miniatur|Al-Ghazālī Abū Hāmid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazālī (; ), kurz Al-Ghaz(z)āli, auch Algazeli,Ziehen: Lehrbuch der Logik, S. 72 latinisiert Algazelus und Algazel (geboren 1055 oder 1056Stanford Encyclopedia of Philosophy, in Tus bei Maschhad; gestorben am 19. Dezember 1111 ebendaGriffel (2009) S. 58.), mit den ehrenden Beinamen Imam und Hodschatoleslam, war ein persischer Theologe, Philosoph und Mystiker.
Al-Ghazālī zählt zu den bedeutendsten religiösen Denkern des Islams. Ihm ist die Einführung der aristotelischen Logik und Syllogistik in die islamische Jurisprudenz und Theologie zu verdanken. In seiner Philosophie vertrat er gleichwohl einen religiös motivierten Skeptizismus, der die Wahrheiten des Glaubens und der Offenbarung mit den Mitteln des philosophischen Zweifels gegen den Wahrheitsanspruch der Philosophie verteidigt. Während er einerseits für den Untergang der Philosophie im islamischen Osten (im Gegensatz zum islamischen Spanien, wo sie aufblühte) verantwortlich gemacht wird, bewirkte er auf der anderen Seite eine Wiederbelebung der Theologie, insbesondere der sunnitischen Orthodoxie. Aufgrund der Rezeption al-Ghazālīs durch Averroes und jüdische Gelehrte hatte jener einen signifikanten Einfluss auf die lateinische Tradition des Mittelalters.
Leben Spätere islamische Historiker des Mittelalters schreiben, dass al-Ghazālī 1058 oder 1059 geboren sei. Allerdings geben Altersangaben in seinen Briefen und seine Autobiographie Anlass dazu, anzunehmen, dass er 1055 oder 1056 geboren wurde. Al-Ghazālī empfing seine Früherziehung gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Ahmad al-Ghazālī in ihrer Geburtsstadt Tūs. Später lernte Muhammad bei al-Dschuwainī an der Nizamiyya-Madrasa im nahen Nischapur. 1091 berief ihn Nizām al-Mulk an die Nizamiyya-Madrasa in Bagdad, wo er als Rechtslehrer auftrat. Zusätzlich dazu, dass er einer der Vertrauten des Seldschukensultans war, knüpfte er enge Verbindungen zum Hofe des Kalifen in Bagdad. Unter dem Einfluss sufischer Literatur kam al-Ghazālī zu dem gedanklichen Ergebnis, dass der Dienst für die militärische und politische Elite nicht mit einem aus religiöser Sicht tugendhaften Leben vereinbar war. So verließ er 1095 Bagdad. Zu dieser Zeit war er bereits der einflussreichste Intellektuelle seiner Zeit. Hernach ging er nach Damaskus und Jerusalem und schwor am Grabe Abrahams in Hebron, nie wieder der politischen Autorität oder einer staatlichen Schule zu dienen. Allerdings lehrte er an privaten Schulen. 1096 vollbrachte er die Hadsch und zog über Damaskus und Bagdad zurück in seine Heimatstadt Tūs. Dort gründete er eine kleine Privatschule und ein Sufikloster. 1106 brach al-Ghazālī seinen Eid und lehrte an der Nizamiyya-Madrasa in Nischapur. Aus diesem Anlass verfasste er zwischen 1106 und 1109 die apologetische Autobiographie al-Munqiḏ min aḍ-ḍalāl („Der Erretter vom Irrtum“).Syed Rizwan Zamir: Descartes and Al-Ghazālī: Doubt, Certitude and Light. In: Islamic Studies. 49, Nr. 2, 2010, S. 223.
Lehre Haltung zur Philosophie Ghazalis Haltung zur Philosophie war zwiespältig: Einerseits zeugen seine Werke von einer gründlichen Kenntnis der griechischen und islamischen Philosophie, andererseits lehnte er die Philosophie als eigenen Weg zur Wahrheit ab und warf Vorgängern wie den philosophierenden Muslimen Avicenna und al-Fārābī vor, durch ihre unkritische Adaption der heidnischen aristotelischen und platonischen Philosophie (dort speziell der Metaphysik) den islamischen Glauben zu verderben.Ulrich Rudolph: Islamische Philosophie. S. 57 ff. Besonders gegen den Emanationismus, der das notwendige Hervorgehen der Welt aus Gott auf dem Weg über den Intellekt und in Verbindung damit auch die Ewigkeit der Welt lehrte, verteidigte er die durch die koranische Offenbarung verbürgte göttliche Erschaffung und Zeitlichkeit der Welt, indem er den Philosophen das Recht absprach, ihr Prinzip der Kausalität auch auf den jenseitigen Gott anzuwenden.
