Peter Camenzind ist der Titel des ersten RomansHesse lehnte allerdings die Bezeichnung „Roman“ für seine „Prosadichtungen“, wie er sie nannte, ab. Siehe dazu etwa seinen Aufsatz „Eine Arbeitsnacht“ von 1928. In: Gesammelte Werke 11, S. 80 ff. von Hermann Hesse. Der Bildungsroman mit autobiographischen Bezügen über einen Bauernjungen, der in die Stadt zieht und Dichter werden will, erschien 1903 als Vorabdruck in der Neuen Rundschau und 1904 in Buchform im S. Fischer Verlag und machte den Autor bekannt.
Inhalt Zusammenfassung In Peter Camenzind beschreibt Hesse aus der Ich-Perspektive das Leben eines Mannes, der in einem kleinen Dorf in den Bergen geboren wird. Dieser Peter Camenzind zeichnet sich durch seine überschwängliche Liebe zur Natur aus. Deshalb verbringt er viel Zeit beim Bergsteigen und Beobachten der Natur.
Die Geschichte handelt von dem innerlichen Wandel des Protagonisten, der neben seiner vom Vater vorgegebenen Berufs- und Lebenswahl seine Liebe zu geistiger Tätigkeit und Bildung entdeckt. Fortan setzt er sich einen urbanen Lebenswandel zum Ziel, der ihn in Städte und deren gebildete Kreise führt. Wenige Zeit später ist er als freier Schriftsteller tätig, der größtenteils über geschichtliche Ereignisse räsoniert.
Doch am Ende muss er erkennen, dass er immer der „Bauernjunge“ aus Nimikon geblieben ist, trotz seines weltmännischen Auftretens und seiner Bildung. Er bemerkt, dass er in der Stadt auf seine „Erbsünden“ trifft, die er in seinem Heimatdorf zu verleugnen suchte und vor denen er flüchtete (zum Beispiel das Trinken). Als er wieder in sein Dorf zurückgekehrt ist, um seinen Vater zu pflegen, versteht er, dass er seinem Jugendtraum – ein Dichter zu werden – gefolgt war. Er weiß aber nicht, ob er ein Dichter ist oder je einer werden wird. Umso mehr erinnert er sich der vielen Menschen, die er auf seinen Reisen kennen und lieben lernte, und er weiß, dass alle Dichtung diese Erfahrungen und Erinnerungen nicht aufwiegen könnte.
Einzelne Kapitel
Erstes Kapitel
Peter Camenzind verbringt seine Kindheit als Hirtenjunge im abgelegenen Dorf Nimikon im Schweizer Oberland. Die Einwohnerschaft ist seit Jahrhunderten recht geschlossen und heiratet meist unter sich, so dass ein Viertel der Bewohner Camenzind heißt. Peters Eltern sind zu beschäftigt, um sich um den Sohn zu kümmern und sein Leben als Nachfolger des Vaters in der Landwirtschaft und die Heirat mit einer der zahlreichen Basen scheint vorgezeichnet. Eine besondere Freundin findet er in der Natur, die ihn erzieht und unterrichtet: Neben den Bergen, dem See, dem Sturm und der Sonne sind es besonders die Wolken, die den Protagonisten zum Träumen bringen. Er fühlt mit den vielfältigen, schönen, schnell vorbeiziehenden „Himmelskreaturen“, z. B. mit der Schneeprinzessin, die vom kalten Wind „Bise“ attackiert wird, diesen vertreibt und reinen weichen Neuschnee zurücklässt. Mit 10 Jahren kommt der Junge erstmals aus seinem engen Tal heraus. Er besteigt den Sennalpstock und bekommt auf dem Gipfel des Berges eine Ahnung von der weiten Welt und empfindet eine Sehnsucht, seine enge Heimat zu verlassen.
Ein Pater des nahe gelegenen Welsdörfer Klosters entdeckt Peters Begabung im Schreiben und überredet den Vater, dem Sohn einen Gymnasiumsbesuch zu ermöglichen. Er ist bereit, den Vorbereitungsunterricht zu übernehmen. Peter erhält einen Freiplatz am Gymnasium und erreicht nach einer fünfstündigen Eisenbahnfahrt die Stadt. Vor den Lehrern hat er zuerst viel Respekt, denn der denkt, sie seien „im Besitze der Wissenschaft“ und er könne durch sie „erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kämpfe der Völker und die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeuten.“ Diese Hoffnung erfüllt sich nicht und er verfolgt den Unterricht zunehmend gleichgültig. Doch trotz seiner von der Lehrern kritisierten Faulheit kann er sich in der Leistungsmitte der Klasse halten. Sein großer Wunsch, einen wahren Freund zu finden, geht während der Schulzeit nicht in Erfüllung. Sich einsam fühlend, flieht er in die Literatur und beginnt selbst, kurze Gedichte zu schreiben. In den Ferien kehrt er in sein Dorf zurück und hilft den Eltern bei ihrer Landarbeit.
