Psytrance (kurz für Psychedelic Trance, auch Goa-Trance bzw. Goa oder Hippie-Trance) ist eine Richtung der elektronischen Musik und stellt ein Subgenre der Trance-Musik dar. Namensgebend waren Outdoor-Trance-Partys in den späten 1980er Jahren im indischen Bundesstaat Goa; der Musikstil wurde jedoch besonders in Europa weiterentwickelt. Zwischen 1994 und 1998 hatte Goa-Trance seine Hochphase, danach entwickelte sich der Musikstil unter der Kurzbezeichnung Psytrance weiter. Obwohl Goa-Trance in der Musikindustrie weitgehend von Progressive Trance verdrängt wurde, bestehen weiterhin freie Goa-Netlabels, die sich dem ursprünglichen Goa-Trance verschrieben haben.
Genrebezeichnungen Die Bezeichnungen Goa-Trance, Cosmic TranceEtzel Cardeña, Michael J. Winkelman: Altering Consciousness: Multidisciplinary Perspectives. Praeger, 2011, ISBN 978-0-313-38308-3, S. 216. und Psychedelic Trance (in England auch Psychedelic Technohttps://www.discogs.com/release/183483-Various-Hard-Trance-Psychedelic-Techno) existierten seit 1994https://www.discogs.com/release/225611-Various-Concept-In-Dance-The-Digital-Alchemy-Of-Goa-Trance-Dance zunächst parallel und lösten sukzessive die ältere Umschreibung des Genres als „Trance Dance“Graham St John: The Local Scenes and Global Culture of Psytrance. Routledge, New York 2010, ISBN 978-0-415-87696-4, S. 76.Andy Bennett, Steve Waksman: The SAGE Handbook of Popular Music. SAGE Publications Ltd., 2014, ISBN 978-1-4462-1085-7, S. 245. ab. Während der Namensbestandteil Goa auf die regionale Verortung der Szene verweist und psychedelic einen Bezug zu meditativem und psychoaktivem Körpererleben herstellt, kam der Bezeichnung cosmic die Rolle der Charakterisierung der Musik als „kosmisch“ bzw. „intergalaktisch“ zu (vgl. auch Kosmische Musik), meist unter Beeinflussung des Genres durch utopische und dystopische Science-Fiction-Themen. Mit der wachsenden Anzahl stildefinierender Veröffentlichungen (speziell mehrteilige Compilations), verschwand Cosmic Trance als alternative Bezeichnung zunehmend aus dem szene-internen Sprachgebrauch. Psytrance bzw. Psy-Trance ist die Kurzform zu Psychedelic Trance, kam in den 1990er-Jahren in England auf und wurde später stellvertretend für Goa-Trance im Rest der Welt übernommen.
Musikalische Eigenschaften Goa versucht, die neurologischen Effekte von LSD mithilfe einer konstanten großen Trommel, „wirbelnder“ Schichten von Stakkatoklängen mit oftmals östlichen Tonskalen, „außerweltlichen“ Klängen und hypnotischen Alternationen der Klangfarbe akribisch zu simulieren.Arun Saldanha: Goa trance and trance in Goa: smooth striations. In: Graham St. John: Rave Culture and Religion. Taylor & Francis e-Library 2005, S. 273. Die Musik setzt sich aus 4/4-Takten zwischen ursprünglich 130 und 150 bpm zusammen, mittlerweile werden auch Geschwindigkeiten bis zu 180 bpm und mehr erreicht. Die Kicks sind deutlich energischer und kompakter als bei anderen Trance-Richtungen. Dadurch entsteht ein „stampfender“ Charakter des Rhythmus, welcher so den stapfenden Tanz im Sand oder auf der Wiese untermalt. Darüber hinaus versteht sich die Musik als recht experimentell. Beliebt sind Acid-Trance-Linien (ursprünglich durch den TB-303-Synthesizer) und andere organisch klingende synthetische Geräusche. Vocals wie beispielsweise beim House finden selten Verwendung, mitunter werden jedoch Vocoder-Stimmen und Gesang eingebaut. Vereinzelt werden auch Samples aus Spielfilmen oder Computerspielen eingemischt. Wichtig ist jedoch noch immer, den Ursprung in der Vermittlung der Electronic Body Music, gekennzeichnet durch die repetitiven Bassfiguren jener Zeit (z. B. in Stücken wie Chakra & Edi Mis - X-File oder Future Force - Psychedelic), mit Weltmusik-, in erster Linie jedoch indischen Sound-Elementen, zu erkennen. Als Urväter aller elektronischen Sounds, insbesondere der Drumpatterns, sind jedoch Kraftwerk zu nennen. So wurden in der Gründerzeit der sogenannten Goamusik Kraftwerk-Titel mit klassischen, indischen Kassetten gemischt – dies bereits, bevor in Indien Partys dieser Art gefeiert wurden.
