkant|Bildnis Oskar Maria Graf (1927) von Georg Schrimpf Oskar Maria Graf (* 22. Juli 1894 als Oskar Graf in Berg; † 28. Juni 1967 in New York City) war ein deutsch-US-amerikanischer Schriftsteller. Seine Romane Der Abgrund (1936) und Anton Sittinger (1937) zählen zu den „scharfsinnigsten literarischen Analysen des Verhältnisses von Kleinbürgertum und Faschismus“.

Leben mini|Geburtshaus in Berg Oskar Graf wurde am 22. Juli 1894 als neuntes von elf Kindern des Bäckermeisters Max Graf und der Bauerntochter Therese, geborene Heimrath, in Berg, Bezirksamt Starnberg, am Starnberger See geboren. Er besuchte ab 1900 die Dorfschule in Aufkirchen. Nach dem Tod seines Vaters 1906 arbeitete Graf in der von seinem ältesten Bruder Max übernommenen Bäckerei. Die Misshandlungen, die ihm dort widerfuhren, schildert er in seiner Autobiographie Wir sind Gefangene (1927). Sein Bruder Maurus weckte bei Graf das Interesse für die Literatur. Das bäuerliche Umfeld hatte für diese Neigung keinerlei Verständnis. Bücher mussten heimlich beschafft und in einem Versteck aufbewahrt werden. Als Grafs Bruder Max davon erfuhr, schlug dieser ihn erneut brutal zusammen. Daraufhin verließ Graf 1911 das Elternhaus, um im nahegelegenen München als Schriftsteller tätig zu werden.

In München Grafs Anfänge in München waren von Orientierungslosigkeit und existenzieller Not geprägt. Die Großstadt überforderte den mittellosen 17-Jährigen aus der Provinz. Durch Zufall kam er mit Vertretern der anarchistischen Gruppe „Tat“ um Erich Mühsam und Gustav Landauer in Kontakt. Graf setzte sich mit deren Ideen auseinander, beteiligte sich an Flugblatt-Aktionen und wurde zum Schriftführer der Gruppe. Vor diesem Hintergrund geriet er auch in den Dunstkreis der Schwabinger Bohème. Seine finanzielle Situation war nach wie vor äußerst angespannt. Graf hielt sich unter anderem als Bäcker, Post­helfer und Liftboy über Wasser, war jedoch auch immer wieder arbeitslos.

In den Jahren 1912/13 vagabundierte er durch Oberitalien, begleitet vom Maler Georg Schrimpf, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Zeitweise arbeiteten beide auch in der Künstler- und Reformer­kolonie Monte Verità bei AsconaOskar Maria Graf auf ticinarte.ch. und begegneten deren Gründern, den Brüdern Karl und Gusto Gräser. Doch auch hier geriet Graf durch seine fortwährende Zahlungsunfähigkeit unter Druck. Außerdem zeigte er sich vom Lebensstil in der „Anarchistenkolonie“ angewidert. Er überzeugte Schrimpf, mit ihm nach München zurückzukehren.

1914 erschienen erste Gedichte von Oskar Graf in der expressionistischen Zeitschrift Die Aktion. Am 1. Dezember desselben Jahres wurde Graf zum Kriegsdienst eingezogen. 1915 diente er bei einer bayerischen Eisenbahntruppe an der Ostfront in Ostpreußen und Litauen. In dieser Zeit erschien erstmals eine Erzählung von ihm in der Zeitschrift Die Freie Straße. 1916 sollte Graf wegen Befehlsverweigerung abgeurteilt werden. Er wurde jedoch in die Irrenanstalt eingewiesen, zunächst in Brandenburg, dann in Haar bei München, und schließlich nach zehntägigem Hungerstreik aus dem Militärdienst entlassen.

Nach einer Beschwerde eines gleichnamigen Kriegsmalers begann Graf unter dem Namen Oskar Graf-Berg zu publizieren. 1917 legte er sich auf Vorschlag des Künstlers Jacob Carlo Holzer den zweiten Vornamen Maria zu. In diesem Jahr erschien auch sein erster Gedichtband Die Revolutionäre.

Am 26. Mai 1917 heiratete er Karoline Bretting. Im Jahr darauf wurde ihre Tochter Annemarie (* 13. Juni 1918; † 8. Dezember 2008), genannt Annamirl, geboren; das Ehepaar Graf trennte sich noch im selben Jahr. Graf bezeichnete seine erste Ehe als „von Anfang an schlecht“. Tochter Annemarie wurde von Grafs Mutter aufgezogen. Zu dieser Zeit profitierte Graf von einem Stipendium, das es ihm ermöglichte, sich auf das Schreiben zu konzentrieren.

