Dieser Artikel resümiert Argumente, die in der öffentlichen Debatte Pro und Kontra die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 angeführt wurden.

Ziele der Reform Vereinfachung des Schreibenlernens Erklärtes Ziel der Rechtschreibreform war es, das Schreiben und das Schreibenlernen zu erleichtern.Peter Gallmann, Horst Sitta: Handbuch Rechtschreiben (PDF; 169 kB), 1996, S. 16. Ob die reformierten Regeln diese Forderung tatsächlich erfüllen, ist umstritten. Die Modifikationen von Regeln nach 1996, Reaktionen auf inhaltliche Kritik und den Vorwurf mangelnder demokratischer Legitimation der Reform, werden als Quelle zusätzlicher Verunsicherung beklagt. Kritiker behaupten außerdem, die Lesbarkeit habe unter der Reform gelitten. Sie sei wesentlich wichtiger als eine – eventuell erleichterte – Schreibbarkeit.Theodor Ickler: Die sogenannte Rechtschreibreform – Ein Schildbürgerstreich (PDF; 750 kB). Leibniz-Verlag, St. Goar 1997, ISBN 3-931155-09-9, S. 67.

Aufbrechen des Dudenprivilegs Der damalige Vorsitzende der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, Karl Blüml, zugleich Mitarbeiter des „Österreichischen Wörterbuchs“, äußerte im Jahr 1998: „Das Ziel der Reform waren gar nicht die Neuerungen. Das Ziel war, die Rechtschreibregelung aus der Kompetenz eines deutschen Privatverlags in die staatliche Kompetenz zurückzuholen und das Erlernen der Schreibung zu erleichtern.“Der Standard, Wien, 31. Januar / 1. Februar 1998, S. 13.

Kritik am Zustandekommen der Reform Kritiker werfen der Kultusministerkonferenz vor, dass die Zusammensetzung der Kommission der Sache nicht dienlich gewesen sei, indem ihr zahlreiche Fachleute angehörten, die in ihrem Fach für isolierte und ungewöhnliche Meinungen bekannt seien.

Günther Drosdowski, der ehemalige Leiter der Dudenredaktion, schrieb 1996 in einem Brief an Theodor Ickler: „in der Rechtschreibkommission und in den Arbeitsgruppen herrschten mafiaähnliche Zustände. Einige Reformer hatten von der Verschriftung der Sprache und der Funktion der Rechtschreibung für die Sprachgemeinschaft keine Ahnung, von der Grammatik, ohne die es bei Regelungen der Orthographie nun einmal nicht geht, sowieso nicht.“, „ein Rüpelstück schon allein die Besetzung“.Theodor Ickler: Regelungsgewalt. Hintergründe der Rechtschreibreform. (PDF; 1,9 MB) Leibniz-Verlag, St. Goar 2004, ISBN 3-931155-18-8, S. 177.Brief von Günther Drosdowski an Theodor Ickler, Mannheim, 10. November 1996, .

Anfang 2003 wurde in der Süddeutschen Zeitung darauf hingewiesen, dass einige Mitglieder der Kommission ein wirtschaftliches Interesse an der Rechtschreibreform hatten.

Zudem habe sich die Politik zu eilig dazu hinreißen lassen, weil der Bertelsmann-Verlag bereits dadurch Tatsachen geschaffen hatte, dass er schon vor der Unterzeichnung des Wiener Abkommens die Auflage fertig gedruckt hatte. Außerdem habe die Politik die Zusage gebrochen, dass die Reform zurückgenommen werde, sobald in einem Bundesland die Rechtschreibreform per Volksentscheid gekippt würde.

Argumente für die Rechtschreibreform von 1996 Die hessische Kultusministerin Karin Wolff veröffentlichte im September 2004 die folgenden Argumente als „10 gute Gründe für die Rechtschreibreform“:Karin Wolff: .

Einfachheit der Rechtschreibung Alte Rechtschreibung – viele Ausnahmen untergraben die Regeln Neue Rechtschreibung – bessere Erlernbarkeit und Handhabbarkeit Das Stammprinzip wird gefestigt Neue s-Schreibung Keine Streichung beim Zusammentreffen von drei Konsonanten Getrenntschreibung wird geregelt Großschreibung von Substantiven wird gestärkt Kleinschreibung bei festen Verbindungen von Adjektiv und Substantiv wird festgelegt Trennung nach Sprechsilben

Eine kritische Betrachtung dieser Argumente durch Thomas Paulwitz findet sich auf den Seiten der Deutschen Sprachwelt.Thomas Paulwitz: Zehn faule Gründe für die Rechtschreibreform. In: Deutsche Sprachwelt, 19. August 2004. Punkt 9 sowie die Abtrennung einzelner Buchstaben gemäß Punkt 10 sind seit der Überarbeitung der Reformregeln durch den Rat für deutsche Rechtschreibung im Jahr 2006 hinfällig.