Weiter ist die Musik vom Charakter des Psychedelic RockGraham St John, Chiara Baldini: Dancing at the Crossroads of Consciousness: Techno-Mysticism, Visionary Arts and Portugal’s Boom Festival. In: Carole M. Cusack, Alex Norman: Handbook of New Religions and Cultural Production. Leiden: Koninklijke Brill NV 2002, S. 531.Varun Desai: All in the Name of Psy. In: Hub, S. 69. beziehungsweise Acid RockLaura Doan, Jay Prosser: What Matters?. Ethnographies of Value in a Not So Secular Age. New York: Columbia University Press 2012, S. 254. und der Gegenkultur der 1960er-Jahre beeinflusst, die bereits in den 1970er Jahren häufig mit ähnlichen Klangmustern und Effektbelegungen gespielt worden sind. Der musikalische Einfluss ist außerdem dadurch erkennbar, dass einige Bands neben elektronischen Klangerzeugern auch E-Gitarren einsetzen. Neben Gitarrenverstärkern nutzen Gitarristen dabei gerne zusätzlich MIDI-fähige Tonabnehmer, um gespielte Gitarrennoten an einen Synthesizer weiterzureichen und Melodien zu spielen, die mithilfe eines Keyboards kaum realisierbar sind.
Oftmals weisen die Stücke 135 bis 145 bpm und eine Länge von 6 bis 12 (meist rund 7 bis 8) Minuten auf und beginnen mit etwa 30 Sekunden atmosphärischen Klängen, während der Hauptteil des Stücks in zwei Hälften unterteilt ist und die zweite das Thema der ersten neu arrangiert, manchmal mit veränderten Bassspuren; die meisten werden am Ende beider Hälfte übereinander gelagert, oft besteht ein Übergang oder Interludium zwischen beiden Hälften.Kenny Easwaran: .
Anfang der 1990er Jahre war die Musik gekennzeichnet durch die Einbindung akustischer Ethno-Elemente mit psychedelischem Charakter. In einer linearen Entwicklung war die Musik gegen Mitte der 1990er-Jahre geprägt von indischen Melodien auf Basis kräftiger Lead-Klänge der damaligen Synthesizer – untermalt von Acid-Klängen im Hintergrund und der Bassline. Gegen Ende der 1990er Jahre wurde die Musik etwas langsamer, minimalistischer und unmelodisch, wobei der minimalistische Trance meistens mit atmosphärischen und düsteren Klängen mit hohem Hallanteil untermalt wurde. Bis zur Mitte der 2000er Jahre entwickelte sich ein Stil, der Elemente aus dem Dub- und House-Bereich einbezieht und sehr melodisch erscheint.
Interpreten wie Raja Ram und Dominic Sangeet bedienten sich neben dem Techno-Instrumentarium auch bei Blas- und Streichinstrumenten, oder sie arbeiten mit genrefremden Musikern zusammen, so dass auf Psytrance-Tracks neben dem obligaten technoiden Klang auch Versatzstücke aus Ambient, Trip-Hop, Weltmusik und vielen anderen Bereichen zu finden sein können. Für solche freien Stilmixturen wurden zahlreiche neue Stilbezeichnungen geschaffen, unter anderem: Darkpsy, Forest, Full-On, Goatrance, Dark Progressive, Psycore, Experimental Psytrance, Hi-Tech, Progressive, Offbeat, Suomi-saundi und Zenonesque.
Als Psychedelic Chill-out wird eine ruhigere Variante des Psytrance bezeichnet. Diese verzichtet meistens auf eine gerade 4/4-Bassdrum und legt ihren Fokus auf sphärische Klänge.
Geschichte Psytrance entstand Anfang der 1990er Jahre in Goa in Indien um Rucksacktouristen und während der 1960er Jahre ausgewanderte und teilweise noch heute dort ansässige Hippies. Ab etwa 1993 verbreitete es sich weltweit.
