Die Merowinger (selten Merovinger) waren das älteste Königsgeschlecht der Franken von Mitte des 5. Jahrhunderts bis 751. Nach ihnen wird die historische Epoche des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter im gallisch-germanischen Raum Merowingerzeit genannt.

Der fränkische Kleinkönig Childerich I. schuf die Grundlage, auf der sein Sohn und Nachfolger Chlodwig I. die erfolgreichste post-römische Reichsbildung im Westen betreiben konnte. Chlodwig gelang die Eroberung fast ganz Galliens; sein Übertritt zum katholischen Christentum vermied Konflikte, wie sie in den meisten anderen germanisch-romanischen Reichen der Völkerwanderungszeit zwischen den neuen germanischen Herren (die oft dem Arianismus anhingen) und der romanischen bzw. römischen Mehrheitsbevölkerung üblich waren. Gleichzeitig bezogen die Merowinger die gallorömische Elite in ihre Herrschaft mit ein, die bis ins frühe 7. Jahrhundert noch stark an spätantiken Mustern orientiert war. In der Folgezeit verfielen jedoch die römischen Verwaltungsinstitutionen, ebenso sank das kulturelle Niveau. Es entwickelten sich neue Strukturen, die wegweisend für die nachfolgende Zeit waren, womit die Merowingerzeit eine entscheidende Rolle bei der Transformation West- und Mitteleuropas ins Mittelalter spielte.

Unter Chlodwigs Nachfolgern kam es zu Teilungen der Herrschaft und immer wieder zu Machtkämpfen, was die zentrale Königsgewalt empfindlich schwächte und es den adligen Großen ermöglichte, eigene Ziele zu verfolgen. Im 7. Jahrhundert nahm so der Einfluss der Hausmeier derart zu, dass die letzten merowingischen Könige nur noch beschränkt eigenständig agieren konnten. Wie machtlos die späten Merowinger tatsächlich waren, wird in der neueren Forschung diskutiert. 751 rückten jedenfalls die Karolinger als neue Königsfamilie an ihre Stelle.

Die merowingische Dynastie und ihr Reich Politische Geschichte Der Ursprung des fränkischen Geschlechts der Merowinger ist durch zahlreiche spätere Mythen verklärt. Teilweise wird in der Forschung vermutet, dass bereits einige der fränkischen Kleinkönige, die Anfang des 4. Jahrhunderts vom römischen Kaiser Konstantin dem Großen bekämpft wurden (Ascaricus und Merogaisus), womöglich Merowinger waren, doch ist diese Annahme nicht beweisbar.Zur fränkischen Frühgeschichte siehe den Überblick bei Ulrich Nonn: Die Franken. Stuttgart 2010; vgl. auch Erich Zöllner: Geschichte der Franken bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. München 1970 und die diversen Beiträge im Katalog Die Franken. Wegbereiter Europas. 5. bis 8. Jahrhundert. 2 Bände. Mainz 1996 (Neuauflage 1997).

mini|Die Expansion der frühen Merowinger während der ausgehenden Spätantike mini|Siegelring mit dem Bildnis Childerichs und Aufschrift CHILDERICI REGIS

Historisch gesichert ist die Existenz der Merowinger erst für das 5. Jahrhundert: In Tournai wurde im Jahr 1653 die Grabstätte von Childerich I. († 481 oder 482) gefunden.Allgemeine historische Überblicke zu den Franken/Merowingern etwa bei: Eugen Ewig: Die Merowinger und das Frankenreich. 5., aktualisierte Auflage, Stuttgart 2006, S. 12 ff.; Sebastian Scholz: Die Merowinger. Stuttgart 2015, S. 30 ff.; Ian N. Wood: The Merovingian Kingdoms, 450–751. London 1994, S. 33 ff.; Erich Zöllner: Geschichte der Franken bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. München 1970, speziell S. 37 ff. Dieser bezeichnete sich selbst als rex, was zu dieser Zeit allerdings nicht ohne weiteres als „König“ übersetzt werden kann, und war anscheinend ein Fürst der Salfranken. Von Childerich, der angeblich ein Sohn Merowechs und mit dem früheren rex Chlodio verwandt war, stammten alle späteren Merowinger ab.

