Georgien ([], , veraltet Grusinien) ist ein eurasischer Staat im Südkaukasus, östlich des Schwarzen Meeres und südlich des Großen Kaukasus gelegen. Im Norden wird er von Russland, im Süden von der Türkei und Armenien, im Osten von Aserbaidschan begrenzt. Die Landesteile Abchasien und Südossetien sind von russischen Streitkräften besetzt und nicht unter Kontrolle der georgischen Regierung. Mit rund 3,7 Millionen Einwohnern (2020) auf einer Fläche von 57.215 km² (ohne die besetzten Landesteile) ist Georgien dünn besiedelt. Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt in der Hauptstadtregion um Tiflis, weitere große Städte sind Batumi, Kutaissi und Rustawi.
Geographie Lage und Besonderheiten mini|links|Rioni, drittlängster Fluss Georgiens
Georgien liegt in Vorderasien, wird aber von seinen Bewohnern als „Balkon Europas“ bezeichnet. Nach alternativen Varianten der innereurasischen Grenze wird Georgien ganz oder teilweise Europa zugerechnet. Die Gesamtfläche entspricht mit 69.700 Quadratkilometern ungefähr der von Bayern. Gebirge und Vorgebirge bedecken 87 Prozent des Landes. Im Norden liegt die Südabdachung des Großen Kaukasus. Im Süden befinden sich die westlichen Rücken des Kleinen Kaukasus und der Rand des vulkanischen Armenischen Hochlandes. Zwischen den beiden Hochgebirgen dehnt sich im Westen die Kolchische Tiefebene (nach dem antiken Kolchis), im Osten die Transkaukasische Senke, die sich in die Innerkartli-, die Niederkartli- und die Alasani-Ebene unterteilt. West- und Ostgeorgien werden durch den Lichi-Gebirgszug getrennt, der sich von Norden nach Süden erstreckt.
Der höchste Berg ist der Schchara im Großen Kaukasus mit 5201 Metern. Der längste Fluss in Georgien, dort auf 435 Kilometer Länge Mtkvari genannt, ist die Kura (türkisch, russisch usw.), die im Kleinen Kaukasus in der Türkei entspringt und nach insgesamt über 1515 kmGemäß UNO-Angaben Regional Partnership for Prevention of Transboundary Degradation of the Kura-Aras River Basin (Version vom 20. November 2008 im Webarchiv). aus Aserbaidschan in das Kaspische Meer mündet. Weitere Flüsse sind der Alasani (351 km), der Rioni (333 km) und der Enguri (213 km). Größter See ist der auf 2073 Metern Höhe gelegene Parawani mit einer Ausdehnung von 37,5 Quadratkilometern. Die Werjowkina-Höhle ist mit 2212 Metern die tiefste bekannte Höhle der Welt.
Im Südwesten Georgiens liegt die autonome Republik Adscharien, im Nordwesten Abchasien, im Norden das Gebiet Südossetien. Die Regionen Abchasien und Südossetien stehen derzeit nicht unter der Kontrolle der georgischen Regierung; die von beiden Gebieten beanspruchte staatliche Souveränität wird von fünf Staaten anerkannt und von 6.000 bis 10.000 SoldatenSilvia Stöber: Georgiens Furcht vor Russland: «Nach der Krim ist alles möglich». In: Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 16. Mai 2014. (Schweizer Hochdeutsch) der Streitkräfte Russlands unterstrichen.
Klima, Klimawandel Der Kaukasus schützt Georgien vor Kaltluftwellen aus dem Norden und erlaubt dem Schwarzen Meer, das Land zu erwärmen. Die Klimazonen reichen von einem subtropisch-feuchten Klima im Westen bis hin zu einem trockenen und gemäßigten Kontinentalklima im Osten. Die durchschnittliche Lufttemperatur schwankt zwischen 15 °C im West- und 11 °C bis 13 °C im Ostteil. Der durchschnittliche Niederschlag im Westen beträgt 3000 mm, im Osten 400 mm. Der Frühling in Georgien ist kurz, mit abrupten Klimaschwankungen, der Sommer oft sengend heiß. Der Herbst ist sonnig-warm, der Winter in tieferen Lagen schneearm, im Hochgebirge dagegen schneereich.
