Neuruppin (, plattdeutsch: Reppin) ist die Kreisstadt des Landkreises Ostprignitz-Ruppin im Norden des Landes Brandenburg. Sie ist der traditionelle Hauptort des Ruppiner Landes. Zum Gedenken an den hier geborenen Dichter Theodor Fontane trägt sie den Beinamen Fontanestadt. Neuruppin gilt bisweilen als .

Geographie

Geographische Lage Neuruppin ist eine der flächengrößten Städte Deutschlands. Die Stadt Neuruppin liegt etwa 60 km nordwestlich von Berlin im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Im Süden erstreckt sie sich entlang des Ruppiner Sees, der vom Rhin durchflossen wird, und umfasst Ortsteile wie die Kernstadt Neuruppin und Alt Ruppin. Im Norden erstreckt sie sich über die Ruppiner Schweiz bis in die übrige Wittstock-Ruppiner Heide, die teilweise als Truppenübungsplatz Wittstock militärisch genutzt wurde.

Stadtgliederung Zur Stadt Neuruppin gehören seit den Eingemeindungen 1993 die in der Tabelle aufgeführten Ortsteile und Wohnplätze. Gebietsstand: 1. Januar 2009, Ministerium des Innern des Landes Brandenburg (Dienstleistungsportal der Landesverwaltung); abgerufen am 30. Dezember 2009.

Ortsteile

Gemeindeteile

Wohnplätze

Hinzu kommt die Wüstung Krangensbrück.

Klima

Geschichte Vor dem Stadtbrand (bis 1787) mini|Neuruppin um 1694

Die vorgeschichtliche Besiedelung des Landes reicht von der mittleren Steinzeit über die jüngere Bronzezeit mit erst germanischen, später dann slawischen Siedlungen (im Altstadtbereich – u. a. „Neuer Markt“ – und im Umland) an den Ufern des Ruppiner Sees. In spätslawischer Zeit wurde dieses Gebiet vom Stamm der Zamzizi besiedelt, dessen Zentrum vermutlich die Slawenburg Ruppin auf der Insel Poggenwerder bei Alt Ruppin war. Nach dem Wendenkreuzzug 1147 und der Eroberung des Landes durch deutsche Adlige wurde um 1200 auf dem Amtswerder, einer Halbinsel neben der Insel Poggenwerder, die Burg Ruppin (auch Planenburg) als große Niederungsburg und politisches Zentrum der Herrschaft Ruppin errichtet. Im nördlichen Vorgelände entstand eine Marktsiedlung mit Nikolaikirche, östlich daran und jenseits des Rhins der „Kietz“: die Stadt (Olden Ruppyn) Alt Ruppin war entstanden.

Südwestlich des Burgortes entstand seit Anfang des 13. Jahrhunderts unter Beibehaltung des Namens Ruppin die Siedlung des heutigen Neuruppin mit Nikolaikirche und angerartigem Straßenmarkt.

Das damalige (Neu-)Ruppin war eine planmäßige Stadtgründung der Grafen von Lindow-Ruppin, einer Nebenlinie der Arnsteiner, die in Alt Ruppin residierten. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1238. Eine Erweiterung der ursprünglichen Marktsiedlung Alt Ruppin, hin zur heutigen Stadt Neuruppin, erfolgte wahrscheinlich bereits vor der Gründung des Dominikanerklosters 1246 als erste Niederlassung des Ordens zwischen Elbe und Oder durch den ersten Prior Wichmann von Arnstein. Die Verleihung des Stendaler Stadtrechtes erfolgte am 9. März 1256 durch Günther von Arnstein. Die Befestigung der Stadt erfolgte im 13. Jahrhundert durch Palisaden und ein Wall-Grabensystem, später wurde sie durch Mauern und Wall-Grabenanlagen befestigt; 24 Wiekhäuser und zwei hohe Türme verstärkten die Stadtmauern. Dazu kamen drei Tore, das Altruppiner/Rheinsberger Tor im Norden, das Berliner/Bechliner Tor im Süden und das Seetor im Osten. Die vollständige Ummauerung erfolgte spätestens gegen Ende des 15. Jahrhunderts.

Neuruppins ältester Teil war ein langgestreckter Anger, begleitet von zwei parallelen Straßen zwischen dem südlichen und nördlichen Stadttor, im Süden darauf die älteste Kirche Neuruppins (St. Nikolai). Die Hauptstraße Neuruppins war seit Mitte des 16. Jahrhunderts gepflastert. Quer durch Neuruppin, von Nordwesten zum See hin, verlief der aus der Ruppiner Mesche kommende Klappgraben zur Versorgung der Stadt mit Brauchwasser und zur Entwässerung, der 1537 zum Teil zugeschüttet und nach dem Stadtbrand 1787 als offener Kanal in der Schinkelstraße erneuert wurde.

