mini|Ausschnitt aus Hieronymus Boschs „Aufstieg der Seligen“. In Nahtoderfahrungen erscheint oft das Motiv von Licht am Ende eines Tunnels.
Die Frage nach einem Leben nach dem Tod eines Menschen ist unter anderem ein philosophisches, religiöses und spirituelles Thema, dessen Erörterung seit dem Altertum bezeugt ist. Zur Beantwortung gibt es verschiedene Ansätze, darunter folgende:
Ablehnung: Mit dem Hirntod endet die Existenz eines menschlichen Individuums, denn jede Regung im Denken und Fühlen hat eine messbare elektrochemische Entsprechung im Gehirn. Ein Verstorbener lebt nicht als Subjekt weiter (das wäre Wunschdenken), sondern nur in der Erinnerung der Mitmenschen.Hansjörg Schneider: Nachtbuch für Astrid: Von der Liebe, vom Sterben, vom Tod und von der Trauer darüber, den geliebten Menschen verloren zu haben, Diogenes Verlag, 2000, S. 12 Einen Sonderfall der Ablehnung des Weiterlebens nach dem Tod bildet die Ganztodtheorie, eine Lehre christlicher Theologen, der zufolge der Tod zwar der gesamten Existenz des Menschen ein Ende setze, aber eine künftige Auferstehung zu erwarten sei.Christian Brouwer: Abschied von Dir, in: Thomas Klie, Martina Kumlehn, Ralph Kunz, Thomas Schlag: Praktische Theologie der Bestattung, Walter de Gruyter, 2015, S. 234 Annahme eines Lebens nach dem Tod, das als endgültiger Zustand aufgefasst wird. In vielen Religionen wird das menschliche Leben auf der Erde als eine Reifung oder Bewährung gesehen. Nach dem Tod wechsele das Individuum endgültig in einen anderen Seinszustand (Weiterleben in einem Totenreich, Jenseits, Auferstehung, Himmel, Unsterblichkeit, Hölle, Limbus). Reinkarnation: Nach manchen Modellen, die eine Wiedergeburt annehmen, überdauert ein geistiger Anteil des Menschen, seine Seele, den Tod des Körpers. Die Seele, als Träger der Individualität, erscheint später in einem anderen Körper und pflanzt sich von dort aus weiter.
Religiöse Vorstellungen Altes Ägypten Das „Lebensziel“ des Altägypters stellte die ewige Fortdauer im „Reich des Osiris“ dar, für die der Verstorbene die Einbalsamierung sowie Mumifizierung und die Zustimmung des Totengerichtes benötige. Ein zuvor gelebtes Leben in moralischer Perfektion symbolisierte „das Gute“, das nach „Überprüfung durch das Totengericht“ in das Jenseits übertreten durfte. Während der Körper im Grab verbleibt, verlassen der „Ka“ und der „Ba“ seinen Körper. In den mythologischen Vorstellungen seit dem Neuen Reich entschied sich nach dem Wiegen des Herzens, ob die Seele des Verstorbenen die Reise nach Sechet-iaru antrete oder der Vernichtung durch Ammit anheimfalle.
Judentum Im alten Judentum gab es noch keine Vorstellung eines individuellen Lebens nach dem Tod. Von Abraham etwa heißt es, er lebe nicht als Einzelwesen weiter, sondern weil er zu einem großen Volk wurde .Martin Treml: Unsterblichkeit. In: Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Bd. 3, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02070-3, S. 551 f. Der Prediger schreibt: „Die Toten aber erkennen nichts mehr. Sie erhalten auch keinen Lohn mehr, denn die Erinnerung an sie ist in Vergessenheit versunken“ . Erst seit dem Hellenismus finden sich Belege für die Idee einer Unsterblichkeit, die wohl unter dem Eindruck des vielfachen Martyriums in den Makkabäerkriegen entwickelt wurde.Martin Treml: Unsterblichkeit. In: Christoph Auffarth et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Bd. 3, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, S. 552. So heißt es in : „Viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande“. Bis in die letzte Zeit vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 war der Glaube an ein Leben nach dem Tod unter den jüdischen Gelehrten umstritten. Die Sadduzäer etwa lehnten die Annahme eines ewigen Lebens ab, weil sich in der Tora kein Hinweis darauf findet.Louis Jacobs: Jüdische Theologie. in: Evangelisches Kirchenlexikon, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, Bd. 4, Sp. 883. Heute ist die Überzeugung, dass es eine Auferstehung der Toten gebe, im Judentum üblich. Insbesondere im orthodoxen Judentum gibt es auch die Vorstellung einer Reinkarnation.
