Grapheme oder Grafeme ( und Suffix -em) sind die kleinsten bedeutungsunterscheidenden, aber nicht selbst bedeutungstragenden grafischen Einheiten des Schriftsystems einer bestimmten Sprache. Sie fassen also bedeutungsgleiche Graphe in gemeinsame Klassen zusammen.

Ein bestimmter Laut in einer gesprochenen Sprache, ein Phonem, kann auf verschiedene Weise geschrieben werden. So ist in den beiden Wörtern schrift und sprache der Wortanfang das Phonem und wird einmal mit den Graphen und einmal mit dem Graph dargestellt. Ähnliches gilt für die Wörter flug und vogel: das Phonem korrespondiert mit den unterschiedlichen Graphen und . Verschiedene Graphe, die entweder frei ausgetauscht werden können oder nach deterministischen Regeln komplementär verteilt sind, nennt man Allographe. Ein Graphem besteht aus solchen Allographen.

Die Linguistik untersucht in ihrer Teildisziplin Graphem(at)ik die Strukturen und Zusammenhänge von Graphemen, um durch die Bildung von Klassen und Konstruktionsprinzipien allgemeine Aussagen über eine Sprache und deren Verschriftlichung treffen zu können.

Schreibweise (Notation) Grapheme aus dem Skript der Metasprache, d. h. lateinische sowie bei manchen Autoren auch griechische und kyrillische Buchstaben, werden in der Linguistik üblicherweise in nach außen weisende spitze Klammern gefasst, behelfsweise auch in Guillemets oder Kleiner- und Größerzeichen. Dies gilt auch für Graphemketten, also Buchstabenfolgen, die normalerweise orthographische Wörter bilden. , (U+27E8/9, mathematisch) HTML-Darstellung: ⟨a⟩, ⟨ab⟩ oder ⟨a⟩, ⟨ab⟩ , (U+2329/A, technisch) , (U+3008/9, ostasiatisch) ,

Grapheme aus Objektsprachen mit anderem phonographischen Skript werden meistens nicht gesondert gekennzeichnet, stattdessen wird ihre Transliteration eingeklammert und ggf. ihr Name angegeben: – ein griechischer Kleinbuchstabe mit Transkription und Name. – ein Hiraganasyllabogramm mit Transkription, die zugleich Name ist. – ein Katakana­zeichen, bei dem sich Transkription und Name unterscheiden.

Die (Grund-)Bedeutung funktioneller und logographischer Grapheme wird üblicherweise in Kapitälchen angegeben. Für komplexe Grapheme werden analog die Konventionen für Lexeme angewandt: – ein Funktionsgraphem, das nur im Zusammenspiel mit anderen Graphemen sichtbar wird. – ein logographisches Graphem mit seiner Bedeutung. – ein logographisches Graphem mit seiner Bedeutung und seinem Namen. oder – ein logographisches Graphem mit piktographischem Ursprung mit seinen Transkriptionen aus verschiedenen Sprachen und seiner Bedeutung. – die importierte sinojapanische On-Lesung des Kanji in Majuskeln, die native Kun-Lesung in Minuskeln, im Japanischen selbst über Katakana und Hiragana realisiert: „“. , – das Sumerogramm im Akkadischen und Hethitischen. – ein logographisches Graphem bestehend aus Bedeutungs- und Aussprachewurzel , die zusammen die angegebene lexikalische Bedeutung annehmen.

Begriffsbestimmung Der Begriff Graphem für die graphische Ebene der Sprache folgt demselben Bildungsmuster wie Phonem und Morphem. Diese drei emischen, sprachabhängigen Begriffe tauchten erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts bei Jan Baudouin de Courtenay auf. Der Graphembegriff wurde aber um 1932 von Aarni Penttilä vermutlich unabhängig davon nochmals neu geprägtKohrt (1985), S. 167. und setzte sich erst anschließend international durch. Allerdings herrscht bis heute keine vollständige Einigkeit darüber, was ein Graphem ist und was nicht.

Auf Grundlage dieser Begriffe entstanden die entsprechenden Bezeichnungen für etische, sprachunabhängige Grundeinheiten, also Phon, Morph und Graph, sowie für Fachdisziplinen, z. B. Phonem(at)ik (Phonologie), Morphem(at)ik (Morphologie) und Graphem(at)ik oder entsprechend Phonetik und Graphetik.

