mini|Außenansicht der Roten Flora im Dezember 2023 Die Rote Flora ist ein Autonomes Zentrum im seit November 1989 besetzten Restgebäude des ehemaligen Flora-Theaters am Schulterblatt 71 im Schanzenviertel des Hamburger Stadtteils Sternschanze. Es gilt wie die besetzten Gebäude der Hafenstraße als symbolträchtiger Ort der Autonomen-Szene Hamburgs sowie als Ausgangspunkt überregionaler sozialer, kultureller und politisch motivierter Aktivitäten der Radikalen Linken.

Geschichte des Floratheaters Vorläufer mini|Schmidt’s Tivoli am Schulterblatt, 1864, Vorgängerbau des Concerthaus Flora Während der Franzosenzeit 1806 bis 1814 waren sämtliche 26 in dieser Gegend stehenden Gebäude von napoleonischen Truppen zur besseren Verteidigung der Sternschanze niedergebrannt worden.

Im Jahr 1835 eröffnete ein Sommertheater mit Ausflugsgarten auf der Altonaer Seite des Schulterblatts. Es war mit einer einfachen, unüberdachten Holzbühne ausgestattet. Altona unterstand zu der Zeit dem dänischen König; auf der gegenüberliegenden Straßenseite begannen das Gebiet des Rosenhofes, des Dorfes Eimsbüttel und des Hamburger Bergs, der ab 1833 als St. Pauli-Vorstadt unter Hamburger Verwaltung stand. Das Schulterblatt war zu jener Zeit eine relativ spärlich bebaute Landstraße in Richtung Pinneberg.

1855 kaufte der Gastronom H.F.P. Schmidt das Gelände, ließ eine neue Bühne und einen Fachwerkrundbau errichten und im Garten einen Teich, Schaukeln, Tierkäfige und Karussells anlegen. Es eröffnete 1859 als Schmidt’s Tivoli und soll zu diesem Anlass 4000 Besucher gehabt haben. Das Programm bot Possen, Lustspiele und Opern. Ein Besitzerwechsel brachte 1869 die Neugestaltung und Umbenennung in Damm’s Tivoli mit sich. Nun wurden „Brillantfeuerwerke und italienische Nächte“ geboten. In den 1880er-Jahren wurde der Fachwerkbau abgerissen.

Konzerthaus und Theater mini|Concerthaus Flora mit dem Crystallpalast, um 1895 mini|Das Floratheater am Schulterblatt, um 1900 Im Jahr 1888 errichteten die Kaufleute Theodor Mutzenbecher und Lerch das Gesellschafts- und Concerthaus Flora an Stelle des Tivolis; es wurde am 2. Juni 1889 eröffnet. Der neue Name wurde von der – zuletzt zum Walfänger umgerüsteten – Bark Flora übernommen, welche abgetakelt als schwimmendes Bier- und Tanzlokal an der Norderelbe vertäut sehr beliebt war, bis sie 1888 abgewrackt wurde. Es entstand ein Komplex aus Gesellschaftsräumen, Konzertsaal, Wiener Café und Wintergarten. Im ersten Obergeschoss waren kleinere Säle für Privatgesellschaften, im zweiten Obergeschoss Mietwohnungen und unter dem Dach Räume für das Dienstpersonal. Im Garten konnte das gehobene Publikum lustwandeln. Das Gelände erstreckte sich vom Schulterblatt bis an die Häuser der heutigen Lippmannstraße und der Eifflerstraße, etwa auf dem Areal des heutigen Flora-Parks.

1890 wurde das Ensemble um eine Konzerthalle erweitert: Im Garten hinter den ein- und zweigeschossigen Häusern der Juliusstraße entstand aus einer für die Pariser Weltausstellung von Gustave Eiffel geschaffenen Stahl-Glas-Halle, der sogenannte Crystallpalast, eine leichte Eisenfachwerkkonstruktion des Jugendstils mit weitem, überhöhtem Mittelschiff und zwei Seitenschiffen, gewächshausartig verglast.

