mini|Sitz der Ratingagentur Scope in Berlin Ratingagenturen () sind private Unternehmen, die gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit (Bonität) von Staaten und deren untergeordneten Gebietskörperschaften, Unternehmen, Finanzinstrumenten, Finanzprodukten und Forderungen bewerten. Der Vorgang der Bonitätseinstufung sowie das Resultat desselben wird Rating genannt, die vergebene Bonitätsstufe (Ratingklasse) wird abkürzend mit einem Ratingsymbol oder Ratingcode bezeichnet.
Allgemeines Die Agenturen fassen das Ergebnis ihrer Untersuchung (Rating) in einer Buchstabenkombination (Ratingcode, kurz auch nur Rating) zusammen, die in der Regel von AAA bzw. Aaa (beste Qualität) bis D (zahlungsunfähig) reicht. Die Ratingcodes spiegeln dabei zunächst nur eine Rangfolge wider. Außerdem wird im Rating auch die Widerstandsfähigkeit gegen Konjunkturschwankungen berücksichtigt, sodass zumindest höhere Ratings auf ein dauerhaft stabiles Unternehmen hinweisen.BMWi: Schlaglichter der Wirtschaftspolitik, Monatsbericht Dezember 2010, "Machtvolle Berater", S. 10 f.
Ratingagenturen, die sich innerhalb der Europäischen Union zur Bewertung bestimmter Risiken auf Finanzmärkten förmlich anerkennen lassen, werden als External Credit Assessment Institution (ECAI) bezeichnet. Ratingagenturen unterliegen in der Regel staatlicher Aufsicht. So kann ohne Genehmigung der EU in Europa keine Ratingagentur gegründet werden. Die EU kann Agenturen bei Verstößen gegen EU-Recht die Lizenz entziehen. Die Aufsicht über die Agenturen liegt bei der europäischen Wertpapieraufsicht European Securities and Markets Authority (ESMA) und den Behörden der Mitgliedsstaaten.
Anforderungen an Ratings Marktteilnehmer am Geld- und Kapitalmarkt (Anleger, Kreditinstitute und Versicherungen) und Gläubiger haben ein Interesse daran, dass die Bonität ihrer Schuldner von unabhängigen und fachkundigen Dritten untersucht wird. Dazu muss von den Agenturen die Wahrscheinlichkeit gemessen werden, ob und inwieweit die Finanzprodukte am Fälligkeitstag vollständig (nebst Zinsen) zurückgezahlt werden.
Die Ratingaktivitäten der Agenturen müssen im Einklang mit den Grundsätzen der Integrität, Transparenz, Rechenschaftspflicht, Verlässlichkeit und guten Unternehmensführung stehen und müssen unabhängig, objektiv und von angemessener Qualität sein.
Geschichte
Betrug und Insolvenzen – selbst von Banken – kamen zu Beginn des 19. Jh. im durch Mobilität und Einwanderung geprägten amerikanischen Westen häufiger vor als in den statischen, durch gefestigte Herrschaftsstrukturen geprägten Gesellschaften Europas, in denen das Ideal des "ehrenwerten Kaufmanns" gepflegt wurde. 1841 gründete Lewis Tappan die Mercantile Agency, die gegen Entgelt mithilfe von Spitzeln und anonymer Informanten (darunter Rechtsanwälte oder Kassierer) Geschäftsprofile erstellte. 1857 beschäftigte die Mercantile Agency bereits 200 solcher Informanten. Henry Varnum Poor perfektionierte dieses System bei Eisenbahngesellschaften, veröffentlicht 1868 im Manual of the Railroads of the United States, das Anleger und potentielle Anleger über die Eisenbahngesellschaften informierte.Standard & Poor’s Corporate History, 1997, S. 4 Ein systematisches Rating für die US-Eisenbahngesellschaften folgte ab 1909 durch John Moody, den Gründer der Agentur Moody’s. Seit März 1918 gibt es bei Moody’s ein Rating für Staatsanleihen („Emissionsrating“; nicht für die Staaten selbst), über 120 Staatsanleihen wurden bereits 1929 durch die Agenturen geratet.Norbert Gaillard, A Century of Sovereign Ratings, 2011, S. 4 Im April 1919 definierte Moody’s diese Ratings als die relative Kreditwürdigkeit einer Regierung mit den Komponenten der Fähigkeit (Kreditfähigkeit) und des Willens zur Schuldenrückzahlung. Die Agenturen versäumten 1931 die Vorhersage der Staatsschuldenkrisen und überreagierten in der Folge mit massiven Herabstufungen.Norbert Gaillard, A Century of Sovereign Ratings, 2011, S. 106 Im Februar 1936 ordnete die US-Bankenaufsicht () an, dass die Banken nur noch Emissionen und Forderungen mit einem Mindest-Rating () übernehmen durften, und löste damit einen Zwang zur Übernahme externer Ratings aus.