Neuruppin gehörte im Mittelalter zu den größeren nordostdeutschen Städten. Erhalten sind aus dieser Zeit unter anderem Teile der Stadtmauer, Teile der Klosterkirche St. Trinitatis (1246), die St. Georgs-Kapelle (1362), das Siechenhospital (1490)Das Siechenhospital diente unter anderem der Behandlung von Leprakranken. Siehe dazu auch die Daten der Gesellschaft für Leprakunde mit einer Übersicht über alle mittelalterlichen Leprosorien in Berlin und Brandenburg unter muenster.org mit der 1491 geweihten St.-Lazarus-Kapelle sowie Reste des Seeviertels. Die mittelalterliche Stadt hatte einen nahezu quadratischen Grundriss von etwa 700 m × 700 m, der an der Ostecke auffällig abstumpft. Die Ost-Südost-Seite grenzt an den Ruppiner See.

Zur Feier eines Friedensvertrages veranstaltete Kurfürst Joachim I. 1512 in Neuruppin ein dreitägiges Ritterturnier, .

Nach dem Aussterben der Grafen von Lindow-Ruppin 1524 kam Neuruppin als erledigtes Lehen an den Kurfürsten Joachim I. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete auch Neuruppin und ließ seine Bewohner verarmen. Besonders in der Zeit um 1638 war die Stadt mehrfach der Einquartierung und Ernährung der durchziehenden wechselnden Kriegsparteien ausgesetzt.

Im Zuge der Reformation fiel der Klosterbesitz um 1540 an den Kurfürsten. 1564 schenkte Kurfürst Joachim II. von Brandenburg das durch die Einführung der Reformation in Brandenburg 1541 aufgelassene Kloster der Stadt. In diese Zeit fällt eine in der Klosterkirche abgebildete Legende über eine Maus, die eine Ratte verfolgt. Damit wurde der Legende ein Bild gegeben, dass die Einführung der Reformation unter den im Neuruppiner Kloster lebenden Mönchen sehr ängstlich gesehen wurde: „Eher jagt eine Maus eine Ratte, als das Kloster evangelisch wird.“

1365 wurde die Neuruppiner Lateinschule zum ersten Mal urkundlich erwähnt, die zeitweilig überregionale Bedeutung besaß. Ihre Geschichte ist seit 1477 gut dokumentiert.Heinrich Begemann: Die Lehrer der Lateinischen Schule zu Neuruppin 1477–1817. Beilage zum Jahresbericht Friedrich-Wilhelms-Gymnasium zu Neuruppin, Neuruppin, 1914 1777 übernahmen Philipp Julius Lieberkühn und Johann Stuve die Schulleitung und reformierten die Schule im Basedowschen Sinne, was allgemeine Beachtung fand.

Mit dem Edikt des Kurfürsten Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 1685 siedelten sich in ihrer französischen Heimat verfolgte Hugenotten an, die in die Städte der Mark über 50 unbekannte, neue Gewerke mitbrachten und somit entscheidend am Wiederaufbau des vom Dreißigjährigen Krieg (1618–1649) schwer gezeichneten Landes mitwirkten.

1688 wurde Neuruppin eine der ersten Garnisonsstädte Brandenburgs. Hier war Kronprinz Friedrich 1732–1740 nach seinem erfolglosen Fluchtversuch und anschließender Haft in Küstrin Inhaber des Regiments zu Fuß Kronprinz. In dieser Zeit wurde Bernhard Feldmann auf Wunsch des Kronprinzen sein Leibarzt und später auch Stadtphysikus. Ab 1752 fertigte er aus eigenem historischen Interesse Auszüge aus Ratsakten und Kirchenbüchern an, die als gebundenes Buch der Handschriften den Titel „Miszellanea historica der Stadt Neuruppin“ tragen und heute in Museum Neuruppin liegen. Seine Abschriften historisch interessanter Ratsakten gelten als wichtigste Sammlung von Quellen zur frühen Stadtgeschichte, da die Originalakten beim großen Stadtbrand 1787 vernichtet wurden. Dass diese Sammlung nicht Opfer des Stadtbrandes wurde, ist der Tatsache zu verdanken, dass Feldmanns Chronik sich zu diesem Zeitpunkt in Berlin bei dem Historiker Friedrich Wilhelm August Bratring für dessen Werk „Grafschaft Ruppin“ (Berlin 1799) befand.

Zeitweilig lag der Anteil der Soldaten und zivilen Truppenangehörigen bei 1500 von 3500 Einwohnern. Erst mit dem Abzug der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland 1994 verlor Neuruppin diesen Status.

