mini|Gesine Schwan (2023), 50 Jahre Grundwertekommission der SPD, Willy-Brandt-Haus Berlin rahmenlos|zentriert|class=notpageimage skin-invert-image|180px|Unterschrift Gesine Schwan deutsche Politikwissenschaftlerin

Gesine Marianne Schwan (geborene Schneider; * 22. Mai 1943 in Berlin) ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin, frühere Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, und Vorsitzende der Grundwertekommission der SPD. Von Oktober 1999 bis September 2008 war sie Präsidentin der 1991 gegründeten Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Von Juni 2010 bis Juni 2014 war sie Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance. Heute ist sie Präsidentin des Nachfolgeprojekts Berlin Governance Platform.

Leben Herkunft Die Tochter des Volksschullehrers und späteren Oberschulrats Hans R. Schneider und seiner aus Schlesien stammenden Frau Hildegard Anna, geb. Olejak, einer politisch aktiven Katholikin, gesine-schwan.de wuchs mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Berlin-Heiligensee auf. Ihre Mutter stammte aus Lublinitz in Oberschlesien, das im Jahr 1922 polnisch wurde, und schilderte das Zusammenleben von Deutschen und Polen in dem vormals preußischen Städtchen positiv.Gesine Schwan: Wie es den Deutschen mit den Polen geht: Polen oder Die Freiheit im Herzen Europas, in: zur debatte. Themen der Katholischen Akademie in Bayern, 1/2006, S. 30 f. Ihr sozial engagiertes Elternhaus gehörte im Nationalsozialismus zu protestantischen und sozialistischen Widerstandskreisen und versteckte im letzten Kriegsjahr ein jüdisches Mädchen unter Mithilfe des Gefängnispfarrers Harald Poelchau. Die Familie setzte sich nach dem Krieg für die Freundschaft mit Polen ein. Am Französischen Gymnasium Berlin legte Gesine Schneider das Abitur ab. Dort war sie Klassenkameradin von Reinhard Mey.

Studium Ab dem Jahr 1962 studierte sie Romanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an den Universitäten FU Berlin und Freiburg im Breisgau. Als Studentin begann sie, Polnisch zu lernen. Studienaufenthalte führten sie nach Warschau und Kraków. Dort bereitete sie ihre Promotion über den polnischen Philosophen Leszek Kołakowski vor, die sie im Jahr 1970 abschloss.Leszek Kolakowski. Eine politische Philosophie der Freiheit nach Marx. Ihr Doktorvater war Wilhelm Weischedel. Gesine Schwan: Warum ich die Hoffnung nicht aufgebe. Ein Gespräch mit Holger Zaborowski. Ostfildern 2023. S. 64. Als Kołakowski im Jahr 1977 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hielt die damals 34-jährige Schwan die Laudatio bei der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche. Sie war Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Akademische Karriere Im Jahr 1971 wurde Gesine Schwan zunächst wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin. 1975 wurde sie dort habilitiert.Habilitationsschrift: Die Gesellschaftskritik von Karl Marx. Philosophische und politökonomische Voraussetzungen. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1974. Ab 1977 lehrte sie als Professorin für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, von 1992 bis 1995 war sie Dekanin am Otto-Suhr-Institut.Gegen die SPD-Linke. In: FAZ.net, 5. März 2004 Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte sind politische Theorie und Philosophie, Demokratietheorie und Politische Kultur.

Im Verlauf ihrer Professorentätigkeit forschte sie von 1980 bis 1981 als Fellow am Woodrow Wilson Center for Scholars in Washington, D.C., USA. Weitere Forschungsaufenthalte folgten 1984 als Visiting Fellow am Robinson College der University of Cambridge und 1998 als Visiting Professor an der New School for Social Research in New York.Kurzbiografie Auswärtiges Amt Von 1985 bis 1987 war sie Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft.

Vom 1. Oktober 1999 bis zum 1. Oktober 2008 war sie Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Ihre Wahl fand gut zwei Monate vor Amtsantritt am 22. Juli 1999 durch den Akademischen Senat des Hochschulrats Brandenburg statt, nachdem sie einige Monate zuvor bei den Präsidentschaftswahlen der Freien Universität Berlin ihrem Gegenkandidaten Peter Gaehtgens unterlegen war.

