mini|Eberzahnhelm aus Mykene(14. Jahrhundert v. Chr.) Ein Eberzahnhelm ist ein mit zahlreichen Eberzähnen besetzter Helm, der zu Zeiten der minoischen und der mykenischen Kultur im ägäischen Raum verwendet wurde. Die Eberzähne wurden auf einer Lederhaube befestigt, deren Innenseite mit Filz ausgepolstert war. Die Zeit des Vorkommens reicht von mindestens 1650 bis etwa 1150 v. Chr. Die Helmart ist durch archäologische Funde, zahlreiche Abbildungen, zum Beispiel auf Fresken, und eine Beschreibung von Homer relativ gut belegt.
Einführung Homer beschreibt in der Ilias detailliert den mit Eberzähnen versehenen Helm des Odysseus. Im 10. Gesang, Verse 260 bis 271, heißt es: Μηριόνης δ' Ὀδυσῆι δίδου βιὸν ἠδὲ φαρέτρηνκαὶ ξίφος, ἀμφὶ δέ οἱ κυνέην κεφαλῆφιν ἔθηκεῥινοῦ ποιητήν· πολέσιν δ' ἔντοσθεν ἱμᾶσινἐντέτατο στερεῶς· ἔκτοσθε δὲ λευκοὶ ὀδόντεςἀργιόδοντος ὑὸς θαμέες ἔχον ἔνθα καὶ ἔνθαεὖ καὶ ἐπισταμένως· μέσσῃ δ' ἐνὶ πῖλος ἀρήρει.τήν ῥά ποτ' ἐξ Ἐλεῶνος Ἀμύντορος Ὀρμενίδαοἐξέλετ' Αὐτόλυκος πυκινὸν δόμον ἀντιτορήσας,Σκάνδειαν δ' ἄρα δῶκε Κυθηρίῳ Ἀμφιδάμαντι·Ἀμφιδάμας δὲ Μόλῳ δῶκε ξεινήιον εἶναι,αὐτὰρ ὃ Μηριόνῃ δῶκεν ᾧ παιδὶ φορῆναι·δὴ τότ' Ὀδυσσῆος πύκασεν κάρη ἀμφιτεθεῖσα.Aber Meriones gab dem Odysseus Bogen und KöcherSamt dem Schwert und bedeckte des Königes Haupt mit dem Helme,Auch aus Leder geformt; inwendig mit häufigen RiemenWölbt’ er sich, straff durchspannt; und auswärts schienen die HauerVom weißzahnigen Schwein und starreten hierhin und dorthin,Schön und künstlich gereiht; und ein Filz war drinnen befestigt.Einst aus Eleon hatt’ Autolykos diesen erbeutet,Stürmend den festen Palast des Hormeniden Amyntor;Jener gab dem Kytherer Amphidamas ihn gen Skandeia;Aber Amphidamas gab zum Gastgeschenk ihn dem Molos;Dieser gab ihn Meriones drauf, dem Sohne, zu tragen;Und nun barg er umher Odysseus’ Haupt zur Beschützung.
Die Beschreibung war in der Wissenschaft bekannt, jedoch hielt man sie bis ins 19. Jahrhundert nur für eine Sage und maß ihr deswegen keine große Bedeutung bei. Erst Heinrich Schliemann, der Entdecker von Hisarlık, das mutmaßliche Troja, änderte diese Sichtweise. Schliemann hielt Homers Schilderung für eine fast wörtliche Tatsachenbeschreibung, und als er bei Ausgrabungen in Mykene Eberzahnplättchen fand, erkannte er den Zusammenhang zwischen der Beschreibung und den Funden.Oakeshott: The Archaeology of Weapons. 1996, S. 47–48.
Eberzahnhelme wurden bis etwa 1150 v. Chr. verwendet. Homer, der etwa im 8. Jahrhundert v. Chr. lebte, erwähnt damit einen Helm, der über 300 Jahre vor ihm außer Gebrauch gekommen zu sein scheint.Everson: Warfare in Ancient Greece. 2004, S. 7. Es wird aber für möglich gehalten, dass Homer einen solchen antiken Helm in den Händen hielt.Laschinski: Eine sagenhafte Kopfbedeckung. 2006, S. 4–5.
Aussehen Die Vielfalt der Eberzahnhelme bezüglich der Anordnung der Eberzahnplättchen oder des Helmschmucks ist groß. Es werden grundsätzlich zwei Formen unterschieden: die frühe Form mit aufgelockert waagerecht angeordneten Plättchen und die spätere Form mit dicht senkrecht angeordneten Plättchen.Everson: Warfare in Ancient Greece. 2004, S. 5.
