Prag () ist die Hauptstadt und zugleich bevölkerungsreichste Stadt Tschechiens. Mit über 1,3 Millionen Einwohnern belegt Prag den zwölften Rang der größten Städte der Europäischen Union und bildet die tschechische Primatstadt. Die Hauptstadt Prag ist eine der 14 Regionen Tschechiens und eine der reichsten Regionen Europas.. In: Wirtschaftsblatt, 21. Mai 2015.
Prag ist die historische Hauptstadt Böhmens und war eine bedeutende königliche und kaiserliche Residenzstadt im Heiligen Römischen Reich, besonders unter den Přemysliden, Luxemburgern und der Habsburgermonarchie. Um 1230 wurde die seit der Frühgeschichte bewohnte Siedlung zu einer Königsstadt erhoben und im 14. Jahrhundert unter der Regentschaft Karls IV. zu einem politisch-kulturellen Zentrum in Europa. Mit der Karls-Universität wurde in Prag 1348 die erste Universität in Mitteleuropa gegründet. Auch das Konservatorium und die Technische Universität gehören zu den ältesten ihrer Art in Europa. Über Jahrhunderte hinweg war Prag eine Stadt, in der sich tschechische, deutsche und jüdische Kultur begegneten.
Das historische Zentrum Prags ist seit 1992 von der UNESCO als eine der 16 Welterbestätten Tschechiens anerkannt.vgl. UNESCO-Liste: https://whc.unesco.org/en/list/616 Die „Goldene Stadt“ zeigt heute ein geschlossenes, von Gotik und Barock geprägtes Stadtbild. Sehenswürdigkeiten wie die Prager Burg, die Karlsbrücke, die mittelalterliche Rathausuhr, der Jüdische Friedhof oder die älteste aktive Synagoge der Welt machen die Stadt zu einem beliebten touristischen Ziel. Mit knapp neun Millionen Touristen im Jahr zählt Prag zu den 25 meistbesuchten Städten der Welt.
Geographie Lage links|mini|Satellitenbild (2022) links|mini|Naturschutzgebiet Divoká Šárka mini|Die Prager Burg über der Moldau
Prag liegt zentral im westlichen Tschechien an der Moldau, rund 40 Kilometer vor deren Einmündung in die Elbe in Mělník. Die Entfernung zu den äußersten Grenzpunkten beträgt nach Norden rund 110 Kilometer, nach Westen und Süden je rund 170, nach Osten rund 320 (zur alten böhmischen Ostgrenze rund 170; jeweils Luftlinie).
Ein Großteil der Stadt liegt in einem weiten Tal der Moldau, die das Stadtgebiet auf 30 Kilometern Länge durchfließt und im Nordteil eine große Schleife bildet. Am südlichen Bogen dieser Schleife liegt das historische Stadtzentrum, beherrscht von den beiden Burgen Hradčany (Hradschin) im Norden und Vyšehrad im Süden. Der Rest verteilt sich auf weitere das Tal umgebende Hügel: Letná, Vítkov, Větrov, Skalka, Emauzy, Karlov und den höchsten von ihnen, den Petřín. Durch die Eingemeindungen vornehmlich im 20. Jahrhundert dehnt sich das Stadtgebiet weit in die Prager Hochfläche (Pražská plošina) hinein aus. So gehören auch einige Naturschönheiten wie das Šárka-Tal und die Schlucht von Modřany zum Stadtgebiet.
Die Moldau tritt im Süden auf einer Höhe von rund 190 Metern in das Stadtgebiet ein und verlässt es im Norden bei rund 176 Metern. Sie hat hier eine durchschnittliche Tiefe von 2,75 Metern bei einer größten Tiefe von 10,5 Metern. Sie umströmt mehrere Inseln, darunter die südlich der Karlsbrücke gelegenen Slovanský ostrov, Dětský ostrov und Střelecký ostrov sowie die den Westteil der Karlsbrücke tragende Kampa, und nimmt zahlreiche Wasserläufe auf, unter denen die größten die Berounka nördlich von Zbraslav (von Westen), der Botič zwischen der Neustadt und Vyšehrad (von Osten) und die Rokytka im Hafen von Libeň (ebenfalls von Osten) sind.
Die größten Höhen liegen im Westen und Süden der Stadt. Im Westen erreicht der Bílá hora (Weißer Berg) 381 Meter, an der Stadtgrenze südwestlich davon werden 397 Meter gemessen. Im Süden steigt der Čihadlo auf 385 Meter.Alle Höhenangaben gerundet nach: Turistická mapa, Wanderkarte 1:50.000. Hrsg.: Klub českých turistů. Bl. 36. Okolí Prahy západ. 3. vydání, dotisk. TRASA, Prag 2004, ISBN 978-80-7324-006-6. Kartengrundlage: MO ČR (Ministerstvo obrany České republiky. Verteidigungsministerium der Tschechischen Republik).
