mini|Erklärvideo: Was ist eine Zwangsstörung? (57 Sekunden) Die Zwangsstörung oder Zwangserkrankung ( bzw. OCD) gehört zu den psychischen Störungen.
Es besteht für erkrankte Personen ein innerer Zwang oder Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Die Betroffenen wehren sich zwar meist gegen diesen auftretenden Drang, erleben ihn als übertrieben und sinnlos, können ihm willentlich jedoch meist nichts entgegensetzen. Die Störung bringt deutliche Belastungen und Beeinträchtigungen des Alltagslebens mit sich.
Ältere Bezeichnungen für Zwangsstörungen sind Zwangsneurose und anankastische Neurose. Die Zwangsstörung ist von der zwanghaften Persönlichkeitsstörung sowie von Zwangssymptomen im Rahmen anderer psychischer oder neurologischer Erkrankungen zu unterscheiden.
Der Begriff wurde zuerst 1867 von Richard von Krafft-Ebing eingeführt,Krafft-Ebing, Beiträge zur Erkennung und richtigen forensischen Beurtheilung krankhafter Gemüthszustände für Aerzte, Richter und Vertheidiger, Enke, Erlangen, 1867 als eigenständiges Krankheitsbild wurde es erst von Carl Westphal 1877 beschrieben.Westphal, Über Zwangsvorstellungen, Berliner Klinische Wochenschrift, Band 46, 1877, S. 669–672, Band 47, 1877, S. 687–689 Wichtige Beiträge zur Klassifikation leistete auch Westphals Schüler Robert Thomsen 1895.Thomsen, Klinische Beiträge zur Lehre von den Zwangsvorstellungen und verwandten psychischen Zuständen, Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Band 27, 1895, S. 319–385A. Oberbeck, H. Steinberg, Sind die aktuellen Konzepte der Zwangsstörung ein Novum? Von Westphal (1877) und Thomsen (1895) zur ICD-10 und zum DSM-5, Der Nervenarzt 2015, S. 1–6
Symptome Die für die diagnostische Klassifizierung maßgebliche Hauptsymptomatik der Zwangsstörung besteht in Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen. Bei mehr als 90 % der Betroffenen finden sich beide Symptome. Typisch ist auch die große Bandbreite an möglichen Symptomen, so dass fast jeder Betroffene sein eigenes, individuelles Symptombild aufweist.D. J. Castle, K. A. Phillips: Obsessive-compulsive spectrum of disorders: a defensible construct? In: The Australian and New Zealand journal of psychiatry. Band 40, Nummer 2, Februar 2006, S. 114–120, doi:10.1080/j.1440-1614.2006.01757.x, PMID 16476128, (Review).
Zwangsgedanken
Bei Zwangsgedanken handelt es sich um zwanghaft sich aufdrängende Denkinhalte, die üblicherweise als unsinnig erkannt werden.Theo R. Payk: Psychopathologie. Vom Symptom zur Diagnose. 3. Auflage. 2010, S. 254 ff. Diese meistens „ich-dystonen“ Zwangsgedanken können aber auch übersteigert bis hin zu magischem Denken oder überwertigen IdeenChristian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie: Eine Einführung. Thieme, Stuttgart 2004, S. 149 ff. bestehen. Einige Betroffene leiden zudem zusätzlich an formalen Denkstörungen, vor allem an Perseveration, Gedankenkreisen, eingeengtem Denken oder Gedankenarmut. In der Regel lösen Zwangsgedanken Abwehrrituale auf verhaltens- oder kognitiver Ebene aus. Selten vorkommende Zwangsgedanken ohne Gegenreaktion werden im angloamerikanischen Raum vereinzelt auch mit dem Begriff „Pure-O“ (engl. „pure obsessive“) bezeichnet.
Zwangsgedanken kann man einteilen in: Zwangsideen und -befürchtungen (z. B. die Befürchtung, eine Arbeit nicht richtig gemacht zu haben, oder Ängste, dass dem Ehepartner etwas Schlimmes zustoßen könnte) Aggressive Zwangsgedanken (Befürchtungen, jemandem Schaden zuzufügen, sexuell verwerfliche Dinge zu tun, jemanden zu beleidigen etc.Volker Faust: Zwangsstörungen – Zwangskrankheiten – Zwangsneurose. psychosoziale-gesundheit.net) Grübelzwang (bestimmte Themen müssen wieder und wieder durchdacht werden. Es ist nicht möglich, dabei zu einer Entscheidung oder zu einer Lösung zu kommen) Zweifel (Unsicherheit, Handlungen nicht zufriedenstellend abgeschlossen, etwas falsch verstanden, getan oder unterlassen zu haben) Zählzwang (Arithmomanie) (bestimmte Dinge, die im Alltag auftauchen, werden gezählt) Wiederholungen (bestimmte Gedanken müssen ritualisiert wiederholt werden) Erledigungszwänge (bei zwanghaften Persönlichkeitsstrukturanteilen)Michael Zimmer und G. Braune: Stereotype Persönlichkeitsmerkmale bei Tinnituspatienten und mögliche therapeutische Konsequenzen. In: HNO-Informationen. Band 84, Nr. 1, 2005, S. 35.
