mini|hochkant=0.9|Ernst Reuter (1951) Ernst Rudolf Johannes Reuter (* 29. Juli 1889 in Apenrade, Provinz Schleswig-Holstein; † 29. September 1953 in West-Berlin) war ein deutscher Politiker und Kommunalwissenschaftler. Bekannt wurde Reuter als gewählter Oberbürgermeister Berlins zur Zeit der Spaltung der Stadt im Jahr 1948.
In bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, wandte sich Reuter während seines Studiums dem Sozialismus zu. Ab 1912 gehörte er der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) an und betätigte sich für sie als Wanderredner und Journalist. Nachdem er im Ersten Weltkrieg in russische Kriegsgefangenschaft geraten war, stellte er sich nach der Oktoberrevolution in den Dienst der Bolschewiki und wirkte 1918 als Volkskommissar im Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen in Saratow.Benjamin Pinkus, Ingeborg Fleischhauer: Die Deutschen in der Sowjetunion. Geschichte einer nationalen Minderheit im 20. Jahrhundert. Baden-Baden 1987, S. 70. Von 1919 bis zu seinem Ausschluss 1922 gehörte er der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an. Das Amt des Generalsekretärs dieser Partei bekleidete er von August bis Dezember 1921.
Über die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) kam Reuter 1922 wieder zur SPD, für die er 1926 Berliner Stadtrat für Verkehr wurde. 1931 wechselte er nach Magdeburg in das Amt des Oberbürgermeisters dieser Stadt. Nach seiner Amtsenthebung durch die Nationalsozialisten und zweimaliger Konzentrationslager-Haft ging Reuter 1935 ins türkische Exil und unterrichtete Stadtplanung an der Politischen Fakultät der Universität Ankara.
Ende 1946 kehrte Reuter nach Berlin zurück und amtierte als Stadtrat für Verkehr und Versorgungsbetriebe. Im Nachkriegsberlin entwickelte er sich rasch zum wichtigsten sozialdemokratischen Politiker. Seine Wahl zum Oberbürgermeister durch die Berliner Stadtverordnetenversammlung im Juni 1947 erkannte die sowjetische Besatzungsmacht nicht an. Während der Berliner Blockade stieg Reuter zum international bekannten Repräsentanten Berlins auf. Nach der Spaltung der Stadt übte er sein Amt als Regierender Bürgermeister nur in den Westsektoren aus. Er setzte sich für die Gründung eines westdeutschen Staates ein und sorgte für eine enge Verknüpfung West-Berlins mit der Bundesrepublik.
Bürgerliche Herkunft und Weg zum Sozialismus
Familie und Schulzeit mini|hochkant=0.6|Ernst Reuter, sieben Jahre alt Ernst Reuter war der fünfte Sohn von Wilhelm Reuter (1838–1926). Dieser hatte aus seiner ersten Ehe bereits zwei Söhne (einer war Otto Sigfrid Reuter). Mit der zweiten Ehefrau, Karoline Reuter (1851–1941), geborene Hagemann, hatte er vier Söhne, von denen Ernst der zweitjüngste war. Sowohl der Vater als auch die Mutter entstammten bürgerlich-protestantischen Familien Norddeutschlands. Sein Vater war 1889 Lehrer an der Königlich Preußischen Navigationsschule in Apenrade. 1892 wechselte er nach Leer in Ostfriesland, um dort als Leiter der Steuermannsklasse an der Navigationsschule zu unterrichten.Zur Herkunft der Eltern, zur Familiensituation der Reuters sowie zur Anschauungswelt des Herkunftsmilieus siehe: Barclay: Schaut auf diese Stadt. S. 17–20. Reichhardt: Ernst Reuter. S. 11. Brandt, Löwenthal: Ernst Reuter. S. 15 f. Da die Reuters nicht zu den Alteingesessenen der Kleinstadt Leer gehörten, waren sie zwar geachtet, lebten jedoch weitgehend isoliert.