Das weltweite Wirtschaftswachstum ab 1958 in Industrieländern veranlasste die 1941 aus einer Fusion hervorgegangene Standard & Poor’s zwischen 1968 und 1974 zur Einstellung der Ratings staatlicher Emissionen. S & P gehört seit 1966 zum US-Medien-Konzern McGraw-Hill Financial, Fitch gehört mehrheitlich der französischen Fimalac Holding S.A. (60 %) und restlichen 40 % der Hearst Corporation. Einzige börsennotierte Agentur ist Moody’s.
Im Juli 1975 setzte die US-Börsenaufsicht (United States Securities and Exchange Commission) fest, dass die Rating-Agenturen die einzigen sein sollten, die die gesetzliche Verpflichtung der Unternehmen erfüllen dürfen, sich bewerten zu lassen, ehe sie für den amerikanischen Kapitalmarkt zugelassen werden. Dies musste von mindestens zwei zugelassenen Rating-Agenturen geschehen. Zugelassen wurden dafür ausdrücklich nur Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch Ratings.gemäß SEC rule 15c3-1 so genannte Nationally Recognized Statistical Ratings Organizations (NRSRO). Als sich die Länderrisiken besonders in Entwicklungsländern häuften, begannen die Agenturen 1982 mit Länderratings, 1986 startete Moody’s die Bewertung von Fremdwährungsrisiken.Norbert Gaillard, A Century of Sovereign Ratings, 2011, S. 9
Im Jahre 1988 entstand unter Führung der Deutschen Bank und der Börsenzeitung eine deutsche Rating-Initiative. Sie strebte eine europäische Ratingagentur an. Daher entstand 1991 die Projektgesellschaft für Europäisches Rating mbH mit dem Ziel, eine europäische Agentur zu gründen. Der alleinige Gesellschafter war die Herausgebergemeinschaft Wertpapier-Mitteilungen Keppler, Lehmann GmbH & Co. An diesem Gesellschafter waren mehrere Banken beteiligt. Die Initiative blieb jedoch ohne Erfolg,Christopher Borchers: Aufsichtsfunktionen in privater Hand – Rolle und Bedeutung von Rating Agenturen. Potsdam 2002, S. 9. vielmehr setzte sich das US-Ratingsystem durch. Danach sind die Agenturen gesetzlich beauftragt, die Kreditwürdigkeit aller Marktteilnehmer zu bewerten. Die US-Finanzaufsicht Security Exchange Commission (SEC) soll zwar die Agenturen überwachen, lässt ihnen aber freie Hand in der Definition der Kriterien. Die Bewerteten selbst finanzieren das Rating. Die Agenturen bleiben Falschbewertungen haftungsfrei, weil sie das Grundrecht der „freien Meinung“ (1. Zusatzartikel zur US-Verfassung von 1791, Bestandteil der Bill of Rights) in Anspruch nehmen können. Dieses zunächst in den USA und für die USA ausgebildete System wurde in den 80er Jahren über den Internationalen Währungsfonds (IWF) zunächst den Entwicklungsländern auferlegt, in den 90er Jahren über die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) globalisiert (Basel II) – auch die EU hat sich dem unterworfen.Werner Rügemer, Ratingagenturen. Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart, Bielefeld 2012, S. 27 ff.
In den 1990er Jahren versuchte die deutsche Kreditwirtschaft gemeinsam mit Bertelsmann, eine eigene Ratingagentur zu gründen. 1996 arbeiteten das hessische Wirtschaftsministerium und die Deutsche Börse zusammen, doch kam es nicht zu einer Institutionalisierung. Zeitweise sollte eine Art Bonitätswächter an der Europäischen Zentralbank installiert werden, was diese jedoch ablehnte.
