mini|Östliche Spandauer Vorstadt und frühere Scheunengassen (rot) in Berlin-Mitte
Das Scheunenviertel in Berlin-Mitte nordwestlich des Alexanderplatzes ist der umgangssprachliche Name für ein Stadtviertel räumlich diffuser Ausbreitung, es war im frühen 20. Jahrhundert ein verrufenes Armenviertel, später Symbolort Jüdischen Lebens in Berlin. Um 1700 zunächst mit Scheunen, Gärten und später mit Mietshäusern bebaut, entstand der Name im ausgehenden 19. Jahrhundert als Pejorativum für die Altstadtgassen um den heutigen Rosa-Luxemburg-Platz. Nachdem 1906 ein Flächenabriss die historische Struktur der ehemaligen Scheunengassen vollständig zerstört hatte, wurde der Name Scheunenviertel ab der Weimarer Republik auf benachbarte Teile der östlichen Spandauer Vorstadt übertragen. Dort lagen in den 1920er Jahren die am dichtesten besiedelten Straßen Berlins, sie waren zentraler Zufluchtsort für jüdische Vertriebene aus Osteuropa. Vielfach literarisch beschrieben und mehrfach zerstört und überbaut, gilt das Scheunenviertel heute als unscharf umrissener „Ort, der vor allem von der Imagination lebt“.Anne-Christin Saß: Scheunenviertel. In: Stiftung Jüdisches Museum (Hrsg.): Berlin Transit. Wallstein, Göttingen 2012, S. 44.
Lage Als Scheunenviertel galt 2025 „der östliche Teil der Spandauer Vorstadt“.Scheunenviertel, Hauptstadtportal des Landes Berlin, berlin.de (Abgerufen am 18. Juni 2025) Der Name war historisch für verschiedene Stadtquartiere unterschiedlicher Ausdehnung gebräuchlich.
Das Scheunenviertel der alten Scheunengassen Am Ort der heutigen Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz entstand im späten 17. Jahrhundert in ländlicher Umgebung zunächst ein Scheunenfeld. Es lag damals etwa fünfhundert Meter nördlich des Berliner Stadttors Georgentor und nahe dem späteren Schönhauser Tor der Berliner Akzisemauer.
Dieses gut fünf Hektar große Gebiet wurde ab 1800 zunehmend mit Wohnhäusern bebaut und mit dem Verschwinden der Scheunen um 1890 bekannt als Scheunenviertel. Die Stadt Berlin ließ dieses Viertel von 1906 bis 1908 mit einer Kahlschlagsanierung fast vollständig abreißen.
Die ehemaligen Scheunengassen wurden historisch wechselnden Stadtteilen zugeordnet, 1738 lagen sie zunächst in der KönigstadtMatthäus Seutter: Berlin die Praechtigst. u. maechtigste Hauptstatt dess Churfürstenthums Brandenburg. Berlin 1738. dann zeitweilig im Spandauer Viertel, ab spätestens 1812 wieder in der Königstadt im Prenzlauer Thor-Bezirk.Sachs Salomo: Allgemeiner Strassen- und Wohnungs-Anzeiger für die Residenzstadt Berlin. Berlin 1812, Abschnitt Königs-Viertel ab S. 372.C.Birk: Situations-Plan der Haupt- und Residenzstadt Berlin mit nächster Umgebung. Verlag Simon Schopp, Berlin 1864 Eine Verwaltungsreform versetzte die Gassen ab 1865 ins Spandauer Revier,Uebersicht der neuen sechzehn Stadtbezirke im Stadtteil Spandauer-Revier. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin. 6. Jahrgang, Nr. 27, Sittenfeld, Berlin 2. Juli 1865, S. 317. (Die Gassen lagen in den Stadtbezirken Nr. 139 „Linienstraßen-Bezirk“ und Nr. 140 „Grenadierstraßen-Bezirk“) ab 1884 wieder umbenannt in Spandauer Viertel,Neue Eintheilung der Stadtbezirke. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 25. Jahrgang, Nr. 11, Sittenfeld, Berlin 16. März 1884. S. 135. (Stadtbezirke nun namenlos, Nummern 202 bis 205.) mit der damaligen Prenzlauer Straße als östlicher Stadtteilgrenze. Seit 1920 gehört das Gebiet zu Berlin-Mitte.