Am 16. Januar 2004 bezeichnete sie die aktuelle Diskussion zum Thema „Elite-Universitäten in Deutschland“ in einem Interview mit dem DeutschlandRadio Berlin als „kurzsichtig“. Ihr sei nicht klar, wie fünf oder zehn Elite-Universitäten das gesamte Bildungssystem verbessern sollten, kommentierte sie entsprechende Vorschläge. „Die Idee, dass eine demokratische Bildung und Gesellschaft von einigen Eliten vorangetrieben werden kann und alle anderen trotten hinterher, halte ich für völlig falsch.“Eine streitbare Frau mit Charme. In: Stern, 5. März 2004 Am 1. März 2008 erreichte sie ihr zentrales hochschulpolitisches Ziel, die Umwandlung der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder in eine Stiftungsuniversität, der ersten im Land Brandenburg.Der Schlüssel zur Freiheit. In: Der Tagesspiegel, 22. April 2008 In: Märkische Allgemeine, 22. April 2008 Im Oktober 2008 folgte ihr Gunter Pleuger im Amt des Viadrina-Präsidenten nach.

Sie gründete mit Stephan Breidenbach, Alexander Blankenagel und anderen die Humboldt-Viadrina School of Governance und war mit Wirkung vom 15. Juni 2010 bis zum Ende der Hochschule im Jahr 2014 deren gewählte Präsidentin. Mit dem Insolvenzantrag vom 1. Juni 2014 musste der Lehrbetrieb eingestellt werden. Die Studenten konnten an staatlichen Hochschulen ihr Studium fortsetzen. Heute ist sie Präsidentin und GesellschafterinProf. Dr. Gesine Schwan governance-platform.org des NachfolgeprojektsDie Humboldt-Viadrina School of Governance ist seit Juni 2014 geschlossen humboldt-viadrina.org Humboldt-Viadrina Governance Platform gGmbH.

Gesine Schwan ist Lehrkraft an der Akademie für Soziale Demokratie.Unsere wissenschaftlichen Lehrkörper fes-soziale-demokratie.de

Politische Laufbahn Unter dem Eindruck der Ostpolitik von Willy Brandt Ende der 1960er Jahre trat Gesine Schwan 1972 in die SPD ein. Sie war an der Gründung des Seeheimer Kreises beteiligt,. Herausgegeben von Johannes Kahrs und Sandra Viehbeck. Berlin, 2005, S. 24. der in den 1970er Jahren unter anderem neomarxistischen Positionen in der SPD entgegentrat. Im Jahr 1977 wurde sie Mitglied der Grundwertekommission der SPD. Zu Beginn der 1980er Jahre trat die bekennende Katholikin und Antikommunistin für den NATO-Doppelbeschluss ein. Da sie die Art und Weise, wie die SPD mit kommunistischen Regimes umging, als „lax“ kritisierte, wurde sie 1984 öffentlichkeitswirksam aus der SPD-Grundwertekommission ausgeschlossen. Sie vertrat damals die Position, dass Willy Brandt nicht dem damaligen Trend entgegengetreten sei, den Gegensatz zwischen Demokratie und Diktatur als reine Theorie zu bagatellisieren. Im Jahr 1996 wurde sie wieder in das Gremium aufgenommen. Seit 2014 ist Schwan Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission. grundwertekommission.spd.de.

mini|Gesine Schwan in Halle/Saale (2011) Gesine Schwan war in den Jahren 2004 bis 2009 die Koordinatorin für die deutsch-polnische Zusammenarbeit der Bundesregierung. In dieser Funktion warb sie für ein tieferes Verständnis für Polen in der Bundesrepublik und engagierte sich für die grenznahe und zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit mit Polen. Das Amt, das sie noch unter der Regierung Schröder angetreten hatte, behielt sie auch unter der Bundeskanzlerin der Großen Koalition, Angela Merkel. Im Streit um das Zentrum gegen Vertreibungen kritisierte sie die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, die damalige CDU-Abgeordnete Erika Steinbach, scharf und warb für die Position der polnischen Regierung.Streit über Steinbach: Schwan fordert rasche Entscheidung von Merkel, spiegel.de, 25. Februar 2009. Ihre Nachfolgerin in dem Amt wurde die Staatsministerin beim Bundesminister des Auswärtigen, Cornelia Pieper.

