mini|Mannheimer Innenstadtbereich(Quadrate rot) mini|Das Mannheimer Schloss und die Mannheimer Quadrate aus der Luft mit Blick von Südwesten nach Nordosten mini|Grundrissbüchlein aus dem Jahr 1796 (Norden ist unten) mini|Siegel der Universität Mannheim mit Bezug auf die Quadrate
Quadratestadt ist ein Beiname der Stadt Mannheim, deren historische Innenstadt als Planstadt in Häuserblocks statt in Straßenzügen angelegt ist. Dabei ist kaum eines dieser 144 „Quadrate“ ein Quadrat im Sinne der Geometrie – vielmehr handelt es sich meist um unterschiedliche Vierecke. Es gibt rechteckige, rhombische sowie trapezförmige „Quadrate“, außerdem zwei Dreiecke. Vereinzelt sind zwei Quadrate wegen fehlender Straße dazwischen zu einem Rechteck verbunden. Im täglichen Umgang wird die ganze Innenstadt als „die Quadrate“ bezeichnet, wobei alle von den Ringstraßen umgebenen Straßenzüge einschließlich Bebauung und Plätzen gemeint sind. Hausnummern sind nicht entlang der Straßenzüge vergeben, sondern um die vier Seiten eines „Quadrates“.
Daraus erklärt sich auch das moderne Logo der Stadtverwaltung: Mannheim² (für Mannheim im Quadrat).
Geschichte
mini|Typisches Straßenschild:D 4 ist der Häuserblock oder „Straßenname“,1 → 6 sind Hausnummern
1606 legte Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz den Grundstein zum Bau der Zitadelle Friedrichsburg und beauftragte den holländischen Festungsarchitekten Bartel Janson mit der Planung der angrenzenden Stadt. Die für Planstädte geltenden Ideale waren stark von militärischen Aspekten geprägt. So entstand das für Mannheim bis heute charakteristische regelmäßige System aus geometrischen Formen mit parallelen, sich rechtwinklig kreuzenden Straßen und gleichförmiger Blockbebauung. Erstmals findet man den Begriff „Quadrate“ schriftlich überliefert im Ratsprotokoll vom 22. Februar 1676.
Bis zum Jahr 1684 wurden die Straßen der heutigen Mannheimer Innenstadt jeweils als „Gasz“ („Gasse“) bezeichnet. Sie wurden nach der Richtung, beispielsweise „Bensheimer Gasz“ oder nach der ansässigen Bevölkerungsgruppe, wie „Schlosser Gasz“ benannt. Die Breite Straße hieß nach dem Stadtgründer „Friederichs Gasz“, Querstraßen waren nach Mitgliedern der kurfürstlichen Familie und prominenten Bewohnern benannt, wie „Mauritz Gasz“ oder „Clignets Gasz“. Als dann die ungewöhnliche Nummerierung eingeführt wurde, hielten die Einwohner Mannheims trotzdem an den alten Straßennamen fest. Diese erste Nummerierung unterschied sich von der heutigen: Das heutige Quadrat P 1 war zum Beispiel das Quadrat XXXI, das heutige Quadrat E 1 war Quadrat XXXII. Ausgenommen von dieser Nummerierung war die Friedrichsburg, welche vom Schloss bis zu den Mannheimer Planken reichte. Als dieses Gebiet im 18. Jahrhundert in die Stadt einbezogen wurde, änderte sich auch die Nummerierung.
Die Einteilung in Quadrate blieb auch nach der Zerstörung durch die Franzosen im Jahr 1689 während des Pfälzischen Erbfolgekrieges und dem Wiederaufbau bestehen. Nach der Neuvermessung in den 1730er Jahren wurden die Quadrate zum ersten Mal mit Buchstaben bezeichnet. Im Jahr 1798 wurde die Stadt neu eingeteilt und die Wohnblocks mit Buchstaben (zunächst von A bis Z; heute von A bis U) und Ziffern bezeichnet.
Die heutige Systematik der Quadrate mit Buchstaben und Ziffern wurde im Jahr 1811 eingeführt. Die vorherige Einteilung passte nicht mehr für eine Innenstadt, die sich nach Westen und nach Osten ausdehnte und deshalb eine nach beiden Seiten skalierbare Nummerierung erforderte.