Am 29. Januar 1918 wurden Graf, Paul Guttfeld und Georg Schrimpf in der Münchener Druckerei Mannzmann verhaftet, als sie versuchten, den Druck der „Denkschrift des Fürsten Lichnowsky“ in Auftrag zu geben. Anfang 1918 wurde er außerdem wegen der Teilnahme am Munitionsarbeiterstreik kurzzeitig inhaftiert. 1919 kam er wegen der Teilnahme an den revolutionären Bewegungen in München erneut für einige Wochen ins Gefängnis.

Der Dichter Rainer Maria Rilke setzte sich für Grafs Freilassung ein.

1919 begann Grafs Lebensgemeinschaft mit Mirjam Sachs (1890–1959), einer Cousine von Nelly Sachs.

Ab 1920 war Oskar Maria Graf als Dramaturg am genossenschaftlichen Arbeitertheater Die neue Bühne in der Senefelderstraße (am Hbf München) beteiligtSZ 19. Mai 2020, Theatergeschichte: Ort der Dichter und Lenker abgerufen am 16. Juli 2020., wo sich eine Freundschaft mit Bertolt Brecht entwickelte.

1927 gelang Graf mit seinem autobiografischen Werk Wir sind Gefangene der literarische Durchbruch, der ihm eine Existenz als freischaffender Schriftsteller ermöglichte. In den darauffolgenden Jahren konnte er mit dem Bayerischen Dekameron (1928) und dem Roman Bolwieser (1931) weitere Publikumserfolge verbuchen.

Im Exil mini|Plakat zum Vortrag Grafs über den Reichstagsbrandprozess in Wien am 20. September 1933 Am 17. Februar 1933 fuhr er zu einer Vortragsreise nach Wien, wo er Mitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller wurde. Dies war der Beginn seines anfangs freiwilligen Exils. Als Graf aufgrund einer Meldung im Berliner Börsen-Courier erfuhr, dass seine Bücher nicht der Bücherverbrennung durch die Nazis am 10. Mai 1933 zum Opfer gefallen seien und ihre Lektüre sogar empfohlen würde, veröffentlichte er am 12. Mai 1933 in der Wiener Arbeiter-Zeitung den Artikel Verbrennt mich!

Ein Jahr später, 1934 – so hat es Graf selbst erzählt – seien seine Bücher in einer eigens für ihn angesetzten Bücherverbrennung im Innenhof der Münchner Universität nachträglich verbrannt worden. Wilfried F. Schoeller weist jedoch darauf hin, dass die Bücherverbrennung in einer Glosse in den Münchner Neuesten Nachrichten zwar angekündigt wurde; ob sie tatsächlich stattgefunden habe, sei aber unbewiesen. Grafs sämtliche Werke wurden in Deutschland verboten, er selbst wurde durch die am 29. März 1934 im Deutschen Reichsanzeiger veröffentlichte zweite Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs ausgebürgert. Seine Werke galten seitdem als Exilliteratur.

Im Februar war er nach Brünn in der Tschechoslowakei emigriert. Dann ging er nach Prag, wo er neben Anna Seghers und Wieland Herzfelde zur Redaktion der von Grete Weiskopf herausgegebenen Monatsschrift Neue Deutsche Blätter gehörte. Von hier nahm er 1934 in Moskau am 1. Unionskongress der Sowjetschriftsteller teil. In den ersten Jahren seines Exils entstanden die Romane Der harte Handel (1935) sowie Anton Sittinger (1937).

1938 floh er mit Mirjam Sachs über die Niederlande in die USA, wo er sich im Juli in New York City niederließ. Dort bewohnte Graf ein Appartement in der Hillside Avenue. Im Oktober desselben Jahres wurde er zum Präsidenten der German-American Writers Association ernannt. 1942 gründete er mit Wieland Herzfelde und weiteren emigrierten deutschen Schriftstellern den Aurora-Verlag, New York, der als Nachfolger des Malik-Verlages gilt. Außerdem schrieb er für die deutsch-jüdische Zeitung Aufbau.

Am 2. Oktober 1944 heirateten Oskar Maria Graf und Mirjam Sachs in New York City. Aus diesem Anlass ließ Graf sich von Karoline Bretting scheiden, mit der er bereits seit 1917 keinen Kontakt mehr hatte. 1943 hatte er in New York mit seinem Freund George Harry Asher einen Stammtisch für deutschsprachige Emigranten gegründet.

mini|hochkant|Oskar-Maria-Graf-Denkmal in Aufkirchen In den 1940er Jahren erschienen unter anderem der Roman Das Leben meiner Mutter (engl. 1940, dt. 1946), der als Grafs Hauptwerk gilt, sowie der pazifistische Roman Unruhe um einen Friedfertigen (1947). Hier liefert Graf minutiöse Darstellungen der oberbayrischen Provinz im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Er beschreibt die zersetzenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs und des aufkeimenden Nationalsozialismus.