Zweites Kapitel
Mit 17 Jahren verliebt Peter sich in die Advokatentochter Rösi Girtanner. Aber er traut sich nicht, sich ihr zu nähern. Einen Alpenrosenstrauß, den er am letzten Ferientag an einem schwer erreichbaren Berghang gepflückt hat, legt er heimlich mit einem süßen, traurigfrohen und poetischen Gefühl auf die Treppe ihres Hauses. Nie hat er erfahren, ob der Gruß Rösi erreichte. Diese Romanze ist typisch für sein Verhältnis zu Frauen: die Verehrung aus der Distanz und die Scheu, sich zu offenbaren. Seine erste Liebe verklingt „fragend und unerlöst“ und vermischt sich mit späteren, sie wandelt ihn jedoch vom Kind zum Jüngling.
Als seine Mutter eines Nachts im Sterben liegt, sitzt der Peter allein an ihrem Bett und macht seine erste Bekanntschaft mit der Gewalt des Todes und dem Sterben. Der Vater ist auf ihn zornig, weil er ihn nicht geweckt und nicht den Priester geholt hat. Dieses Erlebnis stärkt Camenzinds Selbstbewusstsein und macht ihm Mut, nicht den Bitten des Vaters zu folgen, bei ihm zu bleiben, sondern das enge Dorf zu verlassen und in Zürich Philologie zu studieren und neue Lebenserfahrungen zu sammeln.
Drittes Kapitel
In Zürich schließt Peter Camenzind Freundschaft mit dem etwa gleichaltrigen Pianisten Richard. Dieser heitere, etwas kindlich naiv wirkende Künstler führt Camenzind in einen Kreis unterschiedlicher, wenig bekannter Künstlern ein und erreicht durch seine Beziehung zu einem Redakteur, ohne den Freund zu informieren, die erste Veröffentlichung einer Novelle in einer Zeitschrift. Er feiert erste Erfolge als Feuilleton-Schriftsteller und erhält Rezensionsaufträge. Mit dem verdienten Geld kann er sparsam leben. Er fühlt sich zunehmend zum Dichter berufen: „Der fröhliche Spiegel [s]einer Seele [wird] zuweilen von einer Art von Schwermut überschattet“. Nachts, wenn er, anstatt zu schlafen, stundenlang im Fensters liegt, kommt es ihm vor, „als sähe all diese nächtige Schönheit [ihn] mit einem gerechten Vorwurf an. Als sehnten sich Sterne, Berge und Seen nach Einem, der ihre Schönheit und Leiden ihres Stummen Daseins verstünde und ausspräche, und als wäre [er] dieser eine, und als wäre dies [s]ein wahrer Beruf, der stummen Natur in Dichtung Ausdruck zu gewähren.“ In der Künstlerkolonie lernt er die Malerin Erminia Aglietti kennen. Sie porträtiert ihn und er verliebt sich in sie. In der romantischen Atmosphäre einer nächtlichen Kahnfahrt will er ihr seine Liebe gestehen, sie erzählt ihm aber kurz zuvor, dass sie bereits einen anderen Mann liebt. Enttäuscht verabschiedet er sich abrupt von ihr, läuft ziellos durch die Gegend und bereut, sein Dorf verlassen zu haben.
Viertes Kapitel
Tief enttäuscht sucht Camenzind sein Leid mit Weingenuss zu betäuben und in trinkfreudiger Gesellschaft seine Sorgen zu vergessen. Er schreibt Betrachtungen über Gesellschaft, Kultur und Kunst, findet Anerkennung und wird ständiger Mitarbeiter einer größeren Zeitung. Er beschließt, sein Studium der Philologie abzubrechen, und beginnt sich auch als Schriftsteller einen Namen zu machen. Später merkt er, dass es zufällige Erfolge sind und dass seinem „Wesen und Leben noch der tiefe eigene Grundton“ fehlt. Beglückender als der Künstlerkreis sind für ihn die ausgelassenen pubertären Unternehmungen mit Richard, die ihn von seinen trüben Gedanken befreien. Nach dessen Studiumsende unternehmen die beiden eine Reise nach Oberitalien und in die Toskana. Peter fühlt sich in der südlichen Landschaft mit ihrer alten Kultur sofort heimisch und wandert im umbrischen Hügelland auf den Spuren Franz von Assisis. Nach der Reise kehrt Richard nach Deutschland zurück und ertrinkt bald darauf in einem Fluss. Erst jetzt erkennt Peter die tiefe Bedeutung dieser Freundschaft: „Gott hatte gewollt, dass ich das Beste meines Wesens einer reinen und fröhlichen Freundschaft hingäbe. […] Nun war er mit kurzem Schrei versunken, und ich trieb steuerlos auf plötzlich verdunkelten Wassern umher.“ Anstatt die harte Probe der Krise zu bestehen und sich in die stärkere Hand Gottes zu geben, reagiert er „zag und trotzig wie ein Kind“.
