mini|hochkant|Eugen Gerstenmaier, 1960

Eugen Karl Albrecht Gerstenmaier (* 25. August 1906 in Kirchheim unter Teck; † 13. März 1986 in Oberwinter bei Remagen) war ein deutscher evangelischer Theologe und Politiker (CDU). Als Mitglied des Kreisauer Kreises war er in der Zeit des Nationalsozialismus in Pläne zum Attentat auf Adolf Hitler eingeweiht und wurde am 20. Juli 1944 verhaftet. 1945 organisierte er das Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland, das er bis 1951 leitete. 1949 bis 1969 war er Bundestagsabgeordneter für die CDU, von 1954 bis zu seinem Rücktritt 1969 Bundestagspräsident. Seine Amtszeit von 14 Jahren, 2 Monaten und 15 Tagen ist die bislang längste in der Geschichte des Deutschen Bundestages.

Leben

Kindheit und Ausbildung Eugen Gerstenmaier wurde als Sohn von Albrecht Gerstenmaier, einem Werkmeister in einer Klavierfabrik, und Albertine Gerstenmaier, geborene Lauffer, im württembergischen Kirchheim unter Teck geboren und besuchte dort auch die Grund- und Realschule. Nach dem Besuch des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart, einer kaufmännischen Lehre und einigen Jahren als kaufmännischer Angestellter in einem Industriebetrieb, holte Gerstenmaier das Abitur nach und studierte ab 1930 Philosophie, Literaturwissenschaft und Evangelische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen, der Universität Zürich und der Universität Rostock.Siehe dazu die Erstimmatrikulation sowie die Zweitimmatrikulation von Eugen Gerstenmaier im Rostocker Matrikelportal Sein wichtigster Lehrer war der konservativ-lutherische Theologe Friedrich Brunstäd in Rostock, bei dem er auch promovierte. Brunstäd, ein Nationalprotestant, war bis 1930 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei gewesen und dann aus ihr ausgetreten, als diese sich der NSDAP angenähert hatte.

Positionen im Kirchenkampf Im aufkommenden Kirchenkampf trat Gerstenmaier im Sommer 1933 als Studentensprecher der Theologischen Fakultät Rostocks öffentlich für Friedrich von Bodelschwingh ein, den die Kirchenleitungen der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) zum Reichsbischof ernannt hatten. 1934 initiierte er eine Protestnote der Rostocker Theologiestudenten gegen die im Oktober 1933 erfolgte Wahl des von Hitler und den Deutschen Christen (DC) favorisierten Ludwig Müller zum Reichsbischof. Daraufhin wurde er festgenommen und war 1934 vorübergehend in Haft. Kleinere Zusammenstöße mit lokalen Vertretern des NS-Studentenbundes wurden aktenkundig gemacht.Wolfgang Huber (Hrsg.): Positionen und Profile im Nachkriegsdeutschland. S. 69 ff. Ab Spätsommer 1933 nahm Gerstenmaier Verbindung zu Martin Niemöller auf und arbeitete mit diesem im Pfarrernotbund zusammen, einer Initiative gegen staatliche Übergriffe in den Raum der Kirche und zur Bewahrung der Freiheit der Verkündigung.Fabian von Schlabrendorff: Eugen Gerstenmaier im Dritten Reich, Eine Dokumentation. Stuttgart 1965, S. 15.

Im Jahr 1935 wurde Gerstenmaier in Rostock mit der Dissertation Schöpfung und Offenbarung über den ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses zum Dr. theol. promoviert. 1936 wurde er auf Rat seines Doktorvaters wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in dem von Theodor Heckel geleiteten Kirchlichen Außenamt der DEK. Hier baute er seine Dissertation zur Habilitationsschrift über das Thema Die Kirche und die Schöpfung aus, die er 1938 als Buch veröffentlichte. Darin schrieb er unter anderem:

