Der Radikale Konstruktivismus ist eine Position der Erkenntnistheorie, die sich deutlich von anderen Konstruktivismen unterscheidet.

Eine der Grundannahmen des radikalen Konstruktivismus ist, dass die persönliche Wahrnehmung nicht das Abbild einer Realität produzieren kann, welche unabhängig vom Individuum besteht, sondern dass Realität für jedes Individuum immer nur eine Konstruktion seiner eigenen Sinnesreize und seiner Gedächtnisleistung bedeutet. Deshalb ist Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von wahrgenommenem (konstruiertem) Bild und Realität unmöglich; jede Wahrnehmung ist vollständig subjektiv. Darin besteht die Radikalität (Kompromisslosigkeit) des radikalen Konstruktivismus.

Als Begründer des radikalen Konstruktivismus gilt Ernst von Glasersfeld. Nach von Glasersfeld ist das Kernproblem der abendländischen Epistemologie: „Erkennen zu wollen, was außerhalb der Erlebniswelt liegt.“Ernst von Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit und der Begriff der Objektivität. In: Heinz von Foerster u. a.: Einführung in den Konstruktivismus; Veröffentlichungen der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung, 5; München: Piper, 1992, ISBN 3-492-11165-3, S. 29. Dieses Problem ist nach dem radikalen Konstruktivismus nicht zu lösen, sondern zu umgehen; Anregungen dazu hatte von Glasersfeld in den Arbeiten des Psychologen und Epistemologen Jean Piaget gefunden: Schon Piaget habe erklärt, „daß die kognitiven Strukturen, die wir ‚Wissen‘ nennen, nicht als ‚Kopie der Wirklichkeit‘ verstanden werden dürfen, sondern vielmehr als Ergebnis der Anpassung.“Von Glasersfeld, 1992, S. 29. Glasersfeld prägte dafür den Begriff Viabilität. Mit diesem Begriff wird zwischen „einer ikonischen Beziehung der Übereinstimmung oder Widerspiegelung“ und einer „Beziehung des Passens“ unterschieden. Damit sei die Illusion überwunden, dass die „empirische Bestätigung einer Hypothese oder der Erfolg einer Handlungsweise Erkenntnis einer objektiven Welt bedeuten.“Alle drei Zitate: Von Glasersfeld, 1992, S. 30.

Dem radikalen Konstruktivismus werden auch der Biophysiker und Kybernetiker Heinz von Foerster und die Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela als Hauptvertreter zugerechnet, auch wenn die beiden Letzteren nicht als Konstruktivisten bezeichnet werden möchten. Maturana und Varela entwickelten das Konzept der Autopoiesis, das auch in geistes- und sozialwissenschaftliche Bereiche ausstrahlte, z. B. in den 1980er Jahren in die soziologische Systemtheorie von Niklas Luhmann. Heinz von Foerster formulierte eine kybernetische Epistemologie, d. h. eine Theorie des Wissenserwerbs auf der Grundlage der Kybernetik.

