Estland []Stefan Kleiner, Ralf Knöbl et al.: Duden – Das Aussprachewörterbuch. Verlag Bibliographisches Institut, Berlin 2015.Eva-Maria Krech, Eberhard Stock et al.: Deutsches Aussprachewörterbuch. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2009. (, amtlich Republik Estland, estnisch Eesti Vabariik) ist ein Staat im Baltikum. Als nördlichster der drei baltischen Staaten grenzt er im Süden an Lettland, im Osten an Russland und im Norden und Westen an die Ostsee. Über den Finnischen Meerbusen hinweg bestehen enge, unter anderem sprachlich-kulturell begründete Bindungen an Finnland. Durch die jahrhundertelange Präsenz von Deutsch-Balten in Estland gibt es zudem historische Verbindungen zu Deutschland.
Der erstmals von 1918 bis 1940 und erneut seit 1991 unabhängige Staat ist Mitglied der Vereinten Nationen und seit 2004 der EU. Estland ist zudem Mitglied des Europarats, der NATO sowie der OSZE, seit 2010 der OECD und seit 2011 der Eurozone.
Estland hat rund 1,3 Millionen Einwohner (2022), die meist Esten, früher gelegentlich Estländer genannt werden. Die Bevölkerungsmehrheit bilden ethnische Esten (rund 70 Prozent), ein finno-ugrisches Volk; daneben gibt es eine bedeutende russische Minderheit (20,2 Prozent). Die Hauptstadt und größte Stadt Estlands ist Tallinn, das frühere Reval; die zweitgrößte Stadt ist Tartu. mini|ohne|alt=Farbige Satellitenaufnahme vom blauen Meerbusen um Estland mit grüner Struktur.|Finnischer Meerbusen (Satellitenaufnahme)
Geographie Estland befindet sich im Norden des Baltikums. Die Zuordnung der Gesamtregion wiederum ist umstritten und wird neben geographischen Faktoren auch von historisch-kulturellen und politischen Aspekten beeinflusst. So wird das Baltikum sowohl Nordeuropa als auch Mitteleuropa,Ständiger Ausschuss für Geographische Namen (StAGN): P. Jordan: „Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien“, Europa Regional 13 (2005), Heft 4, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig. OsteuropaBundeszentrale für Politische Bildung: Europalexikon. und NordosteuropaDer neue Fischer Weltalmanach 2017, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, S. 278. zugeordnet.
Estland liegt an der östlichen Küste der Ostsee. Flächenmäßig ist es etwas kleiner als Niedersachsen und etwas größer als die Schweiz. Das seenreiche Wald- und Hügelland mit vielen Mooren (teilweise Gewinnung von Torf) hat eine durchschnittliche Höhe von nur . Im südöstlichen Moränengebiet steigt es zum livländischen Hügelland bis zur höchsten Erhebung, dem Suur Munamägi (318 Meter), an. Der größte See ist der Peipsi järv (Peipussee), die größten Inseln sind Saaremaa und Hiiumaa. Estland hat 2317 Inseln (Stand 2024), davon sind 19 Inseln bewohnt.
Die gesamte Küstenlinie hat eine Länge von 3.794 Kilometern. Sie ist durch mehrere Golfe (wie die Rigaer Bucht), Meerengen und Einbuchtungen gekennzeichnet.
Klima Das Klima Estlands ist im Allgemeinen kühl-gemäßigt bis rau mit kalten, frostigen Wintern und mäßig warmen Sommern auf nordeuropäischem Niveau. Das Jahresmittel der Temperatur liegt in der Hauptstadt Tallinn bei 4,5 °C, es fallen 650 Millimeter Niederschlag mit einem Maximum im Spätsommer. Im Juli werden durchschnittlich 16,5 °C und im Januar −6,0 °C erreicht. Trotz des kalten Winters bleiben die Küsten meist eisfrei. Wobei es im Landesinneren im Winter zur selben Zeit bis zu 30 °C kälter sein kann als an der Küste (der Kälterekord liegt bei −45 °C in Jõgeva im Jahr 1945, s. a. Liste der Länder nach Temperatur#Staaten nach Extremtemperatur).
Flora und Fauna Mehr als 50 % der estnischen Landesfläche sind bewaldet. Der häufigste Laubbaum in den estnischen Wäldern ist die Birke. Sie ist ein vielbesungenes Motiv in Liedern und Volksdichtung und ein nationales Symbol des Landes. Vor allem auf sandigen Böden in Meeresnähe kommt die Waldkiefer häufig vor. Sie nimmt einen Anteil von etwa 35 % der estnischen Waldflächen ein. Am größten ist ihre Bedeutung auf den vorgelagerten Inseln Saaremaa und Hiiumaa sowie im Landkreis Harjumaa. auf keskkonnainfo.ee, abgerufen am 8. Oktober 2015 (PDF; 9,6 MB). Auch Fichte, Tanne und Lärche zählen zu den in Estland heimischen Nadelbaumarten.
mini|ohne|Verlauf des schmalen Tarvasjõgi|alternativtext=Farbfotografie von einem schmalen Flussverlauf, der durch einen dichten Wald führt
In Estland sind als große Säugetierarten Elche (12.000), Rothirsche (2800), Rehe (50.000) sowie Braunbären (1100), Luchse (800), Wölfe (etwa 300) und Wildschweine (20.000) heimisch und bejagbar. Ferner kommen Rotfüchse, Marderhunde, Kegelrobben (6.300) Biber (20.000), Fischotter (2.000), Marder (u. a. der Europäische Nerz mit etwa 25 Exemplaren auf Hiiumaa) und die seltener gewordenen Schneehasen (12.000) und das Europäische Gleithörnchen (100) vor.