Heute wird dabei im Unterschied zur älteren Forschung oft angenommen, dass der Aufstieg der Familie erst mit Childerich begann. Zahlreiche kostbare Grabbeigaben waren ihm ins Grab gelegt worden; einige von diesen sagen viel über seine Stellung aus. So trug er die Uniform eines spätrömischen Offiziers; vom Militärumhang (paludamentum) war die goldene Zwiebelknopffibel erhalten. Childerich hatte, wie literarische Quellen bezeugen, als Föderatenführer für Westrom und für (und/oder später gegen, wie teils in der neueren Forschung vermutet) den römischen Heermeister Aegidius gekämpft, der sich 461 von der kaiserlichen Regierung lossagte und einen eigenen Machtbereich im nördlichen Gallien aufbaute. Childerich konnte seine Macht unter anderem auf die weiterhin arbeitenden ehemaligen römischen Rüstungsbetriebe (fabricae) in seiner Residenz Tournai stützen, was einen signifikanten Vorteil darstellte.Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert. München 2019, S. 600. In diesem Sinne profitierte Childerich erheblich vom staatlichen Erosionsprozess im Westreich, dessen Regierung im Zuge endloser Bürgerkriege immer mehr die Kontrolle über die Provinzen außerhalb Italiens entglitt, bevor der letzte weströmische Kaiser in Italien 476 abgesetzt wurde und fortan nur noch das oströmische Kaisertum existierte.Zum historischen Kontext siehe Henning Börm: Westrom. Von Honorius bis Justinian. 2. Auflage, Stuttgart 2018.

Wohl 469 bekämpfte Childerich sächsische Plünderer, wobei der römische comes Paulus (möglicherweise ein Nachfolger des Aegidius) getötet wurde. In der neueren Forschung ist vermutet worden, dass Aegidius, Paulus und Childerich um die Kontrolle der Reste der letzten weströmischen Armee in Gallien (des exercitus Gallicanus) rivalisierten.Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West, 376-568. Cambridge 2007, S. 303 f.

mini|Das Frankenreich 486 (blau umrandet) und zum Ende der Merowinger-Herrschaft im 8. Jahrhundert (rosa) Childerichs Sohn Chlodwig I. herrschte (so zumindest die traditionelle Chronologie) von 481/482 bis 511.Matthias Becher: Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt. München 2011; Mischa Meier, Steffen Patzold (Hrsg.): Chlodwigs Welt. Organisation von Herrschaft um 500. Stuttgart 2014. Er beseitigte wohl 486 den letzten römischen Rivalen Syagrius, den Sohn des Aegidius, und erhob das Frankenreich durch Siege über die benachbarten fränkischen Kleinkönige (Sigibert von Köln, Ragnachar, Chararich), die Alamannen (496/506) und die Westgoten sowie durch die Annahme des katholischen Christentums der römischen Reichskirche zu weltgeschichtlicher Bedeutung. Durch die Annahme des katholischen Christentums wurden im Frankenreich vor allem Spannungen zwischen den Franken und der gallo-romanischen Mehrheitsbevölkerung, die ebenfalls katholisch war, vermieden. Dies war von immenser Bedeutung, da im Gegensatz zu den Franken die anderen germanischen Stämme (gentes) sich mehrheitlich zum Arianismus bekannten, was etwa in den Nachfolgereichen der West- und Ostgoten (in Hispanien bzw. Italien) sowie der Vandalen (in Nordafrika) für erhebliches Konfliktpotential sorgte. Chlodwig und seine Nachfolger beriefen sich aber nicht nur auf ihre Stellung als reges („Könige“ bzw. Heerkönige), sondern bewegten sich daneben lange noch im (post-)römischen Kontext; sie sind in der modernen Forschung teils als Warlords bezeichnet worden.Bernhard Jussen: Chlodwig und die Eigentümlichkeiten Galliens. Ein Warlord im rechten Augenblick. In: Mischa Meier (Hrsg.): Sie schufen Europa. Historische Portraits von Konstantin bis Karl dem Großen. C. H. Beck, München 2007, S. 141–155. Chlodwig ließ sich vom oströmischen Kaiser Anastasius zum Ehrenkonsul und patricius ernennen und prägte seine Goldmünzen im Namen des Augustus. Die frühen Merowinger, deren Untertanen mehrheitlich Römer bzw. Romanen waren, bewahrten im 6. Jahrhundert die gallorömische Kultur, bedienten sich der Kenntnisse der alten gallorömisch-senatorischen Aristokratie und lehnten sich an die spätantike Verwaltungspraxis an (wie das Amt des referendarius, der die königliche Kanzlei leitete, zeigt), wobei die römisch geprägten urbanen Zentren (vor allem, aber nicht nur im südlichen Gallien) eine zentrale Rolle für Herrschaft und Verwaltung spielten. 507 griff Chlodwig die Westgoten an, tötete ihren rex Alarich II. im Kampf und eroberte den größten Teil auch des südlichen Galliens. Einen Zugang zum Mittelmeer gewannen die Franken allerdings erst nach seinem Tod.

