Die Alte Geschichte ist im Fächerkanon der an Universitäten gelehrten Geschichtswissenschaft derjenige Teil, der die „klassische“ griechisch-römische Antike behandelt. Wissenschaftler, die sich mit Alter Geschichte befassen, werden Althistoriker genannt. mini|hochkant=1.5|Raum der Alten Geschichte: Der Mittelmeerraum mit der griechisch-römischen Kultur ist ein wesentlicher Bezugsrahmen des Faches.
Die Alte Geschichte bildet ein eigenes Fach innerhalb der Geschichtswissenschaften und kann an den meisten Universitäten im deutschsprachigen Raum studiert werden; an fast allen deutschen Hochschulen ist die Alte Geschichte dabei integraler Bestandteil der historischen Studiengänge einschließlich des Lehramtsstudiums. Eine Promotion ist vielerorts möglich, Bachelorstudiengänge speziell für Alte Geschichte werden hingegen nur an wenigen deutschen Universitäten angeboten, namentlich in Heidelberg und Rostock. Manchmal ist das Fach dabei institutionell auch in altertumswissenschaftlichen Instituten angesiedelt, etwa in Kiel oder Halle.
In der deutschen Hochschulpolitik ist die Alte Geschichte mit insgesamt 72 Professuren an 52 Universitäten als Kleines Fach eingestuft.Siehe die Seite der Arbeitsstelle Kleine Fächer über die Alte Geschichte, abgerufen am 2. Juli 2025.
Inhalte und Abgrenzung Grundsätzlich kann gesagt werden, dass die Alte Geschichte alle Gebiete und Zeitabschnitte zum Gegenstand hat, die zur antiken griechischen oder römischen Kultur gehörten bzw. mit dieser in unmittelbarem Kontakt standen. Die weitaus meisten Althistoriker forschen heute über die Zeit zwischen ca. 800 v. und ca. 600 n. Chr.
Die Alte Geschichte beschäftigt sich dabei – im Unterschied zur Klassischen Archäologie und zur Ur- und Frühgeschichte – vornehmlich mit den schriftlichen Hinterlassenschaften der Menschen, auch wenn Althistoriker gegebenenfalls auch nicht-schriftliche Quellen auswerten: Im Mittelpunkt althistorischer Forschung steht die Auswertung antiker Texte.
In der Praxis „beginnt“ die Alte Geschichte heute daher frühestens mit der mykenischen Kultur (um 1600–1000 v. Chr.); denn damals verwendete man die Linearschrift B, um ein frühes Griechisch zu schreiben. Da nur sehr wenige Althistoriker diese Schrift lesen können, wird die wesentliche Zäsur jedoch durch die Übernahme des Alphabets durch die Griechen im frühen 8. Jahrhundert v. Chr. markiert. Die große Mehrheit der Althistoriker forscht daher über die Zeit ab ca. 800 v. Chr., jedoch befassen sich einige auch mit der vorangehenden Zeit (griechische „dunkle Jahrhunderte“ und minoisch-mykenische Zeit), die insgesamt aber vorwiegend von Archäologen erforscht wird. mini|hochkant=1.5|Ausdehnung der griechischen Kultur (blau) und der Phönizier (rot) um 550 v. Chr. im Mittelmeerraum und im angrenzenden Schwarzmeergebiet.
Der von der Alten Geschichte bearbeitete Zeitraum „endet“ mit dem Übergang der Spätantike ins Mittelalter, der verschieden angesetzt wird: Traditionell datierte man das Ende der Antike oft auf 476, das Jahr der Absetzung des Usurpators Romulus Augustulus als letztem in Italien herrschenden römischen Kaiser. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich dies durch das stark gestiegene Forschungsinteresse an der Spätantike deutlich verschoben: Heute wählt man in der Regel frühestens den Tod Kaiser Justinians (565), meist aber erst den Beginn der Islamischen Expansion (632) oder den Tod des Kaisers Herakleios (641) als markantesten Einschnitt; teils werden sogar noch spätere Zäsuren angesetzt („lange Spätantike“). Die Übergangszeit von der Antike zum Mittelalter wird dabei nicht nur von der Alten Geschichte, sondern auch von der Byzantinistik und Frühmittelalterforschung behandelt. Der Berichtszeitraum der Année philologique, der wichtigsten altertumswissenschaftlichen Bibliographie, reicht vom zweiten vorchristlichen Jahrtausend bis zum Jahr 800 n. Chr. miniatur|hochkant=1.5|Das Römische Reich zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung unter Trajan. Die von diesem Kaiser eroberten Gebiete im Osten standen allerdings nur kurze Zeit unter römischer Herrschaft.
