mini|Das erste bayerische Regelbuch von 1879 Als deutsche Rechtschreibung wird die Rechtschreibung der deutschen Standardsprache bezeichnet. Die im offiziellen Schriftverkehr, das heißt für Behörden und Schulen, derzeit verbindliche Rechtschreibung wird seit der Rechtschreibreform von 1996 mit einem offiziellen Regel- und Wörterbuch festgelegt. Dies geschieht seit der Ausgabe von 2006 durch den Rat für deutsche Rechtschreibung. Regelungen über die richtige Schreibung für den Unterricht in den Schulen fallen in die Zuständigkeit der Länder.

Merkmale deutscher Rechtschreibung Während im Deutschen aus dem geschriebenen Wort in der Regel seine Aussprache abgeleitet werden kann, ist das umgekehrt nur bedingt der Fall. Dies liegt an der Groß- und Kleinschreibung, den zu setzenden Dehnungszeichen und Doppelkonsonanten und weiteren Erschwernissen wie zum Beispiel den unterschiedlichen Schreibweisen, die für den Lautwert des Buchstaben x gewählt werden müssen.

Schreibung von Substantiven Substantive und substantivierte Wörter werden großgeschrieben. Zusammengesetzte Wörter, insbesondere Substantive werden zusammengeschrieben, so Haustür oder Tischlampe. Alternativ ist bei langen Zusammensetzungen eine Schreibung mit Bindestrich möglich. Bindestriche stehen bei langen Zusammensetzungen und um das Aufeinandertreffen vieler gleicher Laute zu vermeiden, z. B. „Tee-Ernte“. Bilden ein Substantiv und ein zugehöriges Adjektiv zusammen einen feststehenden Begriff, so werden beide Wörter großgeschrieben, z. B. Westfälischer Friede.

Dehnungszeichen Das lange i wird oft durch den Doppellaut ie wiedergegeben, so die, sie, Liebe, hier. Der Doppellaut basiert teilweise auf dem mittelhochdeutschen Diphthong /iə/, der im frühen Hochdeutsch verloren ging (so bei mhd. liebe und hier). Oft ist dies jedoch nicht der Fall und die ie-Dehnung erscheint erst im späteren Neudeutsch, so z. B. die, viel, Friede (mittelhochdeutsch di, vil, vride). In den Wörtern Viertel, vierzehn, vierzig gibt das ie einen kurzen Vokal wieder. Ie steht nie am Anfang eines Wortes, so heißt es z. B. Igel oder Ire. Auch ein stummes h zeigt Vokaldehnung an. Gelegentlich lässt sich das h etymologisch erklären, so z. B. in sehen und zehn (mhd. sëhen und zëhen/zên). In anderen Wörtern hat es jedoch keine etymologische Begründung, so z. B. in gehen oder mahlen (mhd. gen, maln). Gelegentlich folgt das Dehnungs-h noch auf ein Dehnungs- ie oder einen bereits langen Diphthong. Dies kann etymologisch begründet sein wie in Vieh (mittelhochdeutsch vihe) oder rauh (mhd. ruh) oder auch nicht. Die Buchstaben a, e, o werden gelegentlich verdoppelt, um eine Dehnung anzuzeigen, so in Saat, See oder Moor.

Doppelkonsonanten Ein Doppelkonsonant nach einem Vokal zeigt an, dass der Vokal kurz ist, so wird das a in Kamm kurz und in kam lang gesprochen. Der Konsonant k wird nicht verdoppelt, sondern durch ck ersetzt. Der Konsonant z wird ebenfalls nicht verdoppelt, sondern durch tz ersetzt. Das scharfe ß zeigt ebenfalls einen langen Vokal an.

X-Laute Der Buchstabe x wird für alte deutsche Wörter selten verwendet. Ausnahmen sind die Wörter Hexe, Axt und Nix oder Nixe. Häufig ist der Buchstabe x bei Lehnwörtern wie Text, Mixtur, Taxi oder Xylophon. Für den x-Laut werden in der Regel andere Buchstabenkombinationen verwendet, wie:

chs: häufig in alten deutschen Wörtern, insbesondere Tiernamen, entspricht der mittelalterlichen Buchstabenkombination hs. Beispiele sind Fuchs, Dachs, Lachs, Ochse, Wachs, wachsen, wechseln (mhd. vuhs/fuhs, dahs, lahs, ohse, wahs, wahsen, wëhseln).Mittelhochdeutsches Handwörterbuch von Matthias Lexer. Stichwörter vuhs, dahs, lahs, ohse, wahs, wahsen, wëhseln. ks und cks: in wenigen Wörtern wie Keks, Koks, piksen, Klecks, Mucks, Knicks (in der Regel englische oder niederdeutsche Wortherkunft) gs: in Wörtern wie unterwegs, längs

Teilweise gehört das s zur Wortendung (für Adverbien) eines auf g, k oder ck auslautenden Wortstamms, wie bei unterweg-s, link-s.

