Als Phrase bezeichnet man in der Linguistik allgemein gesprochen eine geschlossene grammatische Einheit von einer Größe zwischen Wort und Satz (wobei Sätze und in gewissen Fällen Wörter als Grenzfälle mit eingeschlossen sein können). Phrasen gibt es in der Syntax und in einem anderen Sinn auch in der Phonologie.
In der Syntax bezeichnet man als Phrase eine Einheit (Konstituente), die abgeschlossen, also „syntaktisch gesättigt“ ist, im Gegensatz zu Einheiten, denen noch Ergänzungen fehlen. Im Rahmen der X-Bar-Theorie wird eine Phrase auch als „maximale Projektion (eines Kopfes)“ bezeichnet. Der in der germanistischen Tradition übliche Begriff Satzglied bezeichnet normalerweise Phrasen, ist aber enger gefasst, weil er nur auf im Satz verschiebbare Einheiten angewandt wird.
Die Bezeichnung „Phrase“
Die verschiedenen Verwendungen des Wortes „Phrase“ gehen letztlich zurück auf altgriechisch phrásis „Rede, Ausdrucksweise“. Unter dem Einfluss des Französischen hatte dieses Fremdwort im 18. Jahrhundert die abwertende Bedeutung „inhaltsleere Redewendung“ angenommen. Der sprachwissenschaftliche Fachausdruck entstand davon unabhängig durch erneute gelehrte Entlehnung aus dem Griechischen im 20. Jahrhundert.Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage. De Gruyter, Berlin 1999. Lemma „Phrase“ S. 630. Der Ausdruck „Phrase“ in der Musik steht auch hiermit im Zusammenhang.
In der Linguistik wird der Ausdruck „Phrase“ außer in der Syntax auch in der Phonologie (Lautlehre) verwendet. In der Syntax bezeichnet er eine Gliederungseinheit von einer Größe zwischen Wort und Satz. Da es auch in der Phonologie einen Begriff des „Wortes“ gibt (das phonologische Wort ist der Bereich, in dem eine Hauptbetonung auftritt), wird ganz analog eine rhythmische Gliederungseinheit aus mehreren phonologischen Wörtern als prosodische Phrase bezeichnet. Die nächstgrößere Gliederungseinheit ist die Intonationsphrase (letztere kann einem Satz der Syntax entsprechen).Manuela Korth: Das Syntax/Prosodie-Interface. Stauffenburg, Tübingen 2018, ISBN 978-3-95809-415-4. Siehe S. 13ff.
Im Folgenden wird der syntaktische Begriff der Phrase näher dargestellt; zur Phonologie siehe das Stichwort Prosodie.
Phrase und Konstituente
Definitionsansätze im Überblick
Der allgemeinste Begriff einer syntaktischen Einheit ist die Konstituente, unter der Definition: „Eine Gruppe von Wörtern, die von einer syntaktischen Regel als Einheit behandelt werden.“Nach Carnie (2010), S. 18.
In vielen Lehrbüchern werden einfache Erläuterungen für den Begriff Phrase angeboten, die sich hiervon nicht unterscheiden lassen;„Als Phrasen werden Wortgruppen bezeichnet, die syntaktisch eine Einheit bilden.“ – Christa Dürscheid: Syntax. Grundlagen und Theorien. 4. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-26546-8, S. 29.„...Syntagmen, also strukturell zusammengehörige Gebilde, die aus einem oder mehreren Wörtern bestehen können.“ – Elke Hentschel, Harald Weydt: Handbuch der deutschen Grammatik. 5. Auflage. De Gruyter, Berlin 2021. S. 323.„Gruppen von Wörtern, die enger zusammengehören.“ – Karin Pittner, Judith Berman: Deutsche Syntax. Ein Arbeitsbuch. 4., aktualisierte Auflage. Narr, Tübingen 2010, ISBN 978-3-8233-6610-2, S. 26. manchmal werden die Begriffe Konstituente und Phrase sogar explizit gleichgesetzt.„Als Phrase oder auch Konstituente bezeichnet man eine syntaktisch zusammengehörige Wortgruppe.“ – Elke Hentschel (Hrsg.): Deutsche Grammatik ( = De Gruyter Lexikon). Walter de Gruyter, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-022902-8. Stichwort: „Phrase“ S. 242.„In einem allgemeinen Gebrauch des Begriffs ist jede Konstituente einer Konstituentenhierarchie eine P[hrase]. I.e.S. eine nach best. Kriterien zu identifizierende Konstituente eines Satzes, (...).“ – Helmut Glück, Michael Rödel (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 5. Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02641-5. Lemma: „Phrase“ S. 515.
