mini|Steglitzer Gruppe, um 1930
Als Wandervogel oder Wandervogelbewegung wird eine 1896 in Steglitz (heute Berlin) entstandene Bewegung hauptsächlich von Schülern und Studenten bürgerlicher Herkunft bezeichnet, die in einer Phase fortschreitender Industrialisierung der Städte und angeregt durch Ideale der Romantik sich von den engen Vorgaben des schulischen und gesellschaftlichen Umfelds lösten, um in freier Natur eine eigene Lebensart zu entwickeln. Damit stellte der Wandervogel den Beginn der Jugendbewegung dar, die auch für Reformpädagogik, Freikörperkultur und Lebensreformbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wichtige Impulse setzte.
Der Anstoß zu einer auf Dauer angelegten Organisation der Wanderaktivitäten am Gymnasium Steglitz ging von dem ehemaligen Schüler Karl Fischer aus, der 1901 für die Gründung des Wandervogels als Verein sorgte. Wie andere nach ihm prägte Fischer als Führungspersönlichkeit die Aktivitäten der von ihm geleiteten Gruppierung. Mit dem Anwachsen der Bewegung, die sich binnen weniger Jahre über den ganzen deutschsprachigen Raum ausbreitete, kam es oft zu abweichenden Leitvorstellungen und Schwerpunktsetzungen, die zu vielfältigen Abspaltungen und Neugründungen führten. Umstritten waren beispielsweise Fragen der Mädchenbeteiligung und der Alkoholabstinenz.
Gegenüber Versuchen der politischen Einflussnahme und Vereinnahmung suchten die Wandervogel-Verantwortlichen meist Neutralität zu wahren. So fand der Erste Freideutsche Jugendtag auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913, für den der Wandervogel den Boden bereitet hatte, offiziell ohne seine Beteiligung statt. Der Erste Weltkrieg schuf neue Verhältnisse auch für die Jugendbewegung und den Wandervogel. Den entscheidenden Einschnitt bildete aber erst die nationalsozialistische Auflösung bzw. Zwangseingliederung der Jugendbünde in die Hitlerjugend. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Nachfolgeorganisationen sind dem Erbe des Wandervogels verbunden.
Das Vorspiel – Die Phase Hermann Hoffmann (1896–1900) Vor der Gründung des Wandervogels als Verein gab es eine Auftaktphase, die wesentlich im Zeichen Hermann Hoffmanns (1875–1955) stand. Dessen Wanderaktivität war ausgelöst worden durch ein Schulerlebnis als Fünfzehnjähriger 1890 in Magdeburg. Die in sommerlicher Wärme dösende Klasse, befasst mit einem Lesestück „Hoch auf das Wandern“, wurde durch einen Schlag ihres Deutschlehrers Edmund Sträter (1858–1939)Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg: Sträter, Edmund auf das Pult aus der Schlafmützigkeit gerissen und eindringlich darüber ins Bild gesetzt, wie Sträter selbst und seine Altersgenossen in ihrer Jugend die Groschen angespart hatten, um zu Pfingsten oder in den großen Ferien Wandertouren zu unternehmen. Hoffmann hielt dazu in einem Manuskript „Aus der Frühzeit des Wandervogels“ fest:
Nach dem Abitur 1894 ließ sich Hoffmann in Berlin für Philologie (orientalische Sprachen) und Rechtswissenschaften immatrikulieren und gab unter anderem am Gymnasium Steglitz ab 1895/96 halbjährige Stenographiekurse für die Schüler.Günther Köhler: Der Steglitzer Wandervogel 1896–1914. In: Gerhard Ille, Günther Köhler (Hrsg.): Der Wandervogel – Es begann in Steglitz. Berlin 1987, S. 55. Er selbst berichtete, dass ihn gelegentlich Kursteilnehmer in seiner Studentenwohnung besuchten, unter ihnen auch Karl Fischer. Bei gemeinsamem Stöbern in seinen Büchern stieß man auf Hoffmanns Wanderbeschreibungen; gleich hieß es: „Das müssen Sie auch mit uns machen!“Hermann Hoffmann in: Das Nachrichtenblatt des Wandervogel, Nr. 30, Februar 1955, S. 6f.
Daraufhin folgten erste Fahrten: 1896 eine eintägige „Testwanderung“ in den Grunewald, im Sommer zwei Tage in die Teupitzer Gegend, 1897 bereits eine zweiwöchige „Fahrt“ in den Harz mit 15 Teilnehmern, 1898 eine vierwöchige Fahrt von Thüringen über den Spessart bis nach Köln mit 11 Teilnehmern und schließlich 1899 die vierwöchige „Böhmerwaldfahrt“, die durch Blühers Chronik bekannt wurde und die dadurch eine große Bedeutung erlangte, dass die Teilnehmer dieser Fahrt später maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Wandervogels nahmen.Hans Blüher: Wandervogel – Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. 2. Aufl. Berlin 1912, S. 106f. Blüher datierte die Böhmerwaldfahrt hier irrtümlich auf 1897. Hoffmann galt als jemand, der nichts dem Zufall überließ.