In seinem kurz vor 1095 verfassten Buch Die Inkohärenz der Philosophen befand Ghazālī, dass viele Lehren der Aristoteliker einer argumentativen Kritik nicht standhielten. Am Ende seiner Schrift verurteilt er sie, ähnlich wie in Der Erretter aus dem Irrtum (arabisch al-Munqiḏ min aḍ-ḍalāl) Sokrates, Plato und Aristoteles „nebst ihrer Partei, als da sind die philosophierenden Muslime wie Avicenna, al-Fārābī und ihresgleichen“Gotthard Strohmaier: Avicenna. Beck, München 1999, ISBN 3-406-41946-1, S. 131 f. (Das Votum der Orthodoxie). als Ungläubige:
Al-Ghazālī versuchte in seinem Weltbild eine Synthese vom göttlichen Determinismus mit dem menschlichen freien Willen: Auf der obersten Stufe befindet sich der stets selbsterhaltende Gott. Auf unterster Ebene ist die materielle Welt, die von Gott vorherbestimmt ist. Dazwischen liegt die Welt der Menschen, deren Seele und Selbst durch den freien Willen geprägt ist. Gott gibt dem Menschen Ideen und Neigungen, aber die folgenden Taten obliegen einzig dem Menschen. (In der Stanford-Enzyklopädie wird aber al-Ghazālī eher als Determinist beschrieben.)
Wenngleich er aschʿaritische Positionen in der Dogmatik vertrat, so gab er sich doch mit der bloßen Vernunft als Erkenntnisquelle nicht zufrieden und lehrte den Weg zu einem Gottesbewusstsein, das aus dem Herzen entspringt, um „sich von den unislamischen Einflüssen des Verstandes zu lösen“.Hans-Peter Raddatz: Von Gott zu Allah? Teil I, Abschnitt C: Der Islam und sein innerer Weg, München 2001, S. 204. Mit dieser Haltung ebnete er antirationalen Tendenzen in den geistigen Auseinandersetzungen seiner Epoche den Weg.
Im Rahmen der bis hin zur Zensur reichenden Kritik an der arabischen Philosophie durch Kleriker in Frankreich und Spanien im 13. und 14. Jahrhundert kam es zum Teil zu Verwechslungen von Al-Ghazālī und Avicenna.Gotthard Strohmaier: Avicenna. 1999, S. 145 f. (Algazel, der Doppelgänger Avicennas).
Aussagen zum Sufismus In seiner intellektuellen Autobiographie ,Siehe H. Wehr: Arabisches Wörterbuch, Wiesbaden 1968, S. 492, 880. die er zwischen 1106 und 1109 abfasste,Vgl. Hourani: A Revised Chronology of Ghazali’s Writings. 1984, S. 301. machte al-Ghazālī deutlich, dass er nach seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit den verschiedenen religiösen Wissenschaften den Sufismus als das religiöse System betrachtete, das den größten Heilsnutzen verspricht. So schrieb er hier:
Durch Aussagen wie diese trug Ghazali maßgeblich zur allgemeinen Anerkennung des Sufismus im Islam bei. Ghazali gab auch dem Dschihad durch die Neuinterpretation eines Koranverses (4, 95) eine neue, zusätzliche Bedeutung: Nicht nur der Kampf auf dem Schlachtfeld sei Dschihad, sondern auch der Kampf gegen das eigene niedere Ich (an-nafs al-ammara).
