mini|300px|Haltern um 1647 (Kupferstich von Matthäus Merian)
Haltern am See (bis 2001 Haltern) ist eine mittlere kreisangehörige Stadt im Norden des Kreises Recklinghausen im Regierungsbezirk Münster in Nordrhein-Westfalen. Die Stadt liegt im nördlichen Ruhrgebiet, direkt angrenzend an das Münsterland. Der Stadtkern liegt unmittelbar nördlich der Lippe und damit im historischen Gebiet des Hochstifts Münster; einige Ortsteile im Süden liegen jedoch links der Lippe und gehörten historisch zum Vest Recklinghausen. Auch diese Teile sind jedoch naturräumlich dem Westmünsterland zuzuordnen.
Eingebettet in den Naturpark Hohe Mark-Westmünsterland ist Haltern umgeben von Waldgebieten und arm an Industrieansiedlungen. Der Halterner Stausee und die Waldgebiete Haard, Borkenberge und Hohe Mark werden als beliebte Naherholungsgebiete genutzt. Seit 1929 gehört das Kerngebiet der Stadt zum Kreis Recklinghausen und damit nominell zum Ruhrgebiet.
Geografie Räumliche Lage Die Lippe und deren Zufluss, die Stever, fließen durch Haltern und rahmen, zusammen mit dem See, das Kernstadtgebiet nach Südosten. Der Halterner Stausee und die sich etwas weiter östlich anschließende Talsperre Hullern sind mit ihren Zuflüssen Stever und Mühlenbach, dem Segelhafen und dem Seebad das Ziel zahlreicher Erholungssuchender. Die ausgedehnten Wälder der Haard, der Hohen Mark und der Borkenberge (auch unter Halterner Berge zusammengefasst) sind ebenso wie die Naturschutzgebiete Westruper, Holtwicker und Sebbelheide durch ein dichtes Netz von Wander-, Radwander-, Reit- und Spazierwegen erschlossen.
Der höchste Punkt mit ist der Waldbeerenberg in der Hohen Mark mit dem Fernmeldeturm; der niedrigste Punkt ist das Lippetal in Hamm-Bossendorf mit .Statistischer Jahresbericht 2006 der Stadt Haltern am See (PDF-Datei; 859 kB)
Stadtgliederung mini|hochkant=1.5|Karte des Deutschen Reiches 1:100.000 des heutigen Halterner Gebietes Ende des 19. Jahrhunderts;alle nebenstehenden Ortsteile kamen erst 1975 zur Stadt Haltern
Das Stadtgebiet gliedert sich in die Ortsteile (in Klammern die Einwohnerzahlen am 11. Februar 2022), nachgestellt zugehörige Weiler:Hauptsatzung der Stadt Haltern am See; auf Seite 14 eine Übersichtskarte über den Zuschnitt der Ortsteile (PDF; 520 kB) Haltern-Mitte (19.771); mit dem an die Kernstadt herangewachsenen Berghaltern (ehemals Bauerschaft Holtwick) auf: lippramsdorf.de im äußersten Südwesten Sythen (6.305); mit Lehmbraken, Uphusen, Stockwiese; das Sythener End im äußersten Nordosten gehört seit 1975 zu Hausdülmen Lippramsdorf (3.569); mit Freiheit im Osten, Eppendorf im Nordosten und Tannenberg im äußersten Nordnordosten (ehemalige Bauerschaft Eppendorf), den jüngeren Siedlungen Mersch im Süden und Hagelkreuz (Schabbrink) im Nordwesten sowie der verstreuten Bauerschaft Kusenhorst im äußersten Südwesten Hullern (2.379); mit Siedlung Overrath, Westrup, Antrup Hamm-Bossendorf (2.061); Bossendorf ist inzwischen das größere der beiden Dörfer Flaesheim (1.905); mit Westleven Lavesum (1.741); mit Lochtrup, Ontrup, Strünkede sowie Granat im äußersten Westen Holtwick (932); mit Lünzum im Osten, Hennewig im äußersten Osten, der jüngeren Siedlung an der Waldstraße in Richtung Kernstadt im Südosten sowie Bergbossendorf und, östlich davon, Annaberg im lippenahen äußersten Süden
mini|Gänsemarkt
Die mittelalterliche Struktur der Altstadt ist gut erkennbar, von der Bausubstanz sind nur noch versteckte Reste (z. B. Rathaus, Gänsemarkt) aus dieser Zeit erhalten. Trotzdem ergibt sich das Bild einer typisch münsterländischen Stadt.
In Flaesheim erinnert der Bereich um die alte Stiftskirche an das Leben vor einigen hundert Jahren, die Ortskerne Sythen, Lippramsdorf, Hullern und Lavesum sind hingegen moderneren Ursprungs. In Hamm-Bossendorf und Holtwick fehlt ein zentraler Ortskern.
