mini|hochkant|Mikołaj Rej mini|hochkant|Jan Długosz mini|hochkant|Ignacy Krasicki mini|hochkant|Adam-Mickiewicz-Denkmal in Warschau Der Begriff polnische Literatur umfasst ca. 1000 Jahre Schrifttum. Bereits im 12. Jahrhundert entstanden die ersten lateinischen Chroniken des polnischen Mittelalters, ferner Heiligenviten, anonyme Gedichte und Lieder, welche aber selten niedergeschrieben wurden.

Als Vater der polnischen Literatur gilt der Dichter und Erzähler Mikołaj Rej, der im 16. Jahrhundert lebte und der erste war, der seine Texte auf Polnisch verfasste. Mit seinen Worten A niechaj narodowie wżdy postronni znają, iż Polacy nie gęsi, iż swój język mają (auf Deutsch ungefähr: Mögen die Nationen der Welt wissen, dass Polen keine Gänse sind, dass sie ihre eigene Sprache haben) wollte er einerseits das Interesse der Polen an der eigenen Sprache wecken, andererseits zeigen, dass man in Polen nicht auf Latein zu schreiben braucht. Bis dahin war fast ausschließlich Latein als amtliche Schriftsprache in Gebrauch.

Älteste Denkmäler, Mittelalter Die ältesten bekannten Schriften sind Heiligenviten und sog. Roczniki, anfänglich kurze, später längere Jahreschroniken oder Notizen (anfänglich als Marginalie auf dem Seitenrand eines Buches, später als eigenes Buch, in dem man wichtige Ereignisse unter Angabe des Jahres notierte). Als das älteste Dokument Polens (obgleich es Polen nicht erwähnt) gilt das in lateinischer Sprache verfasste Regest Dagome Iudex aus dem 11. Jahrhundert, das einen gewissen Dagome iudex und eine Ote senatrix sowie deren Söhne nennt. Einer der Interpretationen des Textes zufolge sind damit Herzog Mieszko I. und dessen zweite Ehefrau Oda von Haldensleben gemeint.

Die Chronik des Gallus Anonymus (poln. Gall Anonim), welche wahrscheinlich im zweiten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts entstand, ist das erste große und bedeutende Werk der Literatur Polens. Sie verfolgt auf Latein – detailliert, wenn auch nicht vollständig – Ereignisse im Leben des Königs Bolesław III. Schiefmund und beschreibt Entstehung und Geschichte Polens. Andere wichtige Chroniken stammen von Wincenty Kadłubek (13. Jahrhundert), Janko z Czarnkowa (14. Jahrhundert), Jan Długosz (15. Jahrhundert) und Johannes a Lasco sowie die Heiligkreuz-Jahrbücher als auch die Adelsprivilegien (siehe Verfassungsgeschichte der Adelsrepublik) und religiöse Texte der Heilig-Kreuz-Predigten (die ältesten Schriftstücke auf Polnisch um 1400), die Bibel der Königin Sophia (erste Übersetzung des Alten Testaments ins Polnische zwischen 1433 und 1455), der Puławy-Psalter (um 1470?) und der Davids-Psalter.

Für die Entwicklung der Schriftkultur sind besonders die Texte der Kirche wichtig. Die ersten Worte in (teilweise) polnischer Sprache befinden sich im Heinrichauer Gründungsbuch im Kloster Heinrichau, welche 1270 aufgezeichnet wurden. Das erste bekannte polnische kirchliche Lied und gleichzeitig der älteste polnische lyrische Text ist die Bogurodzica (Gottesmutter), die wohl im 13. Jahrhundert entstand. Laut Tradition wurde das Lied vor der Schlacht bei Tannenberg vom polnischen Heer gesungen. Die überlieferten Abschriften stammen wahrscheinlich vom Anfang des 15. Jahrhunderts, das Lied wurde erstmals 1506 gedruckt. Ein weiterer wichtiger lyrischer Text ist Rozmowa Mistrza Polikarpa ze Śmiercią (Meister Polikarps Gespräch mit dem Tode), welcher von einer Handschrift aus den 1460er Jahren bekannt ist. Es ist das längste bekannte mittelalterliche Gedicht in polnischer Sprache. Der unvollständig überlieferte Text hat 498 Zeilen.

1488 wurde die welterste Dichterbruderschaft Sodalitas litteraria Vistulana (Nadwiślańskie Bractwo Literackie) von dem Deutschen Conrad Celtis und dem Italiener Kallimachus an der Universität in Krakau gegründet, wo sich bereits die von Kasper Straube eingerichtete erste Druckerei in Polen befand.

