Biesdorf ist ein Ortsteil im Bezirk Marzahn-Hellersdorf in Berlin, der 1920 im Rahmen der Bildung von Groß-Berlin Teil des Berliner Stadtgebietes wurde. Zusammen mit Kaulsdorf und Mahlsdorf befindet sich hier Deutschlands größtes zusammenhängendes Gebiet mit Ein- und Zweifamilienhäusern.
Lage Biesdorf erstreckt sich beiderseits der auf gemeinsamer Trasse verlaufenden Bundesstraßen B 1/B 5. Es teilt sich in die vier LOR-Planungsräume Oberfeldstraße (nördlich der Bahntrasse und westlich des Blumberger Damms), Buckower Ring (nördlich der Bahntrasse und östlich des Blumberger Damms), Alt-Biesdorf (zwischen Bahntrasse und U-Bahn-Trasse) und Biesdorf-Süd (südlich der U-Bahn-Trasse).Adressverzeichnis für die lebensweltlich orientierten Räume Berlin. Marzahn-Hellersdorf (PDF)
Geschichte
Anfänge vor unserer Zeitrechnung Wie umfangreiche archäologische Untersuchungen aus den Jahren 1999 bis 2014 belegen, kam es bereits um 10.000 v. Chr. zu Siedlungen im heutigen Biesdorf.Berlins größte Grabung: das Forschungsareal Biesdorf wird präsentiert im Museum für Vor- und Frühgeschichte. Pressemitteilung des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf, 16. September 2019 Dabei wurden im Zuge der bislang umfangreichsten vor- und frühgeschichtlichen Grabung neben 120 Brunnenanlagen auch zahlreiche Objekte gefunden. Das älteste und bedeutendste ist eine bereits 1953 gefundene Hirschgeweihmaske, die auf 9000–8000 v. Chr. datiert wird und wohl in kultisch-schamanistischen Zusammenhängen gebraucht wurde. Doch es sind auch spätere bronzezeitliche, keltische und römische Artefakte darunter, die von Kontakten der im Biesdorfer Gebiet Siedelnden zu weiter entfernten Regionen zeigen. Seit etwa 1000 v. Chr. war das Gebiet dauerhaft besiedelt.
14.–16. Jahrhundert Biesdorf selbst wurde (wie viele andere Orte in der Umgebung) 1375 im Landbuch Karls IV. erstmals urkundlich erwähnt, mit 62 Hufen, davon vier Pfarrhufen und eine Kirchhufe. Grundherr von Bysterstorff bzw. Bisterstorff war Hennig von der Gröben aus dem märkischen Adelsgeschlecht von der Gröben. Im Jahr 1472 wurden Werner und Bertram von Pfuel mit dem gesamten Dorf Biesdorf belehnt; bei ihnen lag auch das Kirchenpatronat. Mit der Reformation in der Mark Brandenburg wurde Biesdorf 1539 Mutterkirche von Kaulsdorf, später auch von Mahlsdorf, in den ersten Jahrzehnten nach 1539 auch von Marzahn. Erster Pfarrer war Thomas Meier.
17. Jahrhundert bis 1920 Der Dreißigjährige Krieg sorgte in Biesdorf für Zerstörungen und Bevölkerungsschwund: Gab es 1624, also sechs Jahre nach Kriegsbeginn, noch 19 Bauern und 13 Kossäten, so waren es (nach dem Landreiterbericht) 1652 nur noch vier Bauern und sechs Kossäten. 1637 wurde das Dorf, das langjährig im Besitz der Familie Pfuel war, konfisziert. Nach dem Tod des Kurfürsten Georg Wilhelm, erhielt Kurt Bertram von Pfuel im Jahr 1643 seine Güter vom neuen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zurück. 1653 und 1666 erwarb Kurfürst Friedrich Wilhelm Biesdorf in zwei Schritten. Das Dorf wurde dem kurfürstlichen Amt Köpenick unterstellt und verblieb bis 1827 im Besitz des Kurfürsten bzw. Königs. 1806 fand in der Biesdorfer Feldmark eine von Napoleon abgenommene Parade der französischen Truppen unter Marschall Davout statt. mini|alternativtext=|Schloss Biesdorf
Das Schloss Biesdorf wurde 1868 von Heino Schmieden als spätklassizistische Turmvilla errichtet. Erstmals fand 1874 im Dorf Biesdorf eine Gemeindevertreterwahl statt. Das Dorf gehörte zum neu gebildeten Amtsbezirk Biesdorf, das Gut blieb bis 1920 als Gutsbezirk rechtlich selbstständig. Bis 1920 waren die Landgemeinde und der Gutsbezirk Teil des Kreises Niederbarnim. 1885 wurde der Bahnhof Biesdorf an der Preußischen Ostbahn (Berlin-Eydtkuhnen) eröffnet. 1891 wurde Biesdorf an den Berliner Vororttarif angeschlossen.