Der jüdische Gelehrte Moses Maimonides erklärt in seinen 13 Glaubenssätzen, die von hoher Bedeutung für das orthodoxe Judentum sind, dass die Gerechten nach der Auferstehung der Toten mit der Kommenden Welt belohnt und die Ungerechten mit der Vernichtung ihrer Seelen bestraft würden.Maimonides’ Introduction to Perek Helek, hrsg. u. übers. v. Maimonides Heritage Center, S. 22–23.
Christentum Allgemeine Aussagen Im Christentum geht man davon aus, dass der Tod infolge des Sündenfalls über die Menschheit und über die ganze gefallene Welt hereingebrochen sei. Der Mensch sei ursprünglich für das Paradies, die Gemeinschaft mit Gott, erschaffen worden. Der Vertrauensbruch beim Sündenfall habe zur Verbannung aus dem Paradies und somit zur räumlichen Trennung von Gott zu Lebzeiten geführt.
Im Christentum wird gelehrt, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, am Kreuz die Strafe für alle Sünder auf sich genommen habe und dass jeder Mensch somit von diesem Fluch erlöst sei. Die Gemeinschaft mit Gott sei somit wieder möglich und gehe über den Tod hinaus. Wer sich in seinem Leben zu Jesus Christus bekenne und ihm sein Vertrauen schenke, werde in die neue Welt Gottes (Himmel, Ewigkeit, Herrlichkeit, Licht) aufgenommen werden.
Am Tage des Jüngsten Gerichts werde der Mensch wieder von Gott zum Leben erweckt (Auferstehung), wobei es sich um einen makellosen und unverweslichen Körper handele. Die Menschen würden nach ihren Taten belohnt oder bestraft. Diejenigen, die im Buch des Lebens verzeichnet sind (die Seligen, die Gerechten, die Barmherzigen und Gnädigen) gingen in das ewige Leben, in das Himmelreich ein und genössen die Anschauung Gottes. Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Unzüchtigen und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der Zweite Tod. (Offenbarung des Johannes 21,8).
Der Himmel wird in der Bibel als ein Ort des ewigen Friedens beschrieben, wo es kein Leid, keine Angst, keinen Krieg und keine Krankheiten mehr gebe ().
Römisch-katholische Lehre Den Ursprung des Todes sieht die Kirche als Straffolge der Sünde. Adam habe durch Übertretung des göttlichen Gebotes den Tod auf die ganze Menschheit gezogen.
Zur Strafe für die Übertretung des göttlichen Prüfungsgebotes sei über die ganze Menschheit der Tod verhängt worden.
Es gehört zur römisch-katholischen Lehre, dass sich viele Seelen nach dem irdischen Tod zunächst im Fegefeuer bewähren müssten. Bevor sie endgültig in das Himmelreich eingehen dürften, finde eine abschließende Läuterung statt.
Danach würden alle Toten am Jüngsten Tag mit ihren Leibern wieder auferstehen.
Die Vollendung und Erneuerung der Welt bedeute den Abschluss des Werkes Christi. Alle Feinde des Gottesreiches seien überwunden. Jesus übergebe das Reich an Gott, den Vater, ohne seine Herrschermacht und Königswürde abzugeben. Die Gottesherrschaft, das Endziel der Schöpfung und der Sinn der menschlichen Geschichte, beginne.