Schema mini|hochkant|Mannheim und Ludwigshafen um 1880 (rechts die hufeisenförmige Mannheimer Innenstadt)
Die hufeisenförmige Innenstadt Mannheims liegt zwischen Rhein und Neckar, knapp 3,5 km vor der Neckarmündung. Im Südwesten steht das Schloss Mannheim als eine Art Grundlinie. Von hier aus führt die 1,1 km lange „Breite Straße“, deren amtlicher Name Kurpfalzstraße lautet, im Sinne einer senkrechten Mittelachse nach Nordosten durch die Innenstadt. Auf etwa halber Höhe wird sie im Bereich D 1/E 1 und O 1/P 1 von den 1,4 km langen „Planken“ gequert (O 1 entspricht dem Paradeplatz). Die parallel zu diesen zwei Hauptachsen verlaufenden weiteren Straßen teilen die Innenstadt in rechteckige Häuserblocks, die umgangssprachlich als „Quadrate“ bezeichnet werden. Die meisten Straßen in der Innenstadt haben keinen Namen, sondern die „Quadrate“ werden aus einer Kombination von Buchstabe und Zahl benannt. Auf den ersten Blick könnte man vermuten, die Innenstadt sei in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet, tatsächlich ist sie um etwa 32 Grad im Uhrzeigersinn gedreht.
Vergleich mit einem Schachbrett Auch wenn der Vergleich mit einem Schachbrettmuster nahe liegt, sind die Gemeinsamkeiten begrenzt. Das Mannheimer „Schachbrett“ hat den Umriss eines umgekehrten „U“ und ist in eine linke und rechte Hälfte geteilt. Außerdem gibt es Reihen, die länger sind und über den Rahmen eines Schachbretts hinausgehen.
Straßen Der Ring Die Bögen von Kaiserring, Friedrichsring, Luisenring und Parkring bilden zusammen den sogenannten Ring. Die gerade Grundlinie (Bismarckstraße) komplettiert den hufeisenförmigen Umriss der Innenstadt, an dessen Basis sich das Schloss befindet. Der Ring wurde erst ab 1865 bis zur Jahrhundertwende um den Innenstadtbereich angelegt und hatte zunächst insgesamt die Bezeichnung „Ringstraße“. Der erste Teil des Rings wurde in den ehemaligen Gräben von der Rheinstraße bis zum damaligen Gaswerk (heute etwa K 7) errichtet. Der Parkring im Westen wurde nach dem ehemaligen Friedrichspark am Schloss benannt, der Luisenring im Nordwesten nach Luise von Preußen, Großherzogin von Baden. Am Kurpfalzkreisel (Kurpfalzbrücke) beginnt im Nordosten der Friedrichsring, benannt nach Friedrich I., Großherzog von Baden. Im Osten verläuft zwischen Wasserturm und Hauptbahnhof der Kaiserring bis zur Bismarckstraße. Diese wurde zuletzt fertiggestellt, zunächst durch die ehemaligen Baumschulgärten vom Kaiserring bis zum Schloss und wurde später durch den ehemaligen vorderen Bereich des Schlosses verlängert. Der Ring wurde von Beginn an großzügig angelegt – der Kaiserring beispielsweise 1875 auf 54 m Breite geplant – und ist überall auf mindestens vier Fahrstreifen ausgebaut. Außer auf dem Parkring verläuft mittig ein Gleiskörper der Straßenbahn, am Luisenring teilweise unterirdisch.
Auf der Ringstraße führte Carl Benz am 3. Juli 1886 mit seinem Patent-Motorwagen die erste Probefahrt eines Automobils in der Geschichte durch.
Straßen in den Quadraten Die wichtigsten Straßen in der Innenstadt sind die Planken (Wasserturm-Achse), die Kunststraße und Fressgasse (die beiden nächsten Parallelstraßen zu den Planken) und dazu senkrecht die Breite Straße (Kurpfalzbrücke-Schloss-Achse). Sie sind zum einen die Hauptstraßen mit den meisten Geschäften und unterteilen andererseits die Innenstadt in vier große Bereiche, an die sich die Vorstädte jeweils anschließen.
miniatur|Die Quadrate mit ihren Nummern Die Straßen in den Quadraten selbst haben, bis auf wenige Ausnahmen, keine offiziellen Straßennamen. Dies gilt auch für die genannten Planken, die Fressgasse und andere. Einige volkstümliche oder historische Straßennamen werden zwar zur Orientierung verwendet, man findet sie aber auf keinem Straßenschild. Bereits 1865 waren Straßennamen in den Quadraten eingeführt worden, erlangten jedoch allgemein keine Geltung.