Das Jüdische Scheunenviertel in der Spandauer Vorstadt Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde der Name Scheunenviertel auf einige südwestlich der alten Gassen gelegene Straßen übertragen, um 1920 zunächst auf die Umgebung der GrenardierstraßeDas neue Gesicht des Scheunenviertels. Zwei Teile. In: Vorwärts, 1. Beilage, 14. April 1929, S. 5–6 und 21. April 1929, S. 5–6. (seit 1951: Almstadtstraße), später auch das Gebiet weiter westlich bis zur Rosenthaler Straße.Amtliche Nachrichten des Polizeipräsidiums in Berlin: Verbotene Lokale – IV5069 – vom 21. Juni 1938. Ausgabe 1938, Nr. 20, 28. Juni 1938, S. 9. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts war der Name Scheunenviertel zeitweilig für die gesamte Spandauer Vorstadt gebräuchlich.Scheunenviertel Berlin. Stadtteilführer. Edition Scheunenviertel, Verlag Neues Leben, Berlin 1993, ISBN 3-355-01385-4.Ulrike Steglich u. a.: Das falsche Scheunenviertel. Ein Vorstadtverführer. Seifert, Berlin 1994, ISBN 978-3-930265-00-8.
In der DDR-Presse galt der Begriff Scheunenviertel nicht nur als Ortsbezeichnung, sondern auch als Ausdruck der Geringschätzung für ein baufälliges „Erbe des Kapitalismus“.Haus in Hundert Tagen – Ehemaliges „Scheunenviertel“ wird moderne Wohngegend. In: Neue Zeit. Berlin 3. Mai 1968, S. 6. Über die Spandauer Vorstadt hinaus wurde der Name auch für Abriss- und Sanierungsgebiete im westlichen Friedrichshain und südlichen Prenzlauer Berg gebraucht.Erwin Nippert: Wohnungselend im „Scheunenviertel“. In: Berliner Zeitung, Berlin 16. März 1966, S. 11.Peter Niecke: Zwar nur ein Spielplatz, aber… – Wende im „Scheunenviertel“. In: Berliner Zeitung, Berlin 11. Oktober 1958, S. 6.Günter Koch: Wir freuen uns über gefräßige Bagger... Wahlaussprache von Bürgern des ehemaligen „Scheunenviertels“ mit Oberbürgermeister Fechner. Berliner Zeitung, Berlin 4. November 1971, S. 3. Nach der politischen Wende erfolgte eine Bedeutungsumkehr: Vor allem in den 1990er Jahren gab es eine „sehr häufige Gleichsetzung der gesamten Spandauer Vorstadt mit dem Scheunenviertel […]. Die Überbetonung des ostjüdischen Anteils erwies sich […] als erfolgreiches Marketing, das die Besonderheit und Weltläufigkeit [der Spandauer Vorstadt] unterstrich.“Harald Bodenschatz (Hrsg.): Renaissance der Mitte. Braun, Berlin 2005, S. 279.
Die Geschichte des sich ausdehnenden jüdischen Scheunenviertels als anfangs realem, später abstraktem und schließlich imaginiertem Stadtraum war ab 2008 zentraler Gegenstand eines Forschungsbereichs am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin.Charlottengrad und Scheunenviertel Publikationsliste des Forschungsbereichs des Osteuropa-Instituts der FU Berlin. (PDF, 45 kB) (Abgerufen am 23. Juli 2025)
Geschichte: Das Scheunenviertel in Preußen
18. Jahrhundert: Scheunen und herrschaftliche Gärten 1672 untersagte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm aus Gründen des Brandschutzes den Unterhalt von Scheunen in der Stadt und ordnete ihren Neubau außerhalb der Festungsmauern an:
Die Anzahl der Scheunen vor den Toren wuchs daraufhin rasch an, da zu dieser Zeit „fast jeder Einwohner, der einen nur ziemlich bedeutenden Hausstand hatte, selbst höhere Staatsbeamte, Viehzucht und Ackerbau trieb.“ Noch zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren im Zollgebiet rings um die Berliner Innenstadt knapp viertausend Scheunen und Ställe registriert.Berliner Chronik vom Jahre 1841. In: J. W. Boike's allgemeiner Wohnungsanzeiger für Berlin. Ausgabe 1842, S. 14.