Bei genauerer Behandlung wird die Konstituente als ein allgemeinerer Begriff und die Phrase als ein besonderer Fall einer Konstituente eingeordnet. Dies findet sich teils ausdrücklich so,Roland Schäfer: Einführung in die grammatische Beschreibung des Deutschen. 3. Auflage. Language Science Press, Berlin 2018, ISBN 978-3-96110-116-0, Online, S. 342: „...die Phrase, die einfach nur ein besonderer Typ von syntaktischer Konstituente ist, ...“„Konstituente ist also der Oberbegriff, Phrase und Wort sind Unterbegriffe.“ – Dürscheid: Syntax. Grundlagen und Theorien. 4. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 29. anderswo geht es aus den Darstellungen indirekt hervor.Meibauer (ed.) (2007), S. 137.Repp & Struckmeier (2020), S. 13 „Konstituente = Bestandteil (des Satzes)“; auf S. 107 erscheint der eingeschränkte Begriff der „phrasalen Konstituente“.
Als die besonderen Eigenschaften von Phrasen werden dann folgende Aspekte genannt (die in den nachfolgenden Unterabschnitten genauer erläutert werden):
Verhalten in grammatischen Tests Phrasen lassen sich dadurch nachweisen, dass sie z. B. im Gesamtsatz verschiebbar oder erfragbar sind. Abgeschlossenheit / „Sättigung“ Phrasen sind Konstituenten, die gesättigt sind, d. h., alle (obligatorischen) Argumente bzw. Ergänzungen sind in ihrem Inneren bereits vorhanden. Abgeschlossenheit bezüglich eines Kategoriemerkmals Phrasen erben ein Kategoriemerkmal (Wortartmerkmal) von einem der Wörter in ihrem Inneren, dem Kopf der Phrase. Die Phrase ist dann der maximale Bereich, auf den sich diese Vererbung erstreckt. Für diesen Aspekt siehe auch die Abgrenzung zwischen Phrase und Konstituente im Rahmen einer formalen Definition von Konstituenten im Artikel Konstituente #Konstituente und Phrase.
Phrasen in Konstituententests Verschiedene Verschiebungs- und Ersetzungstests Verschieben und Ersetzen gehören zu den klassischen Konstituententests; so wird in den folgenden Beispielen der Ausdruck in der Matratze als Konstituente (also zusammenhängende Einheit) identifiziert, weil diese Wortgruppe im Satz umgestellt, durch ein Einzelwort ersetzt und in dieser Weise auch erfragt werden kann:Sternefeld (2008), S. 123. „Wanzen haben sich in der Matratze eingenistet.“ „In der Matratze haben sich Wanzen eingenistet.“ „Dort haben sich Wanzen eingenistet.“ „Wo haben sich Wanzen eingenistet?“ etc.
Solche Konstituententests werden in der Praxis am häufigsten in dem Zusammenhang eingesetzt, dass man die Hauptbestandteile sucht, in die sich ein Satz als erstes zerlegen lässt (in der germanistischen Terminologie sind dies die Satzglieder). In solchen Zusammenhängen wird oft zwischen Konstituente und Phrase kein deutlicher Unterschied gemacht. Definitionen der Phrase nehmen dann einfach Bezug auf Konstituententests, zum Beispiel:
Mit dem Begriff der Phrase ist jedoch die Vorstellung verbunden, dass diese Einheit in irgendeinem Sinn „vollständig“ ist. Es ist zunächst nicht garantiert, dass eine „zusammenhängende Wortgruppe“ auch schon eine „vollständige“ Wortgruppe ist. Es muss also eigentlich unterschieden werden zwischen solchen Konstituententests, die Phrasentests sind, und solchen, die es nicht sind. Beispielsweise betrifft nicht jede Verschiebung im Satz eine Phrase: Es gibt auch die Verschiebung von Einzelwörtern (sog. „Kopfbewegung“), zum Beispiel die Voranstellung des finiten Verbs im deutschen Hauptsatz. Ferner ist der Koordinationstest ein Fall eines Konstituententests, der nicht automatisch vollständige Einheiten bzw. Phrasen zeigt, sondern es kann sich auch um Einheiten handeln, die anscheinend nicht vollständig sind:Allgemeiner Punkt und nachfolgendes Beispiel (hier vereinfacht) in Dudengrammatik (2022), S. 368. „...dass man auf den [verspäteten Bariton] und [umjubelten Opernstar] wartet.“ In diesem Beispiel würde der Artikel zu einer vollständigen Phrase auch beim zweiten Teil dazugehören. In der englischen Grammatik werden auch Ersetzungen mit one (und in verbalen Konstruktionen mit so) als Test für solche kleinere Einheiten angeführt:Poole (2011), Kapitel 2.4, S. 39. I like [the book about linguistics in my pocket] more than [the one on the table]. Hier ersetzt one nur den Teil book about linguistics, denn das nachfolgende Attribut in my pocket (das ebenfalls noch zu „book“ gehört) wird dann gegen ein anderes ausgewechselt. Selbst Ersetzungstests sind also nicht in jedem Fall Phrasentests.