Im Dezember 1957 erhielt Oskar Maria Graf die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Wegen seines kompromisslosen Pazifismus wurde aus der dabei abzulegenden Eidesformel der Absatz „Über die Verteidigungsbereitschaft mit der Waffe in der Hand“ gestrichen. Erst als er im Januar 1958 seine Einbürgerungsurkunde in Händen hielt, wagte er im Juni desselben Jahres erstmals nach dem Krieg wieder eine Europareise. Bis dahin hatte er befürchtet, dass ihm bei seiner Rückkehr die Einreise in die USA verweigert würde. Nach seiner Ankunft in München sollte er im Cuvilliés-Theater in der Münchner Residenz eine Lesung halten. Da er darauf bestand, dort in der kurzen Trachtenlederhose aufzutreten, verursachte er einen „mittleren Skandal“ in der Kulturszene der bayerischen Landeshauptstadt.Audio-Datei: Ein Bayer in New York – Oskar Maria Graf als US-Bürger. In: Bayern 2, Bayerisches Feuilleton, 24. Juni 2017, 53:31 Min.

mini|hochkant=0.6|Grafs Grab auf dem Bogenhausener Friedhof Am 11. November 1959 starb seine Frau Mirjam an Krebs; Graf hatte sie zuvor noch monatelang gepflegt. 1960 wurde ihm von der Wayne State University of Detroit in Anerkennung seiner kompromisslosen geistigen Haltung die Ehrendoktorwürde verliehen. Es folgte seine zweite Europareise.

1962 heiratete er seine dritte, ebenfalls jüdische Frau Gisela Blauner (1907–1996)Lebensdaten von Gisela Graf bei ancientfaces.com. aus Leipzig, damals UN-Angestellte in New York City.Zu Gisela Blauner, verheiratete Graf, siehe Begegnung mit Gisela Graf, in: Thomas Hartwig, Achim Roscher (Hrsg.): Die verheissene Stadt: deutsch-jüdische Emigranten in New York. Das Arsenal, Berlin 1986, ISBN 3-921810-66-3, S. 50–61, Inhaltsverzeichnis.

1964 unternahm er seine dritte Europareise mit Lesungen unter anderem in West- und Ostberlin. Zahlreiche Ehrungen folgten, unter anderem wurde er zum „korrespondierenden Mitglied der Akademie der Künste der DDR“ ernannt und „in Würdigung seines bedeutenden literarischen Werkes“ mit der Ehrengabe und Goldmedaille der Stadt München ausgezeichnet.

1965 reiste Graf letztmals nach Europa (Deutschland, Österreich, Schweiz). 1966 erschien seine Autobiographie Gelächter von außen. Aus meinem Leben 1918 bis 1933.

Oskar Maria Graf starb im Juni 1967 im Mount Sinai Hospital in New York. Ein Jahr nach seinem Tod wurde seine Urne nach München überführt und auf dem Alten Bogenhausener Friedhof beigesetzt (Grab Mauer links Nr. 42).

Ehrungen Nach ihm sind unter anderem das Oskar-Maria-Graf-Gymnasium in Neufahrn bei Freising, der Oskar-Maria-Graf-Ring in München und die Oskar-Maria-Graf-Straße in Nürnberg benannt.

In seinem Geburtshaus in der Grafstraße in Berg befindet sich das Oskar-Maria-Graf-Stüberl.

Graf als Schriftsteller mini|hochkant|Oskar Maria Graf (links) mit Gottlieb Branz, 1958 mini|Der Schreibtisch von Oskar Maria Graf, ausgestellt in der Monacensia Graf bezeichnete sich selbst als Provinzschriftsteller und mitunter als Bauerndichter. Das Kokettieren mit seiner bayerisch-bäuerlichen Herkunft war maßgeblicher Bestandteil seiner Außenwirkung. Seifert sieht darin eine „oft parodistische Selbstcharakteristik“, in der sich Grafs „doppelte Tendenz“ zeige, „sich mit baierisch-ländlichen Themen am Publikumsgeschmack zu orientieren und sich doch zugleich lustig darüber zu machen.“

Als größten Einfluss nannte Graf Lew Tolstoi, den er für seinen bäuerlichen Lebensstil und seine radikale Gesellschaftskritik bewunderte.