Die Österreichische Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft (ÖH, bis 2005 Österreichische Hochschülerschaft, im Außenauftritt Österreichische Hochschüler_innenschaft) ist die gesetzliche Vertretung der Studierenden der österreichischen Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen, Universitäten und Privatuniversitäten. Die Mitgliedschaft in der ÖH ist eine Pflichtmitgliedschaft, das heißt alle Studierenden sind automatisch Mitglieder der Hochschülerschaft. Damit ist die ÖH in etwa vergleichbar mit den verfassten Studierendenschaften in Deutschland oder der österreichischen Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer auf Studierendenebene.
Ihre nationale Kammer, die Bundesvertretung (oft gleichgesetzt mit der ÖH selbst), gilt über die Parteienlandschaft hinweg als mitunter bedeutendste politische Kaderschmiede Österreichs.
Aktuell besteht eine linke Koalition aus VSStÖ und GRAS. Den Vorsitz der ÖH hat derzeit Viktoria Kudrna (GRAS) inne.
Geschichte Die ÖH wurde 1935 im Ständestaat institutionalisiert als Hochschülerschaft Österreichs, wie andere Vertretungskammern gegründet und im September 1945 durch eine Verordnung der provisorischen Staatsregierung: Verordnung des Staatsamtes für Volksaufklärung, Unterricht und Erziehung vom 3. September 1945. erneut errichtet und ab 1950 durch Bundesgesetz: Hochschülerschaftsgesetz vom 12. Juli 1950. geregelt. Zuvor hatten die österreichischen Studentenschaften von 1919 bis 1935 der Deutschen Studentenschaft angehört, die ihrerseits seit 1931 vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund beherrscht wurde. Die Hochschülerschaft Österreichs hatte personell und strukturell starken Einfluss auf die spätere ÖH.
Anders als etwa die westdeutschen Studentenausschüsse nach dem Krieg wurden die ÖH-Gremien von Beginn an nach einem Listenwahlrecht gewählt und dementsprechend von mehr oder weniger parteinahen Gruppierungen dominiert. Bestimmende Kraft war über Jahrzehnte die ÖVP-nahe Österreichische Studentenunion (ÖSU), aus der Anfang der 1980er Jahre die heutige AktionsGemeinschaft (AG) hervorging. Seit der Jahrtausendwende ab 2001 gab es mehrheitlich Koalitionen aus VSStÖ, GRAS und FLÖ.
Vorsitzende Die Vorsitzenden der bundesweiten Studierendenvertretung seit 1945: 1945–1946 Rudolf Wengraf (parteilos) 1946–1947 Karl Leutgeb (FÖST/Union) 1947 Fritz Köhler (FÖST/Union) 1947–1949 Franz Bauer (Union) 1949–1951 Alexander Kragora (Union) 1951–1954 Norbert Burda (Wahlblock) 1954–1955 Günther Wiesinger (Wahlblock) 1955–1957 Alfred Wittmann (Wahlblock) 1957–1959 Herbert Mauser (Wahlblock) 1959–1961 Ludwig Koller (Wahlblock) 1961–1963 Hans Blaickner (Wahlblock) 1963–1965 Heinzpeter Thiel (Wahlblock) 1965–1967 Hermann Kert (Wahlblock) 1967–1969 Sepp G. Bieler (Wahlblock) 1969–1971 Max Ortner (ÖSU) 1971–1972 Ernst Streeruwitz (ÖSU) 1972–1974 Hubert Pototschnigg (ÖSU) 1974 Georg Schneider (ÖSU) 1974–1975 Stefan Kekeiss (DSU) 1975–1976 Georg Schneider (ÖSU) 1976–1977 Georg Karasek (ÖSU) 1977–1979 Fritz Pesendorfer (ÖSU) 1979–1981 Fritz Lennkh (ÖSU) 1981–1983 Josef Stockinger (ÖSU) 1983–1985 Herbert Rainer (AG) 1985–1987 Michael Goldinger (AG) 1987–1989 Stefan Szyszkowitz (AG) 1989–1991 Walter Marschitz (AG) 1991–1993 Thomas Frad (AG) 1993–1995 Markus Kaiser (AG) 1995–1997 Agnes Berlakovich (VSStÖ) 1997–1999 Wolfgang Gattringer (AG) 1999–2001 Martin Faißt (AG) 2001–2002 Anita Weinberger (GRAS) 2002–2003 Andrea Mautz (VSStÖ) 2003–2004 Patrice Fuchs (VSStÖ) 2004–2005 Barbara Wittinger (GRAS) 2005–2006 Rosa Bernadette Nentwich-Bouchal (GRAS) 2006–2007 Barbara Blaha (VSStÖ) 2007–2008 Hartwig Brandl (FLÖ) 2008–2009 Samir Al-Mobayyed (AG) 2009–2011 Sigrid Maurer (GRAS) 2011–2012 Janine Wulz (GRAS) 2012–2013 Martin Schott (FLÖ) 2013–2014 Florian Kraushofer (FLÖ) 2014–2015 Viktoria Spielmann (GRAS) 2015–2016 Philip Flacke (FLÖ) 2016–2017 Lucia Grabetz (VSStÖ) 2017–2018 Johanna Zechmeister (FLÖ)derStandard.at: Johanna Zechmeister zur ÖH-Vorsitzenden gewählt. Artikel vom 23. Juni 2017, abgerufen am 23. Juni 2017. 2018–2019 Hannah Lutz (VSStÖ) 2019–2020 Adrijana Novaković (GRAS) 2020 Maximilian Wagner (AG, geschäftsführend) 2020–2021 Sabine Hanger (AG) 2021–2022 Sara Velić (VSStÖ) 2022–2023 Keya Baier (GRAS) 2023–2024 Nina Mathies (VSStÖ) 2024–2025 Sarah Rossmann (GRAS) 2025–2026 Selina Wienerroither (VSSTÖ) seit 2026 Viktoria Kudrna (GRAS)
