mini|Lebendrekonstruktion eines in Braunschweig gefundenen Auerochsen-Bullen

Der Auerochse oder Ur (Bos primigenius) ist eine in ihrer Wildform ausgerottete Art der Rinder. Nach neueren Genforschungen gelten nahöstliche Populationen als Stammform des taurinen Hausrindes, das damit eine domestizierte Form des Eurasischen Auerochsen darstellt. Das indische Zebu stammt von der indischen Subspezies des Urs ab, welche von manchen Autoren auch in einer eigenen Art, Bos namadicus, geführt wird. Das vermutlich letzte Exemplar der ehemals weit verbreiteten Wildform des Rindes starb im Jahr 1627 in Polen.

Verwandte dieses Wildrinds sind der Gaur, der Banteng und der wahrscheinlich ausgerottete Kouprey.

Etymologie Der Name der u-Rune () im älteren Futhark lautet Ur.Klaus Düwel: Runenkunde. (= Sammlung Metzler Band 72). 4. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2008, ISBN 978-3-476-14072-2, S. 7. Die latinisierte Form, urus, löste im Lateinischen bubalus („Ochse“) als Bezeichnung für den Auerochsen ab. Im Zuge der Diphthongierung im 13. Jahrhundert wurden im Deutschen aus Ur Abwandlungen wie Uwer, Euwir oder Auer gebildet. Letztere Bezeichnung setzte sich durch, anschließend wurde „-ochs“ für „Wildrind“ beigefügt. Auf den deutschen Namen des Tieres gehen auch jene in anderen Sprachen zurück, so etwa aurochs (französisch, englisch), oerrund (niederländisch) und urokse (dänisch). Auch die heutige Bezeichnung des Auerochsen im Spanischen und Portugiesischen, uro, sowie tur im Polnischen, leiten sich davon ab.

Als wissenschaftlichen Namen des Auerochsen findet man oft auch Bos taurus, den ursprünglich von Carl von Linné für das Hausrind vergebenen Namen. Da beide nun zu einer Art gerechnet werden, müsste eigentlich nach der Prioritätsregel des ICZN der ältere Name Gültigkeit haben. Die ICZN entschied aber 2003, dass in diesem Sonderfall der Name der Wildform Bos primigenius der gültige Name sein solle. Demzufolge werden sowohl der Auerochse als auch die aus ihm domestizierten Hausrinder in einer Spezies namens Bos primigenius geführt.

Beschreibung mini|links|Kopfstudie eines Auerochsen-Bullen, basierend auf einem schwedischen Fund

Das Aussehen des Auerochsen lässt sich anhand von Knochenfunden, historischen Beschreibungen und zeitgenössischen Darstellungen, wie Höhlenmalereien oder jenen in den Werken von Siegmund von Herberstein oder Conrad Gessners, rekonstruieren. Auch wird oft der „Augsburger Ur“ als Quelle herangezogen. Diese Abbildung von Charles Hamilton Smith stammt zwar aus dem 19. Jahrhundert, basiert aber auf einem zeitgenössischen Ölgemälde.

mini|C. H. Smiths Reproduktion der Augsburger Abbildung des Auerochsen mini|Merkmale von Bulle (oben und unten links) und Kuh (unten rechts); Rekonstruktion basierend auf einem Bullenskelett aus Lund und einem Kuhskelett aus Cambridge Körpergröße Der Auerochse war einer der größten Herbivoren im nacheiszeitlichen Europa, vergleichbar nur mit dem Wisent; die Größe des Auerochsen scheint aber regional verschieden gewesen zu sein. So verfügten Auerochsenbullen aus dem nördlichen Europa im Holozän über eine Schulterhöhe von etwa 155–180 cm und Auerochsenkühe über eine Schulterhöhe von 135 bis 155 cm (Dänemark, nördliches Deutschland) bzw. 170 bis 185 Zentimetern bei Bullen und etwa 165 bei Kühen (Polen), während jene in Ungarn mit etwa 155–160 cm bei Bullen anscheinend etwas kleiner waren.René Kysely: Aurochs and potential crossbreeding with domestic cattle in Central Europe in the Eneolithic period. A metric analysis of bones from the archaeological site of Kutná Hora-Denemark (Czech Republic). In: Anthropozoologica. 43(2), 2008. Bullen mit einer Schulterhöhe von zwei Metern sind ausschließlich dem Pleistozän zuzuordnen. Nach der letzten Kaltzeit lässt sich ein gewisser Verlust an Körpergröße beobachten, vermutlich durch den Schwund vieler natürlicher Feinde des Auerochsen, Lebensraumfragmentierung durch die sich ausbreitende Zivilisation sowie Jagd, also großteils anthropogene Ursachen. Die Körpermasse der Auerochsen war wahrscheinlich mit jener der Wisente und Bantengs vergleichbar und betrug zwischen 700 kg und 1000 kg.Julia Poettinger: Vergleichende Studie zur Haltung und zum Verhalten des Wisents und des Heckrinds. 2011, . Vom Indischen Auerochsen lässt sich sagen, dass er allgemein kleiner, jedoch mit proportional größeren Hörnern ausgestattet war als jener in Europa. Der Geschlechtsdimorphismus des Auerochsen hinsichtlich der Körpergröße war, wie auch bei einigen anderen Aspekten, deutlich ausgeprägt, da die Kühe oft einige Dezimeter kleiner waren als die Bullen.

