Die vier edlen Wahrheiten oder vier Wahrheiten des geistig Edlen (skr.: , , pi.: cattāri ariyasaccāni) bilden die Grundlage der buddhistischen Lehre. Sie sind der Kern von Siddhartha Gautamas erster Lehrrede (Sutta) in Sarnath, die als „Rede vom Ingangsetzen des Rads der Lehre“ überliefert ist. Die vier edlen Wahrheiten werden an zahlreichen Stellen der buddhistischen kanonischen Schriften erwähnt.
Erste edle Wahrheit (dukkha)
Dukkha wird meist mit „Leiden“ übersetzt. Da der Begriff „Dukkha“ jedoch nicht genau mit dem deutschen Begriff „Leid(en)“ gleichzusetzen ist, werden in der deutschsprachigen Literatur zusätzliche Begriffe wie „unbefriedigend“, „unvollkommen“ und „ungenügend“ verwendet. Mit ihm verbindet sich auch die grundlegende Unbeständigkeit, Unzulänglichkeit, Nicht-Selbsthaftigkeit aller zusammengesetzten Phänomene (sankhara).
Zweite edle Wahrheit (samudaya) Die zweite edle Wahrheit untersucht den Ursprung des Leidens (Dukkha). Sie identifiziert Tanha (Sanskrit: trishna; "Durst", "Verlangen") als unmittelbare Ursache:
Tanha äußert sich in drei grundlegenden Formen: Kama-tanha – Verlangen nach Sinneserfahrungen durch die sechs Sinnesgrundlagen (die fünf physischen Sinne sowie der Geist als sechster Sinn) Bhava-tanha – Verlangen nach Existenz und Werden, das sich als Streben nach Fortdauer des Selbst manifestiert Vibhava-tanha – Verlangen nach Nicht-Existenz
Dabei umfasst Tanha sowohl offensichtliches Begehren (Sinnesfreuden) als auch subtiles Anhaften an Konzepten und Glaubensvorstellungen (dhamma-tanha).
Im Kontext des Bedingten Entstehens (paticca-samuppada) wird Avijja (Sanskrit: avidya) – das Nichtwissen über die wahre Natur der Wirklichkeit – als fundamentale Ursache identifiziert:
Dieses Nichtwissen manifestiert sich dreifach: Unkenntnis der Vier Edlen Wahrheiten Nichtwahrnehmung der Drei Daseinsmerkmale (tilakkhana): Anicca (die fundamentale Unbeständigkeit aller bedingten Phänomene), Dukkha (die daraus folgende grundlegende Unbefriedigendheit), Anatta (die Abwesenheit eines unveränderlichen Selbst) Falsche Identifikation mit den Fünf Daseinsgruppen (Skandhas): Rupa (materielle Form und Körperlichkeit), Vedana (Gefühlsempfindungen wie angenehm oder unangenehm), Sanna (Wahrnehmung und Wiedererkennung), Sankhara (Geistesformationen und Willensregungen), Vinnana (unterscheidendes Bewusstsein)
Die zweite edle Wahrheit ist keine theoretische Erklärung, sondern eine praktische Diagnose: Sie zeigt, dass durch die Entwicklung von Weisheit (pañña) das Nichtwissen durchschaut werden kann. Zentral ist dabei das Erkennen, dass die Identifikation eines vermeintlich permanenten Selbst mit den vergänglichen khandhas eine fundamentale Täuschung ist. Diese Einsicht führt zur dritten edlen Wahrheit – der Möglichkeit der Befreiung von dukkha.
Dritte edle Wahrheit (nirodha)
Die dritte edle Wahrheit beschreibt die Aufhebung von Leiden und stellt die bedingte Kette in umgekehrter Richtung und Ausrichtung zur Befreiung und damit Nirvana dar.
Vierte edle Wahrheit (magga)
Die vierte edle Wahrheit beschreibt den Weg der Ausübung, der zu Befreiung führt. Die Glieder werden zumeist mit den Begriffen sīla (Tugend), samādhi (Konzentration) und paññā (Weisheit) umschrieben und als Abschnitte der buddhistischen Praxis bezeichnet.
Während die ersten drei Wahrheiten stets in dieser Welt vorhandene Wahrheiten sind, ist die vierte edle Wahrheit (der Weg), wie das genaue Aufgliedern der anderen, von einem Buddha (pi.: sammā sambuddha, wahrlich Selbsterwachter) abhängig, einem Menschen, der nicht nur Befreiung für sich selbst realisiert hat, sondern auch in der Lage ist, den Weg darzulegen.
Wertestellung Die Hauptströme des heutigen Buddhismus bewerten die vier edlen Wahrheiten unterschiedlich. Im Theravada, der sich auf den frühen Buddhismus bezieht, gelten sie als die wesentliche Zusammenfassung von Buddhas Lehre. Im Mahayana, der „Zweiten Drehung des Rads der Lehre“, treten andere Aspekte in den Vordergrund, wie Leere (skr.: Śūnyatā), Buddha-Natur und Bodhicitta. Im Vajrayana, der „dritten Drehung des Rads der Lehre“, verschiebt sich der Schwerpunkt zu Nur-Geist (skr.: cittamatra) und erweiterten Bewusstseinslehren (skr. ).
Auslegungen der Bedeutung Die vier edlen Wahrheiten werden unterschiedlich interpretiert. In der Auslegung der Deutschen Buddhistischen Union (DBU; 2015.) lauten sie: Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll. Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung. Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden. Zum Erlöschen des Leidens führt der edle achtfache Pfad.
Der Religionswissenschaftler Michael von Brück vergleicht ausführlich buddhistische und christliche Glaubensvorstellungen. Im Gegensatz zum christlichen Verständnis des Leidens sei „nicht das Dasein als solches, sondern die verfehlte Haltung des Menschen zum Dasein dukkha“.Michael von Brück, Whalen Lai: Buddhismus und Christentum. Geschichte, Konfrontation, Dialog. Verlag C. H. Beck, München, 2000. ISBN 3-406-46796-2, S. 370 ff. Dukkha sei also nicht einfach „Leiden“, sondern „die Frustration daran, dass die eigenen begrifflichen Projektionen nicht stimmen.“
Siehe auch Nirwana Vipassana Bedingtes Entstehen
Literatur
Weblinks Quellentexte Dhammacakkappavattana-Sutta (SN 56,11) auf palikanon.de; englische Übersetzungen von Peter Harvey, Ñanamoli Thera, englische und deutsche Übersetzung Piyadassi Thera, Thanissaro Bhikkhu Dhammacakkappavattana-Sutta (Mhv I 1,6) übersetzt von Maitrimurti Saccavibhanga Sutta (MN 141) übersetzt von K.E. Neumann; englisch und deutsch von Piyadassi Thera, Thanissaro Bhikkhu
Weiterführende Links Nyanatiloka: Buddhistisches Wörterbuch – sacca, dukkha, magga von Ajahn Sumedho, übersetzt von D. Schoen. Die vier edlen Wahrheiten, eine detaillierte Sutta-Zusammenstellung auf ZzE. Alexander Berzin: Die 16 Aspekte der vier edlen Wahrheiten. ( auf studybuddhism.com), Schema 16 Aspekte der vier edlen Wahrheiten .( auf studybuddhism.com)
Einzelnachweise
Kategorie:Buddhismus