In geographischer Hinsicht gehören zum „Kerngebiet“ der Alten Geschichte alle Regionen, die Teil des Römischen Reichs zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung unter Kaiser Trajan im Jahr 117 n. Chr. waren. Dies ist aber nur eine Faustregel: Althistoriker, die sich mit dem Hellenismus befassen, blicken im Osten unter Umständen bis Vorderindien, da diese Gebiete zum Alexanderreich und zeitweilig auch zum Herrschaftsbereich der Seleukiden und anderer makedonischer Dynastien zählten. Die Alte Geschichte ist damit im Wesentlichen die Geschichte Griechenlands und Roms (bzw. der Mittelmeerwelt) sowie der Kontakte der Griechen und Römer zu ihren Nachbarvölkern (Karthager, Germanen, Perser etc.). Dabei ist die Eingrenzung des Faches weniger inhaltlich als vor allem durch Konvention und Herkommen begründet. mini|350px|Das Reich Alexanders des Großen in seiner territorialen Ausdehnung im Jahr seines Todes 323 v. Chr.
Entstehung und Entwicklung der Fachrichtung Als eigene Disziplin entstand die Alte Geschichte in den Jahren um 1830. Im 19. Jahrhundert, das als das historisierende Jahrhundert schlechthin angesehen werden kann, nahmen die Geschichtswissenschaft (vor allem in Deutschland) und die Archäologie einen gewaltigen Aufschwung. Mehrere hoch angesehene Wissenschaftler (Müller, Lepsius, Niebuhr, Curtius, Mommsen u. a.) dehnten ihre Forschungen auf immer weitere Regionen und Forschungsgebiete aus. Damit standen sie in der Tradition der frühneuzeitlichen Universalgeschichte, die sie mit Ansätzen aus der klassischen Philologie verbanden. Vor allem in der angelsächsischen Forschung ist die Alte Geschichte bis heute weniger scharf von der Altphilologie getrennt als in Deutschland; beide Disziplinen bilden in den USA und Großbritannien daher oft gemeinsam die Classics. mini|links|Herodots Historien (entstanden um 430 v. Chr.) gelten als der Beginn der antiken Geschichtsschreibung, deren Auswertung für Althistoriker von zentraler Bedeutung ist. Hier eine um 1400 entstandene Handschrift mit eigenhändigen Korrekturen des Humanisten Lorenzo Valla.
Bemerkenswerterweise separierte sich als erstes die Mediävistik als eigene Disziplin von der übrigen Geschichtswissenschaft, so dass anfangs Forscher wie Johann Gustav Droysen sowohl über die Antike als auch über die Neuzeit arbeiteten; erst in einem zweiten Schritt trennten sich dann auch Alte und Neue Geschichte. Dabei war zu beobachten, dass die Alte Geschichte sich zunächst auch mit Regionen befasste, die heute nicht mehr zum Kerngebiet des Faches zählen. Die Geschichte des alten Ägyptens, Mesopotamiens, Irans und Anatoliens wurde teilweise in das Fach einbezogen, so dass die Alte Geschichte für einige Gelehrte neben der Geschichte des griechisch-römischen Altertums auch die Geschichte des Alten Orients umfasste: Außer Griechen und Römern spielten also auch jene Völker, die im Alten Testament erwähnt werden, zunächst noch eine wichtige Rolle. Die wirkliche Beherrschung des gewaltigen Gebiets der Geschichte der Alten Welt (also Europas, Nordafrikas sowie des Vorderen und Mittleren Orients) samt den dazu erforderlichen Hilfswissenschaften, namentlich der diversen antiken Sprachen und Schriften (Sumerisch, Akkadisch, Babylonisch, Persisch, Koptisch, Aramäisch, Griechisch, Lateinisch, diverser anatolischer Sprachen; Keilschriften, Hieroglyphen, Minoische, Phönizische und Griechische Schrift, Linear B usw.), überstieg aber die Möglichkeiten eines einzelnen Wissenschaftlers. Gerade der gewaltige Wissenszuwachs seit 1800 führte daher notgedrungen zu einer zunehmenden Spezialisierung der Forscher. mini|Antike Inschriften sind eine wichtige Quelle der Alten Geschichte; hier ein Fragment der Res gestae divi Augusti.