Politisch ist Prag zur Gänze von der Region Mittelböhmen (Středočeský kraj) umschlossen.
Klima mini|Die Straße Nerudova auf der Kleinseite im Winter (2010) Prags mildes Klima wird sowohl von atlantischer als auch kontinentaler Seite beeinflusst. Die mittlere Jahrestemperatur liegt um die 8 °C, Minuswerte im Winter erreichten zuletzt (2006) bis zu −17 °C, Pluswerte im Sommer bis zu 35 °C. Der meiste Niederschlag fällt im Sommerhalbjahr (Mai: 77 mm), das Winterhalbjahr ist verhältnismäßig trocken (Oktober bis März: 23 bis 32 mm). (alle Daten bezogen auf die meteorologische Station am Flughafen Ruzyně)
Gegenüber dem langjährigen Mittel der Jahre 1961 bis 1990 (internationaler Referenzzeitraum) sind in den vergangenen Jahren eine Zunahme der Temperaturwerte um etwa 1 Grad und ein Rückgang der Niederschläge um rund 20 Millimeter zu beobachten (siehe auch die nebenstehenden Klimagrafiken für die Zeiträume 1961 bis 1990, 1991 bis 2005 und 1961 bis 2005).
Die Daten für die Wetterwarte in Karlov (Prager Neustadt) weisen sowohl höhere Temperaturen als auch geringere Niederschläge aus, dazu die wärmeren und trockeneren Tendenzen der vergangenen Jahre; zu berücksichtigen ist, dass die Innenstadtlage die Wetterdaten stark beeinflusst.Datengrundlage: Tschechisches Hydrometeorologisches Institut (Český hydrometeorologický ústav), speziell die Unterseiten mit Klimainformationen (englisch), dort fehlende Daten freundlicherweise für die Klimagrafik zur Verfügung gestellt.
Ortsname mini|Moldaubrücken in Prag
Etymologie Für die Namensherkunft von „Praha“ (Prag, Praga) gibt es zwei Vorschläge. Einerseits wird ein Zusammenhang mit práh „Balken, Schwelle“ vermutet, mit Bezug auf Holzbalken, die den Fluss Moldau begradigt hätten. Einer weiteren, von Max Vasmer als wahrscheinlicher angesehenen Theorie nach besteht ein Zusammenhang mit dem Wort pražit „brennen“ (vermutetes Namensmotiv der Brandrodung).Max Vasmer: Russisches Etymologisches Wörterbuch s. v. „“ ( Praha Praga, . „unwahrscheinliche Verwandtschaft [des Wortes für 'Schwelle'] zu peregin [Krümmung] oder tschechisch Praha, polnisch Ortsname Praga, welche besser zu kirchenslavisch pražiti brennen rösten gestellt werden.“); s. a. Markéta Kachlíková: Praha: práh (Schwelle) oder pražit (brennen)? In: radio.cz. 5. August 2011, abgerufen am 20. Mai 2013.
In der von dem Chronisten Cosmas von Prag bezeugten Gründungslegende wird der Name mit Bezug auf das Wort für „Schwelle“ etymologisiert. Dabei soll die Stadtgründerin Libuše ihr Gefolge in einen Wald geschickt haben, um aus einem Baum eine Türschwelle zu schlagen. An dieser Stelle soll Prag dann durch Libuše gegründet worden sein.
Goldene Stadt der hundert Türme mini|Die „Goldene Stadt“ vom Pulverturm gesehen Der Beiname „Goldene Stadt“ bezieht sich auf die Sandsteintürme, die bei Sonneneinstrahlung in Goldtönen schimmern. Eine weitere Erklärung für diese Bezeichnung ist, dass Kaiser Karl IV. die Türme der Prager Burg vergolden ließ. Außerdem war die Stadt zur Zeit Rudolfs II. ein Anziehungspunkt für Alchemisten.
Auch der Name „Stadt der hundert Türme“ ist schon seit mehreren Jahrhunderten bekannt und stammt von den zahlreichen Türmen, die das historische Stadtbild prägen.Christina Lüdeke: Prag. In: planet-wissen.de. 4. Oktober 2010, abgerufen am 20. Mai 2013.
Der Kaufmann Ibrahim ibn Yaqub bezeichnete in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts Prag als „die Stadt gebaut aus Stein und Kalk“ oder „Steinernes Prag“. Weitere Beinamen für Prag sind Praga totius Bohemiae domina (Prag, die Herrin von ganz Böhmen) und Praga mater urbium (Prag, die Mutter aller Städte). Seit dem Mittelalter und bis 1918 wurde Prag als Praga caput regni (Prag, das Haupt des Königreichs) bezeichnet, heute als Wappenspruch zu Praga caput rei publicae (Haupt der Republik) abgeändert.
