mini|Eine Rocaille, typisches muschelartiges Ornament des Rokoko mini|Einer der bedeutendsten und berühmtesten Rokokoräume der Welt: die Wieskirche bei Steingaden, Bayern

Das Rokoko ( []) ist eine Stilrichtung der europäischen Kunst von etwa 1730 bis etwa 1780 und entwickelte sich aus dem Régence, das im Spätbarock (ca. 1700–1720) ankert. Ausgangspunkt war Frankreich. Der Name entstammt dem französischen Wort Rocaille (Muschelwerk) und bezeichnet ein immer wieder auftretendes Ornamentmotiv, das sich durch Asymmetrie von barocken Formen unterscheidet.Johannes Jahn, Stefanie Lieb: Wörterbuch der Kunst (= Kröners Taschenausgabe. Band 165). 13., vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-16513-8, S. 713 f. Der Begriff Rokoko wurde 1797 von dem Maler Pierre Maurice Quays geprägt.

Das Rokoko wurde ungefähr ab ca. 1770 langsam vom Klassizismus abgelöst. Einen Übergangsstil nennt man im Deutschen Zopfstil.

Begriff Der Begriff Rocaille leitet sich aus den französischen Wörtern roc (‚Fels‘) und coquilles (‚Muscheln‘) ab. Die Ableitung zeigt, dass es sich vor allem um einen Dekorationsstil handelt. Daher wird auch im Wesentlichen bei monumentaler Baukunst und bei bildnerischen Künsten jener Zeit nur bedingt von einer eigenen Stilepoche gesprochen. Dagegen wird besonders auf den Gebieten der Innenarchitektur und des Kunstgewerbes eine strenge Abgrenzung vom Barock getroffen. Der Begriff ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebildet worden.Joseph von Eichendorff: Der Adel und die Revolution. Wilhelm Heinrich Riehl: Der Kampf der Rococo mit dem Zopf (1853), in dessen Culturstudien aus drei Jahrhunderten, 1859.

Das Pathos des Barocks konnte sich im Zuge der Gegenreformation, der katholischen Reform und der damit einhergehenden Lehre und Praxis sowie in der Verherrlichung des absolutistischen Herrschertums voll entfalten. In der Zeit des Rokoko huldigte man dagegen einem verspielteren Schönheitsideal von eleganter Leichtigkeit und Anmut. Charakteristisch in diesem Bau- und Dekorationsstil sind überbordende Verzierungen an Fassaden, in Innenräumen, an Möbeln, Alltagsgegenständen etc. und eine Vorliebe für das Unregelmäßige und für Asymmetrie, im Gegensatz zu der im Barock so zentralen Symmetrie. An die Stelle fester Formen traten leichte, zierliche, gewundene Linien und häufig rankenförmige Umrandungen.

In der Ikonographie der weltlichen Kunst zeigen die Motive eine Zunahme an sinnlicher, erotischer Ästhetik und eine laszive Darstellung der galanten Welt. In der Architektur und Baukunst tritt der großartige Fassadenschmuck zugunsten einer reichhaltigeren Ausstattung und Akzentuierung der Innenräume zurück, wie überhaupt das Rokoko in erster Linie eine Kunst der Innendekoration ist. In der höfischen und zunehmend auch in der bürgerlichen Umgebung waren mehr oder weniger luxuriös gestaltete Salons die Zentren geselliger Unterhaltung. Sie entwickelten sich zu den beherrschenden Wohnräumen.

Allgemeine Tendenzen Exotik und Porzellan mini|hochkant|Meißner Porzellan-Häferl im chinesischen Stil, um 1730, Metropolitan Museum of Art, New York Im Spätbarock und Rokoko hatte man auch eine große Vorliebe für alles Exotische, daher erreichte vor allem die Chinoiserie ihre größte Popularität. Die Bewunderung für chinesisches Porzellan und ostasiatische Lackarbeiten führte zur Einrichtung von Porzellankabinetten oder von chinesischen oder japanischen Lackzimmern, wie beispielsweise in Schönbrunn, und sogar zu kleinen Pavillons oder Pagoden in manchen Schlossparks (Chinesischer Pavillon in Sanssouci, Potsdam). Vor allem kam es auch zur Neuentdeckung der Porzellanherstellung in Meißen, die auch die Gründung anderer Manufakturen nach sich zog, wie der Porzellanmanufaktur Nymphenburg, der Manufacture royale de porcelaine de Sèvres bei Paris oder in Capodimonte, Neapel. In manchen Palästen schmückte man sogar ganze Räume statt mit dem wertvollen China-Porzellan mit Produkten aus den europäischen Werkstätten, z. B. im Schloss von Aranjuez oder im Salottino di Porcellana der Königin Maria Amalia von Sachsen im Königspalast von Portici (1757–1759; heute im Museo di Capodimonte, Neapel). In den Manufakturen entstanden nicht nur alle möglichen Ziergegenstände – Vasen und Figurinen –, denn mit der Liebe zum Porzellan ging parallel auch ein erster Boom im Genuss exotischer Getränke wie Schokolade, Tee und Kaffee einher, die seit dem 17. Jahrhundert in Europa immer mehr in Mode gekommen waren. So wurden entsprechende Services gefertigt, und die im Vergleich zu chinesischen Originalen preiswertere Produktion von Porzellan förderte letztlich die Verfeinerung der Sitten, und es kamen auch ganze Ess-Services aus Porzellan in Mode.