Mit dieser staatskritischen Stellungnahme befand sich Gerstenmaier nahe bei Positionen mancher evangelischer Theologen der Bekennenden Kirche. Er teilte jedoch nicht die theologische Position des radikaleren „Dahlemer“ Flügels der Bekennenden Kirche, der durch die Christologische Lehre Karl Barths geprägt war, wohl aber die politische Forderung nach Freiheit der Verkündigung für die Kirche und die Ablehnung des Arierparagraphen. Seine theologische Position war der seines Zürcher Lehrers Emil Brunner nahe, bei dem er im Sommer 1934 studiert hatte. Seine Mitarbeit im Kirchlichen Außenamt wurde ihm gegenüber manchen Mitgliedern der Bekennenden Kirche und manchen Oppositionellen zur Belastung aufgrund der Regimenähe des Außenamtes und dessen staatsloyaler kirchlicher Außenpolitik. Der Außenamtsleiter Bischof Heckel hatte sich beispielsweise über Dietrich Bonhoeffer herabsetzend geäußert.Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. S. 581. Andererseits konnte Gerstenmaier später die Auslandsreisemöglichkeiten, die das Amt bot, im Dienste des Widerstandes nutzen.Joachim Fest: Staatsstreich, Der lange Weg zum 20. Juli. Berlin 1994.Henric L. Wuermeling: Sendemanuskript zur ARD Fernsehsendung Netzwerk vom 20. Juli 1994 über Adam von Trott zu Solz mit Aussagen von Zeitzeugen. 1942 wurde er als Konsistorialrat im Außenamt der Evangelischen Kirche Berlin fest angestellt; zuletzt war er OberkonsistorialratWalter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 372. a. D.

Nicht nur seine Verhaftung als Student erschwerte Gerstenmaiers weitere akademische Karriere. Er wurde zwar 1937 noch an der Universität Berlin habilitiert und dort Privatdozent, die Lehrbefugnis wurde ihm jedoch entzogenWalter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 372. und er erhielt keine staatliche Lehrerlaubnis (venia legendi). In einer Beurteilung von Regimevertretern, die bis auf seine Rostocker Studentenzeit zurückgriff, heißt es: „Es hat sich […] eindeutig gezeigt, dass G. ein fanatischer Anhänger der Bekenntniskirche ist, der sich aus dieser Anhängerschaft ganz klar gegen die nationalsozialistische Weltanschauung … gestellt hat. […] Lic. habil. Gerstenmaier ist aufgrund seiner buchstabenmäßigen kirchlichen Bindung Gegner des Nationalsozialismus als Weltanschauung.“ Der Reichsstudentenbund, Dienststelle Berlin, äußerte sich ähnlich: „Ich halte Gerstenmaier charakterlich für einen einwandfreien Mann, der aber ein Kämpfer für politische Ziele ist, die der nationalsozialistischen Bewegung absolut entgegen stehen.“Franz Möller: Eugen Gerstenmaier und die Bundesversammlung in Berlin 1969. In: Historisch-Politische Mitteilungen, Archiv für Christlich-Demokratische Politik. 9. Jahrgang, 2002, S. 118–119.

Später heißt es in einem Schreiben Reinhard Heydrichs als Chef der Sicherheitspolizei und des SD vom 18. April 1941 an das Auswärtige Amt: „Wie nachträglich bekannt wurde, ist Dr. Gerstenmaier seit mehreren Jahren als Referent für Fragen des Weltprotestantismus im Kirchlichen Außenamt tätig und steht der Bekenntnisfront nahe.“Fabian von Schlabrendorff. Eugen Gerstenmaier im Dritten Reich, Eine Dokumentation. Stuttgart 1965, S. 27. Das zunehmende Misstrauen der Behörden erstreckte sich nicht nur auf Gerstenmaier, sondern schließlich auch auf das kirchliche Außenamt und Heckel. So heißt es in einem Schreiben Heydrichs an Außenminister Ribbentrop vom 2. April 1942: „Bei dieser Gelegenheit [einer Balkanreise mit Dienstpass des Auswärtigen Amtes] versuchte Dr. Gerstenmaier, den ökumenischen Patriarchen bzw. den Vatikan dazu zu bewegen, auf die britische Regierung für die Lieferung von Getreide aus ägyptischen Häfen nach Griechenland [für die hungernde Bevölkerung] einzuwirken. […] Die Folge dieser Politik wird unter anderem sein, dass auch der deutsche Protestantismus, dessen antivölkische und antinationalsozialistische Haltung gerade während des Krieges immer wieder bewiesen werden konnte, mit Hilfe des Auslandes neuen Auftrieb erhält und deshalb mit erheblich größeren Forderungen dem Nationalsozialismus gegenübertreten wird. Bischof Heckel bietet nach meiner Auffassung in persönlicher Hinsicht nicht die Gewähr, die politischen Interessen im Ausland einwandfrei zu vertreten.“ Ribbentrop gab daraufhin Weisung, dass das Auswärtige Amt keinerlei Beziehungen mehr zu Heckel oder Gerstenmaier zu unterhalten habe.Fabian von Schlabrendorff. Eugen Gerstenmaier im Dritten Reich, Eine Dokumentation. Stuttgart 1965, S. 28–30.