Auch Georgien ist vom Klimawandel betroffen. Besonders zeigt sich dies in den Gebirgsregionen des Großen Kaukasus. Hier treten Hochwasser und Hanginstabilitäten immer häufiger auf.Ina Keggenhoff, Tatjana Keller, Mariam Elizbarashvili, Ramin Gobejishvili, Lorenz King: Naturkatastrophen durch Klimawandel im Kaukasus? Hochwasser und Hanginstabilitäten in Georgien immer häufiger. In: Spiegel der Forschung, Justus-Liebig-Universität Gießen, Nr. 11/2, 2011, S. 16–23 (doi:10.22029/jlupub-4867, PDF; 814 kB). Ursachen sind die Zunahme an Starkniederschlägen sowie der Gletscherschmelze in den Gebirgen. Gefahren durch Murgänge nehmen dadurch zu und die durch Muren verursachten Schäden sind entlang der Georgischen Heerstraße, über den Kreuzpass bis in die teilweise vergletscherte Region Stepanzminda am Fuß des 5047 Meter hohen Kasbek beträchtlich. Auch das niederschlagsreiche Westgeorgien verzeichnet zunehmend Hochwasserereignisse.
Flora und Fauna mini|Waldgebiete im Kaukasus, Region Swanetien
Georgien hat dank unterschiedlicher Klimazonen eine hohe Artenvielfalt. Abgeschlossene Täler begünstigten die Entwicklung endemischer (nur in dieser Region beheimateter) Pflanzen und Tierarten. Der WWF zählt Georgien zu den 238 wichtigsten Ökoregionen der Erde. Die IUCN hat es als globales Zentrum der Pflanzenvielfalt benannt und BirdLife International als weltweites endemisches Vogelgebiet ausgewiesen.
44 Prozent des Landes sind mit Wald bedeckt, fünf Prozent davon sind Urwald. 40 Prozent der Wälder sind in ihrer ursprünglichen Struktur erhalten geblieben. In den niederen Berggebieten wächst vor allem Laubwald (Eichen, Buchen), in höheren Lagen Nadelhölzer (Fichten und Tannen, darunter die Nordmanntanne). Oberhalb der Baumgrenze breiten sich subalpine und alpine Wiesen aus. Das Gebirge im Süden, die Tiefebene und die Transkaukasische Senke waren früher Steppen. Heute sind sie überwiegend kultiviert.
Das Land zählt ca. 4100 Pflanzenarten. Davon sind etwa 1000 dort endemisch (englisch) und 1000 im Kaukasus. Nach einer Zählung des WWF sind in Georgien allein rund 400 Baum- und Straucharten zu Hause. 61 davon sind endemisch, 60 Arten gelten als weltweit bedroht und wurden in die Rote Liste aufgenommen.
Georgien beherbergt Hunderte verschiedene Wirbeltierarten. Darunter sind etwa 322 Vogelarten, 84 Fischarten, 52 Reptilienarten, 13 Amphibienarten und etwa 105 Säugetierarten. Zu den letzteren gehören Raubtiere wie Braunbären, Wölfe, Luchse, Goldschakale und die nur noch sehr seltenen Kaukasusleoparden; Asiatische Löwen und Kaspische Tiger sind in historischer Zeit verschwunden. Von den seit Mitte des 20. Jahrhunderts selten gewordenen Streifenhyänen ließen sich auf georgischer Seite des trockenen Grenzgebiets zu Aserbaidschan in den 1950er–1970er-Jahren noch ein bis zwei Tiere nachweisen.WWF: An Ecoregional Conservation Plan for the Caucasus. (PDF; 4,5 MB) 2. Edition. Design and printing Contour Ltd. Tbilissi 2006, ISBN 99940-58-55-X. (S. 11, letzter Absatz, englisch) Feuchtgebiete beherbergen den selten gewordenen Fischotter. Das für den namensgebenden Gebirgszug endemische Kaukasusbirkhuhn hat in Georgien seinen größten Bestand. Es gibt auch verschiedene endemische Eidechsenarten. Das Land ist sehr artenreich an wirbellosen Tieren. Bisher sind 600 Spinnenarten nachgewiesen worden. (englisch)
Umwelt- und Naturschutz mini|Lagodechi-Nationalpark
Im Umweltschutz gibt es viele ungelöste Probleme. Dazu zählen die Luftverschmutzung, besonders im industriellen Umfeld von Rustawi, die starke Verschmutzung der Kura und des Schwarzen Meeres bei Poti und Batumi. Die Trinkwasserversorgung ist unzureichend. Viele Böden sind durch giftige Chemikalien kontaminiert. Im südlichen Kaukasus fehlt eine übergreifende Landnutzungsplanung, die die geschützte Natur von landwirtschaftlichen und industriellen Flächen trennt. Waldgebiete werden großräumig für illegale Exporte in die Türkei abgeholzt.