Argumente gegen die Rechtschreibreform von 1996

Deskription kontra Präskription Die Reformkritiker wenden sich gegen die Sprachnormung bzw. Präskription, d. h. gegen die willkürlichen und undemokratischen Eingriffe der Reformer in die Rechtschreibung und damit in die natürliche Sprachentwicklung. Sie fordern die Beibehaltung der bisherigen Methode der Deskription, d. h. eine differenzierte Beschreibung des Sprach- bzw. Schreibgebrauchs (Usus). Andererseits gibt die Reform viele Schreibungen frei, indem sie bisherige Muss-Vorschriften in Kann-Vorschriften verwandelt hat, was jedoch auch Nachteile hat für Lexikographie, Recherche und Lernaufwand für Lehrer. Reformbefürworter argumentieren oft dagegen, dass es eine solche natürliche Sprachentwicklung durch die staatliche Festlegung kaum noch gab. Zudem verkennen die Verfechter der Deskription, dass Rechtschreibung als solche für jeden Einzelnen zunächst einmal Präskription bedeutet, da sie für jedes Wort eine Schreibweise vorschreibt. Das Erlernen der Rechtschreibung ist auch Bestandteil der individuellen Emanzipation. Aber diese Präskription ist umso lastender, je komplizierter die Regeln sind und je größer die Zahl vorgeschriebener Ausnahmen.

Schaffung zusätzlicher Mehrdeutigkeit Manche bisher eindeutigen Sätze sind nun syntaktisch oder semantisch mehrdeutig, solange man sie nur schriftlich hat. Wer sie vorliest, muss sich erst für eine der Bedeutungen entscheiden und dann entsprechend betonen. „Einer muss sich plagen, der Schreiber oder der Leser“Zitiert nach Ursula Kals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23. Oktober 2004 Seite 53, sagt Wolf Schneider.

Bruch mit Ausspracheregeln oder Veränderung auch der Aussprache Die gesprochene Sprache ist das Ursprüngliche, hat also Vorrang; die Schrift soll sie darstellen, hat also dienende Funktion. Die Reform missachtet diesen Vorrang: „Plazieren“ wurde mit langem a gesprochen; soll man jetzt „platzieren“ wegen des „tz“ mit kurzem a sprechen? Soll ich den Familiennamen „Saß“ (von „Sachse“ oder „Sasse“, jedenfalls kurz) jetzt mit langem „a“ sprechen? Soll ich nicht mehr singen „Rauhe Winde wehn von Norden“? Soll ich den mittleren Vokal in aufwändig jetzt anders sprechen als bisher (und unverändert in wendig)?

Bruch mit der Grammatik Manche Änderung missversteht die Wortart: In „gestern abend“ ist „abend“ ein Adverb der Zeit, verkürzt für „abends“. Groß geschrieben ist es grammatisch nicht mehr darstellbar. In „ich bin schuld“ ist „schuld“ ein Adjektiv, verkürzt für „schuldig“. Groß geschrieben ist es grammatisch nicht mehr darstellbar.

Kulturelle Kontinuität Jede Rechtschreibreform schafft – zusätzlich zum Zahn der Zeit und nicht in derselben Weise – Distanz zwischen uns und unserem kulturellen Erbe: Alte Bücher werden der mit der Rechtschreibreform aufgewachsenen Generation noch älter erscheinen, als sie es aus stilistischen und inhaltlichen Gründen tun, weil auch die Schreibweise antiquiert erscheinen wird. Neuauflagen in neuer Rechtschreibung lösen zwar dieses Problem, schaffen dabei aber ein neues, größeres, wenn Ausdrucksnuancen verändert oder eliminiert werden (z. B. gräulich – greulich). Reformbefürworter entgegnen, dass schon heute viele Klassiker nicht mehr im Original gelesen werden, da diese nach Einführung der Regeln 1902 schon einmal angepasst wurden. Die damaligen Änderungen waren weitaus einschneidender (thun – tun, seyn – sein) und haben trotzdem klassische Werke nicht entstellt.