Ab 1740 hatte der Orgelbauer Gottlieb Scholtze seine Werkstatt in Neuruppin, der u. a. die Orgel in Rheinsberg baute.

Stadtbrand und Wiederaufbau (1787–1803) mini|hochkant|Denkmal für Friedrich Wilhelm II. von Preußen (1828/1829), Entwurf Karl Friedrich Schinkel, Modell Friedrich Tieck

Ein Einschnitt in die Entwicklung der Stadt war der Flächenbrand vom Sonntag, dem 26. August 1787. Das Feuer brach in einer mit Getreide gefüllten Scheune am Bechliner Tor am Nachmittag aus und breitete sich rasch aus. Nur zwei schmale Bereiche am Ost- und Westrand der Stadt blieben erhalten. Insgesamt 401 bürgerliche Häuser, 159 Neben- und Hintergebäude, 228 Ställe und 38 Scheunen, die Pfarrkirche St. Marien, das Rathaus, die reformierte Kirche und das Prinzliche Palais wurden zerstört. Menschenleben waren nicht zu beklagen. Der Sachschaden wurde mit fast 600.000 Talern beziffert. Die Feuerkasse ersetzte ca. 220.000 Taler, eine spezielle Kirchenkollekte erbrachte 60.000 Taler, die preußische Regierung stellte 130.000 Taler Retablissementsgelder für den Wiederaufbau der Stadt bereit. Insgesamt wandte der Staat in den folgenden Jahren über eine Million Taler auf.

mini|links|Plan der Stadt Neuruppin, 1789, Bernhard Mattias Brasch Der seit 1783 in der Stadt tätige Stadtbaudirektor Bernhard Matthias Brasch (1741–1821) setzte die Vorgaben der Wiederaufbaukommission um und beaufsichtigte die entsprechenden Arbeiten. Diese erfolgten 1788–1803 und zwar nach einem einheitlich geplanten Grundriss.Ulrich Reinisch: Der Wiederaufbau der Stadt Neuruppin nach dem großen Brand von 1787 oder: wie die preußische Bürokratie eine Stadt baute. Nach den Akten rekonstruiert und erläutert = Forschungen und Beiträge zur Denkmalpflege im Land Brandenburg 3. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2001, ISBN 978-3-88462-173-8 Braschs Plan sah die Erweiterung der Stadt von 46 auf knapp 61 Hektar bei Beseitigung der Wälle zwischen Tempelgarten und See vor. Die beiden eng zusammenliegenden Nord-Süd-Straßen wurden zu einer Achse, der späteren Karl-Marx-Straße, vereinigt. Es entstand ein rechtwinkliges Netz von Straßen mit durchgängig zweigeschossigen Traufenhäusern. Lange breite Straßen, unterbrochen durch stattliche Plätze, und Häuser in einer Transformationsarchitektur, die barocke, manieristische und gotische Gestaltungsmittel mit klassizistischen Strömungen vermischt, prägen seit jener Zeit das Stadtbild. Diese städtebaulichen Reformprinzipien sind gut erkennbar. So entstand mit dem Wiederaufbau eine in dieser Originalität einzigartige klassizistische Stadtanlage. Abgeschlossen war der Wiederaufbau bereits im Jahr 1803. Lediglich die Fertigstellung der Pfarrkirche St. Marien (erbaut 1801–1806 von Philipp Bernard François Berson unter der Mitwirkung von Carl Ludwig Engel) zog sich aufgrund von statischen Problemen bis zum Jahr 1806 hin.

Wirtschaft im 19. Jahrhundert (1804–1900) mini|Handkolorierter Neuruppiner Bilderbogen, um 1850

Johann Bernhard Kühn (1750–1826) begann in Neuruppin mit der Produktion der Bilderbogen, thematisch gestalteten und über lange Zeit handkolorierten Einblattdrucken. Sein Sohn Gustav Kühn (1794–1868), der die väterliche Firma 1819 übernahm, bzw. sein Enkel Bernhard Kühn erreichten mit diesen Auflagen von zum Teil über drei Millionen Stück pro Jahr (z. B. zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71). Gustavs Erfolg lag in der Anwendung des lithografischen Verfahrens, das Alois Senefelder 1796 erfand; es ermöglichte eine hohe Anzahl von Drucken, die handkoloriert wurden. Zur Mitte des Jahrhunderts wurden dafür Maschinen eingesetzt, die ebenfalls eine sehr hohe Auflage und somit preiswerten Verkauf ermöglichten. Anfänglich v. a. religiöse und Belehrungsbogen und für die zumeist nichtlesende erwachsene Bevölkerung ohne Text produziert, wurden zunehmend alle Themen bedient, die heute der modernen Presselandschaft entsprechen; aus Bildunterschriften wurden Texte.