Velociraptor (, ) ist eine Gattung theropoder Dinosaurier, die vor etwa 85 bis 76 Millionen Jahren in der späten Kreidezeit lebte. Velociraptor zählt zu den Dromaeosauridae. Momentan werden zwei Arten anerkannt: Die Typusart Velociraptor mongoliensis, deren fossile Knochen in der Mongolei und der Inneren Mongolei (China) gefunden wurden, sowie die 2008 beschriebene, bisher nur durch Schädelmaterial aus der Inneren Mongolei bekannte Art Velociraptor osmolskae.
Mit über einem Dutzend entdeckten fossilen Skeletten ist Velociraptor einer der am besten untersuchten Dromaeosauriden. Ein besonders populäres Fossil zeigt Velociraptor mit einem Protoceratops; beide Tiere starben augenscheinlich während eines Kampfes.
Mit einer Länge von bis zu zwei Metern war Velociraptor ein mittelgroßer Vertreter der Dromaeosauridae. Es handelte sich um einen auf zwei Beinen laufenden, gefiederten Fleischfresser mit einem langen, steifen Schwanz und einer auffällig vergrößerten, sichelartigen Kralle an der zweiten Zehe des Hinterfußes. Diese Sichelkralle wurde vermutlich bei der Jagd verwendet. Ein Unterscheidungsmerkmal zu anderen Dromaeosauriden ist die lange, flache und leicht nach oben gebogene Schnauze.
Der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden ist Velociraptor insbesondere wegen seiner von künstlerischer Freiheit geprägten Rolle als intelligentes menschenfressendes Raubtier in der Jurassic-Park-Filmreihe, auch wenn die dort dargestellten Tiere eher seinen größeren und älteren Verwandten Deinonychus und Utahraptor entsprechen.
Merkmale mini|Velociraptor im Größenvergleich mit einem Menschen mini|Lebendrekonstruktion von Velociraptor
Velociraptor war ein mittelgroßer Dromaeosauride mit einer Länge von bis zu 2,07 Metern, einer Hüfthöhe von 50 Zentimetern und einem geschätzten Gewicht von bis zu 15 Kilogramm. Der Schädel war bis zu 25 Zentimeter lang und wies eine im Vergleich zu anderen Dromaeosauriden dünne, flache und lange Schnauze auf: So machte die Schnauze 60 % der Gesamtlänge des Schädels aus, zeigte von oben betrachtet jedoch nur ein Drittel der Breite des hinteren Schädels. Der vordere Abschnitt der Schnauze war leicht nach oben gebogen, was zu einer konkaven Schnauzenoberseite und einer konvexen Unterseite führte. Die Augen waren nach vorne gerichtet, was ein gutes räumliches Sehen ermöglichte. Sein räumliches Blickfeld war etwa 55° breit und 10° hoch; das sind mit Eulen vergleichbare Werte.Kent A. Stevens: Binocular vision in theropod dinosaurs. In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 26, Nr. 2, 2006, S. 321–330, . Jede Kieferseite war mit 26 bis 28 in größeren Abständen stehenden Zähnen besetzt, welche an der hinteren Schneidekante stärker gesägt waren als an der vorderen – das kann als Anpassung an das Greifen schneller Beute gedeutet werden.Henry Fairfield Osborn: Three new Theropoda, Protoceratops zone, central Mongolia (= American Museum Novitates. Nr. 144, = Publications of the Asiatic Expeditions of the American Museum of Natural History. Contribution. Nr. 32). The American Museum of Natural History, New York NY 1924, online.Rinchen Barsbold, Halszka Osmólska: The skull of Velociraptor (Theropoda) from the Late Cretaceous of Mongolia. In: Acta Palaeontologica Polonica. Bd. 44, Nr. 2, 1999, , S. 189–219, online.