Am 17. Februar 1887 erwarb Werner von Siemens das 600 Hektar große Gut Biesdorf einschließlich Herrenhaus und übertrug es 1889 seinem Sohn Wilhelm. Dieser ließ den Gutspark zwischen 1891 und 1898 auf 14 Hektar erweitern und durch den Gartenarchitekten Albert Brodersen als Landschaftspark erweitern.
Nach dreijähriger Bauzeit eröffnete 1893 die Anstalt für Epileptische Wuhlgarten, das heutige Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus. mini|Im Jahr 1909 errichtete Luftschiffhalle in Biesdorf-Süd.
Mit dem Anschluss Biesdorfs an die Ostbahn im Jahr 1885 und der Wende zum 20. Jahrhundert begann in Biesdorf eine verstärkte Siedlungstätigkeit, ab 1904 erhielt der Ort Wasser- und Gasanschluss. Im Jahr 1906 wurde der Bereich „Biesdorfhöhe“, der um den Bahnhof und nördlich des Bahnhofs lag in „Biesdorf-Nord“ umbenannt. Die Biesdorfer Bahnhofsgaststätte (mittlerweile abgerissen, zuletzt: Gaststätte „Paule“) wurde im Zuge des Anschlusses, laut Stadtplänen, wahrscheinlich vor 1893 als Restaurant „Freihof“ eröffnet.
Im Jahr 1914 kam die Stromversorgung hinzu. Zu dieser Zeit wurde die Villen-Kolonie Biesdorf-Süd angelegt. Bis 1933 entstanden unter anderem auch die Siedlungen Neu-Biesdorf, Kolonie Daheim und Biesenhorst. Zwischen 1907 und 1909 wurde in Biesdorf die erste drehbare Luftschiffhalle in Biesdorf-Süd zu Lande nach Plänen von Karl Janisch errichtet. Am 23. Januar 1911 fand die erste 40-minütige Probefahrt des Siemens-Schuckert-Luftschiffes (SSL) statt. Biesenhorst wurde im Norden begrenzt durch die nach 1945 planierten Fuchsberge – ein beliebtes Wintersportgebiet für die Berliner. Im Westen grenzten die Pionierkaserne und die Gebäude des früheren Flugplatzes an die Kolonie. Um 1940 wurde die Hälfte der Kolonie zugunsten des Eisenbahnbaus geräumt und die Bewohner in die Stadt umgesiedelt.
mini|150px|Kommunale Grenzen bis 1920: Die Gemeinde und der zerstückelte Gutsbezirk Biesdorf sowie zwei Exklaven des Gutsbezirks Hellersdorf
Biesdorf als Teil Berlins 1920–1933 Die Landgemeinde und der Gutsbezirk Biesdorf wurden 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet und Ortsteil des Bezirks Lichtenberg. Zu Biesdorf kam außerdem noch zwei Exklaven des Gutsbezirks Hellersdorf mit der Epilepsie-Anstalt Wuhlgarten. Im Ortsteil wurde eine Amtsstelle eingerichtet, die ab 1923 auch für Marzahn zuständig war. Am 21./22. Dezember 1927 kaufte die Stadt Berlin für sechs Millionen Mark Gut, Schloss und Park Biesdorf. Ab Pfingsten 1928 war der rund 14 Hektar große Park der Öffentlichkeit zugänglich. In den unteren Räumen des Schlosses entstanden Diensträume der Polizei, 1929 wurde die Ortsamtsstelle Biesdorf im Schloss eingerichtet. Am 6. November 1928 wurde Biesdorf an das elektrische S-Bahn-Netz angeschlossen.
Zeit des Nationalsozialismus Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde der Biesdorfer Arzt Arno Philippsthal eines der ersten jüdischen Opfer in Berlin. Er wurde am 21. März 1933 festgenommen und starb am 3. April 1933 an den Folgen der Misshandlungen. Im selben Jahr zog auch die Ortsgruppe der NSDAP und NSV ins Schloss Biesdorf ein. Ab 1934 wurden infolge des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ auch in der Anstalt für Epileptische Wuhlgarten Zwangssterilisierungen vorgenommen. Mindestens 689 Patienten wurden im Rahmen des sogenannten „Euthanasieprogramms“, der Aktion T4, in Tötungsanstalten deportiert.
Zwischen 1940 und 1942 wurden in Biesdorf die „Gemeinschaftslager“ Nr. 12–14 und 56 des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt als Fremd- und Zwangsarbeiterlager errichtet. Beim Bau des neuen Verschiebebahnhofs, der nie fertig wurde, waren zuerst französische, danach sowjetische Kriegsgefangene eingesetzt (Biesenhorst-Fuchsberge). Auch bei den örtlichen Bauern mussten Zwangsarbeiter die im Kriegseinsatz befindlichen Arbeitskräfte ersetzen. Im Mai 1942 mietete die AEG den Saalanbau einer Biesdorfer Gaststätte, der bisher u. a. von den Katholiken in Biesdorf-Nord und Marzahn für Gottesdienste genutzt wurde, um dort Zwangsarbeiter unterzubringen. Am 30. März 1943 wurden bei einem schweren Luftangriff 13 Menschen getötet. Bei einem weiteren Bombenangriff in der Nacht zum 24. Dezember 1944 gab es nördlich der Fuchsberge weitere Todesopfer. Am 5. April 1945 fielen Bomben südlich der Fuchsberge ohne Personenschäden.