Chlodwig verteilte die Herrschaft im formal ungeteilten Reich auf seine vier Söhne (Theuderich I., Chlodomer, Childebert I. und Chlothar I.), doch starben drei Linien aus, so dass Chlothar I. von 558 bis 561 das inzwischen um Thüringen und Burgund erweiterte Reich wieder unter einem einzigen rex vereinigen konnte.Zur Geschichte im 6. Jahrhundert siehe Eugen Ewig: Die fränkischen Teilungen und Teilreiche (511–613). Wiesbaden 1952, S. 651–715. Wenig später hörten die Merowinger auf, die nominelle Oberhoheit des (ost-)römischen Kaisers weiter anzuerkennen, mit dem die Merowinger im diplomatischen Kontakt standen.Jörg Drauschke: Diplomatie und Wahrnehmung im 6. und 7. Jahrhundert: Konstantinopel und die merowingischen Könige. In: M. Altripp (Hrsg.): Byzanz in Europa. Europas östliches Erbe. Kolloquium Greifswald 2007. Turnhout 2011, S. 244–275. Um 585 stellte man so die Praxis ein, Münzen im Namen des Kaisers zu prägen. Bereits Theudebert I., der Sohn Theuderichs I., hatte in Schreiben an den oströmischen Kaiser Justinian seine unabhängige Machtstellung herausgestellt und die Größe seines Herrschaftsbereichs (wohl übertrieben) hervorgehoben.Vgl. Andrew Gillett: Telling Off Justinian: Theudebert I, the Epistolae Austrasicae, and Communication Strategies in Sixth-Century Merovingian–Byzantine Relations. In: Early Medieval Europe. Band 27, 2019, S. 161–194. In der fränkischen Geschichtsschreibung blieb Ostrom aber weiterhin im Blick, so bei Gregor von Tours und in der Fredegarchronik.Hans-Werner Goetz: Byzanz in der Wahrnehmung fränkischer Geschichtsschreiber des 6. und 7. Jahrhunderts. In: Carola Föller, Fabian Schulz (Hrsg.): Osten und Westen. Kommunikation, Kooperation und Konflikt. Stuttgart 2015, S. 77–98. Schrittweise wurde aus dem Machtbereich fränkischer foederati nun ein zunehmend homogenes regnum. Dabei spielte – durchaus ebenfalls in spätantiker Tradition – das dynastische Prinzip eine zentrale Rolle für die Herrscherlegitimation; nur Merowinger hatten ein Recht auf den Thron.

Unter Chlothars Nachfolgern wurde die Herrschaft über das Fränkische Reich wieder geteilt und bald durch Bruderkriege zerrissen. Die fränkischen Teilreiche Austrasien (mit dem fränkischen Kernland im Osten), Neustrien im Westen und Burgund im Südosten führten wiederholt Krieg untereinander, was die merowingische Dynastie nachhaltig schwächte. Die Konflikte dauerten bis 613 an, als Chlothars Enkel Chlothar II. wieder die Macht über das Gesamtreich erlangte, nachdem er die bei vielen fränkischen Großen verhasste Königinwitwe Brunichild ausgeschaltet hatte.Vgl. dazu Eugen Ewig: Die fränkischen Teilungen und Teilreiche (511–613). Wiesbaden 1952, S. 651–715, hier S. 692 f. Brunichild hatte sich offenbar vergeblich um eine zentralisiertere Königsherrschaft bemüht; ihr Tod bedeutete auch einen Sieg des Adels, der dadurch weiter gestärkt wurde. Seit dieser Zeit scheint auch die Steuererhebung von königlichen Beamten in den Städten auf die Bischöfe übergegangen zu sein.

mini|Frankenreich um 628 (unter Dagobert I.) mit der teilgesicherten Alemannia (rechts)