mini|hochkant=1.2|Europa nach der Gründung des Warschauer Paktes (1955):

Als Eiserner Vorhang wird in Politik und Zeitgeschichte nach dem Namensgeber aus dem Theaterbau sowohl der ideologische Konflikt als auch die physisch abgeriegelte Grenze bezeichnet, durch die Europa in der Zeit des Kalten Krieges geteilt war. Er bildete nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu den Revolutionen im Jahr 1989 die Trennlinie zwischen den marktwirtschaftlich orientierten demokratischen Staaten im Westen und den planwirtschaftlich geleiteten, realsozialistischen Diktaturen im Osten. Nach der Abwendung Jugoslawiens von der Sowjetunion im Jahr 1948 schotteten sich Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Albanien von Jugoslawien an ihren Grenzen auf ähnliche Weise ab wie von den „kapitalistischen“ Staaten.

Die innerdeutsche Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR und die Berliner Mauer waren Teil des Eisernen Vorhangs.

Begriffsgeschichte Der Ursprung des Begriffes „Eiserner Vorhang“ liegt im 20. Jahrhundert, dieser wurde seitdem oft verwendet. Während des Ersten Weltkriegs wurde der Begriff erstmals aus dem Theaterbereich in politisch-militärische Kontexte entliehen; die Urheberschaft ist unklar. Der britische Historiker Patrick Wright schreibt die erste Verwendung Violet Paget zu, die den Begriff Anfang 1915 unter dem Pseudonym Vernon Lee über Bachs Weihnachtsmusik in England und Deutschland und den „monströsen eisernen Vorhang“ verwendete, der die beiden Länder jetzt trenne.Vernon Lee: Bach’s Christmas Music in England and in Germany. In: Jus Suffragii. Band 9, 1915, Nr. 4, S. 218 ( auf Patrick Wrights Website, 27. Mai 2008). Die aus Deutschland stammende belgische Königin Elisabeth äußerte 1915 gegenüber Pierre Loti über die Entfremdung gegenüber ihrer deutschen Verwandtschaft: „Ein eiserner Vorhang ist gefallen zwischen meiner Familie und mir“.Im Original: „Un rideau de fer est tombé entre ma famille et moi“. Marie José von Belgien: Albert et Élisabeth de Belgique, mes parents. Plon, Paris 1971, S. 297. Siehe zum frühen Gebrauch des Ausdrucks im politischen Sinn auch Bartlett’s Familiar Quotations, 14. Auflage. 1968, S. 924, 2. Spalte, Fußnote 1. Am 29. Februar 1916 verwendete der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg den Begriff in seiner bedeutsamen „U-Boot-Denkschrift“ – er bezeichnete den damals häufig erwogenen Plan als nicht durchführbar, England durch einen U-Boot-Krieg von der Außenwelt abzutrennen „wie durch einen eisernen Vorhang“.Theobald von Bethmann Hollweg: Denkschrift des Reichskanzlers über den Ubootkrieg vom 29. Februar 1916. In: ders.: Betrachtungen zum Weltkriege. 2. Teil: Während des Krieges. Hobbing, Berlin 1921, S. 260–273, hier S. 266.

1924 äußerte der britische Botschafter in Berlin, Edgar Vincent, das demilitarisierte Rheinland (damals von alliierten Truppen besetzt) solle ein ‘iron curtain’ sein, um Frankreich vor zukünftigen Angriffen deutscher Truppen zu bewahren.Twirling the Tassels of the Iron Curtain. In: The Daily Telegraph. 25. Oktober 2007 (Rezension zu Patrick Wright: Iron Curtain: From Stage to Cold War. Oxford University Press, Oxford 2007; weitere Rezension).

In den 1920er Jahren wurde die Wendung vom Eisernen Vorhang gelegentlich in Schriften über den Ersten Weltkrieg gebraucht. So sprach der Nachrichtendienstler Herbert von Bose 1930 in einem Aufsatz von „dem eisernen Vorhang der feindlichen Fronten“, der Europa während des Krieges durchzogen habe.Herbert von Bose: USA in Tätigkeit. In: Hans Henning Grote (Hrsg.): Vorsicht Feind hört mit! Berlin 1930, S. 153. Und der britische Unterhausabgeordnete Robert Bernays schrieb in einem 1934 veröffentlichten Buch über einen Besuch in Deutschland, den er im Mai 1933 absolvierte, dass es für ihn damals schwer gewesen sei, Näheres über die Zustände in der Stadt Breslau zu erfahren, in der der NS-Terror Gerüchten zufolge besonders schlimm war, weil ein „Eiserner Vorhang der Zensur“ (an iron curtain of censorship) über das Geschehen in der Stadt gezogen worden sei.Robert Bernays: Special Correspondent. 1934, S. 219.

