mini|Karte von Nordirland mini|Fountain Area in Derry: Unionistische Flagge im Vordergrund. Im Hintergrund die irische Flagge Der Nordirlandkonflikt (, ) ist ein bürgerkriegsartiger Identitäts- und Machtkampf zwischen zwei Bevölkerungsgruppen in Nordirland: einerseits den Protestanten, meist Nachkommen englischer und schottischer Einwanderer, die als Unionisten oder Loyalisten ein Teil des Vereinigten Königreichs Großbritannien bleiben wollen (siehe Plantation of Ulster) und andererseits den Katholiken, die sich als Republikaner für ein vereinigtes Irland, also für die Loslösung aus dem Vereinigten Königreich und die Vereinigung mit der katholisch geprägten Republik Irland einsetzen.
Der Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen geht letztlich auf die englische Eroberung Irlands zurück, bestand also bereits lange, bevor Nordirland nach dem Unabhängigkeitskrieg Irlands 1921 beim Königreich Großbritannien blieb. Er eskalierte erst in den Jahren 1969 bis 1998. Mit dem Karfreitagsabkommen 1998 wurden die bewaffneten Auseinandersetzungen vorerst beendet. Durch den Brexit (die EU-Außengrenze trennt die beiden Landesteile) ist es seither unsicher, ob die durch dieses Abkommen gewonnene Stabilität erhalten bleibt.
Die beiden Gruppen „Katholiken“ und „Protestanten“ Das hervorstechendste Merkmal Nordirlands ist die Segregation der Bevölkerung in zwei große Gruppen, je nach Ethnie und Konfession.
Die Begriffe „katholisch“ und „protestantisch“ dienen in Nordirland als Unterscheidungsmerkmal zweier gesellschaftlicher Gruppen, die gegensätzliche soziale, politische, wirtschaftliche und schließlich auch religiöse Geisteshaltungen pflegen. Diese Kulturen haben sich aus dem Kontrast zwischen den alteingesessenen Iren (die arm, bäuerlich und katholisch waren) und den kolonialisierenden schottischen oder englischen Siedlern (wohlhabend, industriell, protestantisch) entwickelt. Ihren ethnischen Klang erhielten die Konfessionsbegriffe schließlich durch die Selbstdefinition der heimisch gewordenen Siedler als „Protestanten“. Tatsächlich können die nordirischen Communities als Ethnien bezeichnet werden – Ethnien hier verstanden im Sinne einer organisierten Gruppe, die sich der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe in Abgrenzung zu den „anderen“ überdurchschnittlich stark bewusst ist und sich diesen „anderen“ in Religion, Sitten, Geschichtsmythos und territorialem Anspruch überlegen fühlt.
Obwohl die Zahl der aktiv Beteiligten am Nordirlandkonflikt vergleichsweise klein war und die paramilitärischen Organisationen, die für sich jeweils in Anspruch nahmen, die Bevölkerung zu vertreten, in der Regel nicht repräsentativ waren, berührte der bewaffnete Konflikt bis 1998 täglich das Leben der meisten Menschen in Nordirland und breitete sich gelegentlich bis nach Großbritannien oder in die Republik Irland aus. Zwischen 1969 und 2001 starben laut Malcolm Suttons Index of Deaths from the Conflict in Ireland 3.532 Personen infolge der Gewalt; ungefähr die Hälfte der Opfer waren Zivilisten. Auch nach dem Waffenstillstand von 1998 sind die politischen und sozialen Einstellungen vieler Menschen bis heute weiterhin durch den Konflikt geprägt.
Siedlungsgeographie Diese Trennung spiegelt sich sogar in der Siedlungsgeographie: Allgemein gesprochen sind die nordöstlichen Gebiete (vor allem das Umland und Teile Belfasts und die Küste von County Antrim) heute protestantisch und die westlichen (um County Derry und County Tyrone) katholisch dominiert. Der Nordosten ist sehr viel stärker industrialisiert als der ländliche Westen. Fast alle größeren Städte sind protestantische Hochburgen (bis auf Derry und Newry). Auch Belfast, das mit Abstand größte Ballungszentrum, zählt dazu. Diese größeren Städte wiederum sind häufig in protestantische und katholische Wohnviertel (z. B. in Belfast Falls Road (katholisch-irisch) und The Shankill (protestantisch-britisch)) segregiert.
mini|Geburt der irischen Republik. Gemälde von Walter Paget (vor 1936) mini|Oster-Proklamation zum Osteraufstand 1916 mini|Éamon de Valera (ca. Mitte 1920er)
Vorgeschichte Vorgeschichte bis 1800 Bereits ab 1169 wurde der östliche Teil Irlands von Engländern erobert und beherrscht. Nach dem Neunjährigen Krieg kam es 1607 zur Flucht der Grafen, danach wurden systematisch Engländer, Waliser und Schotten in Ulster angesiedelt, was in relativ kurzer Zeit zur Enteignung der irischen Bevölkerung führte.