Luther Martin Luther betont die Abhängigkeit der Seligkeit allein vom Glauben: Der Mensch könne sich die Seligkeit nicht verdienen, sie werde ihm von Gott aus Liebe geschenkt. Der Mensch müsse dies lediglich im Glauben annehmen (sola fide, sola gratia, Rechtfertigung).
Sicht der Allversöhnung Ausleger, die die Allversöhnung bzw. Allaussöhnung vertreten, verweisen darauf, dass die Vorstellung einer Hölle heidnische Ursprünge habe und durch fragwürdige, mittlerweile meist korrigierte Übersetzungen mit der Bibel in Zusammenhang gebracht worden sei (Hades, Scheol, Gehenna). Demnach werde auch der Mensch, der auf dieser Erde nicht zum Glauben habe kommen können (Bekehrung), nach seinem Tod durch Gerichte den Glauben an Christus erlangen.
Christliche Theosophie Nach dem Theosophen Emanuel Swedenborg kommt es schon kurz nach dem Ableben zum Jüngsten Gericht. Dieses Gericht sei eine Enthüllung des Menschen. Während sich die Menschen im Diesseits verstellen konnten, werde im Jenseits die innere Natur eines Menschen sichtbar. Die Bösen ziehe es zu den Bösen und sie quälten sich gegenseitig. Die Guten, bei denen die Gottes- und Nächstenliebe dominieren, fänden auch zu Ihresgleichen. Schon im Mittelzustand fühlten sich die Guten bei den geistigen Engeln wohl. Hier legten sie ihre falschen Grundsätze ab, würden in der rechten Lehre unterwiesen und würden aufwärts zum Himmel geführt.
Islam
Der Koran stellt zwar fest, dass jeder einmal den Tod erleiden wird,Sure 3, 185 erteilt jedoch nur spärliche und indirekte Angaben zum Zeitraum, der sich zwischen dem individuellen Tod und der Endzeit erstreckt. Nach den Anzeichen der „letzten Stunde“ und der Vernichtung aller Geschöpfe findet am Jüngsten Tag die Auferstehung und Aburteilung der Menschen statt. Zu diesen Anzeichen gehören das Blasen der Trompete (unter anderem in Sure 18,99); ein aus der Erde hervorkommendes Tier, das in einigen Traditionen mit Daddschāl identifiziert wird und von Jesus besiegt werden soll (Sure 27, 82); die Auferweckung im Grab (Sure 30,56); das Entsteigen der Toten aus der Erde (Sure 50,44); das Aufstellen der Waage (Sure 55,7) und die „Abrechnung“ (unter anderem in Sure 13,18). Viele Fragen zum Leben nach dem Tod ( bzw. ) wurden in verschiedenen theologischen und philosophischen Traditionen untersucht.
Im Versuch, ein lineares Narrativ zu erstellen, das den Zeitraum vom individuellen Tod des Menschen bis zum Jüngsten Tag umspannt, haben Hadithe und spätere Gelehrte wie al-Ghazālī, al-Qurtubi oder as-Suyuti beim Zeitpunkt angesetzt, an dem der Todesengel die Seele des Verstorbenen wegträgt, worauf die Seele nach der Grablegung – oder auch schon vorher – der gestorbenen Person zurückgebracht wird, so dass sie an den Begräbniszeremonien und den Klagerufen teilnehmen kann. Darauf wird sie von den Engeln Munkar und Nakīr aufgesucht und von ihnen befragt, wobei der Glaube an Gott durch Rezitieren des Glaubensbekenntnisses bewiesen werden muss. Nun besuchen ein oder zwei namenlose Engel den Toten und nehmen die guten und schlechten Taten auf, die am Tag der Auferstehung offenkundig werden. Ungläubige können die Fragen nicht beantworten und werden deshalb auf verschiedene Weise gefoltert, zum Beispiel von Schlangen gebissen oder mit der „Grabeszüchtigung“ (ʿaḏāb al-qabr/عذاب القبر) bestraft, bei der ihr Grab sich stets verengt. Gläubige hingegen werden damit belohnt, dass sich ihr Grab erweitert oder dass ihnen ein Fenster zum Himmel geöffnet wird.