mini|Bild von Moritz von Schwind Von dem Machandelboom (Vom Wacholderbaum) ist ein Märchen (ATU 720). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 47 (KHM 47) auf Plattdeutsch. Bis zur 2. Auflage schrieb sich der Titel Van den Machandel-Boom, bis zur 4. Auflage Van den Machandelboom. Das Märchen geht auf Philipp Otto Runge zurück und erschien erstmals 1808 in Achim von Arnims Zeitung für Einsiedler als Von den Ma[c]handel Bohm.Von den Ma[c]handel Bohm. In: Achim von Arnim (Hrsg.): Zeitung für Einsiedler. Juli 1808, Sp. 229–237, (digi.ub.uni-heidelberg.de). Ludwig Bechstein übernahm es in sein Deutsches Märchenbuch 1845 als Nr. 64 Vom Knäblein, vom Mägdlein und der bösen Stiefmutter, 1853 als Nr. 66 Der Wacholderbaum. Zudem ist das Märchen auch im tschechischen und slowakischen Sprachraum bekannt.Oldřich Sirovátka (hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Tschechische Volksmärchen, Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1969, S. 32–35, 294, übertragen von Gertrud Oberdorffer.
Inhalt mini|Holzschnitt, Ludwig Richter mini|Holzschnitt, Ludwig Richter Die fromme Frau eines reichen Mannes wünscht sich beim Schälen eines Apfels unter dem Wacholderbaum, wobei sie sich in den Finger schneidet, ein Kind so rot wie das Blut und so weiß wie der Schnee. Sie wird schwanger, stirbt bei der Geburt des Sohnes und wird unter dem Baum begraben.
Nach der Trauer heiratet der Mann erneut, eine Frau, mit der er eine Tochter bekommt, die aber den Stiefsohn hasst. Als die Tochter einmal um einen Apfel bittet, bekommt sie ihn zunächst, als sie aber auch um einen für den Bruder bittet, nimmt die Mutter ihr den Apfel wieder weg und sagt ihr, sie solle auf ihren Bruder warten. Als dieser kommt und sich über die offene Truhe mit den Äpfeln bückt, schlägt die Stiefmutter ihm mit dem Deckel den Kopf ab. Erschrocken setzt sie ihn wieder auf, bindet dem Jungen ein Halstuch um und setzt ihn mit dem Apfel in der Hand vors Haus. Sie veranlasst die Tochter, ihm eine Ohrfeige zu geben, da er nicht antwortet, so dass der Kopf abfällt. Das Mädchen ist zutiefst bestürzt, die Mutter aber bereitet aus dem Knaben eine Mahlzeit, und die Tochter weint in den Topf hinein. Als der Vater hört, sein Sohn sei plötzlich zu Verwandten gegangen, ist er traurig, isst aber mit besonderer Hingabe die ganze Suppe.
Die Tochter sammelt die Knochen ein und legt sie weinend in ein Seidentuch unter den Baum. Da wird ihr leicht zumute, denn die Wacholderzweige bewegen sich wie Hände, es entsteht ein Feuer im Nebel und heraus fliegt ein schöner singender Vogel. Die Knochen sind weg. Der Vogel singt auf dem Dach eines Goldschmieds, eines Schusters und auf dem Lindenbaum vor einer Mühle. Auf die Bitten nach Wiederholung seines Liedes hin verlangt er eine Goldkette, rote Schuhe und einen Mühlstein, was er auch bekommt und nach Hause trägt. Danach singt er auf dem Wacholderbaum, wodurch dem Vater wohl, der Mutter aber angst wird. Er wirft dem Vater die Kette um den Hals und der Schwester die Schuhe zu. Beide freuen sich darüber, sodass auch die Mutter hinausgeht; ihr wirft der Vogel jedoch den Mühlstein auf den Kopf und erschlägt sie damit. Da ersteht aus Dampf und Flamme der Sohn wieder, und der Vater und die Kinder setzen sich vergnügt zum Essen.
