mini|Selbstporträt mit Bleistifthalter (ca. 1855), Öl auf Leinwand, 81 × 64,5 cm 100px|zentriert|rahmenlos mini|Selbstporträt (1895), Fotografie Edgar Degas, bürgerlich Hilaire Germain Edgar de Gas (* 19. Juli 1834 in Paris; † 27. September 1917 ebenda), war ein französischer Maler und Bildhauer. Er wird häufig zu den Impressionisten gezählt, mit denen er gemeinsam ausstellte. Seine Gemälde unterscheiden sich jedoch von denen des Impressionismus unter anderem durch die exakte Linienführung und die klar strukturierte Bildkomposition. Einerseits schuf Degas zahlreiche Porträts, andererseits konzentrierte er sich auf einige wenige Bildthemen, die er immer wieder variierte: das Ballett, Jockeys und Pferde, das Pariser Nachtleben sowie Frauen bei der Körperpflege. Er widmete sich der Ölmalerei und grafischen Techniken ebenso wie der Pastellmalerei, in der er es zu außergewöhnlicher Meisterschaft brachte. Seine Plastiken zeigen eine neue Auffassung von Skulptur.

Leben links|mini|Edgar Degas Edgar Degas (wozu er seinen Namen später ‚verbürgerlichen‘ sollte) wurde am 19. Juli 1834 als erstes der fünf Kinder von Auguste de Gas (um 1795–1874) und dessen Frau Célestine Musson (1815–1847) in Paris geboren.gw.geneanet.org: H Laurent Pierre Augustin de GAS Der Vater, ein gebürtiger Neapolitaner, leitete die Pariser Niederlassung der familieneigenen Bank in Neapel. Die Mutter war kreolischer Abstammung und kam aus New Orleans; sie starb, als der Sohn 13 Jahre alt war. Degas wuchs in einem großbürgerlichen, den Künsten aufgeschlossenen Umfeld auf. Nach dem Besuch des Collège Louis-Le-Grand begann er auf Wunsch des Vaters ein Jura-Studium, das er jedoch schon bald wieder aufgab, um die Künstlerlaufbahn einzuschlagen. Der Vater unterstützte ihn dabei unter anderem, indem er ihm ein geeignetes Atelier zur Verfügung stellte. Ab 1853 nahm Degas Unterricht bei dem Ingres-Schüler Louis Lamothe. 1855 besuchte er für kurze Zeit die École des Beaux-Arts. Danach zog er es vor, seine künstlerische Ausbildung auf eigene Faust weiterzuführen.Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen. S. 26. In den Pariser Museen zeichnete er nach antiken Reliefs sowie nach den Vorlagen alter Meister.

mini|Die Familie Bellelli (1858–1867), Öl auf Leinwand, 200 × 250 cm mini|Das Baumwollkontor in New Orleans (1873), Öl auf Leinwand, 73 × 92 cm 1856 brach Degas zu der für bildende Künstler damals üblichen Studienreise nach Italien auf. Er besuchte zunächst die Verwandten in Neapel und verbrachte darauf rund eineinhalb Jahre in Rom, wo er eifrig zeichnete. Im Juli 1858 setzte er seine Reise fort nach Florenz; hier wohnte er wiederum bei Verwandten, der Familie Bellelli. Er fertigte von den Angehörigen zahlreiche Studien an, die als Grundlage für ein geplantes Gruppenbild dienen sollten.

Im April 1859 kehrte Degas nach Paris zurück. Er hielt nun seine Studienzeit für abgeschlossen und sich selbst für fähig, anspruchsvollere Projekte zu meistern. Mit dem großformatigen Gruppenporträt Die Familie Bellelli stellte er sein Können unter Beweis. Wenn der junge Künstler sich auch in erster Linie als Porträtist verstand, hielt er es doch für unerlässlich, sich auch auf dem Gebiet der Historienmalerei zu bewähren, die in der damaligen Hierarchie der Bildgattungen an erster Stelle stand. Bis 1865 schuf er fünf Historiengemälde; eins davon, die Mittelalterliche Kampfszene, stellte er 1865 im Salon aus, wo es bei Publikum und Kritik wenig Resonanz fand. Dies sowie die Zweifel, die ihm zuvor schon am Wert der Historienmalerei gekommen waren, veranlassten ihn, sich fortan ganz auf Themen des zeitgenössischen Pariser Lebens zu konzentrieren. Hilfreich war ihm dabei der erfahrenere Kollege Édouard Manet, den er bereits Jahre zuvor beim gemeinsamen Kopieren im Louvre kennengelernt hatte. Darüber hinaus kam er in Kontakt mit weiteren modernen Künstlern und Schriftstellern wie Paul Cézanne, Pierre-Auguste Renoir und Émile Zola. Von Bedeutung für seine weitere künstlerische Entwicklung wurde vor allem die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller und Kunstkritiker Edmond Duranty. Von 1866 bis 1870 stellte er weiterhin alljährlich im Salon aus. Von 1865 bis 1869 hatte er eine enge Beziehung zu dem Malermodell Emma Dobigny.

Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 diente Degas als Artillerist in Paris; aus dieser Zeit sind die ersten Klagen über sein Augenleiden überliefert.Denys Sutton: Edgar Degas. S. 310. Die Wochen der blutigen Pariser Kommune verbrachte er bei Freunden auf dem Land.

1872/73 reiste der Maler nach New Orleans, wo seine zahlreichen Verwandten mütterlicherseits lebten. Auch zwei Brüder hatten sich mittlerweile dort niedergelassen; Mitglieder der Familie waren im Baumwollgeschäft tätig. Während des fünfmonatigen Aufenthalts entstand eine Reihe von Porträts der Angehörigen, darunter das Gemälde Das Baumwollkontor in New Orleans. Im nächsten Jahr starb der Vater. In der Folge wurde offenbar, dass die Pariser Bank nur durch Kredite über Wasser gehalten worden war und zudem Degas’ Bruder René hohe Geschäftsschulden aufgehäuft hatte.Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert. S. 49. Die Bank wurde zwei Jahre später liquidiert, und Degas fühlte sich verpflichtet, für die Schulden des Bruders aufzukommen. Er musste dafür Teile seiner Kunstsammlung verkaufen und seinen Lebensstil einschränken. Seine finanzielle Situation verbesserte sich jedoch in späteren Jahren wieder deutlich, da seine Werke immense Preissteigerungen verzeichneten. Dies war auch auf die Förderung durch seinen Kunsthändler Paul Durand-Ruel zurückzuführen.

1874 organisierte Degas gemeinsam mit einer Gruppe fortschrittlicher Künstler die erste Gruppenausstellung der Impressionisten. Sie wurden in der Absicht ins Leben gerufen, das Ausstellungs-Monopol des etablierten „Salon“ zu brechen. Degas nahm mit einer Ausnahme an allen acht Ausstellungen, die bis 1886 stattfanden, teil. Dabei machte er sich um die Vorbereitung und Organisation verdient, verursachte aber andererseits mit seiner Kompromisslosigkeit und seinem mangelnden Verständnis für die Belange der übrigen Teilnehmer vielerlei Spannungen und Streitereien.Denys Sutton: Edgar Degas. S. 102ff.

In den 1890er Jahren entwickelte sich Degas zu einem begeisterten Fotografen; vorzugsweise porträtierte er Menschen aus seinem Umfeld. Die Ergebnisse stellte er 1895 aus.Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert. S. 316.

Degas blieb unverheiratet. Über Beziehungen zu Frauen ist nichts bekannt, was den Zeitgenossen zu mancherlei Gerüchten Anlass gab.Denys Sutton: Edgar Degas. S. 227/228. In seinen späteren Jahren bewirkte seine oft schroffe und boshafte Art, verbunden mit eigener Empfindlichkeit, dass sich Bekannte von ihm abwandten. Degas war ein heftiger Antisemit. In der Dreyfus-Affäre, die ab 1894 die Nation polarisierte, nahm er Partei gegen den beschuldigten jüdischen Offizier, was ihn viele Freundschaften kostete, darunter die zu dem Malerkollegen Camille Pissarro. Auch veranlassten ihn die Geschehnisse um die Affäre, mit besonders engen Freunden, einer Familie jüdischer Herkunft, zu brechen.Denys Sutton: Edgar Degas. S. 301 ff. Er schloss neue Freundschaften mit Malerkollegen und ihren Familien wie Georges Jeanniot und Louis Braquaval. Braquaval lernte er etwa 1896 in Saint-Valery-sur-Somme kennen, wo Degas auch noch einige späte Landschaftsbilder in Öl malte. – Ausstellungskatalog: Edgar Degas. S. 566–567.

Die Sehkraft des Malers ließ mit den Jahren immer mehr nach. Deshalb war er schließlich gezwungen, die Ölmalerei einzustellen. Gegen 1908 fertigte Degas seine letzten Pastelle und Zeichnungen an, beschäftigte sich jedoch noch einige Zeit mit Skulpturen.Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen. S. 100. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er, vereinsamt und fast blind, in der Obhut einer Nichte. Edgar Degas starb am 27. September 1917 an einer Gehirnblutung.Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert. S. 316.