Das Gehalt des Vaters diente neben der Sicherstellung des Lebensunterhalts der Bildung von Rücklagen, die für die Ausbildung der Söhne vorgesehen waren. Das Familienleben war durch Bescheidenheit geprägt. Vater und Mutter legten beide großen Wert auf christliche Werte, klassisch-humanistische Bildung, Patriotismus, Leistungsbereitschaft und Pflichterfüllung. Zu den Interessen, die Ernst Reuter als Schüler und Jugendlicher ausbildete, gehörte die Leidenschaft für Bücher, insbesondere solche antiker Autoren. Daneben reizten ihn Geographie, Philosophie und Geschichte. Neben diese intellektuellen Vorlieben trat die Neigung, Natur und Landschaft zu erkunden. Im März 1907 erhielt er das Reifezeugnis des Gymnasiums in Leer.Zur Lebensführung der Reuters in Leer sowie zu den Interessen und schulischen Leistungen Ernst Reuters siehe: Brandt, Löwenthal: Ernst Reuter. S. 16–18, S. 20, S. 22–24. Barclay: Schaut auf diese Stadt. S. 20–25. Reichhardt: Ernst Reuter. S. 12–15. Das Abiturzeugnis ist abgebildet bei: Harpprecht: Ernst Reuter. S. 24 f.
Studium Im Frühjahr 1907 nahm Reuter das Studium der Geschichtswissenschaft, Germanistik und Geographie an der Philipps-Universität Marburg auf. Zu den ihn prägenden Professoren gehörten die Neukantianer Paul Natorp und vor allem Hermann Cohen. Reuter wurde insbesondere vom Pflichtenkodex Kants inspiriert, der das lutherische Erbe seines Elternhauses ergänzte. Zugleich förderten die Neukantianer die Hochschätzung von Freiheit, die Reuter lebenslang prägte. Neben den philosophischen Einsichten, die ihm diese Vertreter der Marburger Schule vermittelten, war ein weiteres Studienerlebnis von nachhaltiger Bedeutung: Ein Seminar über Bismarcks Gedanken und Erinnerungen und die Hintergründe der Emser Depesche ließ ihn Verachtung für die politischen Methoden des langjährigen Reichskanzlers entwickeln, eine Haltung, die ihn in Opposition zur zeitgenössischen Bismarck-Verehrung brachte.
Ab 1907 war Reuter Mitglied der nichtschlagenden Studentenverbindung SBV Frankonia Marburg im christlich orientierten Schwarzburgbund. Ihm kam es weniger auf das ritualisierte Verbindungsleben als vielmehr auf Gelegenheiten zur gemeinsamen Diskussion über politische und philosophische Themen an. Dabei geriet Reuter in den Ruf, die Verbindung nach links führen zu wollen, was zu erheblichen Differenzen mit anderen Mitgliedern führte und ihn schließlich zu einem Wechsel des Studienortes bewog.Zu den Aktivitäten Reuters während seines Studiums in Marburg und zu seinem dortigen Verbindungsengagement siehe: Reichhardt: Ernst Reuter. S. 15–19. Barclay: Schaut auf diese Stadt. S. 25–32. Brandt, Löwenthal: Ernst Reuter. S. 24–29. Zur Wertschätzung von Kant und Prägung durch die Neukantianer siehe: Wehler: Politiker. S. 188.
Im Frühjahr 1909 immatrikulierte er sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu seinen Münchner Lehrern gehörte Lujo Brentano, ein führender Vertreter der so genannten Kathedersozialisten, die sich in ihren Werken mit den sozialen Folgen der sich durchsetzenden Industriegesellschaft befassten. Gleichzeitig beschäftigte Reuter sich intensiv mit der Geschichte des Materialismus, einem Hauptwerk des Philosophen Friedrich Albert Lange. Weitere führende Protagonisten sozialer Reformen, wie den Sozialliberalen Friedrich Naumann und den revisionistischen Sozialdemokraten Eduard Bernstein, rezipierte Reuter ebenfalls.
In München setzte Reuter sein Verbindungsleben zunächst fort. Auch hier stieß er mit seinen Interessen an gegenwartsbezogenen Diskussionen auf den Widerwillen von Mitgliedern der S.B.V. Herminonia München, gleichfalls eine Verbindung, die zum Schwarzburgbund zählte. Aufgrund dieser Konflikte ließ Reuter zusammen mit Gleichgesinnten im Wintersemester seine Verbindungsaktivitäten ruhen. Die auf diese Weise gewonnene Zeit investierte er in die Lektüre der Sozialistischen Monatshefte, des Theorieorgans des sozialdemokratischen Revisionismus. Zugleich zeigte er ein lebhaftes Interesse an den Reden führender sozialdemokratischer Parlamentarier im Deutschen Reichstag. Neben Studium und Politik nutzte Reuter zudem die vielfältigen kulturellen Angebote der bayerischen Metropole.Zu Reuters Studienzeit in München siehe: Barclay: Schaut auf diese Stadt. S. 32–35. Reichhardt: Ernst Reuter. S. 19–21. Brandt, Löwenthal: Ernst Reuter. S. 30–32.