Merkmal der frühen Form ist die lose Anordnung der Plättchen in verschiedenen Gruppierungen. Meistens sind die Plättchen waagerecht angebracht und bilden Spalten. In den Spalten werden die Plättchen von unten nach oben kürzer, was der Spalte die Form eines gleichschenkligen Trapezes verleiht. Die frühe Form wurde in Ägina, Eleusis, Argos und Theben gefunden.
Bei der späteren, von Homer beschriebenen und durch Abbildungen überlieferten Form sind die Plättchen lückenlos senkrecht angeordnet, so dass eine typische Reihe entsteht. Von diesen Reihen gibt es zwei bis fünf; dabei sind die natürlich gekrümmten Plättchen in benachbarten Reihen in der Regel wechselseitig angeordnet. Die Plättchen sind 5–8 cm lang, abhängig davon ist die Anzahl der Reihen. Wichtige Funde dieses Typs wurden z. B. in Sparta, bei Athen, Armeni auf Kreta, Mykene, Kallithea oder Knossos gemacht.Everson: Warfare in Ancient Greece. 2004, S. 7–8.
Die konische Form begünstigte das Abprallen von Geschossen.Fields: Mycenaean Citadels c. 1350–1200 BC. 2004, S. 54. Viele Helme verfügten über Wangenklappen, auf denen gewöhnlich ebenfalls Eberzahnplättchen befestigt waren. Bei späteren Helmen ab etwa 1450 v. Chr. war ein Nackenschutz üblich, welcher entweder nur aus Lederriemen bestand oder zusätzlich mit Eberzahnplättchen versehen war. Zur Stabilisierung des Helms war ein Kinnriemen vorhanden.Laschinski: Eine sagenhafte Kopfbedeckung. 2006, S. 6.
Die Helme verfügten über verschiedene Verzierungen. Die ältesten Abbildungen aus Thera (Santorin), etwa 1500 v. Chr., zeigen einen Helmbusch. Andere Abbildungen zeigen verschiedenartige Hörner und Kränze.Everson: Warfare in Ancient Greece. 2004, S. 9.
Herstellung und Aufbau Für die Herstellung der Eberzahnplättchen wurden die beiden unteren Hauer des Ebers verwendet. Diese haben durchschnittlich eine Länge von 20 cm. Die beiden oberen Hauer sind deutlich kleiner und haben wegen ihrer größeren Krümmung nicht die erforderliche Form. Nach der Trocknung, welche das Material spröder machte, konnten die Hauer längs gespalten werden. Je nach Größe und Form lassen sich bis zu vier Plättchen aus einem Eberzahn herstellen.Laschinski: Eine sagenhafte Kopfbedeckung. 2006, S. 7–8. Für einen vollständigen Helm mussten durchschnittlich 40 bis 50 Eber erjagt werden, für besonderes schmuckvolle Exemplare sogar mehr als 140.Everson: Warfare in Ancient Greece. 2004, S. 11.
mini|hochkant|Untere (lang) und obere Hauer (kurz) eines Ebers Es gibt verschiedene Arten von Bohrungen bei den Plättchen, um diese an der Unterlage zu befestigen: Durchbohrung von Vorder- bis Rückseite, Bohrungen von der Seite und von der Rückseite, die sich jeweils im rechten Winkel treffen, Durchbohrung von einer Seite zur anderen Seite. Die Bohrungen wurden an den Ecken oder auch mittig an der langen Seite vorgenommen. Die Plättchen waren mit einem Faden, der durch die Bohrungen geführt wurde, an der Unterlage befestigt. Bei der Variante mit Bohrung an der Vorderseite lag die Naht offen und war somit anfällig für Beschädigungen. Die Varianten mit den aufwändigeren Bohrungen wurden wohl entwickelt, um die Naht zu schützen.Laschinski: Eine sagenhafte Kopfbedeckung. 2006, S. 9.
Es gibt keine archäologischen Hinweise darauf, auf welcher Unterlage die Plättchen befestigt waren; auch die Plättchen selbst sind oft nur schlecht erhalten. Hier gibt nur die Beschreibung von Homer weitere Hinweise. Für die frühe und die späte Form gibt es verschiedene Rekonstruktionsversuche.
Die Rekonstruktion der frühen Form besteht aus sechs zusammengenähten Lederkeilen, die eine Haube bilden. Quer über den Nähten liegen aufgelockert die Eberzahnplättchen und schützen diese.
Die späte Form wurde von Peter Connolly rekonstruiert. Der Hauptteil war demnach eine zylindrische Bahn aus Leder, deren oberer Teil zu Riemen eingeschnitten wurde. Die Lederriemen wurden nach oben hin verwoben und zusammengebunden. Der Helm erhielt so eine konische Form und konnte Schläge von oben besser abfedern. Das Innere war mit Filz ausgekleidet, der für Tragekomfort sorgte, zusätzlichen Schutz bot und die obere Riemenschicht gespannt hielt. Die auf dem Leder angebrachten Eberzähne sorgten für zusätzliche Panzerung. Der Befestigungsfaden ist bei der Bohrung von der Vor- bis Rückseite wenig geschützt. Peter Connolly bedeckte ihn mit Lederstreifen und kam so den Darstellungen nahe, welche zwischen den Plattenreihen schmale Streifen zeigen. Dieses Verdecken der Plättchenränder hatte unabhängig vom Schutz der Naht auch den Vorteil, dass sich eine gegnerische Klinge nicht so leicht in den Plättchen verfing.