mini|Dem Spanischen Kampfrind wird hinsichtlich Proportionen und Hornform Nähe zum Auerochsen attestiert mini|Auerochsen-Hörner in der Servaasbasiliek, Niederlande

Hörner Aufgrund der deutlich ausgeprägten Behornung des Auerochsen wies diese Art ein langes und breites Stirnbein auf. Die Hörner waren in Bezug auf Krümmung und Größe charakteristisch für den Ur. Sie verliefen weit ausholend nach innen gekrümmt, wobei die dunkel gefärbten Spitzen nach oben innen wiesen. Die Bullen hatten größere und stärker geschwungene Hörner, die 80 bis zu 140 Zentimeter Länge (Groß-RohrheimKlima und Mensch 2006 S. 66–67) und zwischen 10 und 20 Zentimeter Durchmesser erreichen konnten.Walter Frisch: Der Auerochs: Das europäische Rind. 2010, ISBN 978-3-00-026764-2. Die längsten bekannten knöchernen Hornzapfen eines Auerochsen messen 112–115 cmBienvenido Martínez-Navarro, Narjess Karoui-Yaakoub, Oriol Oms, Lamjed Amri, Juan Manuel López-García, Kamel Zerai, Hugues-Alexandre Blain, Moncef-Saïd Mtimet, María-Patrocinio Espigares, Nebiha Ben Haj Ali, Sergio Ros-Montoya, Mabrouk Boughdiri, Jordi Agustí, Hayet Khayati-Ammar, Kamel Maalaoui, Maahmoudi Om El Khir, Robert Sala, Abdelhak Othmani, Ramla Hawas, Gala Gómez-Merino, Àlex Solè, Eudald Carbonell, Paul Palmqvist: The early Middle Pleistocene archeopaleontological site of Wadi Sarrat (Tunisia) and the earliest record of Bos primigenius. Quaternary Science Reviews 90, 2014, S. 37–46., beim lebenden Tier wäre eine Hornschicht hinzuzurechnen. Der Winkel zwischen Hörnern und Gesichtsschädel betrug durchschnittlich zwischen 50° und 70°, sie waren also deutlich nach vorn gerichtet.Cis van Vuure: Retracing the Aurochs – History, Morphology and Ecology of an extinct wild Ox. 2005, ISBN 954-642-235-5. Die Hornform war bei den Kommentkämpfen der Ure von Vorteil, welche nicht, wie im Falle der Wisente oder Moschusochsen, aus dem Zusammenprallen der Schädel bestanden, sondern wahrscheinlich aus gegenseitigem kraftvollen Schieben und Stoßen bei gegenseitigem Hornkontakt, wie es Hausrinder heute noch praktizieren. Zum Schutz der Augen bei diesen Kommentkämpfen waren bei Ur-Stieren die knöchernen Augenhöhlen stärker ausgeprägt als bei vielen heutigen Hausrind-Stieren.

Körperbau Die Statur des Auerochsen unterscheidet sich in einiger Hinsicht von der vieler heutiger Rinderrassen. So sind die Beine vergleichsweise lang und schlank, was eine Schulterhöhe ergibt, die ungefähr der Rumpflänge entspricht. Auch war der Schädel, die ausgeprägten Hörner tragend, wesentlich größer und längergezogen als bei vielen Hausrindern. Nur wenige südeuropäische Primitivrassen wie Sayaguesa besitzen noch diese Eigenschaften. Der Körperbau der Auerochsen war, wie bei anderen Wildrindern, athletisch und, insbesondere bei Bullen, von stark ausgeprägter Nacken- und Schultermuskulatur, welche von hohen Wirbelfortsätzen getragen wurde. Dies erzeugte einen „Schulterbuckel“, wie er noch beim Spanischen Kampfrind zu sehen ist. Dies ist nicht mit dem Muskellappen des Zebus zu verwechseln. Selbst bei säugenden Kühen war das Euter klein, behaart und von der Seite kaum sichtbar; auch dieses Merkmal entspricht dem anderer Wildrinder.Cis van Vuure: History, Morphology and Ecology of the Aurochs (Bos primigenius). 2002.