Sprache und Stil mini|Illustration von Walter Crane, 1882 Das Märchen ist auf Plattdeutsch abgedruckt, das Lied des Vogels ab der 5. Ausgabe jedoch auf Hochdeutsch:
„Mein Mutter, der mich schlacht’, mein Vater, der mich aß, mein Schwester, der Marlenichen, sucht alle meine Benichen, bind’t sie in ein seiden Tuch, legt’s unter den Machandelbaum. Kywitt, kywitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!“
Marlenchens Tränen (vgl. KHM 12, 31, 179) parallelisieren die Blutstropfen der Mutter (vgl. KHM 53, 56, 89, 88). Der Wacholder bewegt die Äste wie danach der Vogel auf der Linde die Flügel. Dem Mord durch die Stiefmutter (vgl. KHM 11, 13, 15, 21, 53, 56, 135) folgt Auferstehung der Gebeine (vgl. KHM 28), jeweils besiegelt durch gemeinsames Essen. Wie die begrabenen Knochen will die Stiefmutter unter die Erde.
Diese Parallelen betonen einen Dualismus aus Gut und Böse, Treue gegen List. Dies wird untermauert durch christliche, aber auch heidnische Symbole wie den Sündenapfel (). Sein Fluch wird durch Tränen oder Salz getilgt. Zum Totenvogel vgl. KHM 96 De drei Vügelkens, ferner KHM 15 Hänsel und Gretel, KHM 28 Der singende Knochen, KHM 40 Der Räuberbräutigam, KHM 46 Fitchers Vogel, KHM 88 Das singende springende Löweneckerchen, KHM 105 Märchen von der Unke. Zum Tod durch den Mühlstein vgl. , , , , , . Vgl. in Giambattista Basiles Pentameron I,6 Die Aschenkatze, V,5 Sonne, Mond und Talia, V,9 Die drei Zitronen.
Grimms Anmerkung mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Grimms Anmerkung notiert die Herkunft von Runge, der es „nach der Volkserzählung aufgeschrieben“ habe, und nennt eine Variante nach Moné, wonach das Schwesterchen die Suppe kochen muss und sieht, wie Brüderchen das Händchen herausstreckt. Es begräbt die Knochen oder hängt sie zum Speicher hinaus. Das Vögelchen pfeift:
„mei Moddr hot mi toudt g'schlagn, mei Schwestr hot mi hinausgetragn, mei Vaddr hot mi gesse: i bin doch noh do! Kiwitt, Kiwitt.“
In der Pfalz erzähle man, dass die Kinder für Erdbeeren aus dem Wald einen Apfel bekommen sollten, Brüderchen lässt Schwesterchen an einen Baum gebunden zurück, da muss er es erst heimbringen (wohl ebenfalls nach Moné).
In Hessen laute der Vers:
„meine Mutter kocht mich, mein Vater aß mich, Schwesterchen unterm Tische saß, die Knöchlein all all auflas, warf sie übern Birnbaum hinaus, da ward ein Vögelein daraus, das singet Tag und Nacht.“
In Schwaben bei Meier Nr. 2:
„zwick! zwick! ein schönes Vöglein bin ich. Mein Mutter hat mich kocht, mein Vater hat mich geßt.“
Goethe habe das Lied für Faust sicher aus altem Hörensagen aufgenommen:
„meine Mutter die Hur, die mich umgebracht hat, mein Vater der Schelm, der mich gessen hat, mein Schwesterlein klein hub auf die Bein, an einem kühlen Ort, da ward ich schönes Waldvögelein, fliege fort, fliege fort!“Kerker. Gretchen. http://www.zeno.org/nid/20004853008
In Südfrankreich sei die Handlung gleich, das Lied laute nach „Feuilleton des Globe 1830 Nr. 146 von C. S.“:
„ma marâtre pique pâtre m'a fait bouillir et rebouillir. mon père le laboureur m'a mangé et rongé. ma jeune soeur la Lisette m'a pleuré et soupiré: sous un arbre m'a enterré, riou, tsiou, tsiou! je suis encore en vie.“
In einem schottischen Märchen bei Leyden pfeife der Geist eines Kindes als Vogel seinem Vater zu:
„pew wew, pew wew, (pipi, wiwi,) my minny me slew“
Vergleichbar sei Albert Höser in Blätter für literar. Unterhaltung 1849 Nr. 199. In Südafrika gebe es ein ähnliches Märchen. Grimms stellen etymologische Überlegungen an zu „Marleenken“ (Marianchen, Marie Annchen), „Machandel“ (Wacholder, auch Queckholder). Die Stiefmutter erinnere an viele andere Märchen, das in den Finger schneiden an Schneewittchen und eine Stelle in Parzival (dazu Altdeutsche Wälder 1, 1–13), das Knochensammeln an Osiris, Orpheus, Adalbert, KHM 81 Bruder Lustig, KHM 46 Fitchers Vogel, ein „altdän. Lied von der Mariböquelle“, die deutsche „Sage vom ertrunkenen Kind (1. St. 62)“, Der Pfaffe Amis, eine „Negersage von Nanni“. Zeus ersetzt das von Demeter gegessene Schulterblatt des Kindes durch Elfenbein, Thor belebt aufgezehrte Böcke „(Dämesage 38)“. Zum Mühlsteins vergleichen sie Fialar und Galar in der Edda und KHM 90 Der junge Riese.