Nachbarstädte Haltern grenzt an Datteln, Dorsten, Dülmen, Lüdinghausen, Marl, Oer-Erkenschwick, Olfen und Reken.
Damit grenzt Haltern als einzige Gemeinde im Kreis Recklinghausen an keine Großstadt.
Die räumliche Lage stellt sich wie folgt dar:
Geschichte Urgeschichte In einer Trockenentsandung in Haltern-Lavesum fand Horst Klingelhöfer von 2009 bis 2012 etwa hundert Feuersteinartefakte des späten Neandertalers an der Abbaukante, zumeist Abschläge. Anhand von Kernen ließ sich die typische Verwendung von Levallois-Konzepten belegen, eine Technik, mit der Abschläge und Klingen gewonnen wurden. Die Fundstätte wird mit Keilmessergruppen (vgl. Micoquien) in Verbindung gebracht.Michael Baales, Bernhard Stapel: Mittelpaläolithikum aus der Abbauwand – Haltern-Lavesum, in: Michael Baales, Hans-Otto Pollmann, Bernhard Stapel (Hrsg.): Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit, Münster 2013, S. 105.
Ebenfalls aus Lavesum stammen Artefakte aus der Jungsteinzeit. Dabei handelt es sich um zwei Klingen aus Rijckholt-Feuerstein – also aus den Niederlanden oder dem Rheingebiet – und einen Kratzer aus Chalzedon aus einem Vorkommen bei Bonn-Muffendorf. Sie wurden nicht nur über 100 km transportiert, sondern repräsentieren auch einige der frühesten Artefakte aus der Zeit der Wiederbesiedlung der Westfälischen Bucht nach der letzten Kaltzeit.Jörg Holzkämper, Andreas Maier: Die älteste Besiedlung der westfälischen Bucht am Ende der Weichsel-Kaltzeit, in: Michael Baales, Hans-Otto Pollmann, Bernhard Stapel (Hrsg.): Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit, Münster 2013, S. 115–117, hier: S. 116.
In die Allerød-Warmphase lassen sich 254 Silexartefakte aus Bergbossendorf datieren. Es handelt sich um ein geschlossenes Inventar, das aus einem kurzen Aufenthalt einer Jagdgruppe herrühren dürfte. Deren Vorgehen beschreibt Bernhard Stapel: „Wahrscheinlich wurden in 1,5 bis 2 km Entfernung anstehende Feuersteinknollen – und keineswegs an externen Schlagplätzen vorpräparierte Kerne – als Rohstücke in die Fundstelle gebracht. Diese zerlegte man vorzugsweise zu Klingen, aber auch zu Abschlägen. Anschließend erfolgte die weitere Verarbeitung zu einem breiten Spektrum an Gerätetypen.“Bernhard Stapel: Haltern-Bossendorf. Kurze Rast an der Lippe, in: Michael Baales, Hans-Otto Pollmann, Bernhard Stapel (Hrsg.): Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit, Münster 2013, S. 144 f., hier: S. 145.
In Haltern-Uphusen wurden ab 2015 geringe Überreste eines Einzelgehöfts mit Speicher (wohl ohne Tierhaltung) aus der frühen Eisenzeit ergraben, wie sie in Westfalen ansonsten nur aus Dorsten-Holsterhausen bekannt sind, dann aus Soest/Am Ardey sowie Rheda-Wiedenbrück/Nordrheda. Dort finden sich allerdings, im Gegensatz zu Haltern, keine Wandgräbchenhäuser mit umlaufenden Außenpfosten, wie sie in Uphusen anhand von Bodenspuren nachzuweisen waren. Sie sind aber aus den Niederlanden und aus Dänemark bekannt sowie aus Nordostniedersachsen.Bernhard Sicherl, Ute Koprivc: Aus gutem Grund auf gutem Grund – ein früheisenzeitliches Gehöft aus Haltern-Uphusen. Kreis Recklinghausen, Regierungsbezirk Münster, in: Archäologie in Westfalen-Lippe 2016 (2017) 48–51 (academia.edu).
Römische Herrschaft Entlang der Lippe zogen die Römer von Westen her immer wieder ins westfälische Hinterland und legten Militärlager in Holsterhausen, Haltern, Beckinghausen, Oberaden und Anreppen an. Das Vorhaben, Germanien zu einer römischen Provinz zu machen, scheiterte im Jahr 9 n. Chr. mit der Varusschlacht und endgültig 16 n. Chr. mit dem Verzicht des Tiberius auf die Unterwerfung des rechtsrheinischen Germanien nach den vergeblichen Germanicus-Feldzügen. Alle Lippelager, auch das in Haltern, wurden aufgelassen. Auf dem heutigen Stadtgebiet Halterns gab es mehrere teils befestigte Lager und Kastelle sowie einen Hafen an der Lippe. Das ehemalige römische Kastell Aliso wird im Römerlager Haltern vermutet. Viele Funde aus dieser Zeit sind im Westfälischen Römermuseum in Haltern ausgestellt.