Das größte Naturreservat des Landes ist Otepää looduspark (Naturpark Otepää) mit 222 km².
Estland hat u. a. als Brutgebiet der Doppelschnepfe und als Durchzugsgebiet zahlreicher Zugvögel internationale Bedeutung. Des Weiteren brüten acht der neun europäischen Spechtarten im Landesgebiet.
Städte Im Jahr 2023 lebten 70 Prozent der Einwohner Estlands in Städten. Die größten Städte des Landes sind:
rand|160px|TallinnTallinn rand|160px|TartuTartu rand|160px|Narva Narva Stadt (deutscher Name) KreisEinwohner(1. Jan. 2017)rand|160px|PärnuPärnu rand|160px|Kohtla-JärveKohtla-Järve rand|160px|ViljandiViljandi 1 Tallinn (Reval) Harju 426.538 2 Tartu (Dorpat) Tartu 93.124 3 Narva (Narwa) Ida-Viru 57.130 4 Pärnu (Pernau) Pärnu 39.620 5 Kohtla-Järve (Kochtel-Türpsal) Ida-Viru 35.187 6 Viljandi (Fellin) Viljandi 17.711 7 Rakvere (Wesenberg) Lääne-Viru 15.526 8 Maardu (Maart) Harju 15.077 9 Kuressaare (Arensburg) Saare 13.382 10 Sillamäe (Sillamäggi) Ida-Viru 13.288 11 Valga (Walk) Valga 12.452 12 Võru (Werro) Võru 12.167 13 Jõhvi (Jewe) Ida-Viru 10.051 14 Haapsalu (Hapsal) Lääne 9.946
Bevölkerung Demografie mini|hochkant=1.2|alt=Grafik der männlichen und weiblichen Bevölkerung Estlands von 2016 mit der Anzahl pro 1000 Einwohner von 0 bis 50 auf der x-Achse und dem Alter von 0 bis 100 auf der y-Achse.|Bevölkerungspyramide Estland 2016
Estland hatte 2022 1,3 Millionen Einwohner. Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug + 1,3 %. Trotz eines Sterbeüberschusses (Geburtenziffer: 8,6 pro 1000 Einwohner vs. Sterbeziffer: 12,8 pro 1000 Einwohner) wuchs die Bevölkerung durch Migration. Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2022 statistisch bei 1,4, die der Europäischen Union betrug 1,5. Die Lebenserwartung der Einwohner Estlands ab der Geburt lag 2022 bei 77,9 Jahren (Frauen: 82,4, Männer: 73,7). Der Median des Alters der Bevölkerung lag im Jahr 2021 bei 41,5 Jahren. Im Jahr 2023 waren 16,3 % der Bevölkerung unter 15 Jahre, während der Anteil der über 64-Jährigen 20,9 % der Bevölkerung betrug.
Bevölkerungsstruktur hochkant=1.2|mini|alt=Grafikkarte von Estland mit verschiedenen Grüntönen, die in der Legende von 0 bis 80 % die russischsprachige Bevölkerung auflisten.|Verteilung der russischsprachigen Minderheit (2020)
Die Grafik zeigt die Verteilung der russischsprachigen Minderheit in Estland nach dem Zensus aus dem Jahr 2010. Die russischsprachige Wohnbevölkerung konzentriert sich vor allem in der Nähe der Grenze zu Russland in den Industriestädten Kohtla-Järve und Narva sowie im Raum Tallinn. Auf den vorgelagerten Inseln Saaremaa (Ösel), Hiiumaa (Dagö) und Vormsi (Worms) leben dagegen nur wenige Russen.
Sprachkenntnisse Nach der Volkszählung von Ende 2021 sprachen 76 % der Bewohner Estlands mindestens eine weitere Sprache. Von den Einwohnern mit Fremdsprachenkenntnissen sprachen 48 % eine weitere Sprache, 35 % zwei, 13 % drei und 3 % vier weitere Sprachen. 84 % der Bevölkerung sprachen Estnisch, davon 67 % als Muttersprache und 17 % als Fremdsprache. Russisch wurde von 67 % der Bevölkerung gesprochen, 29 % als Muttersprache und 39 % als Fremdsprache.