Bei Zwangsgedanken geht es also häufig um angstvolle Gedanken und Befürchtungen, sich selbst oder einer anderen Person zu schaden (z. B. durch Verunreinigung, durch aggressive Handlungen oder durch sogenannte „magische Handlungen“), in eine peinliche Situation zu geraten, oder durch Unterlassen von Handlungen indirekt bzw. durch eigene Handlungen direkt für ein Unheil oder Unglück verantwortlich zu sein. Die Zweifel und Befürchtungen können nicht befriedigend abgeschlossen werden, sodass sie sich ständig wieder aufdrängen und bearbeitet werden müssen, ohne zu einem realen Ergebnis zu gelangen. medizin-im-text.de Blog
Häufig leiden Betroffene auch an quälendem Zweifel. 1838 verlieh daher in Frankreich bereits Jean Esquirol den Zwangsstörungen den Beinamen „Maladie du doute“ (dt.: „Krankheit des Zweifels“). Im deutschen Sprachraum setzte sich dagegen der vom Wiener Psychiater Richard von Krafft-Ebing geprägte Begriff „Zwangsvorstellung“ durch.Theo R. Payk: Psychopathologie: vom Symptom zur Diagnose. S. 262 ff. Klinische Erfahrungen zeigen zudem, dass Menschen mit einer Zwangsstörung die Eintrittswahrscheinlichkeiten negativer Ereignisse überschätzen.Cornelia Exner u. a.: Umgang mit probabilistischen Informationen bei Patienten mit Zwangsstörungen. (DFG-Projekt) Häufig zeigt sich bei den Betroffenen auch eine Hypervigilanz.C. L. Wiggs u. a.: Hypervigilance in patients with obsessive-compulsive disorder. In: Anxiety. 1996;2(3), S. 123–129.
In einer Untersuchung von Salman Akhtar (1975) wurden die Themen der Zwangsgedanken von Betroffenen erfragt. Am häufigsten wurden dabei genannt: Schmutz oder Verseuchung (menschliche oder tierische Exkremente, Schmutz, Staub, Sperma, Menstruationsblut, Keime, Infektionen) Gewalt und Aggression (körperlicher oder verbaler Angriff auf sich selbst oder andere Personen; Unfälle, Missgeschick, Krieg, Katastrophen, Tod) Ordnung (Ordentlichkeit, Symmetriebestrebungen in der Ausrichtung von Gegenständen usw.) Religion (Existenz Gottes, religiöse Praktiken und Rituale, Glaubenssätze, moralische Einstellungen) oder Magie Sexualität (sexuelle Handlungen an sich oder anderen, inzestuöse Impulse, sexuelle Leistungsfähigkeit)
Auch wenn dies die statistisch am häufigsten genannten Inhalte von Zwangsgedanken sind, eignet sich jedes Thema als Zwangsgedanke. Die Unterscheidung zwischen Zwangsgedanken und normalen Gedanken besteht also vor allem im oftmals unangemessen, beunruhigenden oder irrationalen Charakter der Zwangsgedanken sowie im Leidensdruck, der Unkontrollierbarkeit und den starken negativen Emotionen, wie Angst und Unbehagen, die mit den Zwangsgedanken einhergehen.
Zwanghafte Gedanken können sich (als ein Beispiel von vielen denkbaren Varianten) im Fall aggressiver Zwangsgedanken darin äußern, dass eine Mutter befürchtet, Mann und Kinder vergiften zu wollen, oder eine Tochter befürchtet, ihre Mutter die Treppe hinunterzuwerfen.
Der Dokumentarfilm Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben von Oliver Sechting erklärt das Phänomen Zwangsgedanken anschaulich aus der Perspektive eines Betroffenen.
Zwangshandlungen „Zwanghaft gegen oder ohne den Willen ausgeführte Handlungen. Beim Versuch, die Handlungen zu unterlassen, treten massive innere Anspannung und Angst auf.“Deister, 2001, S. 127 f. Zwangshandlungen sind Stereotypien, die ständig wiederholt werden müssen. Die meisten Betroffenen wissen, dass ihr Verhalten übertrieben und unvernünftig ist, und versuchen anfangs, Widerstand zu leisten, geben jedoch auf, wenn die Angst sie überfällt. Danach fühlen sie sich für gewöhnlich für eine kurze Zeitspanne weniger ängstlich. Abgesehen von dieser Spannungsreduktion empfinden die Betroffenen keine Freude am Ausführen der Handlung selbst.