Mittelalter Am 3. Februar des Jahres 1289 erhielt das damalige Halteren von seinem Landesherrn, dem Fürstbischof von Münster Everhard von Diest, die niederen Stadtrechte (Minderstadt), „quale in aliis opides nostris Coesvelt et Borken“Walter Vollmer: Westfälische Städtebilder. Berichte und Betrachtungen. C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1963, S. 216. (lat.: wie in unseren anderen Städten Coesfeld und Borken), und damit das Recht, eine Stadtmauer zu errichten, von der noch der Siebenteufelsturm erhalten ist. Der Verlauf der alten Wallanlagen lässt sich anhand der ringförmigen kleinen Wallstraßen um die Kernstadt erahnen (Straßen außerhalb des ehemaligen Walls: Alisowall, Schüttenwall usw.).
Neben vielen anderen Städten Westfalens war auch Haltern Mitglied der Hanse, und zwar vom 14. Jahrhundert bis 1611.Bernhard Riering: Haltern und die deutsche Hanse. In: Halterner Jahrbuch, Jg. 1988, Haltern 1987, S. 17–30; Nachdruck in: Hansestädte Lettlands und ihre Beziehungen zu Haltern und Westfalen. Katalog zur Ausstellung vom 10. Oktober bis zum 14. November 1992 in der Stadtbücherei Haltern. Haltern 1992, S. 15–28. Aktivitäten Halterner Bürger im Handelsbund der Hanse sind sogar noch weiter zurückzuverfolgen. Heute ist Haltern Mitglied im Internationalen Hansebund der Neuzeit sowie im Westfälischen Hansebund, die mit ihrer Neugründung in den 1980er Jahren die Hanse wiederbeleben wollten.hanse.org, abgerufen am 7. Dezember 2023.
Frühe Neuzeit und 19. Jahrhundert mini|Der Siebenteufelsturm von 1502
Ein Hochwasser zum Jahreswechsel 1569/1570 führte dazu, dass die Lippe ihr Bett verließ und ihren heutigen Verlauf, 900 Meter südlich des Stadtzentrums, einnahm. In einem vielbeachteten Hexenprozess wurde Bernhard Schwarte, Kötter aus der Bauerschaft Westrup, 1624 Opfer der Hexenverfolgungen in Lüdinghausen.
Nach der Säkularisation des Hochstifts Münster durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 gehörte Haltern bis 1806 zur Grafschaft Dülmen, von 1806 bis 1810 gehörte zum Herzogtum Arenberg-Meppen, von 1810 bis 1813 zum französischen Département Lippe. In dieser „Franzosenzeit“ gab es in Flaesheim eine Zentralrendantur, vergleichbar mit einer heutigen Kreisverwaltung.Ulrike Möllney: Haltern und die französische Revolution. In: Halterner Jahrbuch 1990 (Haltern 1989). Von 1813 bis 1815 gehörte Haltern zum Generalgouvernement zwischen Weser und Rhein und ab 1815 zur Provinz Westfalen im Königreich Preußen.
20. Jahrhundert Seit 1908 gab es in Haltern eine Pumpstation zur Förderung von Trinkwasser. Die Wassergewinnung ist stetig ausgebaut worden und hat mit der Vollendung des Hullerner Sees im Jahr 1985 ihren vorläufigen Endpunkt erreicht.
1929 wurde die Stadt Haltern, die bis dahin zum Kreis Coesfeld gehört hatte, durch das Gesetz über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets dem Kreis Recklinghausen zugeordnet.Max Schencking: Die kommunale Neugliederung im Vest Recklinghausen. In: Vestischer Kalender, Jg. 1930, S. 16–17, hier S. 17.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Haltern am 29. März 1945 von der 6th Guards Armoured Brigade der British Army, unterstützt von der 17. Luftlandedivision der US Army, eingenommen.Mary H. Williams: United States Army in World War II. Special Studies. Chronology 1941–1945, S. 458 und 460 (online), abgerufen am 7. Dezember 2023.
1963 wurde im Ortsteil Lippramsdorf der Schacht 8 der Zeche Auguste Victoria niedergebracht. Er war einer der letzten betriebenen Schächte des Ruhrbergbaus, geschlossen am 18. Dezember 2015. Der 1990 bei Haltern-Eppendorf in Betrieb gegangene Schacht 9 der Anlage wurde zur Bewetterung genutzt. Im Waldgebiet der Haard wurden 1980 die Schächte Haltern 1 und Haltern 2 des Bergwerks Blumenthal/Haard abgeteuft. Sie dienten bis 2006 vor allem der Seilfahrt.
21. Jahrhundert Seit dem 1. Dezember 2001 trägt Haltern offiziell den Namen Haltern am See.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2001