Regelungen für das Setzen von Dehnungszeichen und Doppelkonsonanten haben sich im Laufe der Zeit immer wieder geändert, wie der folgende Abschnitt über die Geschichte zeigt, und waren auch Gegenstand der Rechtschreibreform von 1996.

Geschichte Vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert Die ersten erhaltenen schriftlichen Zeugnisse der deutschen Sprache stammen aus dem 8. Jahrhundert (siehe Deutschsprachige Literatur). Das lateinische Alphabet diente als Grundlage für die Verschriftung. Dabei war die Schwierigkeit zu überwinden, dass es nicht für alle deutschen Laute, zum Beispiel die Umlaute, eigene Schriftzeichen gab. Um das Jahr 1000 legt Notker von St. Gallen seiner Rechtschreibung phonetisch-phonologische Beobachtungen zugrunde (Notkersches Anlautgesetz). Die Interpunktion entwickelt sich ab dem Hochmittelalter. Ab 1300 wird die Virgel als Satzzeichen genutzt, und Großbuchstaben werden allmählich eingesetzt, um Anfänge zu markieren. Ab dem 14. Jahrhundert verdrängte das Deutsche zunehmend das Lateinische als Kanzleisprache.

Mittelhochdeutsche Texte sind einfach und phonetisch geschrieben. Die Dehnungs- und Doppelbuchstaben, die die heutige Rechtschreibung erschweren, gibt es nicht oder kaum. Lang gesprochene Vokale werden (in modernen Ausgaben) gelegentlich mit einem Zirkumflex (^), Makron (¯) oder ähnlich gekennzeichnet. So hat Wolfram von Eschenbach nach Karl Lachmanns Ausgabe di, si, in, im, ir, himel, snel, kan, sêle, hâr, lêre, êre statt wie heute üblich die, sie, ihn, ihm, ihr, Himmel, schnell, kann, Seele, Haar, Lehre und Ehre. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann und mit Einführungen von Bernd Schirok. mini|Ausschnitt aus der Lutherbibel (Adam und Eva)

Mit dem Buchdruck wurde die Frakturschrift in Deutschland üblich. Bei Luther sind die heute üblich gewordenen Dehnungen und Dopplungen größtenteils bereits anzutreffen. Eine Unterscheidung zwischen dass und das gibt es bei Luther jedoch noch nicht, wie ja auch unsere Nachbarländer keine solche Unterscheidung treffen (mittelalterliches Latein beides quod: z. B. videtur quod non bei Thomas von Aquin, Englisch beides that, Französisch beides que). In Luthers Bibelübersetzung (Adam und Eva) heißt es:„UND Gott der HERR sprach / Es ist nicht gut das der Mensch allein sey/ Ich will jm ein Gehülffen machen / die umb jn sey. Denn als Gott der HERR gemacht hatte von der Erden allerley Thier auff dem Felde / und allerley Vogel unter dem Himel / bracht er sie zu dem Menschen / das er sehe / wie er sie nennet / Denn wie der Mensch allerley lebendige Thier nennen würde / so solten sie heissen. Und der Mensch gab einem jglichen Vieh / und Vogel unter dem Himel / und Thier auff dem felde / seinen namen / Aber fur den Menschen ward kein Gehülffe funden / die umb jn were.“ mini|Adam Ries: Auf der Linien Die Betonung von zahlreichen Wörtern und meist von Substantiven durch Großschreibung findet man bei Luthers Zeitgenossen Adam Ries nicht. Er schreibt in seinem bereits 1518 erschienenen Werk vom Rechnen auf der linihen außer Satzanfängen alles klein. Auch er kennt keine Unterscheidung zwischen dass und das:„So nun mehr dan vier ziffer bey eynander stehen / wollest die aussprechen / so setze auff das tausent ein puncktlein / das ist auff die vierde ziffer / von der rechten handt gen der lingken / und heb daran widderumb an zu zelen / eyns / zigk / oder zehen ec. So lang byß zum ende hyn auß. Als dan hebe an auß zusprechen von der lingken gegen der rechten hand. Die dritte ziffer das ist das hundert nenne allein / darnach die ander und erste mit einander alle.“Luthers Bibelübersetzung hatte ab 1522 einen sehr großen Einfluss auf die hochdeutsche Schriftsprache. Diese basierte wiederum nach Luthers Aussage auf der sächsischen Kanzleisprache.