Renaissance Die Ursprünge der polnischen Literatur in der Volkssprache liegen in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Erst im 16. Jahrhundert jedoch wirkten Dichter, die man mit Namen kennt. Sie gehen in ihren Werken über religiöse Themen hinaus und beschäftigen sich mit dem irdischen Leben, Alltag, Politik und Satire.Wacław Walecki: Vorwort. In: ders. (Hrsg.): Polnische Renaissance. Ein literarisches Lesebuch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-518-40782-1, S. 9 ff.

Als die beiden wichtigsten Autoren gelten Mikołaj Rej und Jan Kochanowski. Beide entstammten dem Adel. Rej (1505–1569), der Vater der polnischen Literatur genannt wird, war im Wesentlichen Autodidakt. Literarisch arbeitete er viel, schnell und ohne an seinen Schriften nachträglich zu feilen. Er hat Dramen (Żywot Józefa, deutsch Leben des Josef), Dialoge (Krótka rozprawa między trzema osobami, Panem, Wójtem a Plebanem), satirische Lyrik (Źwierzyniec, Figliki), moralische Prosa (Żywot człowieka poczciwego) sowie Texte religiösen Inhalts für den Hausgebrauch verfasst.

Jan Kochanowski (1530–1584) dagegen erwarb eine umfassende Bildung durch Studien an der Krakauer Akademie, später auch in Königsberg und Padua. Sein Schaffen ist gepflegt und sehr vielseitig, die Sprache ist reif und bunt. Er war auch politisch tätig. Zu seinen wichtigsten Werken gehören das Drama Odprawa posłów greckich (deutsch Die Abfertigung der griechischen Gesandten) sowie die kurzen lyrischen, satirischen Gedichte Fraszki (über 300 verschiedensten Inhalts, didaktisch, über das höfische Leben, Menschen usw.), die Treny (Sammlung von Trauergedichten, geschrieben nach dem Tode seiner Tochter) und seine vielen Lieder religiösen, geschichtlichen, philosophischen, alltäglichen Inhalts.

Gleichzeitig galt Klemens Janicki als talentiertester lateinischschreibender Poet der Renaissance in Europa.

Andere wichtige literarische Gestalten dieser Zeit waren: Andrzej Frycz Modrzewski (1503–1572), ein politisch aktiver Schriftsteller, der fortschreitende Reformen einforderte; Szymon Szymonowic (1558–1629), der lebensfrohe Bukolika (Sielanki, deutsch Idyllen) sowie kurze lyrische Formen wie Epigramme oder Oden verfasste; Piotr Skarga (1536–1612), der Leben der Heiligen beschrieb, ein starker Verteidiger des Katholizismus war und politische Reformen des Staates befürwortete. Sonstige Autoren waren Biernat z Lublina (1465–1529), der Adaptationen der Fabeln Äsops schuf, Łukasz Górnicki (1527–1603), der den an Castiglione geschulten Dialogtraktat Dworzanin polski (Der polnische Edelmann) verfasste und dessen Lyrik hohen Wert besitzt, sowie Andrzej Krzycki, Mikołaj Hussowski und Johannes Dantiscus.

Mikołaj Sęp Szarzyński (ca. 1550 – ca. 1581) gilt als abschließender Dichter der polnischen Renaissance und Vorläufer des Barock. Er verfasste lyrische Sonette und Elegien von hoher Eindringlichkeit, seine Themen sind Vergänglichkeit, Tod und Sünde. Man vermutet, dass ein großer Teil seines Schaffens verloren ging.

Barock Die bedeutendste poetische Schöpfung der Barockzeit ist das Heldengedicht Wojna Chocimska von Wacław Potocki (1622–1693), welches den glänzenden Sieg der Polen bei Chotyn über die Türken (1621) behandelt und sich durch lyrischen Schwung und vorzügliche Schilderung einzelner Szenen auszeichnet. Im 17. Jahrhundert entstanden weiterhin die antiklerikalen, oft erotischen Verse von Jan Andrzej Morsztyn, weltliche Poesie von Daniel Naborowski, andererseits streng katholische Gedichte von Wespazjan Kochowski. Von großer Bedeutung war auch die Prosa. Zu den bekanntesten Memoiren gehören diejenigen von Jan Chryzostom Pasek und Krzysztof Stanisław Zawisza (1666–1721). Nicht ohne Bedeutung war die Epistolographie. Die Briefe bildeten ausgedehnte, inhaltsvolle Reihen, z. B. Briefe von König Jan III. Sobieski an seine Gattin Maria. In der spätbarocken Zeit, schon im 18. Jahrhundert, entstand die erste polnische Quasi-Enzyklopädie von Benedykt Chmielowski, oft als Zeichen der intellektuellen Stagnation erwähnt. Stanisław Morsztyn übersetzte die Andromache von Racine und schrieb Elegien, die zum französischen Klassizismus überleiteten; auch Zbigniew Morsztyn erweist sich in seinen Gedichten als Meister anmutiger Diktion.