1895 verkauften Mutzenbechers Erben das Hauptgrundstück an die Hamburger Volksbank; weitere Um- und Neubauten folgten. Es konnte erfolgreich als Theater und Varieté weitergeführt werden. Am Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb der Operettenkomponist Paul Lincke den Flora-Marsch:

Nach dem Ersten Weltkrieg zeichnete sich der Niedergang der großen Vergnügungshäuser auch für die Flora ab. 1921 wurde das erste Obergeschoss an die Elsami-Orient – Tabak und Cigarettenfabrik vermietet und nach deren Konkurs 1924 ab 1925 an die Berlitz School of Languages. Ab 1926 gab es ein modernes Kinovarieté im hinteren Teil des Gebäudes; legendär wurde ein aus Glühlampen geschaffener Sternenhimmel. Um diese Zeit fanden Auftritte mit Siegfried Arno, Hans Albers, Zarah Leander und Johannes Heesters statt. Ende der 1920er Jahre (Weltwirtschaftskrise) musste der Konkurs angemeldet werden. Unter neuer Führung wurde ein neues Programm angeboten; unter anderem sollten Ringkämpfe das Publikum anlocken.

1936/1937 wurde das hintere Ballhaus zu einer Garagenhalle umgebaut; in den Obergeschossen einschließlich des Dachgeschosses wurden 23 Kleinwohnungen geschaffen. 1941 entstand im Flora-Garten ein Hochbunker für 700 Personen. Im Zweiten Weltkrieg, während der Luftangriffe auf Hamburg, blieb die Flora weitgehend unbeschädigt; nur die Garagenhalle wurde zerstört. Bis 1943 wurde das Theater bespielt. Danach wurde es geschlossen und für die Lagerung von Möbeln ausgebombter Hamburger genutzt. 1949 konnte sie nach einer geringfügigen Renovierung wieder eröffnen; gespielt wurde die Revue Die lustige Witwe.

Kino Bereits in den 1920er Jahren wurden gelegentliche Filme als Ergänzung zum Varietéprogramm vorgeführt, was sich zu einem prägenden Programmpunkt der Flora entwickelte. Am 24. September 1926 wurde die Flora als Kino-Varieté mit der im gleichen Jahr entstandenen Stummfilmkomödie Die Kleine vom Varieté eingeweiht. Nach dem Umbau des ehemaligen, 1397 Sitzplätze fassenden Theatersaals zum reinen Kino, unter der Leitung des Architekten Hans Schneider, wurde die Flora am 15. August 1953 als „Flora-Filmpalast“ von August Battmer und seinem Teilhaber Johann WetzelNach Tötenberg, Reissmann: Johannes Betzel eingeweiht. Der Saal bot 1003 Sitzplätze, aufgeteilt in Parkett, Rang und Loge. Auf dem Vordach wurde der Neonschriftzug „Flora“ angebracht, an der rechten Seite ein Vorführraum angebaut, der bis heute erhalten ist. Mit dem Slogan: „Eines der größten Bezirkserstaufführungstheater an der Grenze zwischen Hamburg und Altona mit gutem Publikum“ warb das Flora-Filmtheater um seine Kinogäste. Im Februar 1963 wurde der Spielbetrieb eingestellt und das Kino geschlossen. 2017 eröffnete im Nachbargebäude das SchanzenKino 73 als weltweit erstes Kopfhörerkino, bei dem Besucher die Sprachversion des Films individuell wählen können.

Warenhaus mini|1000 Töpfe, vor 1985 mini|1000 Töpfe, vor 1985 1964 kaufte die Sprinkenhof AG als Grundstücksgesellschaft der Stadt Hamburg das Gebäude und vermietete es an die Kaufhauskette „1000 Töpfe“. 1974 wurden das Dachgeschoss und das zweite Obergeschoss abgetragen und durch ein Flachdach ersetzt. 1979 gab es Planungen, im Gebäude der Flora eine Ausweichstelle für das zu renovierende Schauspielhaus einzurichten. Angesichts geschätzter Kosten in Höhe von 4,7 Millionen DM wurde das Vorhaben als zu teuer verworfen. Ein Jahr später plante das Klecks-Theater zusammen mit dem Filmhaus einen Umbau und die Wiederbelebung der Flora als Theater, den Aufbau eines neuen 2. Stockwerks und die Errichtung von Werkstätten. Auch für diese Planungen fand sich nach einem Kostenvoranschlag von 9 Millionen DM kein Investor.

Teilabriss 1987 wurde der Musical-Produzent Friedrich Kurz auf das Gebäude aufmerksam. Kurz trat an die Stadt Hamburg mit dem Wunsch heran, das Gebäude zum Musical-Theater umzubauen. Er wollte dort ab 1989 das Musical Das Phantom der Oper aufführen. Ende 1987 zog 1000 Töpfe aus. Innerhalb weniger Monate regte sich Widerstand gegen die Musicalpläne. Ein Bündnis von Anwohnern, Gewerbetreibenden und autonomen Gruppen organisierte Proteste und äußerte die Befürchtung, mit einem Musicaltheater an dieser Stelle könnten Mieten für Gewerbe und Wohnraum steigen.

