mini|hochkant=1.2|Westfassade des Goetheanums mini|hochkant=1.2|Südfassade mini|hochkant=1.2|Nordwestansicht bei Nacht
Das Goetheanum ist ein Gebäude in Dornach (Kanton Solothurn) in der Schweiz, rund zehn Kilometer südlich von Basel. Es dient als Sitz und Tagungsort der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sowie auch als Festspielhaus und Theaterbau. Benannt ist es nach Johann Wolfgang von Goethe. Nachdem in der Silvesternacht 1922/23 das ebenfalls als Goetheanum bezeichnete Vorgängergebäude durch Brandstiftung zerstört worden war, entstand an gleicher Stelle in den Jahren 1925 bis 1928 der heute bestehende Bau. Beide Entwürfe stammen von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. An dem monumentalen Sichtbetonbau mit weit gespanntem Dach ist der weitgehende Verzicht auf rechte Winkel auffällig. Das stilistisch oft dem Expressionismus zugerechnete monolithisch-organische Bauwerk wirkt skulptural geformt und sollte nach Steiners Vorstellung zum Ausdruck bringen.Kind-Barkauskas, Kauhsen, Polonyi, Brandt: Beton Atlas: Entwerfen mit Stahlbeton im Hochbau. Birkhäuser Architektur, 2001, ISBN 3-7643-6685-0, S. 24. Zusammen mit anderen stilistisch ähnlichen Bauten in der näheren Umgebung bildet das seit 1993Daten zum Goetheanum, abgerufen am 3. Juni 2011. unter Denkmalschutz stehende Goetheanum ein Ensemble, das zu den Kulturgütern von nationaler Bedeutung im Kanton Solothurn zählt. Als grundlegendes bauliches Vorbild hat das Goetheanum zudem Impulse für die gesamte anthroposophische Architektur gegeben, zu denen beispielsweise die Gebäude vieler Waldorfschulen zählen.
Geschichte Standortsuche eines Gemeinschaftsortes mini|Theosophische Gesellschaft im Saal des Münchener Kongresses, Rudolf Steiner sitzt in der ersten Reihe als erster Mann von links (1907)
1902 wurde Rudolf Steiner in Berlin zum Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gewählt, aus der später die anthroposophische Strömung hervorging. Die Föderation Europäischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft führte jährlich einen internationalen Kongress durch. 1907 gelang es Steiner, diesen internationalen Kongress erstmals auf deutschem Boden zu organisieren. Dafür wurden Räume benötigt, die sowohl zum Erörtern weltanschaulicher Fragen als auch für künstlerische Darbietungen geeignet waren.Biesantz, Klingborg: Das Goetheanum-Der Bauimpuls Rudolf Steiners. S. 9. In dem Jahr begann seine architektonische Tätigkeit, indem er die gemieteten Räume der Tonhalle in München für diese in die anthroposophische Geschichte als Münchener KongressRudolf Steiner: Bilder okkulter Siegel und Säulen. Der Münchener Kongress 1907 und seine Auswirkungen. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1977 (GA284/285), ISBN 3-7274-2840-6Roder (Hrsg.) Anthroposophie wird Kunst, Der Münchener Kongress 1907 und die Gegenwart. Verlag der Kooperative Dürnau, Dürnau, ISBN 978-3-00-025311-9 eingegangene Veranstaltung temporär umgestaltete.anthromedia.net: Rudolf Steiner als Architekt, abgerufen am 5. August 2011 Die künstlerische Innendekoration des Saals bestand aus sieben hohen Brettern, auf die Säulen gemalt waren, sowie Tondi, die sich mit den sieben apokalyptischen Siegeln abwechselten. Die plastische Gestaltung der Kapitelle stellte bestimmte planetarische Entwicklungszustände der Erde dar, die sich je nach geistiger Wahrnehmung unterscheiden sollten. Bereits die Gestaltung des gemieteten Saals deutete an, dass die künstlerische Absicht auf die Verwirklichung eines realen Bauwerks abzielte.Biesantz, Klingborg: Das Goetheanum. Der Bauimpuls Rudolf Steiners. S. 10.