Kreisauer Kreis 1939 wurde Gerstenmaier zur nebenamtlichen Mitarbeit in der kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes kriegsverpflichtet. Dort begegnete er seinen späteren Freunden aus dem Kreisauer Kreis, Hans Bernd von Haeften und Adam von Trott zu Solz.Eugen Gerstenmaier: Streit und Friede hat seine Zeit. Frankfurt 1981, S. 128 Sein Dienst verschaffte Gerstenmaier weitere Kontakte zu Staatsbeamten, die Hitlers Politik zunehmend kritisch beurteilten. Bereits im Juni 1940 plante er mit Fritz-Dietlof von der Schulenburg ein Attentat auf Hitler in Paris, das aber abgesagt werden musste.

1942 lud Helmuth James Graf von Moltke ihn in seine Widerstandsgruppe ein, den Kreisauer Kreis. Dieser strebte damals zwar einen Putsch und Regimewechsel an, lehnte aber ein Attentat auf Hitler noch ab. Gerstenmaier gehörte zu den wenigen, die für ein Attentat auf Hitler plädierten.Joachim Scholtyseck: Referat über Gerstenmaiers Rolle im Widerstand. In: FAZ, 30. Juni 2006, S. 12 Als Mitglied dieser Gruppe besuchte Gerstenmaier im Sommer 1942 Schweden, traf dort Bischof Yngve Torgny Brilioth und informierte diesen über die deutschen Widerstandspläne. Zwischen Moltke und dem Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Württembergs, Theophil Wurm, wie auch dem Oberregierungsrat Peter Graf Yorck von Wartenburg, der ebenfalls dem Kreisauer Kreis angehörte, arrangierte Gerstenmaier 1942 und 1943 Begegnungen in Berlin. Wurm kam so über den Kirchenkampf hinaus mit führenden Personen der Widerstandsbewegung in Verbindung und erhielt im Januar 1944 in Stuttgart auch Kenntnis von einer Proklamation, die Moltke nach gelungenem Putsch veröffentlichen wollte.

Am 20. Juli 1944 hielt sich Gerstenmaier „mit Pistole und Taschenbibel“ im Berliner Bendlerblock auf, um den Umsturzversuch nach dem Attentat auf Hitler zu unterstützen. Dort wurde er verhaftet und vom Volksgerichtshof am 11. Januar 1945 als einer der wenigen Widerstandskämpfer, der Nichtanzeige seiner Kenntnisse über den Widerstand beschuldigt, nicht zum Tod, sondern unter Vorsitz des Präsidenten des Volksgerichtshofs Roland Freisler zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, obwohl der Vertreter des Oberreichsanwaltes beim Volksgerichtshof (Anklagevertreter) die Todesstrafe beantragt hatte. In der mündlichen Begründung des für Freislers Verhältnisse milden Urteils führte er aus, Gerstenmaier sei „weltfremd und unter Umständen noch für die Gemeinschaft wiederzugewinnen“.Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Opposition gegen Hitler und der Staatsstreich vom 20. Juli 1944. Stuttgart 1989 Der stellvertretende Reichspressechef Helmut Sündermann und dessen Frau sollen sich auf Bitten von Gerstenmaiers Schwester Hanna für Gerstenmaier bei Freisler eingesetzt haben.Fabian von Schlabrendorff. Eugen Gerstenmaier im Dritten Reich, Eine Dokumentation, Stuttgart 1965, S. 35, 36Leserbrief von York Christian Gerstenmaier an die FAZ, abgedruckt am 8. Juli 2006 Am 14. April 1945 befreiten die amerikanischen Truppen Gerstenmaier aus dem Zuchthaus Bayreuth, ehe die Nationalsozialisten die dort einsitzenden politischen Gefangenen erschießen konnten.

Nachkriegszeit