Geschichte Ernst von Glasersfeld macht konstruktivistisches Gedankengut schon bei den Vorsokratikern aus.Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus; o. V., Frankfurt am Main 1996, S. 59. – Als Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft: 1997 (1. Aufl.) Schon die Sophisten und Skeptiker trugen Belege für die Unzuverlässigkeit der menschlichen Sinnesorgane zusammen. Platons Höhlengleichnis ist nach von Glasersfeld eine Veranschaulichung der Wirklichkeit.Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 61. Aber auch die apophatische Theologie vertrat die Ansicht: Gott könne nicht mit menschlichen Begriffen erfasst werden, da diese ja ausnahmslos der menschlichen Erfahrung entstammten.Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 61 f. Der Gelehrte Johannes Scottus Eriugena vertrat im 9. Jahrhundert die Ansicht, dass der Mensch seine Natur nicht so bestimmen könne, dass er in der Lage sei, zu sagen, was er sei.Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 62. und der im 14. Jahrhundert ebenfalls in der Tradition der negativen Theologie stehende Dominikaner Meister Eckhart bittet Gott, er möge ihn von der (stets konstruierten) Vorstellung Gottes befreien, da auch das zur geschaffenen weltlichen Struktur gehöre: „Darum bitte ich Gott, daß er mich Gottes quitt mache; denn mein wesentliches Sein ist oberhalb von Gott, sofern wir Gott als Beginn der Kreaturen fassen“.J. Quint, Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate. Zürich 1979, Predigt 32, S. 308. John Locke habe den Begriff Reflexion ebenso benutzt, wie ihn im 20. Jahrhundert Piaget verwendete.Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 67 ff. George Berkeley war der Ansicht, Zahlen seien ein Geschöpf des Geistes und hingen daher vollständig vom Betrachter ab.Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 70 ff. David Hume folgerte: „Wenn wir also sagen, daß ein Ding mit einem anderen verknüpft ist, dann meinen wir lediglich, daß die beiden Objekte in unseren Gedanken verknüpft sind und diese unsere Schlussfolgerungen hervorrufen, wodurch sie sich wechselseitig ihre Existenz beweisen“.Zitiert nach Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 72. Giambattista Vico, einer der ersten Konstruktivisten im Sinne von Glasersfelds, habe 1710 darauf hingewiesen, dass die Wörter verum (wahr) und factum (Tatsache) für die Lateiner austauschbar gewesen seien.Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 75. Immanuel Kant gab zu bedenken: „Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; […] Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten“.Zitiert nach Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 79. Originalquelle des Zitats: Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Erster Teil, in: Kant, Immanuel: Werke in zehn Bänden (hrsg. von Weischedel, Wilhelm). Band 3, Wiesbaden 1975 (4. Nachdruck der Ausgabe von 1956), S. 25 (Vorrede zur 2. Auflage, B XVI) Hermann von Helmholtz schrieb, dass das Prinzip der Kausalität in der Tat nichts anderes als die Voraussetzung der Gesetzmäßigkeit in all den Erscheinungen der Natur sei.Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 83.

Der radikale Konstruktivismus entstand in der Konsequenz aus den Ergebnissen der o. g. Wissenschaftler und des wissenschaftlichen Zeitgeistes in den 1970er Jahren. Von Glasersfeld verknüpfte 1974 erstmals das Wort „radikal“ mit der genetischen Erkenntnistheorie von Jean Piaget. Sein Ziel war es, die Konsequenzen aus der genetischen Erkenntnistheorie Piagets zu ziehen. Von Glasersfeld erweiterte den Ansatz von Piaget um die Herausbildung des Ich, die Funktion der Sprache und der Kommunikation sowie um die Anwendung konstruktivistischer Grundlagen im arithmetischen Unterricht.

1978 fand in San Francisco die Tagung „Konstruktion von Wirklichkeiten“ statt, Veranstalter waren von Förster und Varela. Im Mittelpunkt stand die Überzeugung der teilnehmenden Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen wie Biologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Logik, Linguistik, Anthropologie und Psychotherapie, dass die traditionelle Erkenntnistheorie nicht länger aufrechterhalten werden konnte.Ernst von Glasersfeld: Der Radikale Konstruktivismus. S. 49. Der radikale Konstruktivismus wurde einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch die Veröffentlichungen von Paul Watzlawick (Anleitung zum Unglücklichsein, Die erfundene Wirklichkeit, Wie wirklich ist die Wirklichkeit) bekannt.

Seine größte Wirkung entfaltete der radikale Konstruktivismus im Bereich der Wissenschaftstheorie. Hier kann der radikale Konstruktivismus im Umfeld von relativistischen bzw. pragmatischen Ansätzen verortet werden, da er wie diese den Absolutheitsanspruch wissenschaftlicher Erkenntnis ablehnt. Insbesondere die Theorie des Beobachters wurde häufig rezipiert. Der Begriff des Beobachters changiert dabei zwischen seiner altsprachlichen Bedeutung, der abstrakten Rolle einer Instanz in Regelungssystemen (siehe Beobachter) als auch im Sinne der wissenschaftlichen Beobachtung. Während im Realismus der Beobachter die Welt gleichsam von einem neutralen Standpunkt aus betrachtet, sich beobachtend nicht als Teil der Welt versteht, den Einfluss des Beobachters ausschließen will, weist der radikale Konstruktivismus darauf hin, dass dieser Standpunkt nicht eingenommen werden kann: Der Beobachter ist immer Teil der Welt und hat immer einen subjektiven Standpunkt und beeinflusst so immer auch die Beobachtung selbst.