München entwickelte sich zum wichtigsten Treffpunkt der Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Ihre Veranstaltungen fanden zumeist in gemieteten Theater- und Kongressräumen statt.Hasler: Das Goetheanum. Eine Führung durch den Bau, seine Umgebung und seine Geschichte. S. 77. Nachdem zunächst Erfahrungen mit der Einstudierung von Dramen von Édouard Schuré gesammelt wurden, begann Steiner selbst, sich als Autor und Regisseur für Sprechtheater zu versuchen. 1910 entstand so Die Pforte der Einweihung, ein Mysteriendrama, das sich stark anlehnte an Goethes Märchen von der Grünen Schlange und der schönen Lilie.Goethe: Das Märchen. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1985, ISBN 3-7725-0317-9, siehe auch: Unterhaltungen deutscher AusgewandertenRudolf Steiner: Goethes geheime Offenbarung in seinem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1982, ISBN 3-7274-5204-8, Speziell S. 234 Die Einstudierung erfolgte mit Profi- und Laienschauspielern gemeinsam in einer Art Sommerretreat.Maximilian Gümbel-Seiling: Münchener Uraufführungen der Mysteriendramen. In: Erinnerungen an Rudolf Steiner. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1979, ISBN 3-7725-0712-3, S. 81–93 In den Folgejahren bis 1913 wuchs das Projekt aus zu einer Tetralogie mit einer Aufführungsdauer von jeweils etwa sieben Stunden. Mit der grösser werdenden Anzahl der Mitglieder kam der Wunsch auf, für die geistige Arbeit und das künstlerische Schaffen ganzjährig eigene Räume zu haben. Steiner selbst befürchtete, dass ohne einen dauerhaften Gemeinschaftsort die von ihm geförderte Strömung wieder unterginge, und er betrieb im Jahr 1912 massgeblich die Abspaltung von der theosophischen Gesellschaft. Sein Ziel war eine europäisch-christlich ausgerichtete Strömung, die sich fortan Anthroposophie nannte.
Durch Steiners Ausgestaltung der Münchner Tonhalle fühlte sich der Anhänger Ernst August Karl StockmeyerBiografie zu Ernst August Karl Stockmeyer inspiriert, sich mit den Kunst- und Architekturideen zu beschäftigen.Ohlenschläger: Rudolf Steiner (1861–1925). Das architektonische Werk. S. 64. Stockmeyer malte und modellierte in Malsch bei Karlsruhe einen Kuppelraum mit Säulen, der an der Hauptkuppel nur eine einzige Öffnung aufwies. Die Öffnung war so konzipiert, dass zum Frühlingsanfang morgens gegen 9 Uhr das Sonnenlicht auf einen bestimmten Punkt im Inneren fallen würde. Stockmeyer zeigte Steiner seinen Entwurf im Frühjahr 1908. An den Planungen für das sogenannte Malsche Modell war Steiner grundsätzlich sehr interessiert. Allerdings erschien ihm ein monumentales Bauwerk ohne geeigneten Bühnen- und Zuschauerraum wenig geeignet. Dazu war der Standort in einem einsamen Waldgebiet, den Stockmeyer dafür erkoren hatte, verkehrsmässig nur schwer zugänglich.Ohlenschläger: Rudolf Steiner (1861–1925). Das architektonische Werk. S. 65. Das okkulte Bauwerk wurde als begehbares Modell verwirklicht; Steiner kehrte jedoch nach der Grundsteinlegung in der Nacht vom 5. auf den 6. April 1909Ohlenschläger: Rudolf Steiner (1861–1925). Das architektonische Werk. S. 66. nie mehr an den Ort zurück und das Projekt geriet schnell in Vergessenheit. Dennoch gilt es als Vorbild für Steiners Kulisse des «Sonnentempels» in seinen ersten beiden Mysteriendramen. Das lange Jahre dem Verfall preisgegebene Bauwerk wurde 1976 von Baden-Württemberg als Kulturdenkmal anerkannt. Ein Verein kümmert sich seither um den Erhalt und die Pflege des Bauwerks.Ohlenschläger: Rudolf Steiner (1861–1925). Das architektonische Werk. S. 69.
Projekt Johannesbau in München mini|Schnittdarstellung des Johannesbaus in München: Das architektonische Konzept der ineinander verlaufenden Doppelkuppeln wurde später im ersten Goetheanum verwirklicht.
Auf Initiative Steiners wurde der Architekt Carl Schmid-Curtius (1884–1931)Biografischer Abriss zu Carl Schmid-Curtius beauftragt, Entwürfe für ein Grundstück in München-Schwabing anzufertigen. Das Bauprojekt sah einen Doppelkuppelbau vor und erhielt den Namen Johannesbau, abgerufen am 3. Juni 2011. nach der Hauptgestalt Johannes Thomasius aus Rudolf Steiners Mysteriendramen. Die Beteiligung Steiners an den Plänen beschränkte sich auf die Gestaltung der Bühne und auf kleinere Detailarbeiten. Der Plan für diesen Bau stiess jedoch bei der städtischen Behörde, der benachbarten Kirche und bei den Anwohnern auf erheblichen Widerstand, und Verhandlungen zur Realisierung des Bauvorhabens erwiesen sich als langwierig.