Manche Menschen bauen die zwanghafte Handlung zu einem Zwangsritual aus: Die Zwangshandlung wird in einer bis ins Detail ausgearbeiteten Art und Weise ausgeführt. Die Betroffenen müssen das Ritual jedes Mal in exakt derselben Weise, nach bestimmten, sorgfältig zu beachtenden Regeln durchlaufen. Wenn es nicht gelingt, die Handlung abzuschließen, entsteht weitere Angst, und das Ritual muss häufig von Anfang an wiederholt werden.
Beispiele: Reinlichkeitszwang: der Zwang, sich z. B. dauernd die Hände zu waschen, zu desinfizieren (Ablutomanie) Kontrollzwang: ständige Überprüfung von Herdplatten, Türschlössern, Gashähnen, Aschenbechern, wichtigen Papieren etc. Ordnungszwang: der Zwang, immer eine Symmetrie, perfekte Ordnung oder ein Gleichgewicht herzustellen, indem Dinge wie Bücher, Kleidung oder Nahrungsmittel nach genauen Regeln präzise angeordnet werden Berührzwang: der Zwang, bestimmte Dinge anzufassen oder gerade nicht anzufassen, etwa jede Straßenlaterne zu berühren verbale Zwänge: Ausdrücke, Sätze oder Melodien werden ständig wiederholt
Diagnose Nach ICD-11 Gemäß der seit 2022 gültigen ICD-11 (Code 6B20) gehört die „Zwangsstörung“ zu der Gruppe der „Zwangsstörung oder verwandten Störungen“. Sie ist somit nicht mehr den Angststörungen zugeordnet.
Zu den verwandten Störungen der Gruppe (Zwangsspektrumstörungen) gehören:
6B21 Körperdysmorphe Störung 6B22 Olfaktorische Referenzstörung 6B23 Krankheitsangststörung 6B24 Pathologisches Horten 6B25 Körperbezogene repetitive Verhaltensstörungen
Nach DSM-5 Das DSM-5 unterscheidet mehrere Abstufungen, je nach Grad der gegebenen Einsicht in die Zwangsproblematik. Die aktuell gültige 5. Auflage führt die Störung erstmals in einem eigenen Kapitel unter dem erweiterten Oberbegriff „Zwangsstörung und verwandte Störungen“ auf – zuvor war sie dem Kapitel „Angststörungen“ zugeordnet. Zu den verwandten Störungen (Zwangsspektrumstörungen) zählen dabei die „Körperdysmorphe Störung“, „Zwanghaftes Horten“, „Trichotillomanie“, „Exkoriationsstörung“ sowie analoge Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen, Medikamenten und anderen medizinischen Bedingungen.Schweizer Gesellschaft für Zwangsstörungen:
Zur genaueren Diagnosestellung können Fremdratingskalen (Fragebögen zur Fremdbeurteilung) verwendet werden, z. B.: die Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS).Goodman u. a.: Yale-Brown Obsessive-Compulsive Rating Scale (Y-BOCS). 1989. Die Y-BOCS liegt auch als Version für Kinder und als Selbstbeurteilungsfragebogen vor. Es gibt mehrere Fragebögen zur Selbstbeurteilung: Maudsley Obsessional Compulsive Inventory (MOC) Leyton Obsessional Inventory (LOI) – auch als Version für Kinder Hamburger Zwangsinventar (HZI) – auch in Kurzform
Differentialdiagnose Gelegentliche Panikattacken oder leichte phobische Symptome sind mit der Diagnose vereinbar. Obwohl bei Zwangsstörungen Ängste eine große Rolle spielen können und als sogenannte anxiety disorder nach amerikanischen Leitlinien (bzw. DSM-IV) klassifiziert wurden, zählen diese nicht zu den Angststörungen im engeren Sinne. Abgrenzung zur Schizophrenie: Früher wurde von Eugen Bleuler ein Zusammenhang zwischen Zwang und Schizophrenie postuliert. Mehrere aktuelle Studien deuten darauf hin, dass es keinen solchen direkten Zusammenhang gibt. Patienten mit Zwängen haben kein erhöhtes Risiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung, an einer Schizophrenie zu erkranken. Allerdings treten Zwänge auch im Rahmen von Schizophrenien auf. Bei Patienten, die an einer Schizophrenie leiden, scheint das Vorliegen von Zwangssymptomen die Prognose hinsichtlich der Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit zu verschlechtern.