Entstehung und Herkunft mini|Referat von Hans Cousto über die Goa- und Psytrance-Kultur In den einst von Hippie-trail-Reisenden besuchten Orten in Goa (um Anjuna und Vagator) gaben DJs zwischen 1982 und 1985 schrittweise Psychedelic Rock und Reggae auf und begannen, elektronische Musik aufzulegen. DJs wie Goa Gil suchten nach den seltsamsten Teilen der aufgelegten Stücke und spielten diese in Wiederholungsschleifen ab; Musikliebhaber nahmen Kassetten aus Goa mit und versuchten, die Erfahrungen der Freiluftveranstaltungen in ihren Studios zu replizieren. Anfang der 1990er Jahre begann sich die Psytrance-Szene, die insbesondere aus ausländischen, oft deutschen und israelischen Rucksacktouristen bestand, als ein Subgenre der House- und Techno-Szene abzugrenzen. In: video.google.de Goa hat seine musikalischen Ursprünge in der Electronic Body Music von Bands wie Nitzer Ebb, Front 242 und Front Line Assembly sowie dem Eurobeat, die ihren Weg nach Goa fanden und dort auf nichtkommerziellen, spontanen Treffen gespielt wurden. Aussteiger und Partytouristen, die bisher auf Ibiza einen rechts- und normenfreien Platz für ihren Lebensstil gefunden hatten, zog es nun vorzugsweise nach Goa.
Während zu Beginn der 1990er-Jahre zahlreiche Techno-Platten veröffentlicht wurden, waren Veröffentlichungen im Bereich der Goa-Musik zunächst rar. Die Produzenten nahmen ihre Produktionen anfangs meistens auf DAT auf, die sie an die DJs überspielten. Es gab vereinzelt Veröffentlichungen auf Plattenlabels, die verschiedene Richtungen repräsentierten. Die ersten Goa-Labels, die sich auf diese Musikrichtung spezialisierten, wurden um das Jahr 1993 gegründet. Dazu gehörten Dragonfly, Spiritzone, TIP, XL Recordings, Blueroom Released, Transient und Flying Rhino. Um 1995 erreichte der Goa-Trance seinen Höhepunkt.Eugene ENRG (aka DJ Krusty): Psychic Sonics: Tribadelic Dance Trance-formation. Eugene ENRG (aka DJ Krusty) interviews Ray Castle (PDF; 4,0 MB). In: Graham St John: FreeNRG. Notes from the Edge of the Dance Floor, S. 251. Interpreten wie Martin „Youth“ Glover (Killing Joke), Martin Freeland (Man With No Name), Simon Posford (Hallucinogen), Astral Projection, Koxbox, Juno Reactor, Astralasia, S.U.N. Project, Infected Mushroom, GMS etablierten den „Psytrance“ auf Goa-Partys.
Mit der Zeit wurde zunehmend Publikum aus der Techno-Szene von den Goa-Partys angezogen, was sowohl die Veranstaltungen als auch die Musik weiterentwickelte. Die Musik wurde gegen Ende der 1990er Jahre zunehmend minimalistischer und unmelodischer und auch Techno- und Progressive-House-Veröffentlichungen wurden auf Goa-Partys einbezogen. Während dieser Zeit entstand der Name Psytech für diese monotone, kühlere und oftmals auch härtere Variante des Psytrance, womit dieses Subgenre auch begrifflich vom wärmeren und organischeren Trance abgegrenzt wurde.
Deutschland Ein Zentrum des europäischen Goa lag in den 1990er Jahren in den Diskotheken „Cult“ in Arnsberg und der „Grube“ in Winterberg-Siedlinghausen (beide im Sauerland). Die Szene weitete sich weiter ins Ruhrgebiet aus. Sie war z. B. in der „Zeche“ in Essen zu finden und wurde u. a. vom Bochumer Verein Prokult e. V. gefördert. Die größten Veranstaltungen dieser Art finden heute in Norddeutschland und Ostdeutschland statt und erreichen zum Teil Besucherzahlen von 10.000 bis zu 35.000, wie zum Beispiel das ehemalige VooV Experience Festival, die ehemals in Deutschland stattfindende Shiva-Moon und das ehemalige Lovefield-Festival. Ein langjähriges internationales Zentrum der Goa-Szene im süddeutschen Raum war der Techno-Club Natraj Temple in München.David Weigend: Totgesagte raven länger. In: Süddeutsche Zeitung, 11. Mai 2010.
Neuere Entwicklungen in Goa Auch die Strandpartys in Goa, dem Entstehungsort dieser Partykultur, ziehen weiterhin Touristen in den kleinsten indischen Bundesstaat.
Viele verließen zwischenzeitlich Goa, nachdem sich in dem Gebiet zunehmend der Pauschaltourismus etablierte und die indische Regierung Reformen durchführte, welche die Freiheiten der dort lebenden Aussteiger einschränkte. So wurde im Dezember 2005 von dem damaligen goanischen Chief Minister Wilfred D’Souza über ein Gesetz entschieden, das Rave- und Trancepartys und allgemein öffentliche Partys an Stränden nach 22 Uhr untersagt.Goa bans rave, trance parties, goanvoice.org.uk (englisch)