„Petitessen“ mini|Rokoko-Uhr mit Meißner Porzellan-Blumen und -Figurinen, um 1735. Cummer Museum, Jacksonville, Florida Ludwig XIV. von Frankreich hatte sein Leben zum öffentlichen Ereignis gemacht, um den Adel am Hof zu halten und durch Gunstbeweise oder -entzug zu lenken; die großen Appartements und selbst der Park in Versailles sollten daher vor allem durch ihre prunkende Schönheit beeindrucken und dienten der repräsentativen Demonstration der königlichen Macht. Aber schon der Sonnenkönig ließ ab den 1670er Jahren auch kleinere und intimere Schlösser mit privaterem Charakter errichten, die nicht allgemein zugänglich und in ihrer Ausstattung einfacher waren und wo die strenge Hofetikette gelockert wurde (das (zerstörte) Trianon de porcelaine, das Trianon de marbre und das nicht erhaltene Marly). Diese Tendenz zu einem Rückzug ins Private verstärkte sich bei anderen Herrschern im 18. Jahrhundert. In der Zeit der Régence (1715–1723/30) hatten sich außerdem die Sitten gelockert und der Adel lebte fern von strenger Hofetikette in seinen Stadtpalais in Paris oder vergnügte sich auf Bällen.

So traten im Rokoko an die Stelle monumentaler Pracht und kraftvoller Dynamik des Barock nun kultivierte Lebensführung und ein leichtfüßiges, feinsinniges Lebensgefühl, gepaart mit vornehm-zarter Sinnlichkeit und galanten Umgangsformen. In der (Klein-)Plastik und vor allem in der Malerei tauchen häufig private oder gar erotische Themen auf, nicht selten auch in einer lieblichen oder gar niedlichen Darstellung (z. B. Gemälde von Boucher, Meißner Porzellan-Figuren). Dies rief auch Kritik hervor, besonders aus den Reihen der Aufklärer, und es wird vom Zeitalter der Décadence gesprochen; Voltaire bezeichnet es als „le siècle des petitesses“ (das Jahrhundert der Kleinigkeiten). Die folgenden Adjektive wurden zur Beschreibung dieser Zeit verwendet: .Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1931, S. 563 ff.

Bildende Kunst Architektur mini|Schloss Queluz bei Sintra (Portugal) mini|Schloss Wilhelmsthal bei Kassel In der Architektur gibt es nur relativ wenige Bauten, deren Stil sich eindeutig dem Rokoko zuordnen lässt, da es sich – wie erwähnt – eher um einen Dekorationsstil handelt. Die Schlösser erscheinen kleiner, Hauptgebäude trennen sich teilweise von Dienstgebäuden, beispielsweise in Schloss Benrath bei Düsseldorf. In der Innenarchitektur verzichtet man nun auf die gliedernden Elemente der klassisch-antiken Säulenordnung, auf Pilaster, Gebälk und Friese, stattdessen lässt man die Grenzen der einzelnen Raumteile (Wände, Decke usw.) mithilfe von schmückenden Ornamenten verschwimmen. Neben den offiziellen pompösen Repräsentationsräumen finden sich jetzt auch vermehrt kleinere und intimere Privaträume – wie die Petits Appartements Ludwigs XV. und seiner Töchter in Versailles –, oder gar Privathäuser und -schlösschen, wie beispielsweise die Amalienburg im Park von Schloss Nymphenburg. Das Lebensgefühl fordert eine heitere, leichte Architektur mit eleganten und verspielten Details.

Im Kirchenbau, besonders im süddeutsch-österreichischen Raum entstehen allein aus praktischen Gründen zum Teil gigantische Raumschöpfungen, die jedoch nicht monumental wirken, sondern durch eine einzigartige Verschmelzung von Architektur, Malerei, Stuck usw. gekennzeichnet sind, also die Grenzen zwischen den Kunstgattungen oft völlig aufheben, und durch eine lichterfüllte Schwerelosigkeit, festliche Heiterkeit und Bewegtheit geprägt sind (z. B. Wieskirche bei Steingaden u. a.).