Englisch wurde als Fremdsprache von 48 % gesprochen. Weitere häufige Fremdsprachen waren Finnisch mit 11 % und Deutsch mit 7 % (alle Zahlen gerundet). Estlands Bevölkerung nach Ethnien, 1922–2026JahrEstenRussenUkrainerBelarussenFinnenTatarenLettenPolenJudenLitauerDeutscheSchwedenAndere und unbekanntGesamtZahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl%Zahl1922969.97687,691.1098,2————4010,0——1.9660,29690,14.5660,44360,018.3191,77.8500,711.4671,01.107.0591934992.52088,192.6568,2————1.0880,1166,00,05.4350,51.6080,14.4340,42530,016.3461,57.6410,74.2660,41.126.4131959892.65374,6240.22720,115.7691,310.9300,916.6991,41534,00,12.8880,22.2560,25.4330,51.6160,16700,1——6.1160,51.196.7911970925.15768,2334.62024,728.0862,118.7321,418.5371,42204,00,23.2860,22.6510,25.2820,42.3560,27.8500,64350,06.8830,51.356.0791979947.81264,7408.77827,936.0442,523.4611,617.7531,23195,00,23.9630,32.8970,24.9540,32.3790,23.9440,32540,09.0420,61.464.4761989963.28161,5474.83430,348.2713,127.7111,816.6221,14058,00,33.1350,23.0080,24.6130,32.5680,23.4660,22970,013.7980,91.565.6622000935.88468,2354.66025,829.2592,117.4601,311.9740,92610,00,22.3450,22.2120,22.1780,22.1310,21.8780,1——9.4800,71.372.0712006921.90868,6345.16825,728.3212,116.3161,211.1630,82500,00,22.2300,22.0970,21.9390,12.0790,11.8950,1——9.0680,71.344.6842011924.10069,0341.45025,527.5302,115.3151,110.4940,82428,00,22.1770,21.9930,11.7700,12.0460,21.9180,1——8.9730,71.340.1942017904.63968,8330.20625,123.1831,811.8280,97.5910,61934,00,12.2090,21.6730,11.9710,11.8810,11.9450,1——15.3851,21.315.6352021914.89665,6322.70023,227.2542,011.4850,88.4790,61937,00,13.5720,31.7450,11.8980,12.0570,12.5700,2——95.4796,81.394.0722024931.99367,8296.26821,568.7775,011.4020,88.3440,62022,00,14.2320,31.8820,12.0130,12.1460,12.9730,2——34.0122,51.374.6872026932.60368,5276.12520,275.2505,511.4770,88.0590,62148,00,24.2720,31.9280,21.9510,22.1000,22.9830,2——41.8493,11.360.745Angaben für die Jahre 1922 bis 1989 nach miksike.ee und lcweb2.loc.gov.Angaben für die Jahre ab 2000 nach dem estnischen StatistikamtAngaben jeweils für den 1. Januar des Jahres
Russische Minderheit
mini|hochkant|Setu|alternativtext=Frontale Farbfotografie von einer älteren Frau in schwarz-weißer Tracht mit rot-weißer Schürze. Sie trägt eine rot-goldene Kopfbedeckung und mehrere Halsketten in Silber. Auf ihrem Schoss befindet sich ein bunt gestricktes Tuch. Im Hintergrund hängen an der Steinwand alte Gerätschaften.
Etwa ein Viertel der Menschen in Estland gehört der russischen Minderheit an. Im Jahr 2021 besaßen 58,8 Prozent dieser Gruppe auch die estnische Staatsangehörigkeit. Nur ein kleiner Anteil der Minderheit ist staatenlos. Alle Angehörigen der russischen Minderheit genießen Visumfreiheit in der Europäischen Union. Eine Mehrheit der in Estland lebenden Russen beherrscht die estnische Sprache. In Narva, der Stadt mit den meisten Angehörigen der estnischen Russen, sprechen mehr als 95 Prozent der Bewohner Russisch.
Zu Zeiten der Zugehörigkeit zur Sowjetunion verlangte die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik keine Estnischkenntnisse von ihren Bürgern. Heute ist das Einbürgerungsverfahren mit einem Sprachtest verbunden, den viele, vor allem ältere Russischsprachige, als unüberwindbare Hürde empfinden, da sie die estnische Sprache nie in genügendem Umfang gelernt haben. Viele jüngere Russischsprachige beherrschen Estnisch und haben deshalb geringere Schwierigkeiten mit dem Einbürgerungsverfahren. In letzter Zeit bringen Russischsprachige vermehrt ihre Kinder in estnischsprachige Kindergärten und Schulen, um ihnen eine bessere Integration zu ermöglichen. Im Durchschnitt verfügen die Esten im Vergleich zu der russischsprachigen Minderheit über ein höheres Einkommen. Esten sind in Leitungspositionen überproportional vertreten, Russischsprachige sind eher im Dienstleistungs- und Produktionsbereich beschäftigt. Viele Esten sprechen wenig oder kein Russisch. Russischsprachige Einwohner Estlands haben Beschäftigungsmöglichkeiten im Handel mit Russland.