1912 traf Steiner im Herbst während einer Vortragsreihe in Basel auf den Zahnarzt Emil Grosheintz (1867–1946),Biografie zu Emil Grosheintz-Laval. Abgerufen am 3. Juni 2011. ein aktives, wohlhabendes Mitglied, das bereits den Münchener Kongress besucht hatte. Grosheintz lud Steiner auf seinen Landsitz in Dornach, das Haus Brodbeck, ein. Da Steiner mittlerweile daran zweifelte, für das Bauvorhaben in München eine Einigung zu erzielen, interessierte er sich für das benachbarte und kaum bebaute, leicht hügelige Gelände im Birstal. Grosheintz bot ihm das Grundstück an und Steiner besuchte es im März 1913 zusammen mit einem Architekten. Das Gelände schien aus baulichen und aus formellen Gründen geeignet – der Kanton Solothurn hatte damals noch gar kein BaugesetzN. Grosheintz-Laval, in Erinnerungen an Rudolf Steiner, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1979, ISBN 3-7725-0712-3, S. 143–147 –, so dass man in dieser Hinsicht nach den Münchener Erfahrungen nichts riskierte. Das anthroposophische Milieu in der nahen Stadt Basel gefiel Steiner ebenso wie die Landschaftsstimmung in der benachbarten Eremitage Arlesheim, wo sich möglicherweise ein Teil der Odilienlegende abgespielt haben könnte. Dass auf dem Hügel, welcher für den Bau des neuen Zentrums und seines Umkreises ausgewählt wurde, am 22. Juli 1499 die Schlacht bei Dornach stattfand, bei der sich die Schweiz vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation emanzipierte, wurde nicht als Hindernis gesehen. Aus dem historischen Hintergrund wird der Standort auch manchmal als «Bluthügel» bezeichnet.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland: theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945. Vandenhoeck & Ruprecht 2007, ISBN 978-3-525-55452-4, S. 1163
mini|Rudolf Steiner mit Modell des ersten Goetheanums (1914) Schmid-Curtius musste die ursprünglichen Pläne für den Johannesbau in München immer weiter umarbeiten, um Auflagen zu erfüllen, die aus Rücksicht auf umliegende Bauwerke verlangt wurden. Deswegen hielt Steiner zunehmend einen Bau in Dornach für geeigneter, zumal auf dem unbebauten Hügel das vorgesehene Gebäude besser zur Geltung käme. Der Plan für den Münchener Johannesbau wurde am 12. Januar 1913 vom Staatsminister des Inneren Maximilian von Soden-Fraunhofen in München schliesslich aufgrund «schönheitlicher Standpunkte» abgelehnt,Stadtarchiv München: Aktenzeichen 5141, Abdruck des Königlichen Staatsministeriums des Inneren an die Königliche Regierung von Oberbayern, Kammer des Inneren vom 12. Januar 1913 (vermerktes Aktenzeichen 4106 b6) wogegen man Einspruch einlegte. Steiner erhielt danach noch die Möglichkeit, in der Nachbarschaft von Stift Neuburg bei Heidelberg Bauland zu erhalten – Alexander von Bernus wollte es ihm schenken – die Planungen und Vorbereitungen zum Grundstückskauf wurden jedoch schon im Vorfeld auf Dornach ausgerichtet, so dass Steiner das Angebot seines Freundes am 19. September 1913 ablehnte.Ohlenschläger: Rudolf Steiner (1861–1925). Das architektonische Werk. S. 88. Die Entscheidung, in der Schweiz zu bauen, fiel tatsächlich bereits im Juni 1913, und am 20. September desselben Jahres wurde der Grundstein gelegt.Hasler: Das Goetheanum. Eine Führung durch den Bau, seine Umgebung und seine Geschichte. S. 78. Wenige Tage nach der Grundsteinlegung, am 6. Oktober 1913, traf die inzwischen für die Anthroposophen bedeutungslos gewordene Ablehnung auf ihren Einspruch zur ursprünglichen Entscheidung des Staatsministeriums ein.
Erstes Goetheanum mini|Richtfest des ersten Goetheanums am 1. April 1914, Blick von Süden mini|Blick von Südwesten