Georgien hat elf staatliche Naturschutzgebiete. Das größte ist der Nationalpark Bordschomi-Charagauli im Kleinen Kaukasus (85.000 Hektar). Er wurde mit Hilfe Deutschlands sowie des World Wide Fund for Nature errichtet und 2001 eröffnet. Er ist eines der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete in Asien. Der Nationalpark Tuscheti umfasst 83.007 Hektar, der Nationalpark Kolkheti in der kolchischen Tiefebene, der dem Schutz des gleichnamigen subtropisch-feuchten Lorbeerwaldes dient, ist 80.799 Hektar groß, der Waschlowani-Nationalpark 25.112 Hektar und das Schutzgebiet Tuscheti 27.903 Hektar. Ältester Nationalpark Georgiens ist der Lagodechi-Nationalpark mit 17.688 Hektar, der 1912 gegründet wurde.
Städte
Im Jahr 2023 lebten 61 Prozent der Einwohner Georgiens in Städten. Die größten Städte des Landes sind (Stand: 2016): Tiflis (1.082.400 Einwohner) Batumi (154.600 Einwohner) Kutaissi (147.900 Einwohner) Rustawi (126.000 Einwohner) Sochumi (63.300 Einwohner) Gori (48.300 Einwohner) Sugdidi (42.700 Einwohner) Poti (41.500 Einwohner)
Bevölkerung Demografie mini|hochkant=1.2|Bevölkerungspyramide Georgien 2016 hochkant=1.2|mini|Bevölkerungsdichte der Gemeinden Georgiens 2018
Georgien hatte 2022 3,7 Millionen Einwohner. Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug + 0,1 %. Trotz eines Sterbeüberschusses (Geburtenziffer: 13,1 pro 1000 Einwohner vs. Sterbeziffer: 15,2 pro 1000 Einwohner) wuchs die Bevölkerung durch Migration. Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2022 statistisch bei 2,1, die der Region Europa und Zentralasien betrug 1,7. Die Lebenserwartung der Einwohner Georgiens ab der Geburt lag 2022 bei 71,6 Jahren (Frauen: 76,5, Männer: 66,8). Der Median des Alters der Bevölkerung lag im Jahr 2021 bei 36,4 Jahren. Im Jahr 2023 waren 21,3 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre, während der Anteil der über 64-Jährigen 14,7 Prozent der Bevölkerung betrug.
Seit der staatlichen Unabhängigkeit 1991 haben mehr als eine Million Menschen das Land verlassen. Zwischen 2000 und 2005 ging die georgische Bevölkerung jährlich um etwa ein Prozent zurück. Vor allem Einwohner mit hohem Bildungsgrad, die Arbeitsplätze zunächst in anderen Staaten der GUS – später auch in Westeuropa und den USA – finden konnten, verließen Georgien. Die größte georgische Gemeinschaft außerhalb des Landes existiert in Moskau, nach russischen Angaben rund 300.000 Menschen. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Georgien ein landwirtschaftlich geprägtes Land. Der Politiker Karl Kautsky nannte Georgien 1921 eine sozialdemokratische Bauernrepublik. Mit der von Stalin verfügten Industrialisierung zogen immer mehr Menschen in die großen Städte. Heute leben 57 Prozent der Einwohner in den städtischen Ballungsgebieten, 43 Prozent in Dörfern und ländlichen Gebieten. In: National Statistics Office of Georgia, 5. November 2014, abgerufen am 19. Dezember 2023. (englisch)
Bürgerkriege in Abchasien und Südossetien führten dazu, dass etwa 250.000 Menschen aus ihrer Heimat flohen oder vertrieben wurden. Die übrigen Regionen Georgiens beherbergten 2004 rund 230.000 Vertriebene aus Abchasien und 12.200 aus Südossetien. Hinzu kamen etwa 3000 Flüchtlinge aus Tschetschenien.
Zudem erlitt das Land auch aus anderen Gründen einen erheblichen Bevölkerungsverlust. Die sich seit 1990 verschlechternde sozio-ökonomische Lage Georgiens hat nicht nur zu einer Zunahme von Krankheiten mit einer ebenso ansteigenden Mortalitätsrate geführt, sondern auch zu einem erheblichen migrationsbedingten Verlust. Im Jahre 1994 wandten sich 62 Prozent aller georgischen Auswanderer nach Israel und 1995 hielt das Ziel Griechenland einen Anteil von 42 Prozent unter den Emigranten.Redaktion: Demographische Lage in Georgien. In: Kaukasische Post. Nr. 6, Juli (1996), S. 22, CUNA Georgica, Tbilissi (per 1. Januar 1996 nach amtl. Information).
+BevölkerungsentwicklungJahrEinwohnerzahlJahrEinwohnerzahl19503.527.00019905.410.00019604.008.00020004.722.00019704.713.00020104.232.00019805.018.00020203.713.000
Bevölkerungsstruktur mini|hochkant=1.4|Volksgruppen im Kaukasus In: ecmicaucasus.org, August 2012, abgerufen am 19. Dezember 2023. (englisch)