Das Handskelett ähnelte in seiner Struktur und Flexibilität dem der Vögel und zeigte drei stark gekrümmte Krallen. Der zweite Finger war der längste Finger, der erste Finger der kürzeste. Aufgrund der Struktur der Handwurzelknochen war die Pronation (Einwärtsdrehung) des Handgelenks unmöglich. Dies zwang Velociraptor dazu, seine Hände stets mit der Handflächenseite nach innen zu tragen.Gregory S. Paul: Dinosaurs of the Air. The Evolution and Loss of Flight in Dinosaurs and Birds. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD u. a. 2002, ISBN 978-0-8018-6763-7. Velociraptor lief wie andere Dromaeosauriden ausschließlich auf dem dritten und vierten Zeh. Der erste Zeh war wie bei anderen Theropoden reduziert („Wolfskralle“) und berührte den Boden nicht. Auch der stark modifizierte zweite Zeh wurde über dem Boden gehalten: Er trug eine auffällig große, bis zu 6,5 Zentimeter lange, sichelförmige Kralle, ein typisches Merkmal der Dromaeosauridae. Sie wurde vermutlich als Waffe bei der Jagd eingesetzt.Ринченгийн Барсболд: Хищные динозавры мела Монголии. Совместная Советско-Монгольская палеонтологическая экспедиция (= Труды. 19). Наука, Москва 1983, S. 5–119 (In englischer Sprache: Rinchen Barsbold: Carnivorous dinosaurs from the Cretaceous of Mongolia. The Joint Soviet-Mongolian Paleontological Expedition (= Transaction of the Joint Soviet-Mongolian Paleontological Expedition. Bd. 19). Selbstverlag des Verfassers, Berkeley CA 1983, 5–119, online).Mark A. Norell, Peter J. Makovicky: Important features of the dromaeosaurid skeleton II: information from newly collected specimens of Velociraptor mongoliensis (= American Museum Novitates. Nr. 3282). The American Museum of Natural History, New York NY 1999, online. Neuere biomechanische Studien zeigen auf, dass sie auch zum Klettern geeignet war.Phillip L. Manning, Lee Margetts, Mark R. Johnson, Philip J. Withers, William I. Sellers, Peter L. Falkingham, Paul M. Mummery, Paul M. Barrett, David R. Raymont: Biomechanics of Dromaeosaurid Dinosaur Claws: Application of X-Ray Microtomography, Nanoindentation, and Finite Element Analysis. In: The Anatomical Record. Bd. 292, Nr. 9, 2009, , S. 1397–1405, .
Extrem verlängerte Knochenfortsätze zur Verbindung der Wirbel (Präzygapophysen) an den Wirbelbögen, verlängerte Chevron-Knochen an der Unterseite der Wirbel sowie verknöcherte Sehnen versteiften den Schwanz des Velociraptor. Die Präzygapophysen waren ab dem zehnten Schwanzwirbel ausgebildet und erstreckten sich in rutenartigen Bündeln, in Abhängigkeit von ihrer Position vier bis zehn Wirbel überspringend, nach vorn. Diese Versteifung schränkte vertikale Bewegungen des Schwanzes stark ein, auch wenn ein Fund mit „S“-förmig gekurvtem Schwanz mit intakten Präzygapophysen vermuten lässt, dass der Schwanz eine beträchtliche horizontale Beweglichkeit hatte. Die Anpassungen des Schwanzes waren vermutlich vorteilhaft, um in Kurven mit hoher Geschwindigkeit Balance und Stabilität zu wahren. Eine biomechanische Studie errechnete eine Maximalgeschwindigkeit von 38,9 Kilometern pro Stunde.William Irvin Sellers, Phillip Lars Manning: Estimating dinosaur maximum running speeds using evolutionary robotics. In: Proceedings of the Royal Society. Series B: Biological Sciences. Bd. 274, Nr. 1626, 2007, , S. 2711–2716, .
Im Jahre 2007 wurden an einem gut erhaltenen Vorderarmknochen von Velociraptor Ansätze für Federkiele gefunden, womit eine Befiederung bei Velociraptor bestätigt ist.Alan H. Turner, Peter J. Makovicky, Mark A. Norell: Feather Quill Knobs in the Dinosaur Velociraptor. Bd. 317, Nr. 5845, 2007, S. 1721, , PMID 17885130.