Fünftes Kapitel mini|„Die Heuernte“ von Giovanni Segantini Camenzind schreibt als Redakteur einer deutschen Zeitung aufmüpfige Artikel, trinkt viel, legt im Streit sein Amt nieder und geht als Korrespondent nach Paris. Dort verbummelt er sein Leben, wird vor Suizidgedanken durch die Erinnerung an sein Heimatdorf und den Tod der Mutter gerettet und wandert nach Basel. Als die alte Traurigkeit wiederkehrt, sucht er einen Arzt auf, der ihm als Therapie den Kontakt zu Mitmenschen rät und ihn in das Haus eines Gelehrten einführt, wo Künstler und Intellektuelle verkehren. Doch diese Gesellschaft stößt ihn ab, denn ihre Gespräche sind nur Fassade, hinter der sich Eitelkeit, Tratsch, Spott und Missgunst verbergen. Lieber verkehrt er mit einfachen Leuten in den Weinstuben und trinkt sich mit ihnen einen Rausch an. Nur zu einer Person des musischen Kreises entwickelt sich langsam eine geistige Beziehung. Die Malerin Elisabeth hat eine seiner Satiren gelesen und sucht sein Gespräch. Als er sie in der Kunsthalle in ein Bild von Segantini versunken beobachtet, das ein Bauernmädchen unter einer Wolke zeigt, spürt er eine Seelenverwandtschaft mit ihr: „Die Schönheit und Wahrhaftigkeit eines großen Kunstwerkes zwang ihre Seele, selbst schön und wahrhaftig und unverhüllt sich darzustellen“. Er erzählt Elisabeth von seinem Dorf und seiner Wanderung durch die Toscana. Sie erkennt in ihm den Dichter, der die beseelte Natur versteht und liebt. Er widerspricht ihr, die Natur sei für ihn trotz allem „Suchen und Begreifenwollen“ rätselhaft und mache ihn traurig. In dieser Zeit beginnt sich seine Freude an der stummen Natur zu einer persönlichen Liebe zu wandeln. Auch in ihm „drängt[-] sich ein tiefes Leben und Sehnen dunkel empor und sucht[-] nach Bewusstsein, nach Verstandenwerden, nach Liebe.“ Nach dem Vorbild Franz von Assisis, der die ganze Erde und alle Lebewesen in seine Liebe zu Gott mit einschließt, bemüht er sich, seine Sinne zu schärfen, um in seiner Dichtung „dem stummen Verlangen des Göttlichen in uns eine Sprache zu schenken“. In seinen Lobgesang der allumfassenden Liebe schließt er „[s]einen lieben Bruder, den Wein“ mit ein.
Sechstes Kapitel
In der Neuorientierung seines Lebens bleibt als Relikt die mangelnde Freude an den Menschen und seine Tendenz zum Einsiedler zurück. Er überlegt sich den Weg von der Natur- zur Menschenliebe und denkt an eine Heirat mit Elisabeth, die an seiner Sehnsucht und Schwermut Anteil nahm. Er besucht wieder das Haus des Professors, wo Elisabeth oft zu Gast ist, und erfährt beiläufig, dass sie verlobt ist und bald heiraten wird. Er verbirgt seinen Schmerz und seine Verzweiflung, gratuliert ihr unter einer gönnerhaften Maske und reist ab in sein Heimatdorf Nimikon.
Dort taucht er in die Erinnerungen an seine Kindheit ein, denkt aber auch über seine Lebensprobleme nach. Bei einer nächtlichen Kahnfahrt auf dem See fragt er nach dem Sinn seiner Liebesleiden und nach dem Grund, warum ihm der unbegreifliche Gott die Sehnsucht nach Liebe in sein Herz gepflanzt hat. Trotz seinen Todesgedanken kehrt er ans Ufer zurück und will nun beginnen, die Menschen zu lieben. Sein Vater hat seine Wiesen und sein Vieh verkauft und lebt jetzt von dem Erlös und leichten Gelegenheitsarbeiten. Peter will sich jetzt mehr um ihn kümmern, liest ihm Kalendergeschichten vor und erzählt ihm von seinen Wanderungen durch Italien. Doch der Vater zieht seine abendlichen Wirtshausbesuche vor, die jetzt der Sohn finanziert. An einem längeren Zusammenleben mit dem Sohn hat er offenbar ebenso wenig Interesse wie dieser. So reist Peter wieder ab und geht für längere Zeit für historische Studien nach Assisi.