Im September 2010 war Schwan an der Gründung der Spinelli-Gruppe beteiligt, die sich für den europäischen Föderalismus einsetzt.

Im August 2019 gab sie ihre Kandidatur als SPD-Vorsitzende im Duo mit ihrem Parteikollegen Ralf Stegner bekannt. Unter sechs Kandidatenpaaren belegte das Duo mit 9,6 % der Stimmen im ersten Wahlgang den letzten Platz.

Privates Beim Studium in Freiburg im Breisgau lernte sie ihren akademischen LehrerAnna Mayr, »Man kann den anderen nicht wie ein Stück Dreck behandeln, nur weil man mit ihm verheiratet ist«, In: Zeit Magazin Nr. 28 vom 8. Juli 2021, S. 14 ff. und Politikwissenschaftler Alexander Schwan kennen, den sie am 17. Juli 1969 heiratete. Mit ihm adoptierte sie zwei Kinder,Cathrin Kahlweit: Die hinreißend Schwierige, in: Süddeutsche Zeitung, 2. April 2004 (zum Datum siehe den Copyright-Hinweis am Ende des Textes). teilweise publizierte sie gemeinsam mit ihm.Gesine und Alexander Schwan: Sozialdemokratie und Marxismus. Zum Spannungsverhältnis von Godesberger Programm und marxistischer Theorie. Hamburg 1974. Alexander Schwan war seit 1967 Mitglied der SPD, während seine Frau erst 1972 in die Partei eintrat. Er entwickelte sich jedoch durch seine Erfahrungen mit der Studentenbewegung immer weiter nach rechts. 1978 trat er aus der SPD aus und der CDU bei. In dieser Zeit war er führendes Mitglied der antikommunistisch orientierten „Notgemeinschaft für eine freie Universität“. Alexander Schwan starb 1989. Seit dem 3. September 2004 ist Gesine Schwan mit Peter Eigen verheiratet, dem Gründer der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International. Schwan lebt in Berlin-Nikolassee.

Gesine Schwan bezeichnet sich als praktizierende Katholikin.Gesine Schwan und die Seelsorger. Radio Vatikan, 14. Mai 2008, Abruf im Juli 2017. () Sie zählte zu den 125 Prominenten, die den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel im Jahr 2017 zum 150. Jubiläum gratulierten. bethel.de

Kandidaturen für das Amt der Bundespräsidentin In den Jahren 2004 und 2009 kandidierte Schwan für das Amt der Bundespräsidentin, beide Male scheiterte sie im ersten Wahlgang gegen Horst Köhler. In einem Kandidaten-Duo mit Ralf Stegner bewarb sie sich bei der Wahl zum SPD-Vorsitz 2019, das Duo konnte die Wahl jedoch nicht für sich entscheiden.

Kandidatur 2004 Am 4. März 2004 wurde Gesine Schwan gemeinsam von SPD und Bündnis 90/Die Grünen für das Amt der Bundespräsidentin vorgeschlagen. Sie trat damit am 23. Mai bei der Wahl zum Bundespräsidenten 2004 in der Bundesversammlung gegen Horst Köhler an, den Kandidaten von CDU/CSU und FDP. Es war das erste Mal, dass die beiden wichtigsten Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten nicht aus dem Kreis der „lang gedienten“ Politiker stammten. Eine Folge dieser Konstellation war, dass es zu einem kleinen Wahlkampf kam, den insbesondere Gesine Schwan nutzte, um für ihr politisches Programm zu werben.

Schwan unterlag erwartungsgemäß im ersten Wahlgang. Horst Köhler erhielt mit 604 auf ihn abgegebenen Stimmen eine Stimme mehr, als für die absolute Mehrheit erforderlich war. Schwan erhielt jedoch mit 589 Stimmen auch mindestens 10 Stimmen aus dem Lager von CDU/CSU und FDP.

Kandidatur 2009