Frankreich

Seinen Ursprung nahm das Rokoko in Frankreich, wo es die kurze Periode der Régence oder „Regentschaft“ ablöst, die als Kunstepoche etwa den Zeitraum von 1715 bis 1730 umfasst, und in der Politik die Jahre zwischen 1715 und 1723, als Philipp von Orléans die Regierungsgeschäfte in Frankreich während der Minderjährigkeit des späteren Königs Ludwig XV. leitete.Noël Riley (Hrsg.): Kunsthandwerk & Design. Stile, Techniken, Dekors von der Renaissance bis zur Gegenwart. 2004, S. 114.

Schon in der Régence entwickelte man einen leichteren, graziöseren Dekorationsstil. Das schwere, geradlinige klassisch-antike Formenrepertoire des Louis-quatorze verschwand zu Gunsten von Schwüngen und Wölbungen. Typisch für die französische Innendekoration sind Wandvertäfelungen mit oft vergoldeten Boiserien auf weißem Grund. Das Zierelement der Rocaille tritt etwa um 1730 zum ersten Mal auf (Salon Ovale im Hôtel de Soubise, Paris).

Das zierlichere Mobiliar zeigte sich mit geschwungenen Corpora,also die zusammengesetzten Seiten eines Möbels oder Bauteils (Boden, Seitenteile, Deckel, Rückwand und Front) die mit Ornamenten verziert waren und mit üppig marketierten Oberflächen. Man wünschte nun auch einen höheren Grad an Komfort und polsterte z. B. die Sitz- und Rückenflächen der Sessel dicker oder man schuf die Chaiselongue. Aus dem Bedürfnis nach nützlichen und bequemen Dingen, die noch dazu den Wunsch nach verspieltem Luxus befriedigen sollten, wurden neue Einrichtungsgegenstände gefertigt, wie Tische mit Schubladen und versenkbaren Fächern, Toilettentische, Spieltische und Zylinderschreibtische oder -bureaus, deren Fächer und Schübe sich hinter einem im Halb- oder Viertelkreis geführten Rollladen befanden u. ä. m. Die Tischler bevorzugten Eiche, Walnuss, aber auch tropische Hölzer, etwa Satinholz oder Mahagoni, für ihre Arbeiten. Hinzu kamen verfeinerte Alltagsgegenstände aus Glas und Porzellan.

Deutschland mini|Spiegelsaal in der Amalienburg (Nymphenburg) Der Rokokostil in Deutschland und Österreich entwickelte unter dem bereits bestehenden Einfluss des italienischen Barock wesentlich überschwänglichere Formen als im klassizistisch vorgeprägten Frankreich, und es entstanden vor allem auch bedeutende Rokokodekorationen im Kirchenbau.

Die Asamkirche in München steht an der Schwelle zum Rokoko, doch tritt hier die typische Leitform im Ornament, die Rocaille, noch nicht auf. Man findet sie zuerst in den späten 1730er Jahren, doch herrschen auch in dieser Zeit noch florale Ornamentmotive vor, wie in der von François de Cuvilliés erbauten Amalienburg in München-Nymphenburg. Das Rokoko und die Rocaille werden aus Frankreich vor allem durch Ornamentstichvorlagen nach Deutschland importiert. Das Zentrum solcher Stiche ist Augsburg; man nannte es auch den „Augsburger Geschmack“, und es geht in das Formenrepertoire vieler süddeutscher Stuckateure über, bis die Ausstattungskunst des Rokoko im Werk Dominikus Zimmermanns (1736–1741 Frauenkirche Günzburg) ihren Höhepunkt erreicht: Im Chor der Wieskirche erscheinen „gebaute Rocaillen“. Andere bedeutsame Schöpfungen des Rokoko sind das Cuvilliés-Theater in München und Schloss Wilhelmsthal bei Kassel.

Regionale Sonderformen Im deutschsprachigen Bereich werden diverse Ausprägungen des Rokoko in verschiedenen Regionen teilweise besonders bezeichnet, nicht zuletzt auch deshalb, weil es sich ursprünglich im 18. Jahrhundert um eigenständige Länder handelte, deren Bauten durch den Geschmack und die Mittel eines bestimmten Fürsten oder einer Fürstin geprägt waren. Grob ist zwischen dem norddeutschen Rokoko und dem süddeutschen Rokoko zu unterscheiden.