Geschichte
Die Besiedlung des Gebiets lässt sich bis ins Paläolithikum zurückverfolgen. Das Prager Becken gehörte während der gesamten Ur- und Frühgeschichte zu den am dichtesten und nahezu durchgängig besiedelten Landschaften Böhmens. Bis etwa 50 v. Chr. siedelten hier die keltischen Boier, dann über 500 Jahre die germanischen Markomannen. Erste slawische Gruppen stießen etwa ab der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts in das Gebiet vor.
mini|Ansicht von Prag, Holzschnitt aus der Schedel’schen Weltchronik (1493) mini|Zweiter Prager Fenstersturz von 1618, der den Dreißigjährigen Krieg auslöste Im 9. Jahrhundert wurde die Prager Burg mit dem unterhalb im Bereich der heutigen Kleinseite liegenden Suburbium und im 10. Jahrhundert eine zweite Burg auf dem Vyšehrad als Sitz der Přemysliden angelegt. Im Schutz der beiden Burgen entwickelten sich auf beiden Seiten der Moldau Ansiedlungen einheimischer Handwerker sowie deutscher und jüdischer Kaufleute. Um 1230/1234 ließ Wenzel I. die größte dieser Siedlungen an der Moldaubiegung befestigen und erteilte ihr das Stadtrecht. Prag wurde damit zur königlichen Residenzstadt der böhmischen Herrscher. Sein Sohn Přemysl Ottokar II. vertrieb die auf dem anderen Moldauufer unterhalb der Burg ansässige tschechische Bevölkerung und gründete 1257 die erste Prager Neustadt, die Kleinseite (Malá Strana). Als dritte Prager Stadt wurde vor 1320 von den Burggrafen die abhängige Hradschin-Stadt (auch Burgstadt, Hradčany) unmittelbar westlich der Burg angelegt.
Unter Kaiser Karl IV. und seinem Sohn Wenzel IV. erblühte Prag als Kaisersitz des Heiligen Römischen Reiches in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wirtschaftlich, kulturell, politisch und auf vielen weiteren Gebieten. Hier wurde 1348 die Karls-Universität als erste Universität in Mitteleuropa gegründet. Durch den Bau der Prager Neustadt im selben Jahr wurde die Agglomeration mit weit über 40.000 Einwohnern viertgrößte Stadt nördlich der Alpen und hinsichtlich ihrer Fläche drittgrößte Stadt in Europa. Ab dem Jahr 1419 wurde sie jedoch in den Hussitenkriegen schwer erschüttert und teilweise zerstört.
Ende des 16. Jahrhunderts bestimmte Kaiser Rudolf II. Prag wieder zur Residenzstadt. Von dieser Zeit zeugen prachtvolle barocke Palais und Kirchen. Durch den Zweiten Prager Fenstersturz wurde der Dreißigjährige Krieg ausgelöst. Der Siebenjährige Krieg hinterließ Spuren in der Stadt. 1784 schlossen sich die vier bisher selbstständigen Städte Hradschin (Hradčany), Kleinseite (Malá Strana), Altstadt (Staré Město) und Neue Stadt (Nové město) zur gemeinsamen Stadt Prag zusammen.
mini|Karlsbrücke Richtung Altstädter Seite (um 1840) Im Laufe des 19. Jahrhunderts erlebte Prag einen bedeutenden kulturellen Aufschwung. Es entstanden unter anderem das Nationalmuseum und das Nationaltheater. Um 1860 verlor Prag seine seit dem Mittelalter bestehende deutsche Bevölkerungsmehrheit. Die Stadt war geprägt durch einen regen kulturellen Austausch zwischen den Nationalitäten, allerdings kam es auch vermehrt zu Konflikten zwischen den Volksgruppen, die oft auch sozialer Natur waren. Um 1900 war das weltoffene Prag ein Zentrum für Künstler und Literaten tschechischer und deutscher Sprache.
Nach dem Ersten Weltkrieg erreichte die tschechische Nationalbewegung um Tomáš Garrigue Masaryk ihr Ziel, und es wurde die demokratische Tschecho-Slowakei, der Nationalstaat der Tschechen und Slowaken, gegründet, dessen Hauptstadt Prag wurde. Die Stadt wurde 1920 durch Eingemeindung zahlreicher Vororte vergrößert, wodurch sie einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung erlebte. 1937 wurde der zivile Flughafen Praha Ruzyně eröffnet.