Manche Linguisten sehen Grapheme als unidirektional abhängige visuelle Abbilder von lautsprachlichen Phonemen. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Grapheme häufig nicht oder nicht deutlich von den sprachunabhängigen Schriftzeichen und den nur in segmentalen Schriftsystemen vorkommenden Buchstaben unterschieden. Selbst unter Schriftlinguisten ist die Terminologie uneinheitlich und bisweilen eurozentrisch. Die Abgrenzung zu den graphetischen Einheiten Graph und Glyphe ist teilweise schwierig und umstritten, für viele Anwendungsfälle außerdem irrelevant.

Lautsprache: Analogbildung zu Phonem

Das Graphem wurde analog zum Phonem geschaffen. Beide sind die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten ihres Mediums. Als lautliche (phonische) Einheit ist das Phonem der Untersuchungsgegenstand der Phonologie.

Vielfach wird mit Bezug auf Aristoteles,„Nun sind die (sprachlichen) Äußerungen unserer Stimme Symbole für das, was (beim Sprechen) unserer Seele widerfährt, und unsere schriftlichen Äußerungen sind wiederum Symbole für die (sprachlichen) Äußerungen unserer Stimme.“ Ferdinand de Saussure oder Leonard Bloomfield die Schriftsprache nicht nur als geschichtlich (phylogenetisch) und individuell (ontogenetisch) sekundär zur Lautsprache aufgefasst, sondern als unselbständiges, unidirektional abhängiges Zeichensystem. Vertreter dieser Dependenztheorie, nach der die Schrift also der Rede nachgeordnet und nicht nebengeordnet ist, sehen das Graphem entsprechend als Abbild des Phonems.Kohrt (1985): Kapitel 5 „Das ‚Graphem‘ als Phonemzeichen“. Entsprechend entspricht für sie jedem Graphem genau ein Phonem und umgekehrt. Für Anhänger der konkurrierenden Autonomiehypothese – wie die Prager Schule – oder der vermittelnden Interdependenz- bzw. KorrespondenztheorieKohrt (1985): Kapitel 6 „Das ‚Graphem‘ als autonome Einheit der geschriebenen Sprache“. sind die Begriffe Phonem und Graphem hingegen parallel angelegt und gleichberechtigt: In einer Orthographie können sie einander regelbasiert zugeordnet werden (phonographisches Prinzip).

Dies drückt sich bspw. auch in der Terminologie der Glossematik nach Louis Hjelmslev aus, worin die kleinsten ausdrucksseitigen Einheiten Keneme genannt werden und sowohl Phoneme als auch Grapheme sein können; zusammen mit den inhaltsseitigen Pleremen bilden sie die kleinsten sprachlichen Zeichen, sogenannte Glosseme. Um es beiden Lagern recht zu machen, schlug John McLaughlin für die hyponyme Graphemgruppe der phonemabhängigen graphischen Einheiten den Terminus Graphonem vor, während später Klaus Heller stattdessen die Grapheme aufteilt in phonematisch bestimmte Phonographeme – mit gekapselter Notation wie in – und graphematisch bestimmte Graphographeme als verallgemeinerte Klassen von konkreten Schriftzeichen. Oliver Rezec, zusammengefasst in trennt analog Phonemabbilder von den eigentlichen Graphemen.

Als semantisch distinktive (d. h. bedeutungsunterscheidende, aber nicht selbst bedeutungstragende) Einheiten sollten sowohl Phoneme als auch Grapheme per Minimalpaaranalyse gefunden werden, wobei sie auf derselben Ebene nicht weiter zerlegbar sein dürfen. Da das Lautmedium kontinuierlich und analog, das Schriftmedium hingegen (annähernd) diskret und digital ist, werden Phoneme beim paarweisen Vergleich phonematischer Wörter als Bestandteile der größeren Einheit Silbe gefunden, Grapheme hingegen als Kompositionen der kleineren Einheit Schriftzeichen. Dies liegt daran, dass graphematische Wörter in vielen Schriftsystemen einerseits bereits klare Außengrenzen aufweisen und andererseits auch intern schon segmental strukturiert sind. So unterscheiden sich die beiden einsilbigen Wörter und nur im Silbenkopf, der mit den Phonemen und besetzt ist, was sich auch in ihren graphischen Entsprechungen und wiederfindet, nur dass das Graphem aus drei Einzelzeichen besteht, die – trotz anderer Minimalpaare wie – untrennbar verbunden sind. In beiden Realisationen von Sprache tritt dabei als (je nach Sprache häufigen) Sonderfall die Identität auf, indem ein Phonem einem alleinstehend silbenfähigen Vokal bzw. indem ein Graphem einem Buchstaben entspricht.