Der Lissabon-Korrespondent Max Walter Clauss (1901–1988) verwendete die Bezeichnung am 18. Februar 1945 in einem Beitrag auf der Titelseite der nationalsozialistischen Wochenzeitung Das Reich.Rainer Blasius: Politisches Schlagwort. Nicht Churchill prägte den Begriff „Eiserner Vorhang“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 19. Februar 2015.

Eine Woche später verwendete in derselben Zeitung Joseph Goebbels die Bezeichnung in einer Reaktion auf die Ergebnisse der Konferenz von Jalta: Bei einer deutschen Kapitulation würde sich vor dem von der UdSSR besetzten Territorium „sofort ein eiserner Vorhang heruntersenken, hinter dem dann die Massenabschlachtung der Völker begänne“;Joseph Goebbels: Das Jahr 2000. In: Das Reich. 25. Februar 1945, S. 1–2. Zitiert nach Jörg K. Hoensch: „Rückkehr nach Europa“ – Ostmitteleuropa an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In: Heiner Timmermann, Hans Dieter Metz (Hrsg.): Europa – Ziel und Aufgabe. Festschrift für Arno Krause zum 70. Geburtstag. (Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen, Band 90), Duncker & Humblot, Berlin 2000, ISBN 3-428-10174-X, S. 135–151, hier S. 142, Fn. 7. Siehe auch Wolfgang Mieder: Biographische Skizze zur Überlieferung des Ausdrucks „Iron Curtain“ / „Eiserner Vorhang“. In: Muttersprache. Zeitschrift zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache. (1981), S. 1–14; Harald Lange: Eiserner Vorhang. In: Kurt Pätzold, Manfred Weißbäcker (Hrsg.): Schlagwörter und Schlachtrufe. Aus zwei Jahrhunderten deutscher Geschichte. Band 2, Militzke, Leipzig 2002, ISBN 3-86189-270-7, S. 59–63. die britische Zeitung The Times übernahm die Formulierung. Ende April 1945 taucht die Bezeichnung im Kontext der nationalsozialistischen, antisowjetischen Propaganda infolge des finnisch-sowjetischen Waffenstillstandsabkommens von deutscher Seite auf.Vgl. den Beitrag Eiserner Vorhang vor Finnland im nationalsozialistischen Bozner Tagblatt vom 30. April 1945, S. 1 (Digitalisat).

Am 2. Mai 1945 verwendete Schwerin von Krosigk, damals Außenminister im kurzlebigen Kabinett des Hitler-Nachfolgers Karl Dönitz, den Begriff in einer Rundfunkansprache. Gleich zu deren Beginn ist von einem „eisernen Vorhang“ die Rede, der mit dem Vormarsch der Roten Armee näher rücke und „hinter dem, den Augen der Welt entzogen, das Werk der Vernichtung der in die Gewalt der Bolschewisten gefallenen Menschen vor sich geht.“Volker Ullrich: Acht Tage im Mai : Die letzte Woche des Dritten Reiches. C. H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-74985-8, S. 85 f.

mini|hochkant|Hinter Russlands eisernem Vorhang: schwedisches Buch von 1923 Der Bezug dieser Metapher auf die Sowjetunion lässt sich lange vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs nachweisen. 1918, im Jahr nach der Oktoberrevolution, schrieb der russische Autor Wassilij Rosanow in seiner Polemik Die Apokalypse unserer Zeit: „Unter Rasseln, Knarren und Kreischen senkt sich ein eiserner Vorhang auf die russische Geschichte […] herab. Die Vorstellung geht zu Ende.“ Im englischen Sprachraum nutzte Ethel Snowden den Begriff „iron curtain“ 1920 in einem positiven Reisebericht über das „bolschewistische Russland“. Offenbar in Abgrenzung gegen eine negative Begriffsbenutzung schrieb sie über ihre begeisterte Ankunft in St. Petersburg: „Wir waren endlich hinter dem ‚eisernen Vorhang‘!“Im Original: “We were behind the ‘iron curtain’ at last!” Ethel Snowden: Through Bolshevik Russia. London u. a. 1920, S. 32. Sie verwendete die Formulierung in diesem Buch nur einmal.