Im April 1988 wurde der größte Teil des historischen Floratheaters abgerissen.

Nur der Eingangsbereich des Floratheaters sollte erhalten werden; dahinter sollte ein Neubau mit der neuen Musicalspielstätte entstehen. Nach zahlreichen Aktionen, einer Platzbesetzung im Juni 1988 und militanten Anschlägen gegen die Baustelle gaben die Investoren das Musicalprojekt im September 1988 an dieser Stelle auf. Stattdessen wurde die Neue Flora gebaut.

Geschichte des Stadtteilkulturzentrums Hausbesetzung und Stadtteilprojekt mini|Rote Flora, Juni 1996 Bis zum Sommer 1989 stand das Restgebäude leer. Lediglich Initiativen aus dem Stadtteil bemühten sich in sogenannten Winterfestmachaktionen um den provisorischen Erhalt des Restgebäudes. Im August 1989 bot die Stadt den Initiativen überraschend einen befristeten sechswöchigen Nutzungsvertrag an, um die Vorstellung einer alternativen Nutzung als Stadtteilzentrum öffentlich zu präsentieren. Die Gruppen gingen auf dieses Integrationsangebot zunächst ein. Nachdem am 23. September 1989 die Rote Flora offiziell eröffnet wurde, wurde sie am 1. November 1989 für besetzt erklärt. Seitdem wird das Gebäude als kultureller und politischer Treffpunkt genutzt. Die Belange des Projekts werden im Rahmen der Selbstverwaltung organisiert.

1990 und 1991 errichteten die Nutzer der Roten Flora auf dem hinter dem Restgebäude liegenden Freigelände – dem ehemaligen Bauplatz – in Eigenarbeit einen Park. Die Stadt wollte an dieser Stelle nunmehr sozialen Wohnungsbau verwirklichen. Im Juli 1991 wurde in einem großangelegten Polizeieinsatz mit über 1000 Beamten der Park geräumt.

Im August 1992 trat die damalige Senatorin für Stadtentwicklung, Traute Müller (SPD), im Auftrag des Hamburger Senats an die Rote Flora mit der Aufforderung heran, binnen sechs Wochen einen Vertrag über die Nutzung des Gebäudes mit der Stadt Hamburg zu unterzeichnen. Andernfalls würde das Projekt geräumt. Die Verhandlungen zogen sich ohne eine abschließende Einigung über sechs Monate hin. Die angedrohte Räumung wurde nicht vollzogen; die Rote Flora blieb besetzt. Nach einem großen Brand im November 1995 wurde sie von Besetzern in Eigenarbeit wieder instand gesetzt.

Verkauf und Privatbesitz mini|Rote Flora, Juni 2002 Im Herbst 2000 wollte der damalige rot-grüne Hamburger Senat unter Bürgermeister Ortwin Runde erneut Verhandlungen über eine vertragliche Absicherung der Gebäudenutzung führen. Anlass war der anstehende Bürgerschaftswahlkampf 2001, in dem die Opposition die seit elf Jahren andauernde Besetzung der Roten Flora zum Wahlkampfthema machen wollte. Das Nutzerplenum der Roten Flora lehnte das Vertragsangebot nach kontroversen internen Diskussionen ab. Im März 2001 verkaufte der Senat der Stadt Hamburg überraschend das Haus für 370.000 DM an den Immobilienkaufmann Klausmartin Kretschmer, der beim Kauf zusicherte, am Status der Roten Flora nichts ändern zu wollen. Ohne Zustimmung des Senats kann die Rote Flora nicht weiterverkauft werden.

Kretschmer gab 2012 an, er habe für das Gebäude ein Angebot von 20 Millionen Euro und könne sich vorstellen, das Gebäude zu verkaufen. Der Bezirk Altona erließ daraufhin eine „Veränderungssperre“ für das Gebäude und legte fest, dass eine dauerhafte kommunale Nutzung gegeben sein müsse.

Seit dem Todesfall Achidi John Ende 2001 wird der Platz vor der Roten Flora umgangssprachlich auch Achidi-John-Platz genannt.

Im November 2004 wurde in einer Festwoche das 15-jährige Bestehen der Besetzung gefeiert.

Demonstrationen gegen den G8-Gipfel und Hausdurchsuchungen