Innerhalb der Quadrate existieren aktuell folgende Straßennamen offiziell (alphabetisch):Marchivum, Straßennamen. Asamplatz, A 3 / A 4 (bei der Jesuitenkirche) Heidelberger Straße, zwischen O 6 / P6 und O 7 / P 7 Herschelplatz, Platz in U 2 Kapuzinerplanken, entlang O 5, O 6 Kapuzinerplatz, Platz in N 4 Kurpfalzstraße, offizieller Name der „Breiten Straße“ Marktplatz, G 1 Marktstraße, E 1 / E 2 bis K 1 / K 2 Paradeplatz, O 1 Rabbiner-Grünewald-Platz, F 3, an der Synagoge Schillerplatz, B 3 Swanseaplatz, H 6 Toulonplatz, C 5, am Zeughaus Tunnelstraße (L 13 / L 15, im Volksmund „Suezkanal“)
Gebräuchliche Bezeichnungen, aber keine offizielle Straßennamen: Die „Planken“ bezeichnen den Straßenzug zwischen den Quadraten D 4 / E 4 bis O 4 / P 4. „Kunststraße“ ist ein ehemaliger, erloschener Straßenname, ebenso die „Pfälzer Straße“, auch „Fressgasse“ genannt. Die „Breite Straße“ heißt offiziell Kurpfalzstraße.
Die Adressen werden nur durch die Quadratbezeichnungen mit zugehörigen Hausnummern gebildet, beispielsweise D 6, 2. Für die Adressen entlang des Rings gilt eine Besonderheit: Die innen liegenden Quadrateseiten richten sich nach der Systematik der Quadrate; an der Außenseite des Rings hingegen werden die Anschriften regulär aus dem jeweiligen Straßennamen mit Hausnummer gebildet. So liegt beispielsweise N 7, 12 gegenüber Kaiserring 46.
Benennungsschema „Koordinatensystem“ der Quadrate mini|hochkant|Systematik der Quadrate und Hausnummern
Die Benennung der 144 Quadrate erscheint für Ortsfremde nicht ohne weitere Kenntnisse nachvollziehbar, richtet sich aber nach einem einfachen Schema. Die vom Schloss ausgehend in nördliche Richtung zur Kurpfalzbrücke führende Kurpfalzstraße („Breite Straße“) bildet eine Mittelachse und teilt die Innenstadt (die ungefähr die Form eines umgekehrten U hat) in einen linken und einen rechten Bereich. Die horizontalen Reihen der Quadrate links der Mitte haben, beginnend am Schloss, die Buchstaben A bis K, die Quadrate rechts davon entsprechend L bis U. Innerhalb der Reihen geben die Nummern der Quadrate den Abstand von der „Breiten Straße“ an. Eine Quadratbezeichnung wie G 1 – der Marktplatz – ist deshalb wie folgt zu interpretieren: Der Buchstabe G liegt zwischen A und K, also liegt das Quadrat links von der Kurpfalzstraße. Von A bis G sind es sieben Buchstaben, das Quadrat liegt also vom Schloss aus in der 7. Reihe. Wegen der Nummer 1 ist das Quadrat das erste ab der Mitte, es liegt also direkt an der Kurpfalzstraße. Überwiegend gibt es sieben Quadrate pro Buchstabe. Die Anzahl kann aber je nach Lage und Größe etwas abweichen. Im linken Bereich besteht die A-Reihe aus 5 Quadraten und die C-Reihe aus 8, rechts enden S, T und U nach 6 Quadraten. Die L-Reihe (erste Reihe rechts) bezieht Quadrate nördlich und südlich der Bismarckstraße ein und zählt daher bis L 15.
Hausnummern in den Quadraten Die Hausnummern beginnen an der dem Schloss zugewandten Ecke des jeweiligen Quadrats. Bei den links liegenden Quadraten A bis K laufen sie gegen den Uhrzeigersinn um das Quadrat. Bei den Quadraten L bis U laufen die Hausnummern entsprechend umgekehrt im Uhrzeigersinn.
Bei der Festlegung der Hausnummernsystematik hatten die kurfürstlichen Stadtplaner angeblich folgende, bildliche Vorstellung: Das Schloss sei ein Springbrunnen, dessen Fontäne mitten zwischen den Quadraten A 1 / L 1 bis zu K 1 / U 1 hochschießt. Die Quadrate seien dann das herunterstürzende Wasser. Demnach ist der „Drehsinn“ links der Fontäne linksherum (gegen den Uhrzeigersinn) und rechts der Fontäne rechtsherum.
Vom Schloss bis zu den Planken (links) Die Quadrate zwischen dem Schloss und den Planken (links) bilden als südwestlicher Innenstadt-Quadrant den Stadtbezirk Westliche Oberstadt (A–D).
A-Quadrate Die A-Quadrate gehörten zu den besten Adressen in Mannheim – hier wohnte zum Beispiel Friedrich Engelhorn, der später die BASF gründete.
Außerdem befinden sich in diesen Quadraten Teile der Universität Mannheim und mit der historischen Sternwarte, der Jesuitenkirche und dem Palais Bretzenheim einige der wenigen Gebäude, die aus der Kurfürstenzeit übrig blieben.