Als erste deutsche Ratingagentur wurde die Creditreform Rating im August 2009 von der BaFin als Ratingagentur für bankaufsichtliche Risikogewichtung nach Solvabilitätsverordnung und Basel II anerkannt. Die Anerkennung gilt für das Marktsegment Andere Forderungen (darunter Bonitätsbeurteilung von Unternehmen und Unternehmensanleihen). Als erste und derzeit einzige europäische Ratingagentur wurde die Euler Hermes Rating GmbH im November 2010 von der BaFin und dem Committee of European Securities Regulators anerkannt und registriert. Diese Registrierung ermöglicht es institutionellen Investoren – gemäß der Verordnung (EG) Nr. 1060/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates über Ratingagenturen –, zukünftig auch in Papiere zu investieren, die von EU-registrierten Ratingagenturen bewertet wurden. So überarbeitet die BaFin derzeit die Anlageverordnung für Versicherungsunternehmen, um der neuen EU-Verordnung gerecht zu werden.. Als weitere spezialisierte Ratingagentur in Deutschland bewertet die GBB-Rating die im privaten Einlagensicherungsfonds zusammengeschlossenen Banken.
Auch andere nationale und internationale Finanz- und Bankaufsichtsbehörden erkannten die Bedeutung der Ratings und integrierten diese verstärkt in die Regulierungen zur Banken- und Finanzaufsicht. Über die seit Januar 2014 geltende Kapitaladäquanzverordnung (CRR) werden die Kreditinstitute in den EU-Mitgliedstaaten im Standardansatz gezwungen, von den Agenturen vergebene Bonitätsnoten ihrer Kreditnehmer zu übernehmen (Art. 113 Abs. 1 CRR).
Die Europäische Zentralbank zieht neben den drei großen Agenturen S&P, Moody’s und Fitch auch die kanadische DBRS hinzu. Diese vier Ratingagenturen sind die von der BaFin geführten Häuser für eine „Verwendungsfähigkeit unbeauftragter Bonitätsbeurteilungen“.Bonitätsnoten. Warum Ratingagenturen so mächtig sind. In: Financial Times Mobil. 9. Juli 2011. Ohne Genehmigung der EU kann in Europa keine Ratingagentur gegründet werden, sie kann vorhandenen Agenturen bei Verstößen gegen EU-Recht die Lizenz entziehen. Die Aufsicht über die Häuser liegt bei der europäischen Wertpapieraufsicht European Securities and Markets Authority (ESMA) und den Behörden der Mitgliedsstaaten.
International wird anders verfahren. So ist in China die Dagong Global Credit anerkannt, die etwa die USA nicht mit der Höchststufe AAA einstuften, sondern angesichts der Staatsverschuldung nur mit A+. Dagong („Große Arbeit“) versteht sich als Alternative zum westlichen Ratingsystem, das von den „Big Three“ aus den USA, Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch, beherrscht wird. Dagong wurde 1994 auf Initiative der chinesischen Zentralbank als Privatunternehmen nach chinesischem Recht gegründet. Laut Aussage des Gründers und gegenwärtigen Chefs Guan Jiazhong haben sich die Big Three durch ihre Fehlurteile vor der Finanzkrise endgültig diskreditiert. Ihr Prinzip sei falsch, denn sie interessieren sich in erster Linie nicht für die Einkommenssituation eines Landes oder Unternehmens, sondern nur für die Fähigkeit, Kredite zu beschaffen. Das Leitprinzip von Dagong sei dagegen, dass Kredite der realen Wirtschaft und letztlich dem Wohlstand der Bevölkerung dienen.Werner Rügemer: Ratingagenturen. Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart. Bielefeld 2012, S. 176 ff.
Im Mai 2010 akzeptierte die EZB griechische Staatsanleihen unabhängig von ihrer Bonitätsnote als Sicherheit. Dabei nahm sie allerdings Abschläge auf den Nominalwert vor. Dies gilt inzwischen auch für portugiesische Anleihen. Sollten die Agenturen Griechenland hingegen für zahlungsunfähig erklären, würde auch die EZB keine Anleihen mehr kaufen.
In den USA werden zehn Unternehmen als staatlich anerkannte Statistische Ratingorganisationen geführt, deren Ratings für Kapitalmarktzwecke herangezogen werden dürfen (Stand 2011). Dies sind Standard & Poor’s, Moody’s, Fitch Ratings, Kroll Bond Rating Agency, A. M. Best Company, die kanadische DBRS, Japan Credit Rating Agency, die japanische Rating and Investment Information (R&I), Egan-Jones Rating Company und Morningstar.Bonitätsnoten. Warum Ratingagenturen so mächtig sind. In: Financial Times Mobil. 9. Juli 2011. Heute gibt es weltweit etwa 150 Ratingagenturen,Robert Säverin, „Machtvolle Berater“, in: Schlaglichter der Wirtschaftspolitik, Monatsbericht Dezember 2010, S. 13 doch bilden die drei großen US-Ratingagenturen mit etwa 95 % Marktanteil ein Oligopol.Jan Siebert, Ratingagenturen auf den internationalen Finanzmärkten, 2014, S. 19
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