Man geht aber z. B. davon aus, dass die Ersetzung durch Fragewörter immer Phrasen zeigt.„Dem sog. Fragetest zufolge ist alles eine Phrase, was erfragt werden kann.“ – Sternefeld (2008), S. 125. Ebenso gilt die Vorfeldposition des Deutschen als Phrasenposition, der klassische Satzgliedtest der Vorfeldbesetzung somit als ein Phrasentest (siehe die Beispiele am Anfang dieses Abschnitts).Dudengrammatik (2022), S. 40.
Tiefer eingebettete Phrasen Der Aufbau eines Satzes aus verschiedenen Phrasen ist außerdem rekursiv, d. h. eine Phrase kann wieder andere Phrasen enthalten. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass auch Einheiten im Inneren von Satzgliedern durch Fragewörter ersetzt werden können, sie erweisen sich also auch als Phrasen. „In der Matratze haben sich Wanzen eingenistet.“ „In was haben sich Wanzen eingenistet?“ Die Phrase „in der Matratze“ zerlegt sich demnach in die Präposition „in“ und eine weitere Phrase „der Matratze“. Die Möglichkeit zu einer Verschiebung kann für solche tiefer eingebettete Phrasen entfallen, muss dies allerdings nicht immer.
In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass manche Vorfeldbesetzungen nicht als vollständige Satzglieder angesehen werden, aber dennoch vollständige Phrasen sein können – nämlich wenn aus einem Satzglied eine tiefer eingebettete Phrase „herausgezogen“ und ins Vorfeld verschoben werden kann:Dudengrammatik (2022), S. 64 f. / Randnr. 37 „Satzgliedteile im Vorfeld“. „[Über diese Wanderung] ist [ein kleines Buch --] entstanden.“ (= ein kleines Buch über diese Wanderung) „[80 Kilo] ist der Kasten [-- schwer].“ (= 80 Kilo schwer) Solche Fälle sind ein Problem für die Satzglied-Definition, jedoch nicht für die Definition der Phrase, da eben sehr wohl eine Phrase in einer anderen enthalten sein kann und etwas derartiges nur beim Begriff des Satzglieds nicht erwartet wird.
Phrasen als gesättigte Konstituenten
Als definierende Eigenschaft wird auch erwähnt, dass es sich bei Phrasen um syntaktische Einheiten handelt, die „gesättigt“ sind. Diese Art der Vollständigkeit ist am einfachsten daran zu sehen, dass alle Ergänzungen vorliegen, deren Erscheinen gefordert ist. Machicao y Priemer (2022), S. 676 linke Spalte. Originalwortlaut: „alle Argumente/Ergänzungen der Phrase sind vorhanden“; hier muss gemeint sein „Alle Ergänzungen des Kopfes sind in der Phrase vorhanden“, da nach dieser Definition die Phrase selbst gerade keine Ergänzungen haben kann, siehe im Folgenden.
Ungesättigte Einheiten sind im Gegensatz dazu einzelne Wörter, die Ergänzungen fordern (bzw. regieren). Eine wichtige Art der syntaktischen Verbindung besteht also darin, zu einem Wort, das eine Ergänzung fordert, das Geforderte hinzuzufügen, zum Beispiel Verb + Objekt oder Präposition + Ergänzung: [ [einen Pfannkuchen] + V bestellen ] [ P mit + [einem kleinen Salat] ] Hierbei ist also ein Element ungesättigt, das andere sozusagen passiv. Es könnten nach einem solchen Prinzip nicht zwei Einheiten verbunden werden, die beide etwas fordern (was sie dann beide nicht bekämen). Dies kann zur Definition der Phrase benutzt werden: Der Eigenschaft, Phrase zu sein, entspricht die Eigenschaft, keine Forderung mehr zu haben – also sich als Ergänzung zu eignen: