mini|Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungswachstum im Vergleich mini|Gesamtfertilitätsrate (Welt 1950–2019 real und Entwicklung, geschätzt von UN, Population Division) – Total Fertility Rate Unter dem Begriff der Überbevölkerung (auch Übervölkerung) wird heute der Zustand verstanden, bei dem die Anzahl der Lebewesen die ökologische Tragfähigkeit ihres Lebensraums überschreitet. Bevölkerungspolitische Argumentationsführungen unterlagen in der Vergangenheit regelmäßig einem Wandel.Christiane Woiwod (1996): (PDF; 5,6 MB), S. 11 ff. Auf internationaler Ebene befasste sich die erste Weltbevölkerungskonferenz bereits 1927 in Genf mit dem Thema der Überbevölkerung.Martin List, Maria Behrens, Wolfgang Reichardt, Georg Simonis: Internationale Politik. Probleme und Grundbegriffe. Opladen 1995, S. 237. Auf Ebene der Vereinten Nationen wurde das Thema der Reproduktivität in Bezug auf Überbevölkerung ab den 1960er Jahren unter dem Überbegriff der Menschenrechte auf die UN-Agenda gesetzt.Vgl. Stefan Kühl: Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen eugenischen Bewegung im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2014, S. 325f.
Dieser Artikel behandelt die oft thematisierte Beziehung zwischen der Größe der menschlichen Bevölkerung und dem menschlichen Lebensraum auf der Erde. Der Begriff wird auch in den Sozialwissenschaften verwendet und beschreibt dort das Thema der Demografie und der Bevölkerungsgeografie.
Begriff Es existieren nach wie vor unterschiedliche Definitionen des Begriffs Überbevölkerung in Bezug auf die Menschheit und ihren Lebensraum auf der Erde. Von Anbeginn der thematischen Etablierung war die Definition von „Überbevölkerung“ nicht einfach zu bewerkstelligen, denn:
„Weil es keine allgemein anerkannten Kriterien für ein nationales Bevölkerungsoptimum gab, bedeutete allein die Postulierung der ‚Überbevölkerung‘ in einem Entwicklungsland eine bestimmte Wertung. Weswegen sollte ein Entwicklungsland, reich an Bodenschätzen und mit einer niedrigen Einwohnerzahl pro Quadratkilometer, überbevölkert sein, während Industrienationen mit bis zu 300 Personen pro Quadratkilometer angeblich ‚normal- oder unterbevölkert‘ sind?“ (Stefan Kühl 2014).Stefan Kühl: Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen eugenischen Bewegung im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2014, S. 271.
In einem räumlichen Kontext wird von globaler, regionaler oder auch lokaler Überbevölkerung gesprochen. In einer qualitativen Dimension gibt es unterschiedliche Auffassungen und Bemessungskriterien, wie hoch die Tragfähigkeit von bestimmten Lebensräumen oder der gesamten Erde für die Menschen bemessen ist, sodass unterschiedliche Ansichten herrschen, ab welchen Bevölkerungsdichten und -größen eine Überbevölkerung vorliegt.
Eine sehr weitreichende Definition von Überbevölkerung sieht diesen Zustand gegeben, wenn der betrachteten Bevölkerung eine nachhaltige Lebensweise (das Konzept „Nachhaltigkeit“ wurde 1992 auf der UN-Konferenz in Rio im Rahmen der Agenda 21 beigefügt)“Sustainable development was defined in the World Commission on Environment and Development's 1987 Brundtland report” (EUR-Lex: Glossar: Sustainable Development). bei dem von ihr gewünschten Lebensstil aufgrund der Bevölkerungsgröße in dem zur Verfügung stehenden Lebensraum nicht mehr möglich ist. Eine sehr enge Definition sieht das Vorliegen einer Überbevölkerung erst dann erfüllt, wenn bereits Engpässe der Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser oder Energie eingetreten sind und die unmittelbare Überlebensfähigkeit der betreffenden Bevölkerung in Teilen oder im Ganzen bedroht ist.
Problematik mini|hochkant=1.2|Karte der Staaten nach Bevölkerungsdichte Einige Wissenschaftler sehen Überbevölkerung als eines der zentralen Probleme der Menschheit an. Sie führen Probleme wie Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit oder das Wachstum von Slums, die heute hauptsächlich in Entwicklungsländern auftreten, auf die dortige „Bevölkerungsexplosion“ (besonders rasches Bevölkerungswachstum: jährlich mehr als 2,5 %) beziehungsweise auf starken Bevölkerungsdruck zurück. Auch Umweltprobleme und der globale ökologische Fußabdruck der Menschheit – der in Bereichen wie Flächenverbrauch, Erdölverbrauch, Überfischung, Entwaldung, Wasserverbrauch oder Schadstoffausstoß bereits zu hoch ist – werden im Zusammenhang mit dem Wachstum der Weltbevölkerung diskutiert.
In Bezug auf einzelne Länder oder Regionen ist umstritten, inwieweit von Überbevölkerung gesprochen werden kann beziehungsweise anhand welcher Kriterien diese zu bemessen ist (diskutiert werden etwa Bevölkerungsdichte, Selbstversorgungsgrad, Flächenverbrauch, Umweltschäden oder Lebensqualität).
Beispiel Waldverlust Entwaldung ist die weltweit stattfindende Umwandlung von Waldflächen hin zu anderen Landnutzungsformen.Definition nach Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen
Nach Angaben der Food and Agricultural Organization of the United Nations ist der Waldverlust unter anderem durch Armut, sogenanntes Landgrabbing (internationale Investoren lassen Flächen für Plantagen roden) und starkes Bevölkerungswachstum in den betroffenen Regionen bedingt. In vielen ärmeren afrikanischen Ländern ging der Waldbestand in den letzten Jahrzehnten stark zurück. Die Menschen dort sind größtenteils Landwirte in Subsistenzwirtschaft. Bedingt durch das starke Bevölkerungswachstum war es ihnen nicht mehr möglich, ihre Familien von der verfügbaren Ackerfläche zu ernähren. Dies führte zu Rodungen. Der Wald schützte das Land jedoch vor Bodenerosion, sodass langfristig gesehen ein noch größerer Verlust an Ackerfläche zu befürchten ist.
Weltweit wirkt sich der Waldverlust erheblich auf das Leben der Menschen in den armen Ländern aus, denn der Wald schützt vor Ausschwemmungen des Bodens, Überschwemmungen und Lawinen. Er ist zudem oft die wichtigste Quelle für Heizmaterial. Größtenteils wird auf Holz gekocht.Food and Agricultural Organization of the United Nations. 2012. Millennium Developmental Goals – Goal 7. Ensure environmental sustainability – national forrest assesements
Beispiel Wasserverfügbarkeit
Der Begriff Wasserverfügbarkeit, die UNESCO spricht von verfügbaren Süßwasserressourcen, bezeichnet die Menge an Süßwasser, die einer Person pro Jahr zur Verfügung steht. Je nach Größe dieser Menge definieren sich die untergeordneten Begriffe Wasserknappheit, Wassermangel und Wassernotstand, bis hin zur Wasserkrise.
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) bezeichnete im Jahr 2013 den Wassermangel als eines der zentralen Probleme unserer Zeit und warnte davor, dass in Zukunft noch mehr Menschen davon betroffen sein könnten.Klimawandel setzt 40 Prozent mehr Menschen dem Risiko absoluter Wasserknappheit aus, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), 16. Dezember 2013
Nach Vorausberechnungen der Vereinten Nationen wird bei gleichbleibendem Bevölkerungswachstum die Zahl der durch Wassermangel bedingten Todesfälle stark zunehmen. Zudem wird befürchtet, dass es zu bewaffneten Konflikten um Wasser kommen wird.
Wasserverfügbarkeit im Jahr 2010 im Jahr 2050 ausreichende Wasserverfügbarkeit 71 % der Weltbevölkerung 55 % der Weltbevölkerung Wasserknappheit 23 % der Weltbevölkerung 22 % der Weltbevölkerung Gefährlicher Wassermangel 6 % der Weltbevölkerung 23 % der WeltbevölkerungPopulation Action International. Bekanntmachungen zur weltweiten Wasserversorgung. 2012. Siehe auch why population matters to water ressources (PDF) zum ähnlichen Thema.
Situation mini|Plastik zur Überbevölkerung im Neanderthal-Museum, Mettmann 2016 vergrößerte sich die Weltbevölkerung um mehr als 1,5 Mio. Menschen pro Woche. Trotz sinkender Geburtenraten in den meisten Ländern der Welt ist dieser Zuwachs seit 15 Jahren nahezu unverändert. Im weltweiten Durchschnitt bekam eine Frau 2,5 Kinder;Weltbevölkerungstag 2017: Frauen bringen im weltweiten Durchschnitt 2,5 Kinder zur Welt, Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, abgerufen am 4. September 2017. 2,1 Kinder wären nötig, um die Weltbevölkerung konstant zu halten, der höhere Wert bedeutet somit ein Wachstum der Weltbevölkerung.