Biographische Kontinuität Eine Rechtschreibreform bedeutet einen Eingriff in die Beziehung eines Lesers zu seiner Sprache. Der Schriftsteller Reiner Kunze spricht von der Aura der Wörter: „Das Wort besitzt eine Aura, die aus seinem Schriftbild, seinem Klang und den Assoziationen besteht, die es in uns hervorruft, und je wichtiger und gebräuchlicher ein Wort ist, desto intensiver und prägender ist diese Aura. Wer sie zerstört, zerstört etwas in uns, er tastet den Fundus unseres Unbewußten an. Wird man also ständig mit Wörtern konfrontiert, deren Aura zerstört ist, weil sie zerschnitten sind (‚weit gehend‘ statt ‚weitgehend‘), weil sie so, wie sie jetzt geschrieben werden, anders klingen (‚anders Denkende‘ statt ‚Andersdenkende‘) oder weil man ihnen eine Packung von drei ‚s‘ verpaßt und ihnen dann eine Spreizstange eingezogen hat (‚Fluss-Senke‘), dann ist die Wahrnehmung dieser Zerstörung jedesmal ein Mikrotrauma, eine winzige psychische Läsion, was auf die Dauer entweder zu Sprachdesensibilisierung, Abstumpfung und Resignation oder zu zunehmend unfreundlicheren Gefühlen denen gegenüber führt, die das alles ohne Not verursacht haben.“Reiner Kunze Die Aura der Wörter: Denkschrift zur Rechtschreibreform, Neuausgabe mit Zwischenbilanz, Radius, Stuttgart 2004, ISBN 3-87173-303-2

In ähnlichem Sinne äußerten sich schon Wittgenstein und Grillparzer zu früheren Rechtschreibreformen. Ein Teil von Kunzes Kritik trifft nach der Reform der Reform nicht mehr zu. Was Kunze als Aura bezeichnet, reicht allerdings von Regeln, die im gewöhnlichen Schulunterricht (Deutsch für Deutsche) nur unzureichend vermittelt werden, bis zu individuellen Assoziationen. Diese individuellen Assoziationen zu traditionellen Schreibweisen müssen aber nicht zwangsläufig positiv sein. So etwa kann die Schreibung des f-Lautes als ph in Wörtern griechischer Herkunft auch als klassizistisches Getue erlebt werden. Ästhetische Argumente Eine alte Schreibweise sei schlicht und einfach schöner gewesen als eine neue. Dieses Argument wurde 1901 gegen den Wegfall des h in Wörtern wie z. B. Athem, Heimath, thöricht angeführt; 1996 richtete es sich vor allem gegen die ss-ß-Neuregelung, die Konsonantenverdreifachung vor Vokalen, z. B. in Schifffahrt (obwohl auch vor der Reform Dreifachkonsonanten die Regel waren, z. B. in farbstofffrei), die nun häufiger gegebene Möglichkeit, ph durch f zu ersetzen und gegen einzelne Änderungen von e in ä (z. B. Stängel und Bändel).

Deutsch als Fremdsprache Viele ausländische Universitäten, vor allem im osteuropäischen und asiatischen Raum, können sich ein Umstellen des Lehrmaterial- bzw. Buchbestandes auf die neue Rechtschreibung finanziell nicht leisten und sind daher gezwungen, mit Lehrwerken in der hergebrachten Rechtschreibung zu arbeiten. Umgekehrt sehen sich die ausländischen Studenten mit dem neuen Regelwerk konfrontiert, so werden Zugangstests in der neuen Rechtschreibung abgehalten (Test Deutsch als Fremdsprache, TestDaF). Die Schaffung einer Vielzahl von Kann-Regeln, die sowohl die hergebrachte als auch eine neue Schreibung erlauben, erhöht den Lernaufwand für Nicht-Muttersprachler. Gerade in Osteuropa kann allerdings der seit 1989 vollzogene Ideologiewechsel ohnehin eine Aktualisierung der Lehrmaterialien nahelegen.

Das Interesse, Deutsch als Fremdsprache zu wählen, hat darunter jedoch nachweislich nicht gelitten. Im europäischen Ausland gab es kaum Probleme bei der Einführung der neuen Rechtschreibung in den Sprachenunterricht. Dem Argument, die Rechtschreibreform sei nicht demokratisch legitimiert, halten Reformbefürworter entgegen, im Jahre 1901 sei die sogenannte alte Rechtschreibung per Erlass verordnet worden und somit nicht demokratischer eingeführt worden als die neue. Kritiker entgegnen darauf, dass das Demokratieverständnis heute sicher ein anderes sei als zur Kaiserzeit.

Mangelnder Empirismus