Palais zwischen Scheunen und Baracken
Zu den ersten Wegen auf das Scheunenfeld vor dem Georgentor gehörten die HirtengasseSeit 1861: Hirtenstraße. am Kuhhirtenhaus des Magistrats sowie die Lange Scheunengasse, erstmals erwähnt 1693. Diese führte von der Contrescarpe der Berliner Festung an der heutigen Memhardtstraße nordwärts bis zur späteren Linienstraße. Wenige Schritte westlich am Ort der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße befand sich ab 1731 das Palais des Generals Egidius von Sydow,Adreß-Kalender der Königlich Preußischen Haupt- und Residenz-Städte Berlin und Potsdam. Berlin 1732, S. 45 (5). als sein Architekt gilt Philipp Gerlach. Das Palais lag inmitten einer ausgedehnten, etwa ein Hektar großen Gartenlandschaft, die von der Contrescarpe stadtauswärts bis zur Hirtengasse am Scheunenfeld reichte.Königliches Lithographisches Institut: Plan von dem Grundstücke des Königl: Lithographischen Instituts. Berlin 1857. Staatsbibliothek zu Berlin: Kart. X 19595. (Gesamtgröße des Grundstücks: 887 Quadratruthen)
Südlich des Palais’ – zwischen Festungsgraben und der alten Stadtmauer – befanden sich damals zahlreiche Baracken,Aus der Garnison Berlin. In: Georg Hiltl u. a. (Hrsg.): Der Bär. Berliner Blätter für vaterländische Geschichte und Alterthumskunde. 3. Jahrgang, Nr. 8, Berlin 15. April 1877, S. 73–75. in die von Sydow mehrere hundert Soldaten einquartieren ließ,Ludwig Geiger: Geschichte der Juden in Berlin. Guttentag, Berlin 1871, S. 49. bevor König Friedrich Wilhelm I. im Rahmen seiner Judenordnung 1737 eine Umsiedlung befahl:
1774 erwarb Staatsminister Karl Abraham von Zedlitz das Palais, ließ es durch Carl Gotthard Langhans ausbauen und versah es mit einer äußerst aufwendigen Innenausstattung.Friedrich Nicolai: Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, aller daselbst befindlicher Merkwürdigkeiten, und der umliegenden Gegend. Zweyter Band. Nicolai, Berlin 1786, S. 864. 1778 war Johann Wolfgang Goethe zu Gast. Um 1803 arbeitete dort als Hauslehrer Karl August Varnhagen, er beschrieb das Gebäude als „schlossähnlich“ und das gut einhundertfünfzig Meter lange Gartengrundstück als „grünen und blühenden Bezirk“ in einem „weiten Raume heiterster Mannigfaltigkeit“.Hans Pappenheim: Münzstraße 20. Zur Geschichte eines verkannten Stadtteils. in: Bruno Harms u. a. (Hrsg.): Der Bär von Berlin. Jahrbuch des Vereins für die Geschichte Berlins. Fünfzehnte Folge, 1966. Arani, Berlin 1966, S. 7ff. Auch auf dem westlichen Scheunenfeld lagen um 1781 große Gärten, darunter der von Oberbaurath Michael Philipp Boumann nahe der Linienstraße, sowie der Garten der Adelsfamilie von Puttkamer an der Hirtengasse.Ernst Fidicin: Berlin, historisch und topographisch. C.H. Jonas, Berlin 1843, S. 97. Am Ort der späteren Gemeindeschule befand sich der Garten des Mediziners Johann Friedrich Fritze.Karl von Neander von Petersheiden: Anschauliche Tabellen von der gesamten Residenz-Stadt Berlin. Berlin 1799, S. 50, 156. (Adresse 1799: Hirtengasse 3)
Die Scheunengassen In der Stadtbeschreibung von Georg Gottfried Küster fanden 1756 bereits zwei Scheunen-Gassen Erwähnung,Georg Gottfried Küster: Des alten und neuen Berlin. Dritte Abtheilung, Berlin 1756, Sp. 88. (Erwähnt werden das Scheunen-Feld, sowie eine kleine und große Scheunen-Gasse.) bis 1799 wuchs ihre Anzahl auf sechs. Sie verliefen in Nord-Süd-Richtung zwischen den Scheunen, verbunden durch zwei kleinere Quergassen.Karl von Neander von Petersheiden: Anschauliche Tabellen von der gesamten Residenz-Stadt Berlin. Berlin 1799, S. 50, 56; 154–156.
mini|hochkant|Scheunengassen im Sineck-Plan, 1856
Erste Scheunengasse, knapp neun Meter breit,Baugewerks-Zeitung, II. Jahrgang, No. 52, Berlin 25. Dezember 2870, S. 421. (Breite: 28 Fuß) 325 Schritte lang,Längenangaben nach: Johann Christian Gädicke: Lexicon von Berlin. Gädicke, Berlin 1806, S. 281, 536–537. (1861–1906: Füsilierstraße) Zweite Scheunengasse, 245 Schritte lang, (1860–1906: Amalienstraße) Dritte Scheunengasse, 225 Schritte, (1861–1906: Koblankstraße, auch: Koblanckstraße) Vierte Scheunengasse, 250 Schritte, (1862–1906: Weydingerstraße) Lange Scheunengasse, 560 Schritte, (ca. 1800–1847: Jacobsstraße, seit 1847: Kleine Alexanderstraße) Kurze Scheunengasse, 225 Schritte, (1857–1864: Bülowstraße, seit 1864: Bartelstraße)
sowie die zwei kleinen Verbindungsgassen: Kleine Scheunengasse, 100 Schritte lang, zwischen Erster und Zweiter Scheunengasse (teils auch der Ersten Scheunengasse und später der Füsilierstraße zugerechnet) Kleine Scheunen-Queer-Gasse, 125 Schritte, zwischen Zweiter und Dritter Scheunengasse
mini|hochkant=1.1|Palais mit Garten zur Hirtengasse, 1857