Theorie Der radikale Konstruktivismus ist eine „unkonventionelle Weise, die Probleme des Wissens und Erkennens zu betrachten“.Von Glasersfeld, 1996, S. 22. Der radikale Konstruktivismus besagt, dass das gesamte Wissen nur in den Köpfen von Individuen existiert und dass ein denkendes Individuum sein Wissen nur auf der Grundlage der eigenen Erfahrung über seine Körpersinne zusammenfügen kann. Kein Individuum kann die Grenzen seiner persönlichen Erfahrung überschreiten. Die Erkenntnis eines „objektiven Wissens“, der Wahrheit, der ontologischen Realität ist daher nicht möglich. Auch wenn viele Menschen die gleiche wissenschaftliche Erkenntnis für sich erfolgreich verwenden, wird diese dadurch nicht objektiv wahr.

Jede Wahrnehmung ist das Ergebnis eines Sinnesreizes und dessen Verarbeitung im Nervensystem. Die Veränderung von Sinnesdaten in elektrische Impulse im Nervensystem macht es unmöglich, einen Rückschluss zu ziehen auf die Natur des Ding an sich, d. h. auf die ursprüngliche Beschaffenheit des auslösenden Agens. „Niemand wird je imstande sein, die Wahrnehmung eines Gegenstands mit dem postulierten Gegenstand selbst, der die Wahrnehmung verursacht haben soll, zu vergleichen“,Ernst von Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit und der Begriff der Objektivität. In: Heinz von Foerster u. a.: Einführung in den Konstruktivismus; Veröffentlichungen der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung, 5; München: Piper, 1992, ISBN 3-492-11165-3, S. 12. d. h. Wahrnehmung und Erkenntnis sind konstruktive, nicht abbildende Tätigkeiten.Von Glasersfeld, 1992, S. 30.

Erkenntnis liefert kein Bild der realen Welt, sie liefert nur eine subjektive Konstruktion, die zur Welt „passt“ (wie ein Schlüssel zum Schloss passt). Sie ist wie ein „begriffliches Werkzeug, dessen Wert sich nur nach ihrem Erfolg im Gebrauch bemisst“.Von Glasersfeld, 1996, S. 55. Das stimmt mit Platons Höhlengleichnis und der Sichtweise von Kant überein: „Die Dinge, die unsere Sinne und unsern Verstand darstellen, sind nur Erscheinungen, d. i., Gegenstände unserer Sinne und unseres Verstandes, die das Zusammentreffen der Gelegenheitsursachen und der Wirkung des Verstandes sind.“Immanuel Kant, in: Kant, Werke, Band VII, S. 71. Die „Gelegenheitsursache“ ist das, was unsere Wahrnehmungsorgane aufnehmen, in Form von elektrischen Impulsen an das Gehirn weiterleiten und dort von diesem zu einem Bild von Welt (oder Weltausschnitt) interpretiert, zusammengefügt, eben konstruiert wird.

Das Gehirn ist dabei kein „Monitor“, der eingehende Signale in ein Bild verwandelt, sondern bei der Interpretation fließt die gesamte Erfahrung des Individuums in die Konstruktion ein.Wolfgang Pahl gibt in anderem Zusammenhang dieses Verhältnis von „Gelegenheitsursache“ und Interpretationsumfang des Gehirns mit 25:70 an. Wolfgang Pahl: Umdenken statt Apfelbäumchen pflanzen. Plädoyer für ein evolutionäres Weltbild. S. 82. Vgl. auch die Äußerungen des Gehirnforschers Gerhard Roth in: Jürgen Nakott: ; Bild der Wissenschaft

„Das Gedächtnis ist das wichtigste Sinnesorgan: Das meiste, was wir wahrnehmen, stammt aus dem Gedächtnis. Wir nehmen stets durch die ‚Brille‘ unseres Gedächtnisses wahr, denn das, was wir wahrnehmen, ist durch frühere Wahrnehmung entscheidend mitbestimmt.“Gerhard Roth: Das konstruktive Gehirn: Neurobiologische Grundlagen von Wahrnehmung und Erkenntnis. In: Siegfried J. Schmidt (Hrsg.): Kognition und Gesellschaft. Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus 2; Frankfurt am Main, 1992, S. 317; M. Spitzer: Lernen. 2007, S. 54, bekräftigt dies: Auf 10.000.000 Verbindungen im Gehirn komme nur eine von oder zu den Sinnesorganen.

Grundprinzipien