Aufklärung Die Aufklärung brachte vor allem politische Literaten, die mit den Reformen König Poniatowskis verbunden waren. Ignacy Krasicki (1735–1801) und Adam Naruszewicz (1773–1796) schrieben Satiren, in denen sie den Sittenverfall und die Bildungsfeindlichkeit des Landes anprangerten. Viele engagierten sich für die Verfassung vom 3. Mai 1791. Insbesondere Ignacy Krasicki (1735–1801), Adam Naruszewicz (1733–1796), Wojciech Bogusławski, Franciszek Bohomolec, Franciszek Salezy Jezierski, Franciszek Karpiński, Franciszek Dionizy Kniaźnin, Hugo Kołłątaj, Stanisław Konarski, Julian Ursyn Niemcewicz, Stanisław Staszic, Stanisław Trembecki und Franciszek Zabłocki sind hier zu nennen.

Polnische Romantik miniatur|links|hochkant|Adam Mickiewicz, einer der größten unter den polnischen „Dichterfürsten“ miniatur|hochkant|Juliusz Słowacki miniatur|hochkant|Cyprian Kamil Norwid 1772, 1793 und 1795 fanden die drei Teilungen Polens statt. Der polnische Staat wurde unter den Nachbarmächten Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt, bis er schließlich für 123 Jahre ganz aufgelöst wurde. Nach der letzten Teilung Polens entstanden zwei gegensätzlich poetische Richtungen, die Klassik und die Romantik. Wegen der politischen Lage nahmen die Werke der Polnischen Romantik – stark befördert von dem romantischen Historiker und Freiheitskämpfer Joachim Lelewel (1786–1861) – zunehmend messianische Züge an. Die Überzeugung von der geschichtlichen Bestimmung des eigenen Volkes führte zur verstärkten Beschäftigung mit der Geschichtsphilosophie.

Die Drei Barden der Polnischen Romantik Juliusz Słowacki (1809–1849), Adam Mickiewicz (1798–1855) und Zygmunt Krasiński (1812–1859) schrieben vom Exil aus, in das sie nach dem zerschlagenen Novemberaufstand geflüchtet waren. Auch die Romanautorin und Moralpädagogin Klementyna Hoffmanowa ging ins Exil. Der Komödienautor Aleksander Fredro übte versteckte Kritik gegen die österreichisch-ungarische Herrschaft. Weitere namhafte Vertreter der Polnischen Romantik sind Narcyza Żmichowska (1819–1876) und Cyprian Kamil Norwid (1821–1883), der oft auch als Vierter Barde bezeichnet wurde. Nicht unerwähnt bleiben dürfen der Schöpfer des polnischen „Faust“ Pan Twardowski, Józef Ignacy Kraszewski, der Sammler polnischer Volkslieder Wincenty Pol, der gegenüber Russland loyale Romancier Henryk Rzewuski, der romantische Lyriker Kornel Ujejski und die durch ihre moralphilosophisch-religiösen Schriften bekannte Eleonora Ziemięcka.

Mit Beniowski (Słowacki) und Pan Tadeusz (Mickiewicz) wurde das Versepos zu einer der beliebtesten Gattungen. Viele Literaturkritiker sehen in der Polnischen Romantik die Epoche, die den polnischen Nationalgeist am meisten beeinflusst hat und am meisten auf die anderen Richtungen einwirkte. Freilich beschränkte sich die Wahl der Themen auf die Probleme der Szlachta und die sog. Polnische FrageZur „Polnischen Frage“ aus österreichischer Sicht siehe Friedrich Schütz: Das heutige Russland, 1897, Kap. 11.; das Leben der Bauern fand kaum je Berücksichtigung im literarischen Schaffen. Klaus Staemmler, ein guter Kenner der polnischen Literatur, berichtet über ein in Polen verbreitetes Bonmot, wonach in anderen Ländern Bücher „Über den Elefanten“ geschrieben werden, in Polen jedoch „Über den Elefanten und die polnische Frage“.Klaus Staemmler: Einführung, in: Polen. Moderne Erzähler der Welt, S. 11.

Realismus

Nach der Ernüchterung der Niederlage von 1864 kam die Zeit des Positivismus, die sich von der Dichtung zur Prosa wandte, insbesondere dem realistischen Roman. Ihre wichtigsten Vertreter waren Eliza Orzeszkowa, Bolesław Prus, Maria Konopnicka, Adolf Dygasiński, Wiktor Gomulicki, Maria Rodziewiczówna, Henryk Sienkiewicz, Gabriela Zapolska, Stefan Żeromski und Adam Asnyk.