Als Reuter 1910 nach Marburg zurückkehrte, hatte er sich zum Sozialisten gewandelt. Sich verschärfende verbindungsinterne Debatten über die Zulässigkeit des sozialdemokratischen Engagements einzelner Mitglieder ließen Reuter nach Münster ausweichen. Dort beabsichtigte er, sich auf sein Staatsexamen vorzubereiten. In Münster folgte schließlich der endgültige Bruch mit der Frankonia, zu der er in Marburg und Münster wieder gezählt hatte. Zugleich lernte er Henriette („Henny“) Meyer kennen, die im selben Haus wie Reuter wohnte. Am 15. Juli 1912 verlobte sich das Paar, nachdem Ernst Reuter in den ersten Julitagen in Marburg sein Staatsexamen abgelegt hatte.Zu Reuters Position in Burschenschaftskonflikten sowie zu seiner Zeit in Münster vgl.: Reichhardt: Ernst Reuter. S. 22–24. Barclay: Schaut auf diese Stadt. S. 35–36. Brandt, Löwenthal: Ernst Reuter. S. 32–36.
Bereits in der Endphase des Studiums hegte Reuter starke Zweifel, ob er es mit seinem Gewissen würde vereinbaren können, den Lehrerberuf im preußischen Staatsdienst auszuüben. Stattdessen sann er auf Möglichkeiten, innerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung tätig zu werden und so an der Umsetzung seiner Ideale mitzuwirken. Seinen Eltern verschwieg Reuter seine Hinwendung zum Sozialismus, die mit einer zunehmenden Distanz zur Kirche einherging.Zu Reuters zunehmender Distanz zur Kirche und seiner beruflichen Umorientierung siehe: Brandt, Löwenthal: Ernst Reuter. S. 35. Reichhardt: Ernst Reuter. S. 24–25.
Sozialdemokratisches Engagement in Bielefeld und Berlin mini|hochkant=1.3|Ernst Reuter als Redner der Kirchenaustrittsbewegung, Ankündigung einer Veranstaltung Ende 1913 Reuter trat 1912 in die SPD ein. Seine Eltern beendeten ihre finanzielle Unterstützung, nachdem er ihnen offenbart hatte, eine Berufsperspektive in der Arbeiterbewegung anzustreben. Im selben Jahr arbeitete Reuter in Bielefeld als Hauslehrer. Gleichzeitig bemühte er sich, eine feste Position im sozialdemokratischen Bildungswesen zu erhalten. Sein Arbeitgeber kündigte ihm Anfang 1913 die Hauslehrertätigkeit, nachdem ihm bekannt geworden war, dass Reuter sich in der Bielefelder SPD betätigte, unter anderem durch Beiträge für das lokale Parteiblatt, die Volkswacht. Reuter bestritt anschließend seinen Lebensunterhalt notdürftig mit Vorträgen bei den Gewerkschaften, der Partei und dem Arbeiter-Abstinenzlerbund. Der Vater seiner Verlobten löste im August 1913 das Verlöbnis aufgrund der politischen Haltung Reuters, von der er brieflich durch dessen Eltern in Kenntnis gesetzt worden war, sowie aufgrund der unsicheren Finanzverhältnisse Reuters. Alle Versuche des Paares, den Kontakt aufrechtzuerhalten, wurden durch Henriettes Vater unterbunden.Über Reuters Zeit in Bielefeld berichten: Barclay: Schaut auf diese Stadt. S. 37–41. Reichhardt: Ernst Reuter. S. 25–38. Brandt, Löwenthal: Ernst Reuter. S. 36–37 und S. 43–46. Zum erzwungenen Ende der Beziehung zu Henriette Meyer vgl. Brandt, Löwenthal: Ernst Reuter. S. 38 und 41–42 sowie Barclay: Schaut auf diese Stadt. S. 41–43.