Unterscheidung zwischen diesseitigen und jenseitigen Dingen Nach al-Ghazālī gehört alles, was nicht für Gott ist, zum Diesseits. Umgekehrt gehört das, was für Gott ist, zum Jenseits. Zur Beantwortung der Frage, welche Dinge nun „für Gott“ und welche „nicht für Gott“ sind, gibt er die Erklärung, dass sich alle Dinge in drei Gruppen einteilen lassen: Bei der ersten Gruppe ist es undenkbar, dass sie für Gott sind. Zu ihr gehören die Dinge, die man Sünden nennt, das Verbotene und die mannigfaltigen erlaubten Genüsse. Sie sind das pure verwerfliche Diesseits in Form und Wesen. Die Dinge der zweiten Gruppe sind der Form nach für Gott, doch können auch für anderes als Gott eingesetzt werden. Dazu gehören das Denken (fikr), Gedenken (Dhikr) und die Enthaltung von den Sinnesgenüssen. Wenn man diesen drei Dingen im Geheimen nachgehe und kein anderes Ziel damit verfolge, als Gottes Gebot einzuhalten und sich auf den Letzten Tag vorzubereiten, dann seien sie für Gott. Wenn man aber mit dem Denken beabsichtigt, das Wissen zu suchen, um sich darin auszuzeichnen und nach der Annahme bei den Menschen zu streben, oder wenn man mit der Enthaltung danach strebe, sein Geld zu sparen, seine Gesundheit zu schützen oder in den Ruf eines Asketen zu kommen, dann gehöre das dem Wesen nach zum Diesseits, obwohl aufgrund seiner Form der Eindruck entstehe, es sei für Gott. Die Dinge der dritten Gruppe sind der Form nach für die Lust der Nafs, doch können sie dem Wesen nach für Gott sein. Hierzu gehören das Essen, der eheliche Geschlechtsverkehr (nikāḥ) und alles, was mit dem eigenen Bestehen und dem der Kinder zusammenhängt.Al-Ġazālī: Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. 2005, S. 1123 f. – Vgl. die deutsche Übersetzung bei Richard Gramlich: Weltverzicht: Grundlagen und Weisen islamischer Askese. Harrassowitz, Wiesbaden, 1997. S. 24.
Aussagen zur Stellung der Frau Al-Ghazālī hat in seiner Schrift Das Buch der Ehe (moral-)theologische Grundlagen für die Systematik des schariatischen Geschlechterverhältnisses herausgearbeitet. Demnach sei die „Heirat eine Art Sklaverei“ und „die Frau die Sklavin des Mannes (…) Deshalb hat sie ihm unbedingt und unter allen Umständen zu gehorchen (…)“.Zitiert nach Hans Bauer (Hrsg.): Islamische Ethik. Niemeyer, 1917. Band II: Von der Ehe. Das 12. Buch von al-Ġazālī's „Neubelebung der Religionswissenschaften“. Übersetzt und erläutert von Hans Bauer. S. 111. Vgl. die Anm. 3 des Herausgebers: „Freilich ist die Behandlung des Sklaven im Islam sehr milde.“ In diesem Zusammenhang zitiert er diverse Überlieferungen, denen zufolge der Prophet unter anderem gesagt haben soll, dass, sofern beim Tode ihres Ehemanns dieser mit seiner Gattin zufrieden war, ihr jenseitiges Seelenheil gesichert wäre.Siehe Hans Bauer (Hrsg.): Islamische Ethik. Niemeyer, 1917. Band II: Von der Ehe. Das 12. Buch von al-Ġazālī's „Neubelebung der Religionswissenschaften“. Übersetzt und erläutert von Hans Bauer. S. 111 Ferner soll Mohammed geäußert haben, dass „[w]enn ich jemandem befehlen würde, sich vor einem anderen niederzuwerfen, so würde ich der Frau befehlen, sich vor dem Mann niederzuwerfen (…)“.Zitiert nach Hans Bauer (Hrsg.): Islamische Ethik. Niemeyer, 1917. Band II: Von der Ehe. Das 12. Buch von al-Ġazālī's „Neubelebung der Religionswissenschaften“. Übersetzt und erläutert von Hans Bauer. S. 113
Für al-Ghazālī soll die pflichtgehorsame muslimische Frau „im Innern des Hauses bleiben und an ihrem Spinnrad sitzen (…) Mit den Nachbarn soll sie nicht viel reden und nur in dringenden Angelegenheiten sie besuchen. Sie soll stets ihren Mann im Sinne haben, mag er gegenwärtig oder abwesend sein (…) Sie soll das Haus nicht verlassen, außer mit seiner Erlaubnis, und wenn sie ausgeht, sich in abgetragene Kleider hüllen und wenig begangene Wege wählen, die Hauptstraßen und Märkte dagegen vermeiden. (…) Auch soll sie bei sich auf peinliche Sauberkeit achten und in jeder Hinsicht stets so beschaffen sein, daß der Mann sie genießen kann, wenn er will. (…)“.Zitiert nach Hans Bauer (Hrsg.): Islamische Ethik. Niemeyer, 1917. Band II: Von der Ehe. Das 12. Buch von al-Ġazālī's „Neubelebung der Religionswissenschaften“. Übersetzt und erläutert von Hans Bauer. S. 116 f.
Rezeption in der lateinischen Tradition