Bereits früh gab es Satzungen, welche die Unterordnung unter die Führer regelte. Hoffmann nannte sich „Oberhäuptling“, bei großen Fahrten hatte er zwei „Häuptlinge“ unter sich, die ihn unterstützten. Bei der Böhmerwaldfahrt waren dies sein Bruder Ernst und Karl Fischer, der später noch besondere Bedeutung für die Entwicklung des Wandervogel-Vereins erlangen sollte. Schon in der Vorphase ordnete sich die Hierarchie der Gruppen nach Erfahrung. Erprobte Wanderer wurden „Wanderburschen“, Anfänger „Wanderfüchse“ genannt. Die Wandergruppen hießen „Herden“. Zu dieser Zeit gab es noch keine Wanderausrüstung: Getragen wurden das Schulzeug und die Schülermütze, dazu Regenschirme gegen Regen, Sonne und Wind.Ottomar Johannes Dupré: Hans Breuers Leben. In: Hans Breuer. Wirken und Leben. Zusammengestellt von Heinz Speiser, Burg Ludwigstein 1977, S. 15.
Am Ende des Jahres 1900 ernannte Hoffmann Karl Fischer zu seinem Nachfolger. Er selbst folgte einem Ruf nach Konstantinopel und begann dort eine Diplomatenkarriere. Zuvor legte er Fischer in der sogenannten „Fichtebergabrede“ am Paulsendenkmal in Steglitz nahe, diese Art des Jugendwanderns über Steglitz hinaus unter der deutschen Jugend zu verbreiten.Hoffmann zitiert nach: Gerhard Ziemer, Hans Wolf: Wandervogel und Freideutsche Jugend. Bad Godesberg 1961, S. 38f.
Die Erfolgschancen einer solchen in die Breite zielenden Jugendbewegung waren, folgt man dem Philosophen und Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski, wesentlich einem erneuerten Begriff von „Leben“ zuzuschreiben, wie er insbesondere auf Nietzsche zurückging:
Die Wandervogel-Vereinsgründung: Der Ausschuß für Schülerfahrten e. V. (1901–1904) Hoffmanns Schüler Karl Fischer war von den gemachten Erfahrungen so begeistert, dass er beschloss, eine Wanderorganisation für Jugendliche aufzubauen. Am 4. November 1901 wurde im Ratskeller des Steglitzer Rathauses der „Wandervogel – Ausschuß für Schülerfahrten e. V.“ (AfS) gegründet, um den Wandergruppen eine gegenüber Schule und Elternhäusern vorzeigbare juristische Form zu geben. Dabei halfen Fischer einige mit seinem Vorhaben Sympathisierende aus dem Umkreis der Steglitzer Honoratioren. Die Gründungsmitglieder waren die Schriftsteller Wolfgang Kirchbach, Heinrich Sohnrey, Heinrich Hagedorn und Hermann Müller-Bohn sowie der Arzt Anatol Hentzelt. Heinrich Sohnrey wurde zum Vorsitzenden gewählt und verfasste zusammen mit Karl Fischer die spätere Satzung des Vereins.Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. Eine historische Studie. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1962, S. 28f. Anwesend waren auch einige Schüler: Bruno Thiede, Wolfgang Meyen, der „Wandervogel“ als Vereinsnamen vorschlug, Siegfried Copalle und Karl Fischer sowie der Sohn Kirchbachs.Winfried Mogge: Aufbruch einer Jugendbewegung. Wandervogel – Mythen und Fakten. In: Sabine Weißler (Hrsg.): Fokus Wandervogel – Der Wandervogel in seinen Beziehungen zu den Reformbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg. Marburg 2001, S. 10f. Die Initiative zur Vereinsgründung soll jedoch eher auf Wolfgang Kirchbach zurückgehen.Georg Korth: Wandervogel 1896–1906. Frankfurt am Main 1967, S. 157.