Beginn des Kalten Krieges mini|Der Eiserne Vorhang gemäß Churchills Rede 1946 Winston Churchill prägte den Ausdruck dann im beginnenden Kalten Krieg als Bezeichnung für die Abschottung des Ostblocks gegen den Westen: Zuerst benutzte er ihn bezogen auf die Rote Armee am 12. Mai 1945, wenige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, in einem Telegramm an US-Präsident Truman: „Ein eiserner Vorhang ist vor ihrer Front [der Front der Sowjetunion] niedergegangen. Was dahinter vorgeht, wissen wir nicht.“ Im Juli 1945 abgewählt, formulierte Churchill als Oppositionsführer am 5. März 1946 bei seiner Rede „The Sinews of Peace“ („Die Sehnen (= die Stärke) des Friedens“) in Fulton, Missouri in Anwesenheit Trumans:

Diese Rede gilt – nicht zuletzt wegen dieser Formulierung – „als Fanfarenstoß für den Kalten Krieg“.David Reynolds: From World War to Cold War. Churchill, Roosevelt, and the International History of the 1940s. Oxford University Press, Oxford u. a. 2006, ISBN 0-19-928411-3, S. 257–260, Zitat S. 260.: „the Fulton speech [has] been understood as the clarion call to Cold War“. Churchill bezog sich auf die Fehler Großbritanniens in den 1930er-Jahren. Nazi-Deutschland war größer und stärker geworden, während die westlichen Mächte untätig danebenstanden, sie durften nicht denselben Fehler mit der Sowjetunion machen. In der Vergangenheit konnten sich die Staatsmänner auf das Gleichgewicht der Mächte verlassen, um den Weltfrieden zu erhalten; diese überholte Doktrin, so argumentierte er, könne der sowjetischen Bedrohung für die angelsächsische Welt nicht entgegenwirken.

Am 5. Juli 1945 nutzte Konrad Adenauer den Begriff in einem Brief an den Journalisten Hans RörigZur Person In: Archive.NRW.de bezogen auf die wahrgenommene Bedrohung durch die Sowjetunion:

Die Risse zwischen Ost und West vertieften sich im Jahr 1947, als der US-Präsident mit der Truman-Doktrin einen neuen politischen Kurs verkündete: Amerika werde allen Staaten beistehen, die vom (sowjetischen) Kommunismus bedroht würden; der kriegszerstörten europäischen Wirtschaft bot es den „Marshallplan“ mit Wiederaufbauhilfen an. Josef Stalin untersagte dann den osteuropäischen Ländern die Teilnahme daran; nach der Währungsreform und Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands einschließlich West-Berlins im Juni 1948 blockierte die Sowjetunion die Energie- und Lebensmittelversorgung West-Berlins, worauf die Westalliierten eine bis 1949 bestehende Luftbrücke errichteten. Die Teilung der Welt in zwei Lager und die damit zusammenhängende faktische Errichtung einer zunehmend streng kontrollierten Grenze, der Eiserne Vorhang, waren damit zementiert.

Während des Kalten Krieges erhielt der Begriff Eiserner Vorhang als Politikum zwei verschiedene Bedeutungen: Zum einen bezeichnete er in einer bipolaren (an den „Polen“ Moskau und Washington orientierten) Welt den umfassenden Systemgegensatz zwischen dem „Osten“ und dem „Westen“ sowie die Nahtstelle zwischen beiden Systemen. Zum anderen brachte der Begriff die Besonderheit der Außengrenze der Staaten des Warschauer Paktes in Europa nach dem Ausscheiden Albaniens auf den Punkt und verwies auf die Beschaffenheit dieser „besonderen“ Grenzen.

Verlauf mini|Militärische Verträge im Kalten Krieg

Wenn auch der Eiserne Vorhang Deutschland wegen der Teilung besonders traf, zählten nicht nur die Berliner Mauer (13. August 1961 – 9. November 1989), die innerdeutsche Grenze und die tschechoslowakischen Grenzbefestigungen zur Bundesrepublik dazu. Er zog sich durch ganz Europa von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer.

Die Bering- und La-Pérouse-Straße als Seegrenzen der UdSSR zu den USA (Alaska) bzw. zu Japan wurden meist nicht dazugezählt, obwohl sie de facto zur Blockgrenze gehörten.

Teilstücke: Innerdeutsche Grenze Berliner Mauer Grenzbefestigungen der Tschechoslowakei zur Bundesrepublik Deutschland und zu Österreich Grenzbefestigungen zwischen Ungarn und Österreich Grenzbefestigungen Bulgariens zu Griechenland und der Türkei

Weitere Befestigungen gab es zwischen: Ungarn und Jugoslawien Rumänien und Jugoslawien Bulgarien und Jugoslawien

Bis zur Anerkennung der Souveränität im österreichischen Staatsvertrag 1955 bestand auch im besetzten Österreich die Gefahr einer Trennung quer durch das Land.