Herkunft mini|Illustration von Louis Rhead, um 1917 Philipp Otto Runge schickte Johann Georg Zimmer, dem Verleger von Achim von Arnims Des Knaben Wunderhorn, in einem Brief vom 24. Januar 1806 das eigenhändig aufgezeichnete Märchen, zusammen mit einem weiteren, das als Von dem Fischer un syner Fru ebenfalls in Grimms Märchen eingehen sollte. Er gab in dem Brief an, sich an die mündliche Überlieferung gehalten zu haben, wie sie sich angehört hätte, und fand es „eigentlich wehmütig mehr wie traurig u geht oft in frostigkeit über“. Der Sprachform des Textes nach mischten sich vielleicht pommersche Kindheitserinnerungen mit neueren aus Hamburg. Runge hatte die Märchen wohl schon früher bei Erzählabenden wiedergegeben. Offenbar auf Achim von Arnims öffentlichen Aufruf hin, volksläufige Literatur einzusenden, schrieb er sie auf. Von Arnim veröffentlichte das Märchen nach Runges Aufzeichnung 1808 in seiner Zeitung für Einsiedler. Er ließ seinen Diener Frohreich eine Abschrift von Runges Handschrift machen, die erhalten ist. Das Original ging verloren. Johann Gustav Gottlieb Büsching veröffentlichte es 1812 als Von dem Mahandel Bohm unter Verbesserung der meisten Druckfehler erneut.Philipp Otto Runge, Jacob und Wilhelm Grimm: „Von dem Machandelboom“. „Von dem Fischer un syner Fru“. Zwei Märchen textkritisch herausgegeben und kommentiert von Heinz Rölleke. (= Schriftenreihe Literaturwissenschaft. Bd. 79). Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2008, ISBN 978-3-86821-045-3.
Der Erstdruck der Brüder Grimm von 1812 orientierte sich an Büschings und von Arnims Fassung (obwohl in der Erstauflage der Anmerkung noch behauptend, Runge habe es ihnen mitgeteilt). Er unterscheidet sich wiederum nur orthographisch und in der Schreibweise des Dialekts. Das bei von Arnim eher hochdeutsche Gedicht wurde ebenfalls in Dialekt umgeschrieben. Auch ihr Verleger Reimer nahm allerdings Änderungen vor. Ab der 5. Auflage von 1843 übernahmen die Brüder Grimm stattdessen eine von Runges Bruder Daniel 1840 gedruckte Überarbeitung, mit der er sich nach seiner Aussage am Hamburger Dialekt orientieren wollte. Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch bringt den Text ab 1853 als Der Wacholderbaum auf Hochdeutsch, zuvor ab 1845 sehr kurz als Vom Knäblein, vom Mägdlein, und der bösen Stiefmutter. Ernst Heinrich Meiers Das Vöglein auf der Eiche in Deutsche Volksmärchen aus Schwaben (1852), Nr. 2, das die Brüder Grimm in ihrer Anmerkung nennen, beschränkt sich auf das Motiv des gekochten Kindes, das als Vogel singt, die Eiche fällt um und erschlägt die Frau.Ernst Meier: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. Hofenberg, Berlin 2015, ISBN 978-3-8430-3150-9, S. 16.
Eine tschechische Version des Sammlers Jan František Hruška, die aus dem Chodengebiet stammt und mit zahlreichen slowakischen Varianten übereinstimmt, erhielt im Deutschen den Titel Brüderchen Vogerl.
Typisierung und verwandte Märchen mini|Illustration von Kay Nielsen, 1921 Vom Machandelbaum gehört zu den Stiefmuttermärchen wie Schneewittchen oder Aschenputtel, es ist auch verwandt mit Geschwistermärchen wie Brüderchen und Schwesterchen, wo die Schwester den Bruder verliert und erlöst.