Erfolglose Aufstände seitens der katholischen Iren führten zu deren weiterer Entrechtung. Nach dem Sieg des protestantischen Königs Wilhelm III. von Oranien über den zuvor gestürzten katholischen König Jakob II. in der Schlacht am Boyne 1690, die jedes Jahr am 12. Juli bei den Oranier-Märschen der Protestanten wieder wachgerufen wird,www.tagesspiegel.de: Warum die Spannungen in Nordirland so gefährlich sind, 19. April 2019. wurden 1695 die sogenannten Strafgesetze (Penal Laws) erlassen, die die katholische Religionsausübung behinderten und protestantischen Landbesitz förderten. Ab 1728 besaßen Katholiken auch kein Wahlrecht mehr. Die 1791 gegründete Society of United Irishmen setzte sich derweil für ein unabhängiges Irland ein, deren Rebellion 1798 scheiterte. Durch das Unionsgesetz von 1800 wurde Irland als Staat aufgelöst.
Autonomiebestrebungen von 1801 bis 1920 Ab 1801 gehörte Irland zum Vereinigten Königreich von Großbritannien.
Mit dem Erstarken des Nationalismus im 19. Jahrhundert in Europa bildeten sich auch in Irland nationalistische Gruppierungen, die für eine Loslösung von der Union und für ein unabhängiges Irland eintraten. Die Home-Rule-Bewegung, geführt von Charles Stewart Parnell, setzte sich für die politische Autonomie der Insel ein. Der liberale britische Premierminister William Gladstone griff die Idee auf, scheiterte aber zweimal (1886 und 1895) im britischen Parlament mit seinen Gesetzesentwürfen. Besonders die Protestanten in der Provinz Ulster wehrten sich massiv gegen eine Autonomie, da die große Mehrheit der Iren katholisch war.
Nach dem Scheitern der Home-Rule-Bewegung gründete der irische Politiker und Journalist Arthur Griffith 1905 die Sinn Féin. 1916 wurden bei dem sogenannten Osteraufstand in Dublin von den Irish Volunteers und anderen republikanischen Vereinigungen wichtige Gebäude der Stadt besetzt und eine provisorische Regierung Irlands ausgerufen. Nach fünf Tagen wurde der Aufstand durch britische Truppen niedergeschlagen und die Anführer hingerichtet. Die Sinn Féin und die ihr nahestehenden Irish Volunteers erhielten durch die Empörung in der Bevölkerung über die Hinrichtungen großen Zulauf.Osteraufstand 1916: Schüsse, die aus irischen Rebellen Märtyrer machten, Süddeutsche Zeitung.
Bei der Unterhauswahl 1918 gewann Sinn Féin 80 % der irischen Mandate. Wie im Wahlkampf angekündigt nahmen die Abgeordneten aber ihre Sitze im Unterhaus nicht ein, sondern konstituierten sich 1919 als Dáil Éireann, das erste irische Parlament seit 1801, und riefen die unabhängige irische Republik aus. Das britische Parlament erklärte das Dáil umgehend für illegal. Als militärischer Arm der Sinn Féin wurde 1919 die erste IRA gegründet und beging Anschläge auf Gebäude und Vertreter der britischen Regierung in Nordirland. Vom britischen Staat wurde die paramilitärische Gruppe der Black and Tans gegründet, die Sinn Féin und IRA attackierte. Zunehmende Gewalt auf beiden Seiten führte zum irischen Unabhängigkeitskrieg, der bis 1921 dauerte.