Erst im Juni 1995 wurde zum ersten Mal eine Frau Bundesvorsitzende der ÖH. Die Spitzenkandidatin des VSSTÖ Agnes Berlakovich wurde von einer Koalition von sechs Fraktionen(VSSTÖ, GRAS, Fachschaftslisten Österreichs, Liberales StudentInnenforum, KSV, Kunst und Politik) mit 36 von 64 abgegebenen Stimmen zur Bundesvorsitzenden gewählt, die Spitzenkandidatin der GRAS Michaela Sivich wurde Stellvertretende Vorsitzende.
Organisation Die Österreichische Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft vertritt die Studierenden im gesamten Bundesgebiet. Durch die Gesetzesnovelle 2014 wurde die Vertretungsstruktur für alle Hochschulsektoren vereinheitlicht.
Die Bundesvertretung (BV) (früher: Zentralausschuss, ZA) vertritt die Interessen aller Studierenden österreichweit, berät die Studierenden in verschiedenen Referaten und gibt zusätzlich Broschüren zu studienrelevanten Themenstellungen heraus. An den Hochschulen (Universitäten sowie Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Privatuniversitäten mit mehr als 1000 Studierenden im Durchschnitt in den letzten drei Jahren) (früher: Hauptausschuss) vertreten Hochschülerinnen- und Hochschülerschaften als Körperschaften öffentlichen Rechts die Studierenden einer Hochschule. An Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Privatuniversitäten mit weniger als 1000 Studierenden im Durchschnitt in den letzten drei Jahren gibt es Hochschulvertretungen, die rechtsgeschäftlich durch die Bundesvertretung vertreten werden. Die Hochschulvertretungen werden nach Listenwahlrecht gewählt und können entsprechend der Organisationsform der jeweiligen Hochschule in ihrer Satzung weitere Organe wie Fakultätsvertretungen, Fachbereichsvertretungen etc. einrichten. Diese müssen in der Satzung festgelegt werden. Alle Hochschulvertretungen müssen verpflichtend ein Referat für Bildungspolitik, Sozialpolitik und wirtschaftliche Angelegenheiten (Wirtschaftsreferat) einrichten. Weitere Referate sind in der Satzung festzulegen. Die Studienvertretungen (StV) (früher: Studienrichtungsvertretung, StRV) bestehen für jedes einzelne Studium. Sie beraten Studierende, die das jeweilige Studium absolvieren oder absolvieren möchten und sind Anlaufstellen für Probleme mit dem Studium oder Lehrenden. Sie werden direkt aufgrund eines Persönlichkeitswahlrechts gewählt. Zusätzlich existieren noch Vorsitzendenkonferenzen (VoKo) der jeweiligen Hochschulsektoren.
Die Hochschulvertretungen als Körperschaften (und auch in der Regel ihre einzelnen Organe bzw. Vertretungseinrichtungen) sind in ihrem Wirkungsbereich autonom und nicht an Weisungen oder Beschlüsse anderer Hochschülerschaften (auch nicht der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft) gebunden.
Finanziert wird die ÖH durch Beiträge, die alle Studierende jedes Semester zu zahlen haben. Dieser wird jedes Jahr entsprechend dem Verbraucherpreisindex angepasst und auf den halben oder ganzen Euro aufgerundet. Zusätzlich werden 0,70 Euro für eine Haftpflicht- und Unfallversicherung erhoben.
+Studierendenbeitrag (ÖH-Beitrag) für das Studienjahr 2022/23 gem. § 38 (3) HSG 2014AusgangsbetragVPI 10, Juni 14VPI 10, Juni 21Indexierung für 22/23Studierendenbeitrag 22/23 („ÖH-Beitrag“)SonderbeitragGesamtbeitrag 22/2318,00 Euro110,10122,920,09 Euro20,50 Euro0,70 Euro21,20 Eurogem. § 38 (2) HSG 2014gem. Statistik Austria= 18,00*122,9/110,10Rundung gem. § 38 (3) HSG 2014StudierendenversicherungEingehobener Beitrag pro Semester Der ÖH-Beitrag ohne Versicherungsanteil an Universitäten wird aufgeteilt wie folgt: 16 % gehen an die ÖH-Bundesvertretung, 84 % an die Hochschulvertretungen und damit auch an die Studienvertretungen.