Im 19. Jahrhundert gab es zwar noch einzelne Gelehrte, die die Fülle des Fachs in seiner Gesamtheit noch überblickten und auch wenigstens in Grundzügen und ansatzweise die erforderlichen Kenntnisse in den Einzeldisziplinen hatten. Als letzter dieser Universal-Altertumswissenschaftler gilt Eduard Meyer. Im Zuge der „Professionalisierung“ der Wissenschaft kam es dann aber zu einer wichtigen Weichenstellung: Da die wichtigsten altorientalischen Sprachen um 1800 noch nicht entziffert waren, konnte man der damals erhobenen Forderung, die schriftlichen Quellen in den Mittelpunkt der Forschung zu stellen, hier noch nicht nachkommen – und als Hieroglyphen und Keilschriften dann entschlüsselt worden waren, hatte sich bereits eine zunehmende Beschränkung der Alten Geschichte auf Griechen und Römer ergeben, deren Sprache damals die meisten Gebildeten sicher beherrschten.Siehe Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer: Orientalismus? Die Rolle des Alten Orients in der deutschen Altertumswissenschaft und Altertumsgeschichte des 19. Jahrhunderts (ca. 1785–1910). In: Robert Rollinger, Andreas Luther, Josef Wiesehöfer (Hrsg.): Getrennte Wege? Kommunikation, Raum und Wahrnehmungen in der Alten Welt, Frankfurt am Main 2007, S. 501–594. An dieser Beschränkung des Faches hat sich bis heute trotz mancher gegenläufiger Tendenzen im Kern nichts geändert (s. o.).
Dies mag man durchaus bedauern, da die Fächer der Orientalistik, darunter Assyriologie und Iranistik, heute viel eher archäologisch und philologisch ausgerichtet sind, nicht aber primär historisch. Das Fach Alte Geschichte konzentrierte sich seit dem 19. Jahrhundert mehr und mehr ausschließlich auf die griechische und römische Geschichte (nebst den Kontakten zu den Nachbarvölkern) und bildet aus diesem Grund zusammen mit der Klassischen Philologie und Klassischen Archäologie das übergreifende Sachgebiet Klassische Altertumswissenschaft. Dabei ist das Fach Alte Geschichte bis heute viel stärker als die anderen historischen Disziplinen von den Methoden der Altphilologie geprägt, die ihre Wurzeln wiederum im Humanismus und der mittelalterlichen Bibelexegese hat. mini|180px|Auch die Auswertung antiker Münzen ist für Althistoriker von Bedeutung; hier eine Münze des indo-griechischen Königs Straton I. mit zweisprachiger Legende.
Zur weitgehenden Beschränkung auf die Geschichte der Griechen und Römer trug nicht zuletzt auch der Umstand bei, dass die antike Zivilisation dieser Völker seit dem späten 18. Jahrhundert als Vorbild und Ideal galt – lange Zeit verbunden mit einer ausdrücklichen oder impliziten Abwertung der Leistungen und des Einflusses anderer Hochkulturen des Altertums. Ausgehend von der französischen Querelle des Anciens et des Modernes („Streit der Anhänger der Alten und der Anhänger der Moderne“) hatte sich das Fach Alte Geschichte schließlich auf einem Gebiet etabliert, das die Anhänger des aufgeklärten Zeitalters der Moderne bei aller Begeisterung für die aufstrebende Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie ihrer Zeit den Bewunderern der Alten (das heißt der alten Griechen und Römer) mehr oder weniger widerstrebend überlassen hatten. Auf dem Gebiet der schönen Künste und Wissenschaften wurde so im 19. Jahrhundert der beispielgebende und Maßstäbe setzende Charakter des „Klassischen“ Altertums zumindest in Europa und Nordamerika weiterhin anerkannt. Ein Hauptzug und wesentlicher Inhalt der Deutschen Klassik bestand gerade darin, durch Erforschung und wissende Aneignung des Klassischen Altertums – in Deutschland vornehmlich des griechischen – die eigene Kultur überhaupt erst auf das ihr erreichbare Niveau zu heben. So schrieb Wilhelm von Humboldt (1807):