Siehe auch: Jugendbewegung: Die Wandervogel-Ära (1896–1913)
Ursprung des Namens Die Bezeichnung „Wandervogel“ für die Wanderbewegung wurde 1901 auf Vorschlag von Wolfgang Meyen gewählt. Nach Auskunft seines Vetters Albrecht MeyenIdee und Bewegung 56, 2001, S. 53/54. stammt der Begriff aus einem Gedicht Otto Roquettes (1824–1896) aus Waldmeisters Brautfahrt – Ein Rhein-, Wein- und Wandermärchen von 1851, das in der Steglitzer Wandervogel-Gruppe als Lied gesungen wurde. Darin wird der Begriff Wandervogel zum ersten Mal auf Personen angewendet:
Ihr Wandervögel in der Luft, im Ätherglanz, im Sonnenduft in blauen Himmelswellen, euch grüß’ ich als Gesellen!
Ein Wandervogel bin ich auch mich trägt ein frischer Lebenshauch, und meines Sanges Gabe ist meine liebste Habe.
Eine andere Deutung führt die Herkunft auf Walt Whitmans Gedichtsammlung Grashalme (1855) zurück, deren Buch XVII den Titel Birds of Passage = Wandervögel trägt. Johannes Schlaf überschrieb 1907 in seiner Auswahlübersetzung für Reclam den zweiten Gesang, den Gesang der Pioniere, mit Wandervögel:
Alle Pulse dieser Erde Fallen ein und schlagen mit uns, schlagen mit des Westen Vormarsch; Einzeln und allzusammen; immer vorwärts, alles für uns! Pioniere! Pioniere!
Diese Ableitung gilt jedoch als unwahrscheinlich.Winfried Mogge: „Ihr Wandervögl in der Luft …“ Fundstücke zur Wanderung eines romantischen Bildes und zur Selbstinszenierung einer Jugendbewegung. Würzburg 2009, S. 53. Auch spielte Whitman allenfalls auf dem eher linken Flügel der „Freideutschen Jugend“ eine Rolle. 1921 wurden Gedichte Whitmans in der Schlafschen Übersetzung auf der Titelseite der Zeitschrift Freideutsche Jugend abgedruckt.Walter Grünzweig: Walt Whitmann [sic]: die deutschsprachige Rezeption als interkulturelles Phänomen. Wilhelm Fink, München 1991, S. 126–130.
Eine dritte Herleitung verweist auf einen Grabstein auf dem evangelischen St.-Annen-Kirchhof in Berlin-Dahlem. Er schmückt das Grab von Kaethe Branco († 1877), einer früh verstorbenen Tochter Hermann von Helmholtz’. Die Grabinschrift, ein Gedicht von Max Jähns (1837–1900), einem Freund der Familie Helmholtz, lautet:
Wer hat euch Wandervögeln Die Wissenschaft geschenkt, Daß ihr auf Land und Meeren Nie falsch den Flügel lenkt? Daß ihr die alte Palme Im Süden wieder wählt, Daß ihr die alten Linden Im Norden nicht verfehlt?
„Oberbachant“ Karl Fischer Karl Fischer bekam als selbstständiger Geschäftsführer durch die Vereinssatzung umfassende Autorität zugestanden. Er konnte nach § 7 der Satzung Ergänzungsbestimmungen erlassen und hatte lediglich die Pflicht, dem Vereinsausschuss einmal im Monat Bericht zu erstatten. Der Ausschuss selbst übte Zurückhaltung und fungierte hauptsächlich als „Schutzschild gegen die Öffentlichkeit“. Nach dem Schriftsteller Hans Blüher handelte es sich um die denkbar loseste Organisation, die nichts weiter zu tun hatte, als „zu schützen, zu vertreten und Geld zu zahlen“. Wohl wurden gelegentlich „ein paar gute Ratschläge“ erteilt. Auch Wolfgang Kirchbach habe aber berücksichtigt, dass die Jugendlichen am liebsten unter sich blieben, und ihnen diesen begrenzten erziehungsfreien Raum gegönnt.Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. 3. Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 128f.
Als romantisches Vorbild seiner Wanderorganisation diente Fischer das Ideal der fahrenden Schüler aus dem Mittelalter. Aus den Wanderfüchsen und Burschen wurden „Scholaren“, die Wanderführer nannte er „Bachanten“ (abgeleitet von „Vagant“). Er selber ernannte sich zum „Oberbachanten“ und beanspruchte eine unangefochtene Führungsrolle. Wer als Neuling aufgenommen wurde und mitwandern durfte, entschied er. Eine Voraussetzung war die Ablegung eines Treuegelöbnisses vor Fischer.vgl. Köhler 1987, S. 64. Insgesamt entwickelte sich erst unter Fischer ein gemeinsamer Stil. Man hatte einen gruppeninternen Erkennungspfiff, grüßte sich fortan mit „Heil!“ und sang bevorzugt Volks- und Marschlieder. Zudem entwickelte man eine besondere Tracht, um nicht für Landstreicher gehalten zu werden.
Ein spezifischer Wandervogel-Habitus