Der ÖH-Beitrag ohne Versicherungsanteil an Pädagogischen Hochschulen, Fachhochschulen und Privatuniversitäten wird aufgeteilt wie folgt: 5 % gehen an die ÖH-Bundesvertretung, 95 % an die Hochschulvertretungen und damit auch an die Studienvertretungen.
Dabei gibt es einen bestimmten Beitrag, den sogenannten Sockelbetrag, der auf alle Hochschulvertretungen an den Hochschulen gleichmäßig verteilt wird. Der Rest wird nach der Anzahl der Studierenden an den jeweiligen Hochschulen aufgeteilt.
Studierende an Privatuniversitäten wurden mit der Novelle im Jahr 2014 wieder zu Mitgliedern der ÖH. Durch eine Novelle des Fachhochschulstudiengesetz Ende 2007 sind die Studierenden der Fachhochschul-Studiengänge Mitglieder der ÖH. Durch den ÖH-Beitritt werden die FH-Studierenden erstmals auch bundesweit vertreten.
Wichtige Publikationen Im Mai 2022 hat die ÖH die Ergebnisse einer Studierendenbefragung mit 28.101 befragten Studierenden veröffentlicht. Die Befragung wurde vom Institut für empirische Sozialforschung ausgearbeitet und ausgewertet. Zentrale Erkenntnisse beinhalten Daten zur sozialen Lage der Studierenden, dem Bekanntheitsgrad der ÖH und zur digitalen Lehre, die seit der Covid-19-Pandemie flächendeckend an Österreichischen Hochschulen stattgefunden hat. Das Ziel der Befragung sei, die Mitsprache in der ÖH zu steigern.
Am 25. November 2022, dem internationalen Tag gegen patriarchale Gewalt, präsentiert die Bundesvertretung der ÖH Zahlen zum Thema sexualisierte Gewalt an österreichischen Hochschulen. In einer repräsentativen Studie unter allen 380.000 Studierenden in Österreich (n = 10 194) wurde zum ersten Mal flächendeckend erhoben, welche Erfahrungen Studierende mit sexualisierter Gewalt an ihren Hochschulen in den letzten 12 Monaten gemacht haben. 11,57 % aller befragten Studierenden, das sind 1179 Personen, wurden gemäß §6 des Gleichbehandlungsgesetzes (GlGB) sexuell belästigt. Weiters wurde in der Erhebung abgefragt, ob es zu unerwünschten sexuellen Berührungen kam. 2,4 % aller Befragten waren davon betroffen. Das sind 244 Personen. Als dritte Form von sexualisierter Gewalt wurde nach strafbaren Handlungen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung (§201 - §205a Strafgesetzbuch) gefragt. Davon waren 0,5 % aller befragten Studierenden, das sind 53 Personen, betroffen. Hochgerechnet käme es also zu 44.000 Fällen von sexualisierter Gewalt. Mehr als 80 % aller erlebten Vorfälle wurden nicht bei einer zuständigen Stelle gemeldet. Die ÖH fordert Maßnahmen wie dienstrechtlich verankerte Awareness-Schulungen für Lehrende, umfassender Schutz für Betroffene und unabhängige Anlaufstellen an allen Hochschulen.
ÖH-Wahlen
Die Vertretungen werden im Zwei-Jahres-Turnus im Mai jedes ungeraden Jahres gewählt. Während die Wahlbeteiligung in den ersten beiden Jahrzehnten noch im Bereich von 60 bis 70 % lag, sank sie von rund 70 % im Jahr 1965 binnen zehn Jahren auf knapp 40 % (1975). 1985 unterschritt sie erstmals die 30-%-Marke, um die sie seither mit relativ geringen Schwankungen pendelt; 2013 betrug sie 27,97 % und 2017 sogar knapp unter 25 %. Kritiker werfen der ÖH deshalb vor, nicht genügend legitimiert zu sein und in ihrer Kernaufgabe, der Standesvertretung, nicht ernst genommen zu werden. Andererseits wird immer wieder darauf verwiesen, dass die Wahlbeteiligung bei ÖH-Wahlen im internationalen Vergleich nach wie vor relativ hoch ist. Die politische Arbeit innerhalb der ÖH ist in Fraktionen organisiert, die zum Teil den politischen Parteien nahestehen:
AG – AktionsGemeinschaft (Studentenforum), ÖVP-nahe,Menento: offiziell parteiunabhängig FLÖ – Unabhängige Fachschaftslisten Österreichs, parteiunabhängig GRAS – Grüne & alternative Student_innen, Vorfeldorganisation der Grünen HERBERT – Who the f*ck is Herbert?, parteiunabhängig JUNOS – Junge liberale Studierende, Vorfeldorganisation der NEOS, auf neos.eu. Abgerufen am 17. Dezember 2015.