mini|300px|Thomas Couture: Les Romains de la décadence, 1847
Dekadenz (von lateinisch „verfallen“, „zerfallen“, französisch „Niedergang“, „Verfall“, über mittellateinisch decadentia) ist ein ursprünglich geschichtsphilosophischer Begriff, mit dem Veränderungen in Gesellschaften und Kulturen als Verfall, Niedergang beziehungsweise Verkommenheit gedeutet und kritisiert wurden.
Er wurde in der französischen Historiographie zuerst für den Niedergang Roms gezielt verwendet. Am Dekadenz-Begriff wird das teilweise religiös motivierte Moralisieren kritisiert.
In der Geschichtswissenschaft haben Historiker teilweise den Dekadenzbegriff zur Charakterisierung gesellschaftlicher Entwicklungsabschnitte fallen lassen.Helmut G. Koenigsberger: Sinn und Unsinn des Dekadenzproblems in der europäischen Kulturgeschichte der frühen Neuzeit. In: Johannes Kunisch (Hrsg.): Spätzeit. Studien zu den Problemen eines historischen Epochenbegriffs. Berlin 1980, S. 137–157. Nur in der Dekadenzdichtung hat das Wort auch eine positive Bedeutung; im Sprachgebrauch überwiegt der abwertende Charakter.
Begriffsgeschichte in Philosophie und Literatur Unter den monotheistischen Religionen herrschte im Mittelalter die Vorstellung einer sittenlosen Antike vor. Solche Verurteilungen sind bereits in der lateinischen Literatur der späten Republik und der Kaiserzeit angelegt. Für die christliche Theologie waren die Confessiones (397–401) des Augustinus von Hippo eine zentrale Schrift, in der die Überwindung der römischen Kultur propagiert wurde. Die Rede vom Kultur- und Sittenverfall findet sich auch im islamischen Einflussbereich etwa bei Ibn Chaldun im 14. Jahrhundert, der Vorstellungen der griechisch-römischen Antike aufgriff.Vgl. zuletzt Benjamin Biesinger: Römische Dekadenzdiskurse. Untersuchungen zur römischen Geschichtsschreibung und ihren Kontexten (2. Jahrhundert v. Chr. bis 2. Jahrhundert n. Chr.). Stuttgart 2016.
Seit der Renaissance wurde die Antike vorsichtig aufgewertet. Diese Aufwertung gipfelte in der Französischen Klassik, die umgekehrt die römische Kaiserzeit als ein kulturelles und machtpolitisches Vorbild hinstellte, das von der Gegenwart nicht erreicht werden könne. Die Frühaufklärung seit der Querelle des Anciens et des Modernes (1687–94) versuchte daraufhin, die Gegenwart aus dieser untergeordneten Rolle zu befreien und ihr die Antike unterzuordnen, aber ohne wiederum in die Rhetorik vom Sieg des Christentums über das Heidentum hineinzugeraten. – Edward Gibbon machte das Christentum dann sogar für den Verfall Spätroms verantwortlich.
Als weitere Stufe der Begriffsentwicklung, die sich ebenfalls in Frankreich abspielte und in Jean-Jacques Rousseaus Preisschrift Discours sur les Sciences et les Arts (1750) kulminierte, wurde die mittlerweile als Höhepunkt der Zivilisation geltende Gegenwart abgewertet, nun aber zugunsten eines ursprünglichen Naturzustands, der von konkreten religiösen Vorstellungen gelöst war. Dieser Begriff der Dekadenz setzt voraus, frühere Zustände seien objektiv besser oder wünschenswerter gewesen. Die Überlegenheit des Kritikers über den Verfall grenzt den Begriff als modernen von der religiös geprägten spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Vanitas ab.
Seine prägende Bedeutung erhielt der Ausdruck durch Montesquieu und Gibbon,Vgl. Edward Gibbons verwandtes decline-Konzept. die sich mit dem Untergang des Römischen Reiches beschäftigten. Beide verwendeten den Begriff mit doppelter Zielrichtung: Sie betrachteten décadence (decline) als historisches Phänomen und bewerteten zugleich ihre eigene Zeit.