Teilung Irlands 1921 Um einen Bürgerkrieg zwischen Unionisten (UVF) und Republikanern zu verhindern, sah man zwei Home-Rule-Parlamente vor. Deshalb erhielten sechs der neun Grafschaften Ulsters mit überwiegend protestantischer Bevölkerung bereits 1920, unter dem Government of Ireland Act, ein eigenständiges Parlament. Die Nationalisten behaupten bis heute, dass absichtlich nur sechs Grafschaften Ulsters zu Nordirland gemacht wurden, da man so eine unionistische Zweidrittelmehrheit gewährleistete (in ganz Ulster wären hingegen beide Bevölkerungsgruppen in etwa gleich stark vertreten gewesen). Die Unionisten verwiesen hingegen auf die Wahlergebnisse von 1918 und auf die damals von ihnen gewonnenen Wahlkreise, die ungefähr der Form Nordirlands entsprachen.
Ab Juli 1921 nahm der britische Premierminister David Lloyd George Verhandlungen mit der Sinn Féin, unter Vorsitz von Arthur Griffith und Éamon de Valera, auf. Ende 1921 wurde nach fünfmonatigen Gesprächen ein Unabhängigkeitsvertrag durch Lloyd George, Griffith und Michael Collins unterzeichnet, der sogenannte anglo-irische Vertrag. Der Süden Irlands erhielt den Status eines Freistaates innerhalb des British Empire. Außerdem sah der Vertrag eine Grenzkommission vor, die 1921 endgültig über den Verlauf der inner-irischen Grenze entscheiden sollte. Da die Parteien sich jedoch nicht über den Verlauf einigen konnten, veränderte die Kommission nichts mehr an der Grenzziehung.
Der irische Freistaat, der 1948 zur Republik Irland wurde, betrachtete die Teilung nur als vorübergehend; bis vor dem Ausbruch des irischen Bürgerkrieges 1922 unterstützte Collins die IRA-Einheiten im Norden für eine bewaffnete Kampagne gegen den neuen nordirischen Staat. Diese Kontakte wurden jedoch bei Beginn des Bürgerkrieges eingestellt. Die 1937 von de Valera ausgearbeitete Verfassung erhob einen Gebietsanspruch auf ganz Irland, der erst mit dem Karfreitagsabkommen 1998 wieder aufgehoben wurde.
Nordirland bis 1965 Die Protestanten, die sich als pro-britische Unionisten oder Loyalisten verstehen, machten aus Nordirland, wie der erste nordirische Ministerpräsident James Craig sagte, einen „protestantischen Staat für ein protestantisches Volk“. Die Verfassung des Freistaates von 1937 verstärkte bei den Unionisten noch die Angst, von ihm geschluckt zu werden. Das führte dazu, dass man die Katholiken, die sich mehrheitlich als pro-irische Nationalisten oder Republikaner ansehen, zu Fremdkörpern oder sogar Staatsfeinden erklärte. So beschloss das Parlament bereits 1922 drakonische Strafgesetze, die jegliche republikanische Agitation im Keim erstickten. Die Enttäuschung bei der katholischen Minderheit in Nordirland war groß, die Diskriminierung der Katholiken dort nahm zu.
Doch alle Änderungen am kommunalen Wahlrecht, die die Unionisten ab 1920 vornahmen, richteten sich nicht nur gegen Katholiken, sondern generell gegen alle Nicht-Unionisten (wie zum Beispiel die Labour-Bewegung). Deshalb schafften die Unionisten auf kommunaler Ebene das Verhältniswahlrecht ab und führten das britische Mehrheitswahlrecht für Stormont ein. Verbunden mit nicht repräsentativen Wahlkreisziehungen begünstigte dies unionistische gegenüber nationalistischen Kandidaten in unverhältnismäßiger Weise. Das nordirische Wahlrecht war zudem stark an den Besitz von Wohnraum gebunden, was die zumeist ärmeren Katholiken, die zur Miete wohnten, ebenfalls diskriminierte. So stellte zum Beispiel Derry/Londonderry einen unionistischen Bürgermeister, obwohl die Nationalisten einen weitaus größeren Bevölkerungsanteil in der Stadt hatten. Durch all diese Maßnahmen sorgten die Unionisten dafür, dass Nordirland von 1921 bis 1972 ununterbrochen von nur einer Partei regiert wurde, der Ulster Unionist Party (UUP), die keine nennenswerte Opposition im Parlament fürchten musste.
Des Weiteren gab es auch Diskriminierungen bei der Vergabe von Arbeitsplätzen oder der Zuweisung von Sozialwohnungen. Die Segregation der beiden Bevölkerungsteile wurde auch durch die Schulpolitik der Kirchen gefördert. Sah man bei der Gründung Nordirlands konfessionell gemischte Schulen vor, wurde dies von den Kirchen von Anfang an stark abgelehnt und hintertrieben.