Werk Malerei Themen Eine Bildgattung, die Degas sein Leben lang begleitete, war das Porträt. Er nahm nur selten Porträtaufträge an, sondern bevorzugte als Modelle Familienmitglieder („Die Familie Bellelli“, „Das Ehepaar Morbilli“) oder Menschen aus seinem Bekanntenkreis; die Gemälde behielt er zumeist in seinem Besitz. Damit war er frei von äußeren Anforderungen. Degas’ Porträts zeichnen sich durch eine hohe psychologische Beobachtungs- und Darstellungsgabe aus. Seine Darstellungen von Familien und Paaren zeigen häufig „diskrete Brüche, in denen sich Entfremdung ankündigt“.Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert. S. 40. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind die Porträtierten nicht vor neutralem Hintergrund, sondern in einer ihnen angemessenen Umgebung dargestellt.

In den 1860er Jahren schuf Degas fünf großformatige Historiengemälde; die Historienmalerei galt als diejenige Bildgattung, mit der ein Künstler sich die höchste Anerkennung verdienen konnte. Alle fünf Gemälde handeln von Frauen: Die Tochter Jephthas (1861–1864), Semiramis, das von ihr erbaute Babylon betrachtend (1860–1862), Mittelalterliche Kriegszene, (1861–1865), Junge Spartanerinnen fordern Jünglinge heraus (ca. 1860–1862) und Mademoiselle Eugénie Fiocre im Ballett ‚Die Quelle‘ (1866–1868). Doch der Maler erkannte, dass die Historienmalerei nicht seinen eigentlichen Zielen entsprach; die Figuren auf diesen Gemälden wirken mit ihren individuellen Gesichtszügen bereits zeitgenössisch. Schließlich gab Degas das historische Sujet auf und konzentrierte sich ganz auf Themen der Gegenwart.

Seine Modelle waren ab nun die Menschen, vor allem die Frauen, des modernen, großstädtischen Paris. Einerseits waren dies die Angehörigen seiner eigenen bürgerlichen Gesellschaftsschicht und die Orte ihrer Freizeitgestaltung: Rennplatz, Museum, Theater und Konzert. Andererseits stellte er mit Vorliebe Frauen vom entgegengesetzten Ende der sozialen Stufenleiter dar: Wäscherinnen und Büglerinnen, Putzmacherinnen, Prostituierte. Dieses Interesse für die soziale Wirklichkeit veranlasst den Kunstwissenschaftler Werner Hofmann, Degas’ Werk dem Realismus zuzuordnen.Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert. S. 9ff. Eines von Degas’ großen und auch von den Sammlern bevorzugten Themen wurde die Tänzerin. Von den weit über 200 Werken zum Thema Ballett behandelt nur etwas mehr als ein Fünftel die eigentliche Aufführung, wie z. B. „Zwei Tänzerinnen auf der Bühne“, der Rest zeigt die bei Degas fast immer namenlosen Tänzerinnen hinter den Kulissen, bei der Probe oder beim Ausruhen.Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert. S. 170. Das Ballett als Motivschwerpunkt bei nahezu ausschließlichem Interesse an der Darstellung des individuellen Tanze(n)s selbst, an den einzelnen Ballettwerken und an den konkreten prominenten Tanzkünstlern findet sich erst später beim rund 30 Jahre jüngeren Ernst Oppler.Ernst Oppler Ausstellung 2017 Seine Serie der Modistinnen (1876–1910) wird als künstlerische Selbstreflexion interpretiert.

An zentraler Stelle in Degas’ Spätwerk steht eine Serie von Bildern, vor allem Pastellen, weiblicher Akte, die baden, sich waschen, abtrocknen, kämmen oder frisiert werden. Der Maler verzichtete darauf, ein Idealbild des weiblichen Körpers zu zeigen, wie es in der akademischen Malerei zur Konvention geworden war. Stattdessen stellte er Frauen in natürlicher Gestalt und natürlichen Posen dar. Er selbst sagte dazu: „Bis jetzt ist das Nackte immer in Posen wiedergegeben worden, die eine Zuhörerschaft voraussetzen, aber diese Weiber von mir sind ehrbare, schlichte Menschenkinder, die keine anderen Interessen haben, als die, welche in ihrem physischen Zustand begründet liegen... Es ist, als ob man durch ein Schlüsselloch guckte.“Zitiert nach: Götz Adriani: Edgar Degas: Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen. S. 89.

Stilistische Merkmale