In Texten des 16. bis 18. Jahrhunderts finden sich noch in großer Zahl Doppelkonsonanten an heute nicht mehr gebräuchlichen Stellen, so zum Beispiel „auff“ statt „auf“ oder „Kampff“ statt heute „Kampf“. Anstelle der Verdoppelung wurden bei bestimmten Konsonanten auch Kombinationen mit anderen Konsonanten verwendet, die noch heute gebräuchlich sind, etwa tz statt zz, ck statt kk oder dt statt dd. Außerdem verwendete man manchmal die Schreibweisen aw statt au, äw statt äu, ew statt eu sowie ay statt ai, ey statt ei bei mit diesen Diphthongen auslautenden Silben (zum Beispiel „new“ statt „neu“; das „W“ ist dabei noch als das ursprüngliche „Doppel-U“ zu verstehen). Diese in der Rechtschreibung seit rund 200 Jahren nicht mehr verwendeten alten Formen (sog. Letternhäufelung) sind teilweise noch in Familien- und Ortsnamen (zum Beispiel „Pfeiffer“, „Speyer“) sowie in den Namen der Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg erhalten.

Ein Beispiel für die Rechtschreibung des 17. Jhdts. bietet der 1668 erschienene Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus“ von Grimmelshausen. Die Groß- und Kleinschreibung folgt dort im Wesentlichen bereits modernen Regeln. Die Konjunktion daß wird vom Relativpronomen das unterschieden. Die Satzzeichen entsprechen jedoch noch dem Schriftbild bei Luther. Der Anfang des Romans lautet:„ES eröffnet sich zu dieser unserer Zeit (von welcher man glaubt / daß es die letzte seye ) unter geringen Leuten eine Sucht / in deren die Patienten / wann sie daran kranck ligen / und so viel zusammengeraspelt und erschachert haben / daß sie neben ein paar Hellern im Beutel / ein närrisches Kleid auff die neue Mode / mit tausenderley seidenen Banden / antragen können / oder sonst etwan durch Glücksfall mannhafft und bekant worden / gleich Rittermässige Herren / und Adeliche Personen von uhraltem Geschlecht seyn wollen; da sich doch offt befindet / daß ihre Vor-Eltern Tagelöhner / Karchelzieher und Lastträger : ihre Vettern Eseltreiber : ihre Brüder Büttel und Schergen : ihre Schwestern Huren : ihre Mütter Kupplerin / oder gar Hexen : und in Summa …“mini|Aus Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, 1731 Die Rechtschreibung am Anfang des 18. Jhdts. demonstriert die 1731 im Druck erschienene „Lebens-Beschreibung Herrn Gözens von Berlichingen, Zugenannt mit der Eisern Hand“. Hier werden bereits die heute üblichen Satzzeichen verwendet, ey- und ay-Laute finden sich nur noch selten, aber für „auf“ heißt es wahlweise „auff“, „uf“ oder „uff“. Dopplungen und Dehnungen entsprechen nicht dem heutigen Gebrauch. Einen guten Eindruck einer Schreibweise des späten 18. Jahrhunderts vermittelt der aus vielen Quellen in Originalorthographie verfügbare „Urfaust“Urfaust in fast-originaler Schreibweise (ohne Lang-s) Goethes.

Bis ins 18. Jahrhundert und darüber hinaus gab es keine allgemein verbindliche Rechtschreibung. Jede Person schrieb im Rahmen allgemeiner Regeln spontan so, wie sie es persönlich gerade für richtig hielt. Wenn sie sich nicht sicher war, änderte sie die Schreibweise unter Umständen im selben Text, wenn nicht sogar im selben Satz. Dabei orientierte sie sich neben der eigenen Schulbildung an verschiedensten Vorbildern, insbesondere auch an den amtlichen Bekanntmachungen. Auf diese Weise bildeten sich – ausgehend von den staatlichen Kanzleien – Trends und regionale Unterschiede heraus. Sie führten ab etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts dazu, dass man sich von den alten Verdoppelungsregeln langsam immer mehr verabschiedete.

1788 veröffentlichte Johann Christoph Adelung Orthographievorschläge, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Grundlage für den Rechtschreibunterricht in den deutschen Schulen bildeten. Sie schränkten unter anderem den bis dahin oft überschwänglichen Gebrauch des ß ein, waren aber im Detail nicht unwidersprochen.

19. Jahrhundert mini|Seite aus dem Manuskript Jacob Grimms zum Deutschen Wörterbuch links|mini|Wohnhausdetail Ende 19. Jahrhundert