Die Weltbevölkerung wuchs (Stand April 2020) mit einer Rate von etwa 1,05 % pro Jahr (gegenüber 1,08 % im Jahr 2019, 1,10 % im Jahr 2018 und 1,12 % im Jahr 2017). Das derzeitige durchschnittliche Bevölkerungswachstum wird auf 81 Millionen Menschen pro Jahr geschätzt.
Die Fertilität ist weltweit rückläufig: In Asien beispielsweise ist sie von 2,3 Kindern pro Frau im Zeitraum 2005–2010 auf 2,2 Kinder im Zeitraum 2010–2015 gesunken.
Dieser Rückgang wird unter anderem zurückgeführt auf die Bevölkerungspolitik von Regierungen, soweit sie auf Verringerung der Geburtenrate zielt, sowie auf die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen, die Frauen Zugangsmöglichkeiten zu sexueller Aufklärung und Verhütungsmitteln eröffnet haben. Allerdings haben Frauen in vielen Ländern keinen Zugang zur Familienplanung.Evangelischer Pressedienst:
In Afrika, dem Kontinent mit der höchsten Fertilität, bekommt eine Frau derzeit 4,7 Kinder (gegenüber 4,9 Kindern im Zeitraum 2005–2010). Europa ist die einzige Region mit leicht zunehmender Fertilität: 2016 waren es 1,6 Kinder pro Frau, gegenüber 1,55 Kindern im Zeitraum 2005–2010., abgerufen am 4. September 2017 (PDF).
+ Bevölkerung Stand 2020 (Quelle: UNO) Jahr Bevölkerung Jährl. Wachstum (%) Jährl. Wachstum (Total) Durchschnittl. Alter Fertilitätsrate Personenpro km² 2020 7.794.798.739 1,05 % 81.330.639 31 2,47 52 2019 7.713.468.100 1,08 % 82.377.060 30 2,51 52 2018 7.631.091.040 1,10 % 83.232.115 30 2,51 51 2017 7.547.858.925 1,12 % 83.836.876 30 2,51 51 2016 7.464.022.049 1,14 % 84.224.910 30 2,51 50 2015 7.379.797.139 1,19 % 84.594.707 30 2,52 50 2010 6.956.823.603 1,24 % 82.983.315 28 2,58 47 2005 6.541.907.027 1,26 % 79.682.641 27 2,65 44 2000 6.143.493.823 1,35 % 79.856.169 26 2,78 41 1995 5.744.212.979 1,52 % 83.396.384 25 3,01 39 1990 5.327.231.061 1,81 % 91.261.864 24 3,44 36 1985 4.870.921.740 1,79 % 82.583.645 23 3,59 33 1980 4.458.003.514 1,79 % 75.704.582 23 3,86 30 1975 4.079.480.606 1,97 % 75.808.712 22 4,47 27 1970 3.700.437.046 2,07 % 72.170.690 22 4,93 25 1965 3.339.583.597 1,93 % 60.926.770 22 5,02 22 1960 3.034.949.748 1,82 % 52.385.962 23 4,90 20 1955 2.773.019.936 1,80 % 47.317.757 23 4,97 19
Die Proklamation von Teheran In die Proklamation von Teheran wurde am 13. Mai 1968 von der Internationalen Konferenz über Menschenrechte ein Passus aufgenommen, der besagte, dass jedem Paar das Grundrecht zugestanden werden solle, frei über die Anzahl der Kinder und die Abstände zwischen den Geburten zu entscheiden.Ziffer 16 der legal.un.org (PDF; 8,1 MB) – Proklamation von Teheran: The protection of the family and of the child remains the concern of the international community. Parents have a basic human right to determine freely and responsibly the number and the spacing of their children. Dies wurde in den Aktionsprogrammen der Weltbevölkerungskonferenzen von 1974 (Bukarest), 1984 (Mexiko-Stadt) und 1994 (Kairo) bekräftigt.
Im Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (Frauenkonvention) wurde das Recht auf Familienplanung 1979 erstmals verbindlich verbrieft.Übereinkommen, Artikel 12(1) und 16(1)e. (PDF; 152 kB).
Ob es gelingt, das Bevölkerungswachstum auch in den ärmeren Entwicklungsländern zu bremsen, hängt von politischen Entscheidungen ab. Zentral ist dabei die Umsetzung der Beschlüsse der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz von 1994. Zu den Kernpunkten dieses Aktionsprogramms gehören eine qualitative und quantitative Verbesserung der reproduktiven Gesundheitsversorgung, inklusive Familienplanung, und das „Empowerment“ von Frauen – also die Stärkung ihrer rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Stellung.Plädoyer für Familienplanung. In: Zeitschrift für Entwicklung und Zusammenarbeit.
Bevölkerungspolitik in verschiedenen Ländern