Geschichte mini|Schädel des Holotypus im AMNH mini|Zeichnung des Holotypus-Materials (aus Osborn 1924) Eine Expedition des American Museum of Natural History (AMNH) in die mongolische Gobi-Wüste entdeckte im Jahr 1922 das erste bekannte Velociraptor-Fossil: Einen zerdrückten, aber kompletten Schädel zusammen mit einer der vergrößerten Krallen des zweiten Zehs und Fragmenten der Fußknochen (Exemplarnummer AMNH 6515). 1924 erfolgte die Erstbeschreibung durch den Museumsleiter Henry Fairfield Osborn als Velociraptor mongoliensis. Der Gattungsname Velociraptor bedeutet so viel wie „schneller Räuber“ (lateinisch , ), während das Art-Epitheton mongoliensis auf das Land Mongolei hinweist, wo die Fossilien gefunden wurden. Früher im selben Jahr nannte Osborn die neue Spezies in einem Presseartikel „Ovoraptor djadochtari“ (nicht zu verwechseln mit Oviraptor); da dieser Name jedoch weder in einem wissenschaftlichen Magazin noch durch eine formale Beschreibung veröffentlicht wurde, gilt er nach den Internationalen Regeln für die Zoologische Nomenklatur (ICZN) als , weshalb der Name Velociraptor Priorität genießt.Henry Fairfield Osborn: The Discovery of an Unknown Continent. In: Natural History. Bd. 24, Nr. 2, 1924, , S. 133–149, Digitalisat.
Während nordamerikanischen Forschern im Kalten Krieg keine Einreise in die kommunistische Mongolei gestattet war, entdeckten sowjetische, polnische und mongolische Forscher weitere Skelette. So wurde 1971 das berühmte Fossil der „Kämpfenden Dinosaurier“ von einer polnisch-mongolischen Forschergruppe entdeckt (Exemplarnummer GIN 100/25), welches einen Velociraptor während eines Kampfes mit einem Protoceratops zeigt.Zofia Kielan-Jaworowska, Rinchen Barsbold: Narrative of the Polish-Mongolian Paleontological Expeditions. In: Palaeontologia Polonica. Bd. 27, 1972, , S. 5–13.Rinchen Barsbold: Saurornithoididae, a new family of theropod dinosaurs from Central Asia and North America. In: Palaeontologia Polonica. Bd. 30, 1974, , S. 5–22. Es gilt als Nationalschatz der Mongolei, wurde jedoch im Jahr 2000 dem American Museum of Natural History in New York für eine temporäre Ausstellung geliehen. Heute steht es im National Museum of Natural History in Ulaanbaatar.Ch. Sumiyabazar: Mongolia's fighting dinosaurs in der UB-Post (englischsprachige, mongolische Zeitschrift) vom 14. Februar 2006Foto der Fighting Dinosaurs aus dem National Museum of National History
Zwischen 1988 und 1990 entdeckte ein chinesisch-kanadisches Team Überreste von Velociraptor in Nordchina.Tomasz Jerzykiewicz, Philip J. Currie, David A. Eberth, Paul A. Johnston, Emlyn H. Koster, Jia-Jian Zheng: Djadokhta Formation correlative strata in Chinese Inner Mongolia: an overview of the stratigraphy, sedimentary geology, and paleontology and comparisons with the type locality in the pre-Altai Gobi. In: Canadian Journal of Earth Sciences. Bd. 30, Nr. 10, 1993, , S. 2180–2195. . Amerikanische Wissenschaftler kehrten 1990 in die Mongolei zurück und so entdeckte ein mongolisch-amerikanisches Team mehrere gut erhaltene Skelette.Mark A. Norell, Peter J. Makovicky: Important features of the dromaeosaur skeleton: information from a new specimen (= American Museum Novitates. Nr. 3215). The American Museum of Natural History, New York NY 1997, online.
1999 entdeckte ein chinesisch-belgisches Team einen Oberkiefer und ein Tränenbein, die zwar zu Velociraptor gehörten, jedoch untypisch für die Typusart Velociraptor mongoliensis sind. Forscher um Pascal Godefroit beschrieben diesen Fund 2008 als Holotypus einer neuen Art, Velociraptor osmolskae.Pascal Godefroit, Philip J. Currie, Li Hong, Shang Chang Yong, Dong Zhi-Ming: A new species of Velociraptor (Dinosauria: Dromaeosauridae) from the Upper Cretaceous of northern China. Bd. 28, Nr. 2, 2008, , S. 432–438, . Sie unterscheidet sich von Velociraptor mongoliensis vor allem durch ein vergrößertes Promaxillarfenster, eine Schädelöffnung (Schädelfenster) im Oberkiefer, die sich mittig etwa auf gleicher Höhe zwischen Augenhöhle und Nasenöffnung befindet. Das Art-Epitheton osmolskae ehrt die polnische Paläontologin Halszka Osmólska, welche kurz vor der Erstbeschreibung verstarb.
Fundorte