Gisela Reissenberger und ihre Mutter Elsa Ledetsch versteckten 1943/1944 in ihren Häusern fünf jüdische Bürger. Sie wurden dafür 1988 von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als Gerechte unter den Völkern geehrt. Bei der Neubebauung des Gutes Biesdorf werden beide mit einem Straßennamen geehrt.Heino-Schmieden-Weg auf dem historischen Gutsgelände Biesdorf Am 22. April 1945 erreichte die Rote Armee Biesdorf, das insbesondere durch Volkssturm und versprengte Teile einer dänischen Waffen-SS-Einheit verteidigt wurde. Am Tag zuvor wurden die zweite Etage und die Inneneinrichtung des Biesdorfer Schlosses des damaligen Sitz der NSDAP-Ortsgruppe – vermutlich durch Brandstiftung eines dänischen Waffen-SS-Kommandos – zerstört, möglicherweise um im Schloss untergebrachte Gegenstände (Gerüchte sprechen von – aus der NSDAP-Parteileitung Berlin oder der Gestapo ausgelagerten – Akten, Falschgeld oder gefälschten Pässen) nicht in sowjetische Hände fallen zu lassen. Zum Teil sollen Gegenstände in der näheren Umgebung in Schützengräben und Unterständen vergraben worden sein.
Nach der Einnahme Biesdorfs durch die Rote Armee (22./23. April 1945) wurde Fritz Dzyck von der Besatzungsmacht als Bürgermeister eingesetzt.
1945–2000 Ende Mai/Anfang Juni 1945 wurden 36 Häuser am Gerstenweg und Hafersteig beschlagnahmt. Es entstand die sogenannte Magistratssiedlung, in der leitende Mitarbeiter von Behörden und Kultureinrichtungen ihren Wohnsitz nahmen. Der erste Oberbürgermeister des Nachkriegs-Berlin, der am 17. Mai 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht eingesetzte Arthur Werner, bezog hier seine Dienstwohnung, ebenso aus der Emigration zurückgekehrte Mitglieder der KPD. Nach der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung von Groß-Berlin 1946 bestand die Magistratssiedlung nicht mehr.Lutz Heuer: Die Magistrats- und Prominentensiedlung in Berlin-Biesdorf nach 1945. Kulturring in Berlin, Berlin 2020, ISBN 3-9805340-6-5.
Im gleichen Zeitraum wurden Teile der Paradiessiedlung (Dillinger Weg, Frankenholzer Weg, Püttlinger Straße) für die Rote Armee beschlagnahmt und durch eine Holzmauer von den verbliebenen Teilen abgetrennt. Die Rote Armee bezog dort und im ehemaligen Zwangsarbeiterlager (Frankenholzer Weg) Quartier. Erst in den 1950er Jahren verließ die Rote Armee die Häuser in der Paradiessiedlung. Das Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers übernahm später die NVA und stationierte dort unter Bruch des Vier-Mächte-Abkommens eine Einrichtung des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR, das Erich-Weinert-Ensemble (EWE). Dieses Ensemble bestand aus Chor, sinfonischem Orchester, Tanzorchester/Big Band, Ballett, Kabarett, Gesangssolisten und Schauspielern, Dramaturgen, Dirigenten, Regisseuren, Choreografen sowie technischen und organisatorischen Mitarbeitern eines Theater-Ensemble-Betriebes (diese waren unbewaffnet, wurden allerdings später zur Selbstverteidigung mit Handfeuerwaffen ausgerüstet).
Das Herrenhaus Biesdorf wurde von der Roten Armee beschlagnahmt, und es wurde in den Räumen eine Trauerhalle für gefallene oder verstorbene Sowjetsoldaten eingerichtet, zeitweise wurden die Räumlichkeiten aber auch für Feierlichkeiten anderer Art (Ordensverleihungen, 1. Mai) genutzt. Die toten Soldaten wurden im Gutspark provisorisch beigesetzt, nach dem Auszug der Sowjetarmee wurden die Toten dann auf sowjetische Militärfriedhöfe umgebettet. mini|hochkant|Biesdorfer Dorfkirche mini|Biesdorf-Center, vom U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz aus gesehen
Im Jahr 1951 wurde die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche auf dem Anger nach dem Wiederaufbau in vereinfachter Form eingeweiht und erhielt den Namen Gnadenkirche. 1952 wurde das 1945 von der Roten Armee besetzte Biesdorfer Gut ein Volkseigenes Gut. 1953 beteiligten sich Bauarbeiter der Baustelle des Studentenwohnheims Biesdorf am Volksaufstand des 17. Juni gegen das SED-Regime.
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