Ursprung und Verbreitung mini|links|Satellitenbild der Ägäis Der Ursprung des Helmes liegt im ägäischen Raum im Mittelhelladikum. Über die Entstehungszeit gibt es verschiedene Einschätzungen, die vom 18.Hans-Günter Buchholz (Hrsg.): Archaeologia Homerica. Die Denkmäler und das frühgriechische Epos. Kapitel E: Kriegswesen. Teil 3: Hans-Günter Buchholz: Ergänzungen und Zusammenfassung. Mit der Vorlage eines unbekannten altägäischen Bronzehelms. Unter Mitarbeit von Helmut Matthäus und Malcolm Wiener. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-25442-4, S. 192 ff.: h) Helmchronologie und Homer. hier S. 193. Abgerufen am 1. März 2014. bis Mitte des 16. Jahrhunderts v. Chr. reichen.
In dieser Form ist der Helm eine eigenständige griechische Entwicklung. Es ist aber möglich, dass es eine Verbindung zu Funden bei Mariupol am Schwarzen Meer (heutige Ukraine) gibt; dort wurden Eberzähne gefunden und auf 2000 v. Chr. datiert, die vermutlich als Helmverstärkung oder Verzierung gedient haben.D’Amato, Salimbeti: Early Aegean Warrior, 5000–1450 BC. 2013, S. 77.Laschinski: Eine sagenhafte Kopfbedeckung. 2006, S. 5–6.
Der Eberzahnhelm wurde auf dem griechischen Festland, den umliegenden Inseln und Kreta verwendet, wie über 50 Funde, hauptsächlich aus Gräbern, belegen.Everson: Warfare in Ancient Greece. 2004, S. 5, 9. Jedoch lassen Einzelfunde von Eberzahnplättchen nicht in jedem Fall auf einen Eberzahnhelm schließen, da auch eine Anbringung z. B. als Armschutz möglich ist.Laschinski: Eine sagenhafte Kopfbedeckung. 2006, S. 13. Auf Kreta gibt es weniger Funde, wahrscheinlich weil es dort keine Wildschweinpopulation gegeben hat. Ein anderer Erklärungsansatz sieht den Grund in unterschiedlichen Begräbnisriten der Minoischen Kultur.
mini|Krieger mit Eberzahnhelmen auf einem Fresko aus Akrotiri (um 1600 v. Chr.) mini|Ausschnitt aus dem oberen Fresko Neben der Frage der Entstehungszeit ist es wissenschaftlich nicht geklärt, ob der Eberzahnhelm zuerst auf dem griechischen Festland oder auf Kreta verwendet wurde. Gesichert ist, dass Minoer und die Mykener diesen Helmtyp benutzt haben. Die frühesten Funde stammen aus Kolonna auf der Insel Ägina und werden je nach Quelle auf um 1800 v. Chr. oder auf 1600 v. Chr. datiert. Die Insel liegt nah am griechischen Festland, hatte aber zu jener Zeit Kontakte mit der minoischen Kultur. Die Minoer errichteten auf Kreta die früheste Hochkultur Europas und beeinflussten die umliegenden Gebiete, unter anderem das griechische Festland. Auf der unter ehemals minoischem Einfluss stehenden Insel Thera (heutiges Santorin) wurden in Akrotiri Fresken mit Eberzahnhelmabbildungen gefunden. Die Datierung der Fresken auf 1600 v. Chr. ist nicht endgültig gesichert, da die Theorien über den Zeitpunkt der Minoischen Eruption (Vulkanausbruch) auf Thera um etwa 100 Jahre voneinander abweichen. Auch eine auf 1700–1450 v. Chr. datierte Labrys (kretominoische Doppelaxt) mit Abbildung eines Eberzahnhelmes belegt eine frühe Verwendung des Helmes auf Kreta.Grguric: The Mycenaeans. C. 1650–1100 BC. 2005, S. 12–13.Mario Benz: Dodecanese – Italy – Europe. Rediscovering Some Long Known Objects. In: Annuario della Scuola Archeologica Italiana di Atene e delle Missioni italiane in Oriente. Bd. 87 = Serie 3, Bd. 9, 1, 2009, , S. 157–164, hier S. 163, Digitalisat. Um 1430 v. Chr. eroberten die Mykener Kreta, und die beiden Kulturen verschmolzen im Laufe der Zeit.