Das Wort Dekadenz bezog sich später auch auf eine literarische Bewegung, die von Baudelaire (Die Blumen des Bösen) und Verlaine angestoßen wurde und sich einerseits durch ein bohèmienhaft ablehnendes Verhältnis zur „bürgerlichen Welt“, andererseits durch Exotismus, Rausch und gesteigerte Sensitivität auszeichnet.
17. Jahrhundert Boileau Der französische Ausdruck décadence wurde im 17. Jahrhundert in Nicolas Boileaus Réflections critiques sur quelques passages du Rhéteur Longin als ästhetischer Begriff eingeführt. Neben seiner ästhetischen wird zugleich seine ethische Bedeutung erkennbar, da der Verfall (décadence) des Geschmacks (goût) für einige Kritiker als ein wesentliches Moment der Auflösung der Kultur galt. So wurde die Entwicklung der Kunst und die Frage nach dem Vorrang antiker oder moderner Dichtung in dem Querelle des Anciens et des Modernes heftig diskutiert. Boileau bezog sich auf den goût, um die Gegenwart zu kritisieren und den zeitlosen Wert der antiken Geschmacksnorm zu erweisen, während die Gegner die Autorität der Antike kritisch in Frage stellten.Historisches Wörterbuch der Philosophie, Geschmack, Band 3, S. 446.
18. Jahrhundert Montesquieu Montesquieu nutzte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Ausdruck in seinem Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence.Montesquieu: Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence Dabei versuchte er das Phänomen der Dekadenz historisch zu deuten und gleichzeitig kritisch auf die Gegenwart anzuwenden. Er bewertete und analysierte den Untergang Roms aus unterschiedlichen Perspektiven und setzte sich dabei von Machiavellis Betrachtung ab, der die Unterwerfung anderer Völker durch einen mächtigen Herrscher noch gepriesen hatte. Die Ausdehnung Roms führte nach Montesquieu zu einer Erschöpfung, und der ständige Aufschwung zerstörte gerade die Tugenden, die für ein funktionierendes Staatswesen notwendig seien. Die Vermittlung eines einheitlichen „allgemeinen Geistes“ (esprit général) sei unter dem Einfluss eroberter Kulturen unmöglich, der esprit général verfalle und werde durch Partikularinteressen ersetzt.Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Band 11, S. 902, Montesquieu: Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence
Jean-Jacques Rousseau mini|hochkant|Jean-Jacques Rousseau klagt die Dekadenz seiner Zeit an.
Jean-Jacques Rousseau verwandte den Begriff der Dekadenz in einer Weise, die für die spätere Rezeption bestimmend wurde. In seiner Kulturkritik steht sie für einen Gegensatz von Natur und Kultur (Zivilisation).Historisches Wörterbuch der Philosophie. Dekadenz, Band 2, S. 47.
Ausgehend von einer kulturphilosophisch begründeten „Natursehnsucht“ stand er kulturellen Errungenschaften und Institutionen, Triebverzicht und Erziehungsidealen kritisch gegenüber. Er pries das unmittelbare Gefühl, die „Wahrheit des Herzens“. Der Mensch müsse zu seiner Ursprünglichkeit zurückkehren. Den Naturzustand deutete er als einen der ursprünglichen Harmonie. Hatte Thomas Hobbes, wie später ähnlich Immanuel Kant, den Naturzustand negativ als eine vorgesellschaftliche Kriegssituation beschrieben, in der die Menschen ihren Trieben überlassen seien und einander wie Wölfe gegenübertreten würden – Homo homini lupus –, um mit diesem Modell den Gesellschaftsvertrag zu begründen, so stand für Rousseau der ursprüngliche Mensch im Einklang mit der Natur. „Nehmt uns unsere unheilvollen Fortschritte, nehmt uns unsere Irrtümer und Laster, nehmt uns das Menschenwerk, und alles ist gut.“Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe, Rousseau oder der unglückliche Gefühlsdenker Für Rousseau ist der Naturzustand von der ursprünglichen Güte oder Lauterkeit des Menschen ein ideelles Konstrukt und kein historisches Postulat, er geht also nicht naiv-romantisch von der Lebensharmonie der Naturvölker aus, sondern stellt der Gesellschaft ein ideales Bild vor Augen, um ihren (dekadenten) Verfall anzuklagen.
Edward Gibbon mini|hochkant|Edward Gibbon beschrieb den Verfall des Römischen Reiches.
In seinem bekanntesten Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire (1776–1789) beschrieb Edward Gibbon die allmähliche Auflösung des Imperium Romanum vom Tode Mark Aurels bis zum Untergang des Byzantinischen Reiches. Diese Zeitspanne teilte er in drei Phasen ein.Siehe dazu auch: „Kindlers Neues Literatur-Lexikon“, Band 6, Edward Gibbon: The History of the Decline and Fall of the Roman Empire. München, S. 279.
In der ersten, bis zum Beginn des sechsten Jahrhunderts reichenden Periode führten die Goten- und Hunnenangriffe zur Schwächung der Macht Westroms und zu dessen Zerfall in Einzelreiche. Die zweite Periode begann mit Justinian I., der in seiner Regierungszeit durch Kriege und geschickte Außenpolitik sowie durch innenpolitische Maßnahmen die Herrschaft des römisch-byzantinischen Reiches noch einmal stabilisieren konnte. Diese bis zur Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 reichende Phase war u. a. durch die Invasion der Langobarden und die Islamische Expansion gekennzeichnet. In der dritten Phase schließlich verfielen die Sprache und die Sitten Roms vollends, und mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wurde die Reichsidee endgültig aufgegeben.Vgl. jedoch das „Dritte Rom“.
Durch das ganze Werk Gibbons zieht sich leitmotivisch der Gedanke, dass die Geschichte seit dem 2. Jahrhundert dem Niedergang (decline) unterworfen sei. Gibbon wollte mit seinem Werk den „Triumph der Unkultur und der Religion“ beschreiben.Zit. nach „Kindlers Neues Literatur-Lexikon“, Band 6, Edward Gibbon: The History of the Decline and Fall of the Roman Empire. München, S. 279.
Gibbons Herangehensweise war für die damalige Historiographie neu, indem er die Kontinuität der Geschichte über einen sehr langen Zeitraum verfolgte. Ebenfalls neu und überraschend war seine Bewertung des Christentums als mitverantwortlich für den Verfall der Kultur. Vor allem von theologischer Seite wurden Kapitel seines Buches angegriffen, in denen Gibbon auf kriegerische Auseinandersetzungen der Christen mit Heiden und Aberglauben, auf seinen religiösen Fanatismus und auf die Massaker hinwies, die auf die Ausrottung häretischer Bestrebungen zielten.
In der neueren Forschung wird jedoch bezüglich der Spätantike von Gibbons (wie auch Montesquieus) Theorien allgemein Abstand genommen und es werden neue, differenziertere Erklärungsmuster für den Untergang Westroms und die Transformation des Ostreichs entwickelt.
19. Jahrhundert Friedrich Nietzsche mini|hochkant|Friedrich Nietzsche, Denker und Bekämpfer der Dekadenz
Friedrich Nietzsche thematisierte vor allem in seinem Spätwerk die Dekadenz, die sich bei ihm auf den kulturphilosophisch-geschichtlichen wie den ästhetischen Bereich bezog. Die Geschichte seit der Antike – genauer: seit dem perikleischen Athen – betrachtete er als (dekadente) Verfallsentwicklung. Für den Niedergang sei der schwächliche, sich an falschen, lebensverneinenden Werten orientierende Geist des Abendlandes selbst verantwortlich. Dieser habe sich in Gestalt des von Nietzsche hämisch als „ungriechisch“, „hässlich“, „verbrecherisch“ und „dekadent“ aufgefassten Sokrates ein falsches Ideal gesetzt„Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie häßlich er war […]. Die Anthropologen unter den Criminalisten sagen uns, dass der typische Verbrecher hässlich ist: monstrum in fronte, monstrum in animo. Aber der Verbrecher ist ein decadent.“ Friedrich Nietzsche in Götzen-Dämmerung; in Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner, Götzen-Dämmerung, Der Antichrist, Ecce homo, Kritische Studienausgabe, Band 6, Hrsg.: Giorgio Colli und Mazzino Montinari, dtv, S. 68/69. und gehe an den kränklichen Werten des Christentums zu Grunde.