Fellfarbe Die Fellfarbe der Ure lässt sich anhand zeitgenössischer Darstellungen und historischer Berichte erahnen. Anton Schneeberger liefert in seinen Briefen an Conrad Gessner (1602) eine der genauesten Beschreibungen des Auerochsen, die sich mit der Färbung der als Höhlenmalereien dargestellten Tiere in Lascaux und Chauvet deckt. Die Kälber wurden haselnussbraun geboren, und junge Stiere färbten sich binnen weniger Monate zu einer schwarzen Farbe um. Die Kühe hingegen behielten die rotbraune Farbe der Kälber. Die Bullen bildeten zudem einen „etwa zwei Finger breiten“ (Schneeberger) hellen Aalstrich entlang des Rückgrats aus. Für Aalstriche bei Kühen gibt es keinen expliziten Hinweis. Typisch für den Auerochsen war auch das weiß umrandete Flotzmaul, welches auch bei einigen Bantengs zu beobachten ist. Belege, dass Auerochsen-Populationen innerhalb oder außerhalb Europas eine andere grundsätzliche Färbung aufwiesen, gibt es nicht. Lediglich einige nordafrikanische Steingravuren zeigen Ure mit hellem Sattel, was möglicherweise eine spezifische Eigenschaft der nordafrikanischen Unterart war. Ein von Mucante 1596 in Latein verfasster Text beschreibt ebenfalls die Farbe des Auerochsen. Seine Beschreibung wurde an einer Stelle mit „grau“ übersetzt, doch im selben Text wird weiters von „schwarzen Ochsen“ geschrieben. Mucantes Text ist nicht unproblematisch, denn stellenweise bezieht er sich wohl tatsächlich auf den Wisent. Ägyptische Grabmalereien, die rotbraune Rinder (sowohl Kühe und Kälber als auch Bullen) mit hellem Sattel zeigen, werden mitunter als Referenz für eine solche Färbung bei der nordafrikanischen Subspezies verwendet, doch die gemalte Hornform legt nahe, dass es sich bei den dargestellten Tieren um Hausrinder handelt.

Viele primitive Rinderrassen zeigen heute noch Charakteristika der Fellfarbe des Urs, wie etwa die schwarze Färbung der Bullen mit einem hellen Aalstrich, das weiß umrandete Flotzmaul und mitunter auch den typischen Geschlechtsdimorphismus. Ein Attribut, das dem Auerochsen oft zugesprochen wird, sind hell gefärbte Stirnlocken. Dass der Auerochse über deutlich ausgeprägtes lockiges Haar auf der Stirn verfügte, das man auch bei vielen Hausrind-Stieren findet, geht aus historischen Berichten hervor, doch niemals wird für diese eine besondere Farbe beschrieben. Daher beschreibt van Vuure (2005) die helle Farbe der Stirnlocken als eine Verfärbung, die nach der Domestikation auftrat. Er merkt jedoch an, dass auch bei Gauren eine hellere Farbe dieser Partie zu finden ist. Ein Gen, das für dessen Ausprägung verantwortlich ist, ist derzeit noch nicht bekannt. Zebuine Rassen verfügen über das sogenannte Zebu tipping-Gen, das helle Beininnenseiten und Flanken verursacht. Ob dieses Gen in deren Wildform, dem Indischen Ur, vorhanden war, wurde nicht getestet.

Habitat, Ökologie und Verhalten mini|Erlenbruchwald bei Saarmund. Bruchwälder wie dieser stellten ein Refugium des Auerochsen während der letzten Jahrhunderte seiner Existenz dar.

Hinsichtlich des bevorzugten Habitats des Urs herrscht Uneinigkeit.Manfred Schmitzberger: Haus- und Jagdtiere im Neolithikum des österreichischen Donauraumes. Dissertation. Universität Wien, 2009, S. 69–73. Während manche den Auerochsen ähnlich dem Waldbüffel als Bewohner der Wälder betrachten (u. a. Cis van Vuure 2002 und 2005), beschreiben andere den Auerochsen als Bewohner offenen Graslandes, der zusammen mit anderen großen Pflanzenfressern für den natürlichen Erhalt dieser Flächen sorgte.Axel Beutler: Die Großtierfauna Europas und ihr Einfluss auf Vegetation und Landschaft. 1996.Margret Bunzel-Drüke, Joachim Drüke, Henning Vierhaus: Der Einfluss von Großherbivoren auf die Naturlandschaft Mitteleuropas. 2001.