Rekursivität: Abgrenzung von Buchstaben

Das Graphem sollte (gemeinsam mit dem Phonem) den vor der Linguistischen Wende verwendeten Begriff des Buchstabens (in anderen Sprachen , littera u. ä.) ersetzen, da dieser sowohl für schriftliche als auch für lautliche Sprachzeichen verwendet wurde. Seitdem seine phonische Bedeutung weitgehend verschwunden ist, verwenden einige Linguisten Buchstabe synonym zu oder anstelle von Graphem, zumindest solange sie sich mit segmentalen, d. h. alphabetischen Schriftsystemen beschäftigen.Beispiel für divergierende Terminologie:

Martin Neef argumentiert, dass die Graphematik einer Alphabetschrift allein mit der Einheit Buchstabe auskommen können müsse, da die Einheit Graphem sowohl durch Einzelbuchstaben, bspw. , als auch durch Buchstabengruppen, , realisiert werden kann, und sich bspw. die Anfangsgroßschreibung auf Buchstaben, , statt auf Grapheme, *, bezieht.

Ein Alphabet ist eine konventionalisierte Menge von Buchstaben. Es unterscheidet sich von einem beliebigen geschlossenen Zeichensatz vor allem dadurch, dass es die Sortierreihenfolge der Buchstaben festlegt. Die Elemente einiger Alphabete dienen daher auch als Zähl- oder Zahlzeichen, so hat sich bspw. in der griechischen Schrift das nur als Ordinalzeichen für 90. erhalten. Grapheme haben derartige Eigenschaften nicht, dafür kann ein Graphem rekursiv andere, kleinere Grapheme enthalten.

Das Konzept der Buchstaben umschließt in manchen Skripten verschiedene Ausformungen oder Fälle, insbesondere die Unterscheidung in Minuskeln und Majuskeln, d. h. Klein- und Großbuchstaben; daher hat bspw. das englische Alphabet 26 und nicht 52 Buchstaben. Grapheme sind hingegen, obwohl sie graphische Einheiten sind, nicht notwendigerweise an einen sichtbaren Zeichenkörper gebunden und oft wird bei ihnen entweder überhaupt nicht zwischen Majuskel und Minuskel unterschieden oder diese Buchstabenvarianten werden genauso wie zwei voneinander unabhängige Graphe behandelt.

Sprachabhängigkeit: Anwendung von Schriftzeichen

Grapheme sind sprachabhängig, d. h. sie müssen für jede Schriftsprache bzw. für jedes Schriftsystem eigens bestimmt werden. Schriftzeichen (engl. ) als Konstituenten eines Skripts sind hingegen übersprachlich oder sogar unsprachlich definierbar. Es gibt Sonderfälle wie das serbokroatische Schriftsystem, in welchem jedes Grundgraphem je ein lateinisches und ein kyrillisches Schriftzeichen verwendet.

Im Sinne der Semantik sind Schriftzeichen trotz der anderes implizierenden Bezeichnung noch keine sprachlichen Zeichen, sondern erst Grapheme. Beide werden jedoch mittels Glyphen als Graphe realisiert.

Abstraktion: Konkretisierung als Graph

Grapheme sind kleinste sprachliche Einheiten, trotzdem lassen sie sich mitunter weiter unterteilen. Diese weitergehende Analyse ist per Definition nicht mehr Teil der (Schrift-)Linguistik, sondern Aufgabe einer ihrer (paralinguistischen) Hilfswissenschaften, der Graphetik. Deren Betrachtungsgegenstand ist jede „konkrete, klassifizierbare graphische Erscheinung“Gallmann (1985), § 47. und heißt Graph. Grapheme sind dann abstrakte Klassen von äquivalenten konkreten Graphen, die Allographe genannt werden.